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MS Stubnitz: Quicklebendiges Denkmal

Die MS Stubnitz feiert. Der 55 Jahre alte Dampfer hat kürzlich seine 11. Klasseerneuerung erhalten und bietet auch im Jahr 2020 ein umfangreiches Kulturprogramm. Doch für die Zukunftssicherung ist das alte DDR-Seeschiff weiterhin auf Spendenpaten angewiesen und auch die langfristige Standortfrage ist weiterhin ungeklärt

Text: Mirko Schneider

 

Monat? Juli. Dauer? Zehn bis 14 Tage. Kosten? Rund 200.000 Euro. So lauteten die Voraussagen der MS Stubnitz zur 11. Klasseerneuerung des 1992 zur mobilen Kulturplattform umfunktionierten früheren DDR-Fischereischiffs mit Liegeplatz in der HafenCity. „Nun haben wir die Klassifizierung für die nächsten fünf Jahre geschafft“, freut sich Vorstandsmitglied Felix Stockmar zu Beginn der einberufenen Pressekonferenz. Am runden Tisch hält er einen Moment inne, schaut durch das Fenster auf die Elbe. „Einfach war es nicht“, fügt er hinzu.

Im Gegensatz zu den Prognosen verlangte die Realität mehr Geduld, schnellere Arbeit und höheren finanziellen Aufwand. Erst Anfang Oktober fand die MS Stubnitz einen Werftplatz. Für sechs Tage. Die kalkulierten Gesamtkosten verdoppelten sich. „Wir haben in die nötigen Instandsetzungen in diesem Jahr bisher rund 430.000 Euro investieren müssen“, sagt Urs Blaser, Initiator des Projekts sowie Geschäftsführer der Stubnitz. Doch es hat sich gelohnt, die seit 2003 offiziell als Industriedenkmal anerkannte Stubnitz behält ihre Seezulassung.

 

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Die MS Stubnitz als Kulturschiff

 

Herrscht bei der vierzehnköpfigen Besatzung an Bord nun also eitel Sonnenschein? Nein! „Wir haben eine wichtige Etappe geschafft und das Ende der Stubnitz verhindern können. Am Ziel sind wir noch lange nicht“, betont Blaser. Denn weitere Sanierungsarbeiten stehen an. „Wir haben jetzt ein halbes Jahr Großaufwand gemacht. Es folgt 2020 ein weiteres Jahr Großaufwand.“ Um sich den ungefähr vorzustellen, ist eine Zahl entscheidend: 12.000. So viele Arbeitsstunden wurden 2019 in die Stubnitz investiert, 3.000 davon ehrenamtlich. Stahlplatten und Bleche wurden getauscht, Rohrleitungen überarbeitet oder neu gebaut, Ventile erneuert, die Elektrotechnik auf einen akzeptablen Stand gebracht und vieles mehr. „Jedes einzelne der vielen Abteile des Schiffes müssen wir in den Griff kriegen“, stellt Blaser die Mammutaufgabe vor. „Deshalb müssen wir die Menschen überzeugen, uns weiter zu unterstützen.“

 

Patenschaften erhalten MS Stubnitz

 

Die Lebensperspektive der Stubnitz sichern soll ein System der Patenschaften. „Wir können Gelder zu einem großen Teil aus bereitstehenden Förderungen für unser Denkmal vom Bund und der Stadt Hamburg abrufen. Allerdings nur, soweit wir aus Spenden und Eigenmitteln einen Teil dazu beitragen können“, sagt Blaser. „Unser Ziel erreichen wir, wenn wir insgesamt über 500 Patinnen und Paten werben können, die bereit sind, über zwei Jahre durchschnittlich zehn Euro pro Monat beizusteuern.“

Denn jeder gespendete Patenschafts-Euro sorgt für sieben Euro öffentlichen Zuschuss. So kämen insgesamt 960.000 Euro zusammen. Durch zwei Jahre macht 480.000 Euro pro Jahr. Da 2019 430.000 Euro nötig waren und erst ein Drittel des Aufwandes erledigt ist, legen die Macher der Stubnitz hier eine realistische Rechnung vor. Aktuell unterstützen seit dem Start der Patenschaftsaktion 122 Patinnen und Paten das Projekt mit monatlich je 23 Euro. Sie erst ermöglichten es, die 11. Klasseerneuerung anzugehen.

