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Plattenkünstler Ludwig Mausberg streamt bei YouTube

Der DJ und Produzent Ludwig Mausberg streamt seit Sommer über seinen YouTube-Kanal. Mit SZENE HAMBURG spricht er über hohe Reichweiten, den Austausch in Pandemiezeiten und Kommerz. Die Corona-Hilfen kritisiert er scharf

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Ludwig, wie erlebst du als DJ die Pandemie?

Ludwig Mausberg: Für mich ist das Nachtleben ein integraler Bestandteil meines Lebens. Im Moment kann ich dort nicht auflegen und viele soziale Kontakte sind weggebrochen. Die sind für mich als Künstler aber sehr wichtig, da ich dadurch Inspiration bekomme. Austausch mit anderen Leuten hat eine Auswirkung auf die Musik. Das geht nicht nur mir so.

Wir alle brauchen diesen Austausch. Trotzdem sehe ich ein, dass die Beschränkungen notwendig sind. Es schränkt ein, aber wir müssen sie in Kauf nehmen, damit es besser wird.

Wann hast du das letzte Mal vor Leuten aufgelegt?

Das war zur „Little Deeper“-Party, Mitte Februar im Pudel. Es frustriert mich sehr. Seit ich 13 bin gehört es für mich dazu, mit Leuten, die im Raum sind, Musik zu teilen. Es ist keine Brosche, die einem vom Revers gerissen wird und für die man Ersatz bekommt. Es ist etwas, wofür ich 20 Kilometer wegen eines Kabels durch den dunklen Wald gelaufen bin, nur um es möglich zu machen.

Es bedeutet für mich die Welt. Aber da diese Welt kostbar ist, ist sie schützenswert. Deswegen ist es ist gut, sich jetzt zurückzuziehen, damit es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass man miteinander Musik erlebt hat.

Was hat sich noch für dich verändert?

Ich habe sehr große finanzielle Einbußen. Zum Glück habe ich eine Anstellung als Radkurier bei Thomas i Punkt. Die haben mich von Anfang an unterstützt und nicht hängengelassen. Großer Respekt dafür. Das machen nicht alle Unternehmen. Trotzdem fehlt mir eine Menge Geld vom Auflegen und Live-spielen.

Zu den klassischen Solo-Selbstständigen zählst du also nicht?

Seit drei, vier Jahren nicht mehr. Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass ich dabei bin, unser Label The Crate als GbR aufzubauen und dort alles hinein investiere. Also noch einen Job habe, um hundert Prozent zu geben.

 

Nicht gewünscht, nicht gedacht

 

Konntest du irgendwelche Hilfen in Anspruch nehmen?

Natürlich habe ich davon gehört, aber als ich mir das richtig angeschaut habe, waren es im Prinzip alles Hilfen für Leute, die vorher schon finanziell gut aufgestellt waren. Ich möchte auch nichts hinterhergeworfen oder geschenkt bekommen und habe erarbeitet, was mir gehört.

Welche Unterstützung hättest du dir gewünscht?

Richtige Hilfen für richtige Künstler. Leute, die schon alles haben und in der Künstlersozialkasse nie Probleme hatten, die brauchen diese Scheißunterstützung nicht. Ich bin wirklich wütend, denn diese Hilfen greifen für die wenigsten und sind nur für diejenigen gedacht, die sowieso durchkommen.

Musiker, die wirklich ihre eigene Vision durchboxen wollen, können sich in dieser Verwertungsgesellschaft nicht aufstellen. Das ist nicht gewünscht und nicht gedacht. Man muss den ganzen Kommerz mitmachen und das ist armselig.

Was bräuchte es stattdessen?

Einen Twist der öffentlichen Wahrnehmung. Dass Musiker wieder dort gesehen werden, wo sie sind. Ganz viel im Nachtleben, mit zig Knochenjobs nebenbei und es trotzdem nicht reicht. Musiker, die alles geben, weil sie es irgendwie schaffen wollen und komplett hinter ihrer Sache stehen.

