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Kunst im öffentlichen Raum: Gefährliche Nachbarschaften

„Wie verändert sich die Skulptur, wenn ein Polizist daneben steht?“ Diese Frage ist das Leitmotiv für die neue Kunstausstellung des Park Fiction Komitee. Unter dem Titel „Gefährliche Nachbarschaften“ werden auf St. Pauli Werke von 17 internationalen Künstler:innen gezeigt

Text: Felix Willeke

 

2005 wurde der Park Fiction eröffnet und zur gleichen Zeit begann der damals CDU-geführte Senat damit, Gefahrengebiete einzurichten. Diese gibt es seit 2014 nicht mehr, denn sie heißen heute „Gefährliche Orte“ und sind polizeirechtlich leicht verändert. Dazu kommt auf St. Pauli seit 2014 auch die „Task Force Drogen“, die regelmäßig durch den Stadtteil geht und damit ist St. Pauli zusammen mit der Bezeichnung „Gefährlicher Ort“ stigmatisiert worden, sagt Margit Czenki. Sie ist Co-Kuratorin der neuen Ausstellung „Gefährliche Nachbarschaften“, die das Park Fiction Komitee zusammen mit 17 internationalen Künstler:innen auf St. Pauli eingerichtet hat. Vom 2. bis 27. November 2022 widmet sich die Ausstellung eben jener Stigmatisierung des Stadtteils.

Vom Neuen Pferdemarkt bis zum Fischmarkt  

Dabei spannen die Werke einen dramaturgischen Bogen vom Neuen Pferdemarkt bis zum Fischmarkt. Es beginnt mit einer Arbeit von Hans D. Christ. Der Direktor des Württembergischen Kunstvereins setzt am Neuen Pferdemarkt die Beleuchtungs- und Anti-Corner-Politik ins Verhältnis zum übergeordneten Kontrollregime zu den Protesten im Sommer 2020 im Stuttgarter Schlossgarten, die es anlässlich einer rassistische Polizeikontrolle gab.

Am Paulinenplatz fragt sich Autor Niels Boeing in seiner Arbeit: „Wie verändert sich das Treffen (das Gespräch), wenn ein Polizist daneben steht?“ Er nimmt dabei eine vermeintlich verloren gegangene informelle Freiheit im Viertel auf und verknüpft sie mit der hohen Polizeipräsenz.

Die Polizei mische „sich in unglaublich viele Dinge ein, was früher so nicht passiert ist“, sagt Christoph Schäfer, einer der Co-Kuratoren der Ausstellung. Er selbst zeigt in seiner Arbeit eine Alltagsszene entlang der Silbersacktwiete: Zwei Beamte der Task Force nehmen die gesamte Breite des Gehsteigs in Anspruch und die Bewohner:innen müssen mit Einkäufen in der Hand über die Straße ausweichen. 

Der Rundgang endet mit einem utopischen Blick zurück nach vorn. Die vier Bilder der Fotografin Simone Bergmann aus ihrem Zyklus „Isle of Wight“ aus dem Jahr 1970 zeigen Menschen, wie sie scheinbar magnetisch angezogen auf einem Punkt zusammenströmen. Damit soll das forderungslose Zusammenkommen symbolisiert werden. Dieses stehe am Ursprung fast aller demokratischer Bewegungen der letzten zwölf Jahre – sei es der Arabische Frühling, die Proteste im Gezi-Park oder die Besetzung von öffentlichen Plätzen in Spanien.

Gefährliche Nachbarschaften Hans D. Christ/Park Fiction Komitee

Hans D. Christ thematisiert die Beleuchtungs- und Anti-Corner-Politik im Gegensatz zum Einsatz der Polizei im Stuttgarter Schlossgarten im Sommer 2020 (©Hans D. Christ/Margit Czenki für Park Fiction)

Kunst im öffentlichen Raum

Für den 6. November um 15 Uhr ist ein Rundgang durch die Ausstellung mit dem Co-Kurator Christoph Schäfer geplant. Startpunkt ist der Neue Pferdemarkt. Die Führung wird mit englischer Übersetzung angeboten und ist kostenlos. 