Blaser und Stockmar hoffen auf die „Gestaltung einer quicklebendigen Zukunft“. Die Frequenz von über 300 Konzerten und Veranstaltungen pro Jahr soll beibehalten werden. Beim Elbjazz-Festival ist die Stubnitz wieder dabei. Das Künsterfestival „Bruital Furore“ im Bereich neuer Musik befindet sich ebenfalls in Planung. Ein weiteres echtes Highlight, so Stockmar, „wird eine russische Band sein, die wir im Juni bei uns begrüßen dürfen. Die gehen gerade echt durch die Decke. Uns ist ein spektakulärer Coup gelungen. Welcher, wird aber noch nicht verraten.“

 

„Viele Geschichten, die erzählt werden wollen“

 

Sogar um die Historie des Schiffes will sich die Besatzung kümmern. „Da gibt es so viele Geschichten, die erzählt werden wollen“, erklärt Blaser. In welcher Form, ist noch offen. Auch spannende Kooperationen wie mit dem Harbour Front Literaturfestival oder der Elbphilharmonie stehen auf der Agenda. Ein Beispiel dafür ist die „Reflektor“-Reihe mit Klangerfinder Niels Frahm. „Niels trat erst auf der Stubnitz auf, dann in der Elbphilharmonie, danach wieder bei uns. Daran sieht man, wie gut und produktiv wir als Kontrapunkt und Gegengewicht wirken können“, findet Stockmar.

 

 

Kontrapunkt und Gegengewicht will die Stubnitz auch in der HafenCity bleiben. „Als wir 2003 herkamen, war das Umfeld der Kontrapunkt zu uns. Das hat sich etwas umgekehrt, wir sind nun der Kontrapunkt zum Umfeld“, sagt Blaser. Trotz der Entwicklung des hochpreisigen neuen Stadtteils fühle man sich aber weiterhin wohl an seinem Liegeplatz. Die Genehmigung der Wasserbehörde gilt bis zum Jahr 2026. „Wir gehen davon aus, länger hier zu bleiben“, sagt Blaser. „Der Vertrag enthält eine beidseitige Option zur Vertragsverlängerung.“ Über welchen Zeitraum diese laufen würde, ist dort allerdings nicht definiert.

 

„Die HafenCity weiß, was sie an uns hat“

 

Doch bedeutet „hier“ in diesem Fall auch am Kirchenpauerkai 29? In ein bis zwei Jahren sollen die Wohnungen gegenüber fertig sein. Es wird eine Promenade geben. Und sicher auch Laufpublikum. Doch wird – populistisch gesprochen – der schicke Anzugträger ausgerechnet auf die Stubnitz zum Feiern gehen? Sind Probleme mit den Anwohnern nicht wahrscheinlicher? „Für uns wird das sicher eine Herausforderung werden, zum Beispiel in unserer Programmgestaltung“, gibt Blaser zu. Doch ganz so klischeehaft Arm gegen Reich gehe es ja gar nicht zu. „Ich glaube, die HafenCity weiß schon, was sie an uns hat. Wir jedenfalls wollen uns gerne weiter in Hamburg-Mitte integrieren.“

Alternative Standorte für die Stubnitz werden zur Sicherheit jedenfalls schon diskutiert. Eine mögliche Option wäre ein Liegeplatz auf der Halbinsel Baakenhöft, die gerade erschlossen wird. „Das wäre unser Favorit“, sagt Blaser. Die zweite Möglichkeit ist ein Standort knapp vor den Elbbrücken. „Dann müssten wir uns aber an das Dröhnen der Bundesbahnen über uns gewöhnen“, ergänzt Stockmar. Und gibt das Motto für die Zukunft vor. „Wir auf der Stubnitz haben noch viel vor. Was auch immer jetzt kommt, wir schauen nach vorne.“

ms.stubnitz.com/foerdermitglied


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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MS Stubnitz: Das Kulturschiff muss ins Dock