Und dann sieht man irgendwelche Bratzen, die seit einem halben Jahr auflegen, bei diesen ganzen konstitutionellen Sachen mitgemacht haben und die dann die Hilfen abbekommen. Das finde ich verachtenswert und enttäuscht mich sehr. Nicht nur als Künstler, sondern auch auf menschlicher Ebene.

 

Wegbrechende Verbindlichkeiten

 

Nimmst du auch etwas Positives aus dieser Zeit mit?

Ja, ganz viel! Es ist ein starkes Bewusstsein dahingehend entstanden, was wir aneinander haben. Und wie man miteinander Musik macht. Zum Beispiel hat sich die Studioarbeit sehr verändert. Weil keiner weg kann.

Vorher waren wir im Zeitalter der wegbrechenden Verbindlichkeiten. Jeder hat ein Telefon und kann fünf Minuten vorher mit irgendeinem triftigen Grund absagen. Jetzt gibt es keine triftigen Gründe mehr. Alle waren pünktlich und man hat einfach für drei Stunden etwas gemacht, weil da draußen nichts ist, was man verpassen kann.

Glaubst du, das bleibt?

Ich glaube, dass die Leute ein bisschen mehr Erfahrung mit sich selbst gesammelt haben und merken, was ihnen wichtig ist. Die Reduktion führt vor Augen, dass sich viele früher oft nur unterhalten lassen wollten. Aber menschliches Leben ist dafür zu schade.

Ich will aktiver Teil der Unterhaltung sein. Und ich habe die große Hoffnung, dass es einigen Leuten genauso ergangen ist und sie diese Gedankengänge in die Tat umsetzen, um irgendetwas mit ihrer Zeit zu machen.

Ist so auch die Idee für deinen YouTube-Kanal entstanden?

Nicht ganz. Den Kanal habe ich mit einem Freund ins Leben gerufen als wir 17 waren. Wir haben dort Underground HipHop aus den USA hochgeladen, um sie mal bei Freunden abzuspielen und damit sie überhaupt im Internet vorhanden ist.

 

 

Wir waren damals schon DJs. Ich bin morgens aufgestanden und so wie andere Computer spielten, habe ich stundenlang nach rarer Musik gegraben. Seit Corona nutze ich diesen Kanal zum Streamen von zu Hause oder aus verschiedenen Plattenläden.

Die Abrufzahlen einiger Videos gehen bis weit über die Millionen. Wie erklärst du dir diesen Zuspruch?

Damit, dass wir damals die ersten waren, die diese unbekannten HipHop- Tracks in sehr hoher Qualität hochgeladen haben. Wir sorgten damit für konstant gute Musik, die für eine hohe Zuschauerschaft anders nicht verfügbar war. Und da hängt sicher irgendein Algorithmus dahinter, wo man öfter vorgeschlagen wird, umso länger man dabei ist. So kamen wir irgendwann überall hin.

Wie nutzt du diese Reichweite?

Wir haben den Kanal gerade von Boobacrazy in Deeper umbenannt. Er heißt jetzt wie die Partyreihe unseres Labels. Wir können darauf hinweisen, was wir hier für Musik spielen. Also alle unterschiedlichen Genres, nicht nur HipHop. Auch weil es viele internationale Booking-Anfragen gibt.

Wir wollen dort, wenn es wieder losgeht, unsere Partys streamen und die Zuhörerschaft auf Spotify oder anderen Diensten erweitern, sodass Künstler von unserem Label dort regelmäßig Musik veröffentlichen können.

Ich arbeitete gerade mit der Sängerin Zariah an einer Veröffentlichung in Richtung Soul und Disco. Und eine House-Platte ist auch so gut wie fertig.

Lohnen sich solche Abrufzahlen auch finanziell?

Die monetären Möglichkeiten sind begrenzt. Ich mache damit null Geld. Aber die anderen sind viel besser, nämlich mit Leuten in den bereits erwähnten Austausch zu kommen. Wenn sich den Stream einige Tausend Leute anschauen, dann geben sie mir direktes Feedback und man spürt die Liebe und was es ihnen bedeutet.

