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Fatih Akin und „Der Goldene Handschuh“ – Hamburger Horror

Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ über den Serienkiller Fritz Honka feierte auf der Berlinale Premiere. Produzentin Nurhan Sekerci-Porst hat uns von den Dreharbeiten, Sauf-Exzessen in der Kiezkneipe und Akins Vorliebe fürs Abseitige erzählt.

Text & Interview: Maike Schade
Foto (o.): Warner Bros.

Fatih Akin wurde 1973 geboren. Zwei Jahre später wurde Fritz Honka verhaftet – jener Serienkiller, der über Jahre hinweg in der Kiez-Kaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ Frauen abgeschleppt, in seiner Wohnung in der Ottenser Zeißstraße ermordet, zerstückelt und die Leichenteile in seiner Mansarde versteckt hat. Das beispiellose Verbrechen erschütterte die Hamburger nachhaltig – lange noch ging Honka als Manifestation des sprichwörtlichen „Schwarzen Mannes“ in den Gedanken um.

Auch bei Fatih Akin, der in Altona aufgewachsen ist. Nun hat er Heinz Strunks Roman über die damaligen Geschehnisse verfilmt, in die Kinos kommt der Film ab 21. Februar. Premiere ist auf der Berlinale (7. bis 17. Februar). Hoffentlich. Schließlich geht es hier um den Goldenen Bären. Doch das Ganze ist ein ziemlich enges Höschen, der Horrorstreifen wird wohl erst kurz vor knapp fertig. Sehen konnten wir den Film deshalb noch nicht, Akin schraubte zu Redaktionsschluss noch mit Hochdruck daran. Von der Produzentin Nurhan Sekerci-Porst haben wir trotzdem eine Menge Interessantes über den Film erfahren.

SZENE HAMBURG: Nurhan, mit dem Buch und der Theaterinszenierung am Schauspielhaus ist das Thema Fritz Honka ja eigentlich schon ziemlich gut bedient. Warum wolltet ihr trotzdem diesen Film machen?

Nurhan Sekerci-Porst: Wir haben das beschlossen, gleich nachdem wir den Roman gelesen hatten. Fatih war total begeistert von dem Buch, er kennt ja auch Heinz Strunk und die Geschichte aus eigener Erfahrung – er ist in Altona aufgewachsen, dieser Serienmörder lebte also quasi in seiner Nachbarschaft. Er braucht immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff, den er verfilmt, und das war hier natürlich gegeben. Denn hinzukommt noch, dass die Griechen, die in der Wohnung unter Fritz Honka in der Zeißstraße lebten, Verwandte von Fatihs gutem Freund Adam Bousdoukos waren. Der Onkel, genauer gesagt. Und so entstand schnell die Idee, den Roman zu verfilmen, obwohl der sich mit all der Grausamkeit eigentlich gar nicht unbedingt dafür anbietet.

 

Die Nacktheit der Frauen und das Zersägen hat uns alle sehr mitgenommen

 

Wie war das denn bei dem Dreh? War es für dich überhaupt erträglich, bei der Zerstückelung der Leichen zuzusehen?

Das war für uns alle, für das gesamte Team und die Schauspieler, ziemlich krass. Diese Nacktheit der Frauen, dieses Abschlachten und Zersägen, das hat uns alle sehr mitgenommen. Deshalb hatte ich auch entschieden, dass ein Psychologe am Set sein sollte, wenn es an die expliziteren Szenen geht.

Habt ihr ihn – oder sie – gebraucht?

Das war Dr. Angélique Mundt, eine Psychologin. Es gab Gespräche mit ihr am Set, wenn auch eher genereller Natur. Aber Fatih ist ja auch ein sehr einfühlsamer Regisseur. Es war alles sehr respektvoll, er hat sich sehr viel Zeit genommen für die Szenen und ist erst einmal sehr technisch da rangegangen, um etwas mehr Abstand dazu zu haben. Dennoch war es gut und auch notwendig, dass die Psychologin dabei war.