Das Kulturschiff MS Stubnitz muss ins Dock und unter hohen Kosten wieder flott gemacht werden – dabei können Paten einen großen Beitrag leisten. Ein Interview mit Urs „Blo“ Blaser, der das Projekt Stubnitz vor 27 Jahren anstieß

Text & Interview: Jan Paersch
Foto (o.): Phalque

Hinten, in der Ecke eines dunklen Ganges, hängt die „Crew List“ der MS Stubnitz. Darauf: ein gewisser „Blaser, Urs“. Dahinter das Kürzel „Rat/eng wk“. Es steht für den „rating engine watch keeper“. Urs Blaser mag Querflöte und Saxofon studiert haben, doch er ist auch ein hochseetauglicher Seemann, der befähigt ist, an Bord des Schiffes die Maschinenwache zu übernehmen. Der Schweizer ist Geschäftsführer und Tontechniker des denkmalgeschützten Kulturortes.

Wer auf abseitigere Konzerte, aber auch auf trippige Electro-Sets steht, kennt die MS Stubnitz. Unten im Laderaum spielten schon Rammstein, Marteria und Feine Sahne Fischfilet – als Newcomer. Das Schiff, am 1. Juni 1964 in Stralsund vom Stapel gelaufen, gehörte zur Hochsee-Fischfangflotte der DDR, ehe es 1992 von einer Gruppe von Künstlern übernommen wurde. Seit 2014 hat die Stubnitz ihren festen Liegeplatz in der Hamburger HafenCity. Im hinteren Teil des 80 Meter langen ehemaligen Kühlschiffes, dort, wo früher die Heringe lagerten, ist Platz für Konzerte, vorne finden zumeist DJ-Sets statt.

Im letzten Jahr spielten hier 340 Live-Acts aus Dutzenden Ländern. Doch die kulturelle Vielfalt ist bedroht: im Juli muss die Stubnitz ins Dock, um die sogenannte Klassenerneuerung vorzunehmen, die den Betrieb für die nächsten fünf Jahre sichert. Das Geld dafür kommt nur zum Teil von öffentlichen Geldgebern. Die Stubnitz sucht nun Paten, um gegenüber den öffentlichen Förderern zu zeigen, dass eine Öffentlichkeit hinter dem technischen Denkmal und dessen Nutzung steht. Für jeden Euro eines Spenders werden aus den Töpfen des Denkmalschutzes sieben bewegt – so werden aus jedem Patenschafts-Euro acht.

 

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Kapitän des Kulturschiffs: Urs Balser / Foto: Jan Paersch

 

Urs Blaser, genannt „Blo“, leitet seit 1994 die Stubnitz. Der 1960 in Bern geborene strahlt die Gelassenheit eines erfahrenen Seemanns aus. An diesem sonnigen Freitagnachmittag herrscht auf dem Schiff schon reges Treiben, später wird dort eine griechische Stoner-Rock-Band auftreten, während im Bug-Raum zwei Jungs ihren 18. Geburtstag feiern. Das Interview findet bei Filterkaffee in der alten Offiziersmesse statt. An der Wand hängt, gerahmt hinter Glas, die damalige Sitzordnung.

SZENE HAMBURG: „Blo“, bevor es die Stubnitz gab, warst du Teil des Medienkunst-Projekts „Radio Subcom“ und fuhrst quer durch Europa.

Urs „Blo“ Blaser: Wir waren ein mobiles Kollektiv und sind mit Lkws voller Equipment herumgefahren. Wir haben offen stehende Industrieräume annektiert, denn wir brauchten Platz. Für die optimale Akustik braucht man mindestens vier Meter Höhe und 200 Quadratmeter Grundfläche. Wir hatten Veranstaltungen mit 50 Leuten, dann 100 Leuten, dann 400 Leuten – und dann kam die Polizei. Wir haben überall gespielt, bis wir verjagt wurden, so in London, Wien und im Ruhrpott.

Du hast ja Saxofon und Querflöte studiert. Verstehst du dich als Musiker?

Ich war Musiker, und bin dann mehr und mehr in die Elektroakustik abgedriftet. Irgendwann habe ich begriffen, dass für mich die Lautsprecher die Instrumente sind. Also habe ich für die komponiert. Ich war immer mit zwei Tonnen Lautsprechern unterwegs. Aber auf Dauer war es ermüdend, ich war Lkw-Chauffeur, Roadie und Bühnenbauer in Personalunion. Ein festes Set-up kam uns also entgegen.