Viele sind selbst im Lockdown und für sie ist Musik einfach eine Notwendigkeit, um diese Zeit mental irgendwie zu überstehen. Musik war auch für mich immer eine Therapie im Leben. Wenn ich anderen damit etwas geben kann, werde ich es sofort machen.

Livestream jeden Sonntag 17–20 Uhr

 

Gebt euch hier den Stream für den 17.01.2021:

 


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Deeper: Die Tiefen der Musik

Der Künstler Ludwig Mausberg ist Teil des Labels The Crate. Dessen Reihe Deeper feiert im Februar Jubiläum. In SZENE HAMBURG spricht Mausberg über sein neues Album „Get Free“, Digging in Zeiten von Internet und die Hamburger Veranstaltungsszene.

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Ludwig Mausberg, was ist Deeper?

Ludwig Mausberg: Es ist die Party unseres Labels The Crate, welches Tobi, Amran, Sascha und ich zusammen haben. Als Reihe funktioniert Deeper als genreübergreifendes Konzept, alle zwei Monate, wo an einem Abend viele verschiedene Musikrichtungen gespielt werden können. Aber ohne Willkür, sondern in einer Art Kanon, der sich beim Schallplattensuchen herausbildet.

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Lebensinhalt Vinyl: Ludwig Mausberg

Wie meinst du das genau?

Man hat irgendwann eine Landkarte von Dingen im Kopf die zueinander passen. Wenn du das lange machst, blendest du Genres völlig aus, kannst Dinge abstrahieren und einzelne Richtungen miteinander mischen. Da hört sogar ein Laie den Zusammenhang. Die Idee von Deeper: eine tiefere Auseinandersetzung mit Zusammenhängen in der Musik.

Klingt hochtrabend …

Ja, aber es ist ganz simpel. Es geht darum Gemeinsamkeiten in unterschiedlichen Sachen zu finden. Deswegen lege ich auch so gerne mit Sascha vom Bluesleeve Select Store auf, der unter Block Barley Musik macht. Wir beide sind der feste DJ-Part von Deeper und haben ein ähnliches Verständnis. Es wird da keine Technomusik geben, sondern wir wollen einen Party-Kontext erschaffen, den es sonst nicht gibt.

Wo feiert ihr?

Unsere feste Location ist im Frappant. Wir sind manchmal im Nachtasyl, waren auch schon in der Astra Stube. Mit Little Deeper lege ich außerdem an ausgewählten Abenden im Golden Pudel Club auf. Im Februar hat Deeper zweijähriges Jubiläum. Für die Nacht laden wir zwei besondere Gäste ein, die ich heute noch nicht verraten kann.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Wenn man es genau nimmt, bin ich aus einem klassisch geprägten Umfeld. Mein Vater hatte als Musiker in der DDR Berufsverbot und ist Pfarrer geworden. Mit acht Jahren lernte ich bereits mein erstes Instrument, Trompete. Meinen ersten Schallplattenspieler hatte ich mit 14.

Was für Musik hörst du?

Durch die Scheiben meiner Eltern, mochte ich Tangomusik sehr. Von dort bin ich zum Soul und HipHop gekommen. Aber Musik hat mich immer insgesamt interessiert. Sachen anhören und alles durchforsten. Ich habe nicht nur hier und dort mal reingehört, sondern immer komplett abgegrast und alle Infos zusammengetragen. Am Anfang war das ja noch ohne Internet.

Ist der Spaß am „Durchforsten“ damit verloren gegangen?

Nein, es ist nur ein krasserer und schnellerer Prozess geworden. Ich mache genau das Gleiche, nur viel effektiver als früher. Es ist wie bei jemanden, der an einer Goldmine sitzt. Wenn er weiß, wo etwas zu suchen ist, dann findet er was.

Ich verbringe in der Woche mindestens fünf bis acht Stunden um Musik rauszufinden. Was du konstant machst, kann dich selber mit Dopamin, also mit Glücksgefühlen versorgen.