Die Ausstellung „Gefährliche Nachbarschaften“ ist eine von sechs Kunstausstellungen im öffentlichen Raum, die im Rahmen des Programms „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“ von der Behörde für Kultur und Medien gefördert werden. 


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Park Fiction – Stadt sein lassen

Die einen fühlen sich übergangen und die anderen können wegen Lärm nachts nicht schlafen. Am Park Fiction scheinen die Fronten zwischen Anwohner:innen und dem Park Fiction Komitee verhärtet, doch das Problem liegt tiefer

Text: Felix Willeke

 

Sonne, Palmen und der Blick aufs Wasser. Das ist nicht die Karibik, sondern der Park Fiction am Hamburger Hafen, auf der Grenze zwischen St. Pauli und Altona. Den Park, der auch Antonipark genannt wird, gibt es seit 2006. Er entstand nach Anwohner:innenprotesten gegen eine Bebauung in den 1990er-Jahren.

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Einer der schönsten Blicke auf den Hamburger Hafen: Park Fiction (Foto: Felix Willeke)

Von Bürger:innen geplant, ist der Park heute Verweilort für Anwohner:innen, Veranstaltungsort für Kultur – nicht nur dank des Golden Pudel Clubs – und einer der beliebtesten Aussichtspunkte am Hafen. Sogar die Stadt macht auf ihrem Tourismusportal Werbung für den Park: Man könne „hier den Blick auf die Elbe und den großflächigen Hamburger Hafen genießen oder sich bei einer Runde Basketball auspowern.“

 

Probleme

 

Heute kann man hier Basketball spielen oder herumliegen. Dabei ist sicher: Man ist nur selten allein. Denn der Park wurde mit der Zeit bei Hamburger:innen aus der ganzen Stadt und Tourist:innen immer beliebter. Das brachte Probleme mit sich, da sind sich alle einig. In seiner Stellungnahme vom 23. Januar 2022 nennt das Park Fiction Komitee unter anderem „Polizeistreifen im Zehnminutentakt, Racial Profiling, Obdachlosigkeit, Gentrifizierung und Verdrängung, fehlende Freiräume für Jugendliche und Bluetooth-Boxen“. Das Komitee ist aus einigen an der ursprünglichen Planung Beteiligten hervorgegangen. Heute kümmert es sich um die Organisation von Aktionen und versteht sich als Scharnier zwischen Anwohner:innen und Behörden.

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„Still loving Park Fiction“, sagen das Park Fiction Komitee und seiner Unterstützer:innen (Foto: Felix Willeke)

Eines der Probleme hat jetzt zum offenen Konflikt geführt: Der Lärm im Park, meistens verursacht durch Bluetooth-Boxen. „Es sind meistens viele und alle spielen unterschiedliche Musik“, so beschreibt es Alfons Lukas. Er ist Teil von „Lärm im Park“, einer Initiative von Anwohner:innen. Das Problem gäbe es nicht erst seit Corona. Ziel der Initiative sei es, den ursprünglich angedachten Zweck des Parks wiederherzustellen. Die Stadt beschreibt den Zweck des Parks so, dass er „eine Ausweitung des nahen Vergnügungsviertels St. Pauli und die damit verbundenen Ruhestörungen und Verkehrsbelastungen vor allem in den Abend- und Nachtstunden verhindern“ soll.

 

Eine Chronologie der kleinen Fehler

 

Doch das passiert aktuell nicht. Themen der Reeperbahn schwappen laut Christoph Schäfer in den Park. „Auf der Reeperbahn weiß man damit umzugehen, jetzt muss man das am Park verhandeln“, sagt er. Auch deswegen wollten sich das Komitee und die Initiative schon im Herbst 2020 zusammensetzen und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Doch dann kam die zweite Corona-Welle. Das Treffen wurde verschoben und die Problematik verstärkte sich weiter. So war der Park Fiction im Sommer 2021 einer der Orte – neben dem Jenischpark und dem Stadtpark – an dem Abend für Abend Jugendliche feierten. Es ging so weit, dass sich laut Alfons Lukas, die ersten Anwohner:innen aufgrund des Lärms krankmeldeten.