Das klingt, als wäre es auch für die Zuschauer keine leichte Kost …

Nein, das ist nichts für zartbesaitete Seelen. Allerdings findet beim Zuschauer auch viel im Kopf statt, vieles hört man nur. Das geht aber voll unter die Haut, weil wir in Dolby Atmos gedreht haben, da haut dich der Sound wirklich um. Es ist ein Horrorfilm, das muss man ganz klar sagen.

Also nichts mit Sozialstudie oder so?

Nein. Wir ergründen auch nicht, warum Honka zum Serienmörder geworden ist. Im Grunde genommen ist es wie „Große Freiheit Nr. 7“ (Hans-Albers- Klassiker von 1944, Anm. d. Red.) als Horrorfilm.

Habt ihr den Roman eins zu eins verfilmt?

Nicht eins zu eins. Der Film hat eine stringentere erzählerische Struktur. Der Roman erzählt die Story um die Kneipe herum. Wir erzählen die Story um den Serienkiller. Die Reeder-Familie und den Reeder-Sohn, die in Strunks Roman ja durchaus eine größere Rolle spielen, haben wir beispielsweise weggelassen.

Ihr habt aber in den Originalkneipen gedreht? Also im Handschuh, dem Elbschlosskeller und dem HongKong Hotel?

Jein. Die Außenszenen auf der Reeperbahn und in der Zeißstraße haben wir an den Originalschauplätzen gedreht. Die Interieurs, also den Goldenen Handschuh und auch die Wohnung von Fritz Honka, hat unsere Ausstattungsabteilung komplett und eins zu eins im Überseezentrum nachgebaut. Sascha Nürnberg, einer der Besitzer des Goldenen Handschuhs und ein Enkel des damaligen Besitzers, war völlig geplättet, als er da hineinkam. Er meinte: „Krass, wie haargenau das hier aussieht wie bei uns. Ich fühle mich wie im Handschuh, es fehlt nur der Geruch.“

Warum habt ihr den Goldenen Handschuh denn nachgebaut, wenn es die Location noch gibt?

Es stimmt, und es sieht wohl auch noch genauso aus wie zu Honkas Zeiten. Aber es wäre sehr schwierig geworden, im Goldenen Handschuh zu drehen. Der Laden hat ja bis auf einen Tag im Jahr wirklich immer und rund um die Uhr auf, und die Besitzer wollten ihn nicht längerfristig schließen, er ist ja quasi das Zuhause von vielen Leuten. Und die wären dann vermutlich auf die Barrikaden gegangen, wir hätten dann sowieso nicht in Ruhe drehen können. Es war schon schwierig genug, mitten im Sommer auf dem Kiez zu drehen. Da braucht man super viel Geduld, man darf nicht ausflippen, wenn die Passanten einen anquatschen oder durchs Bild laufen wollen.

 

„ ‚Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka‘, hieß es in der Schule immer“

 

Aber der Kiez sieht doch ganz anders aus als damals, oder?

Ja, das kommt noch hinzu. Die Ausstattung musste vieles anfassen. Trotzdem, alles geht da natürlich nicht. Wir haben deshalb in der Postproduktion für VFX (visuelle Effekte, Anm. d. Red.) eine sehr hohe Summe ausgegeben, weil beispielsweise die Autos verdreckt, Schilder bearbeitet und Fenster retouchiert werden mussten. Oder die Häuserfassaden in der Zeißstraße, die so was von totsaniert wurden – es hat unheimlich viel Zeit und Geduld gekostet, das so nachzubearbeiten, dass es so original wie möglich wirkt.

Hättet ihr das Ganze nicht im Heute spielen lassen können?

Das haben wir tatsächlich ganz kurz diskutiert. Aber nee.

Kann sich Fatih eigentlich an die Geschehnisse damals erinnern?