 

„Ein Sinnfindungsspiel auf Schallplattenlänge“

 

Im April erscheint dein achtes Album „Get Free“. Was wird darauf zu hören sein?

Es wird ein Konzept-Album mit instrumentaler HipHop-Musik auf Vinyl. Wir haben verschiedene Instrumente eingespielt. Timo Eilbek ist mit Saxofon vertreten. Der Jazzmusiker Leon Raum spielt Schlagzeug und es gibt einen vokalen Gastbeitrag der Sängerin Alisa von Shi Offline.

Was bedeutet der Schlüssel auf dem Cover?

Auf dem Album sind überall kleine Aussagen versteckt. Durch sie kann man darüber nachdenken, wo man rein will, wo man raus will. Ob man den richtigen Schlüssel für die falsche Tür findet oder umgekehrt. Einfach mal
die Chance nutzen, für 16 Minuten pro Seite das Internet und Telefon auszumachen, nicht an die Tür zu gehen und sich Zeit nehmen, über solche Dinge nachzudenken. Ein Sinnfindungsspiel auf Schallplattenlänge.

Wo gibt es das Album?

Man findet es in Hamburger Schallplatten Läden wie Hanseplatte oder der Plattenrille.

Warum released du auf Vinyl?

Es ist einfach der Inhalt meines bisherigen Lebens. Meine ganze Wahrnehmung, wie ich die Welt kennengelernt habe, hat viel mit Schallplatten, mit Plattenläden und den Menschen dort zu tun. Ich bin kein Dogmat, aber es gehört zur mir und hat mich ganz gefangen. Vieles kann ich darüber besser verstehen.

In der Schnelllebigkeit irgendwelcher Releases ist es für mich wichtig, dass ich meine ganzen Gefühle, die ich zu dem Album hatte, in einem finalen Medium abfeiern kann. Es ist was Abgeschlossenes und fühlt sich kompletter an.

 

 

Auch beim Auflegen? 

Ja, total. Man baut eine Beziehung auf. Seit der ersten Schallplatte war es ein Wunsch, ein Teil von dieser Welt zu sein. Mittlerweile weiß ich, wie ich mich darin am besten ausdrücken kann.

Du bist seit drei Jahren in Hamburg. Hast vorher unter anderem in Dresden und Berlin Partys gemacht. Wie erlebst du die Veranstalterszene?

Tatsächlich mache ich seit 2008 Veranstaltungen und mittlerweile weiß ich, was ich alles nicht möchte. Es gibt immer die Möglichkeit irgendeine Bediener-Veranstaltung zu machen. Und in Zeiten von Clubsterben ist der Erlebnisfaktor ein größerer Punkt geworden, um die Leute vom Hocker zu holen. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich lieber mit einer kleineren Crowd glücklich bin, wo alle cool sind.

Kulturelles Angebot besteht aus Vielfalt. Wir spielen bei Deeper nicht jedes Mal die gleiche Musik. Im Grunde ist eher das Zeil, dass beim nächsten Mal was völlig anderes läuft. Das ist auch so eine Art Wettbewerb zwischen den DJs.

Ist Wettbewerb auch sonst ein großes Thema im Hamburger Nachtleben?

Ähnlich wie in vielen anderen Städten auch, mit einem entscheidenden Twist. Ich glaube die Leute sind sich nicht darüber bewusst, wie viel und gut sie hier miteinander auskommen und miteinander arbeiten. Jemand, der hier länger wohnt, sieht vielleicht mehr die Konkurrenz und das jeder sein eigenes Süppchen kocht.

Da sollte man mal woanders sein. Vielleicht braucht alles immer ein bisschen Zeit, aber die Herzlichkeit und die Art und Weise, wie unangestrengt Leute in Hamburg miteinander Dinge machen, habe ich so noch nie woanders erlebt.

Frappant: Bodenstedtstraße 16 (Altona), Deeper: 22.02.2020, 23 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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