„Lärm im Park“ traf sich im Sommer 2021 mit Stefanie von Berg, Bezirksamtsleiterin aus Altona. „Warum reden die nicht mit uns, bevor sie zur Politik gehen?“, fragt Christoph Schäfer. Traditionell würden Probleme auf St. Pauli zuerst innerhalb der Nachbar:innenschaft geklärt. Man habe diskutiert, ob man sich nach dem Treffen mit Frau von Berg erstmal mit Park Fiction zusammensetzen soll, sagt Alfons Lukas. Doch letztendlich habe man sich anders entschieden und sei nach dem Gespräch mit Frau von Berg an die Bezirksversammlung Altona herangetreten.

 

„Der Drogenkonsum geht auch auf die Vertreibungspolitik der Polizei zurück“

 

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Park Fiction, ein Brennpunkt? (Foto: Felix Willeke)

Nachdem die Politik das Thema auf dem Tisch hatte, folgte ein Antrag der CDU in der Bezirksversammlung Altona, dem sich die Grünen anschlossen. Unter dem bewusst scharf formulierten Titel „Brennpunkt Park Fiction – sozial- und ordnungspolitische Maßnahmen gegen Partylärm und offene Drogenszene“ wurde die Sache öffentlich. Gefordert werden unter anderem Straßensozialarbeiter:innen, Schilder mit Verhaltensregeln und mögliche Polizeikontrollen für den Park. Problematiken, wie der „Drogenkonsum gehen auch auf die Vertreibungspolitik der Polizei zurück“, sagt Gabriele von Stritzky (CDU), die den Antrag in der Bezirksversammlung maßgeblich angeschoben hatte. Es ginge bei dem Konflikt „nicht um offene Fronten und um politischen Aktionismus. Es geht darum, dass das, was sich dort entwickelt hat, konstruktiv und mit allen Beteiligten wieder entspannt wird und das gute Miteinander zurückkehrt.“ Ein Wunsch, der Wirklichkeit werden könnte.

 

„Wurstschwenkgrill-Eventisierung“

 

„Wir sind bereit, über alles zu reden. Wir können Forderungen fallen lassen. Wir wollen Veränderung mit allen“, sagt Alfons Lukas. Auch Christoph Schäfer setzt auf Gespräche, möchte aber den Kontext erweitern. „Wir möchten nicht nur mit dem Lärmfokus weitersprechen – das Problem sehen wir.“ Es ginge, laut Schäfer, auch um eine Erweiterung des Parks und um ein neues Management des öffentlichen Raums. Denn was beide Seiten beklagen, ist eine zunehmende „Wurstschwenkgrill-Eventisierung“ des Viertels, wie es Schäfer formuliert. Neben der Werbung seitens Hamburg Tourismus für den Park finden auf St. Pauli in jedem Jahr Hafengeburtstag, Schlagermove und Harley-Days statt – große Veranstaltungen mit vielen Besucher:innen.

Im Moment gibt es das Thema Lärm. Vermeintlich nur ein Symptom, für das weder das Park Fiction Komitee noch die Initiative „Lärm im Park“ Verantwortung tragen. „Eigentlich geht es dem Park gut“, sagt Christoph Schäfer und Alfons Lukas ergänzt: „Wir mögen diesen Park, es war ein so wunderbarer Ort.“ Den Wert von Park Fiction sehen beide Parteien. Letztendlich geht es bei diesem Konflikt, wie an vielen Orten einer Großstadt, um Rücksichtnahme. Aber nicht nur Rücksichtnahme unter den Anwohner:innen und Gästen, sondern auch um Rücksichtnahme seitens der Stadt.


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