Er sagt, dass er mit der Angst vor Fritz Honka aufgewachsen ist. In der Schule hieß es wohl immer: „Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka“ oder so ähnlich. An die Verhaftung Honkas erinnert er sich natürlich nicht, da war er ja erst zwei, drei Jahre alt. Aber das hing wohl wie ein Schatten über seiner Kindheit, schließlich war das der skrupelloseste, gewalttätigste Serienmörder der Bundesrepublik. Der hat über fünf Jahre hinweg mehrere Frauen ermordet, hat die Leichenstücke die ganze Zeit da in seiner Mansarde gehortet und immer nur Teile weggeschleppt, alles war abgeklebt und überall in der Wohnung hingen Wunderbäume, um den Geruch zu überdecken. Zu wissen, dass das nebenan passiert ist … Das ist ja das Finstere an der Geschichte: So etwas kann auch in deiner Nachbarschaft geschehen, auch heute noch, und keiner merkt es.

 

Seht hier den Trailer zu „Der Goldene Handschuh“

 

Adam Bouskoudos spielt doch auch mit – wen denn?

Er spielt seinen Onkel. Der hat Honka wegen des Gestanks mehrfach angesprochen und sich auch beim Vermieter beschwert. Aber niemand hat was unternommen. Nicht einmal die Polizisten, die vor Ort waren, weil eines der Opfer entkommen ist und ihn wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat. Als die den Geruch ebenfalls bemerkt haben, hat Honka ja behauptet, der käme von den Griechen – also Adams Onkel –, die immer Hammelköpfe kochen würden. Das steht wirklich in den Polizeiakten. Und die sind dann einfach von dannen gezogen.

Die Rolle des knapp 40-jährigen Fritz Honka spielt Jonas Dassler (beim Dreh 22 Jahre alt, Anm. d. Red.). Wie seid ihr denn auf den gekommen, der ist doch viel zu jung und hübsch dafür?

Ja, das stimmt. Wir haben ihn bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises gesehen, wo er als Bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Wir waren so beeindruckt von seinem Auftreten. Er war zwar sehr nervös, dabei aber unglaublich charismatisch. Und da sagte Monique, Fatihs Frau, die auch das Casting für den „Goldenen Handschuh“ gemacht hat: Schade, wenn der ein paar Jahre älter wäre, wäre das dein Fritz Honka. Und da fing es bei Fatih an zu rattern, und er hat ihn zum Casting eingeladen. Eigentlich zuerst eine Schnapsidee, aber Jonas hat uns voll überzeugt.

Wie habt ihr ihn so hässlich und alt gemacht?

Da haben wir sehr, sehr lange getüftelt. Honka hatte ja mehrere Unfälle und ein sehr eingedrücktes, entstelltes Gesicht, und er hat geschielt. Das wollten wir entsprechend umsetzen. Das hieß für Jonas, dass er jeden Tag drei Stunden Maske durchziehen musste. Morgens musste er schon um fünf, sechs am Set sein, abends noch mal eine Stunde zum Abschminken.

 

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Kneipenbesuche waren Pflicht für Fatih Akin

 

Wie habt ihr das mit dem Schielen hinbekommen?

Wir haben in London von einer Expertin, die zum Beispiel auch für den „Fluch der Karibik“ arbeitet, eine riesengroße Linse anfertigen lassen, die die Iris nicht erkennen lässt, sodass wir damit das schielende Auge erzeugen konnten. Die konnte Jonas immer nur eine halbe Stunde am Tag für die Nahaufnahmen tragen – er musste sie nicht immer tragen, ging ja auch gar nicht, in der Kneipe wurde ja auch wirklich geraucht, und da bekam das Auge nicht genug Sauerstoff. Für ihn war das alles körperlich schon sehr, sehr anstrengend. Auch mental natürlich. Und er musste ja auch noch mit Akzent spielen. Aber er hat es wirklich großartig gemacht, und seine eigene Figur Honka mitentwickelt. Wirklich ein ganz, ganz toller Schauspieler, obwohl er ja noch gar nicht so viel Erfahrung hat.

Wie viele Fakos (Fanta-Korn, angeblich Honkas Lieblingsgesöff, Anm. d. Red.) habt ihr eigentlich während des Drehs getrunken?