 

 

Die Stubnitz habt ihr 1992 von der Treuhand übernommen, die die Hochsee-Fischfangflotte der ehemaligen DDR auflöste.

Das Schiff wurde ja ausgemustert, es hatte keinen wirtschaftlichen Wert mehr. Es war damals schon 25 Jahre alt. Das war eine coole Zeit damals, es herrschte richtig Aufbruchsstimmung in den neuen Bundesländern. Schon damals war die Idee, einen mobilen Kulturort zu haben, mit Heimathafen Rostock, in die verschiedenen Regionen Europas fahren und dort Kooperationen aufbauen. Die allererste Anlaufstation war St. Petersburg. Die sind richtig darauf abgefahren, zumal es in der Stadt nicht viele Szeneclubs gab.

Aber finanziell war es nie leicht, oder? Ihr arbeitet zum Teil mit Ehrenamtlichen.

Als kommerzieller Veranstaltungsraum ist die Stubnitz zu klein, als Schiff, das es zu erhalten gilt, ist es zu groß. Das ist ein schwieriger Kompromiss. Wenn wir alle Räume gleichzeitig bespielen, können wir 700 Leute indoor an Bord holen, aber für eine Veranstaltung ist die Obergrenze 400 Personen. Das reicht kaum zum Überleben. In Rostock haben wir 1998 mit Ach und Krach eine Projektförderung durchgesetzt. Die Förderung, circa 80.000 Euro, ist aber 15 Jahre gleich geblieben, während unsere laufenden Kosten gestiegen sind. Wir sind also oft mit hohen Verbindlichkeiten in den skandinavischen Raum gefahren, weil es dort wirtschaftlich am besten lief.

Und nun muss die Stubnitz wieder ins Dock.

Ja, für zehn bis 14 Tage. Man macht dort nur so viel wie nötig, denn die Zeit ist teuer. Das kann uns über 200.000 Euro kosten, die wir aus Bundes-, Landes- und Eigenmitteln bestreiten müssen. Die Konservierung vom Unterwasserschiff und die Überholung der großen Aggregate, Ruder und Propeller, sind die größten Posten. Wir haben noch die Zulassung als Seeschiff.

 

Die MS Stubnitz: Zeugin der Zeit

 

Wäre ein dauerhafter Liegeplatz nicht günstiger, ohne die Möglichkeit zu fahren?

Ich halte den Funktionserhalt des technischen Denkmals für wichtig. Wenn wir den Status als Seeschiff aufgeben, brauchen wir eine baurechtliche Genehmigung. Dann müssten wir die Türen umbauen, und auch die Stolperkanten, die auf See Sinn machen. Dann würde das Schiff aber auch an Authentizität verlieren. Es gibt Denkmalschiffe, die von außen die Silhouette haben, aber innen ist es auswechselbar.

Was macht die Stubnitz so besonders?

Sie ist eines der wenigen noch erhaltenen Schiffe mit einer überragenden Aussagekraft. Als Zeitzeugin erzählt sie von deutscher Schiffbauleistung und von der großen Hochseefischerei. Und natürlich hat es mittlerweile eine Historie als Ort der tausend Subkulturen. Als Spielstätte hat sie die richtige Größe, und auch die Flexibilität, diese Genres abzubilden. Und einen richtig guten Konzertsaal. Für mich hat der Laderaum 4 die ultimative Akustik.

Deshalb muss die Stubnitz erhalten bleiben?

Es geht um das Schiff, aber auch um die Musik. Solange aus der ganzen Welt spannende Bands hierherkommen, wäre es schade, aufzugeben. Künstler, die nicht von der Wirtschaft vermarktet werden, spielen gerne bei uns. Sie können an Bord übernachten und bekommen eine warme Mahlzeit. Schließlich wird in Deutschland fast nur die Musikkultur gefördert, die schon lange Vergangenheit ist. Das musikalische Erbe wird gepflegt – aber die aktuelle Musik wird dem Kommerz überlassen.

MS Stubnitz.com


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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