(lacht) Oh, das waren einige. Natürlich nicht während des Drehs, beim Arbeiten gibt’s keinen Alkohol – nur die Komparsen, echte Gäste aus dem Goldenen Handschuh, haben da richtige Fakos bekommen, die durften das und brauchten es auch. Aber wir waren vor allem während der Vorbereitungszeit viel im echten Goldenen Handschuh und ich muss ganz ehrlich sagen: Du kannst in diesem Laden nicht nüchtern sein. Er lässt dich auch nicht nüchtern sein. Ich habe mir so oft vorgenommen: Heute Abend betrinke ich mich nicht. Aber der Laden hat eine so merkwürdige Energie, das macht irgendwas mit dir, du entkommst dem nicht.

Du beobachtest eigentlich nur die Leute, und irgendwann wirst du dann eins damit und erwischst dich dann am Ende des Abends Arm in Arm mit irgendwelchen Frauen, die du eigentlich gar nicht kennst und plötzlich erzählt man sich die traurigsten Lebensgeschichten. Wirklich eine ganz eigenartige Dynamik, ich kann das gar nicht richtig erklären.

Und wie schmeckt ein echter Handschuh-Fako?

Eigentlich gar nicht. Wir haben uns ja auch die richtige Mische zeigen lassen – nicht halbe-halbe, sondern es muss ein bisschen mehr Korn als Fanta sein. Der arme Jonas hat so viel Korn getrunken! Aus Recherchezwecken natürlich, er war sehr oft im Goldenen Handschuh. Ehrlich gesagt glaube ich, Fako ist eigentlich ein Fantasiegetränk von Heinz Strunk. Der war natürlich auch oft im Goldenen Handschuh, zusammen mit Fatih.

 

„Superhelden interessieren ihn nicht“

 

Ach, das hat Fatih aber doch bestimmt gefallen? Bei den Dreharbeiten zu „Tschick“ hat er doch gesagt: „Auch wenn ich mit Jugendlichen drehe: Ich rauche, ich saufe und ich fluche trotzdem.“

Ja, ja, total. Diese rauen Außenseitergeschichten, abgehangene Leute, die der Gesellschaft oft egal sind, das ist so voll seins – er liebt ja auch Bukowski, genau wie Heinz Strunk. Superhelden interessieren ihn nicht.

Du arbeitest schon seit 2005 mit Fatih zusammen. Was nervt dich an ihm?

Tja … Also, er ist ja Künstler. Und das bedeutet, dass man Dinge immer wieder ausdiskutieren muss. Und es ist aber nicht so, dass dann etwas besprochen und abgehakt ist, sondern drei Tage später ist alles wieder ganz anders. Doch genau das ist es ja auch, was das Arbeiten mit Künstlern so spannend macht – auch wenn einem an manchen Tagen schier die Haare ausfallen vom Raufen. Doch wenn das Ergebnis stimmt, und das tut es bei Fatih immer, dann war es das Ganze auch wert.

Ab 21.2; Premiere mit Akin, Schauspielern und Crew am 20.2., 20 Uhr, roter Teppich ab 19 Uhr, Astor Film Lounge.

 24.2., Sondervorstellung mit den Maskenbildnerinnen, Zeise Kinos, 20 Uhr; 27.2., Sondervorstellung mit Heinz Strunk, Zeise Kinos, 19.30 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Heinz Strunk – Furchtbar gute Kurzgeschichten

Mit „Das Teemännchen“ veröffentlicht Heinz Strunk seine erste Kurzgeschichtensammlung. Ein Gespräch über das Elend der schweigenden Mehrheit, sexuelle Frustration und über den Einfluss des Schriftstellers Botho Strauß.

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Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Nach „Der goldene Handschuh“ legt Heinz Strunk mit „Das Teemännchen“ wieder ein Stück Hochliteratur vor: Die Texte sind ungeheuer dicht, Strunks Sprache boxt. Viele Charaktere sind wie so oft bei ihm Verlierertypen, die „schweigende Mehrheit“, wie er sie nennt. Strunk empfängt in seiner Dachgeschosswohnung in der Hamburger Sternschanze. Wer einen Spaßvogel erwartet, wird enttäuscht. Strunk ist ernst und nachdenklich. „Furchtbar“, sagt er mehrmals während des Gesprächs und schaut kopfschüttelnd zu Boden. Irgendwann fängt es an zu regnen. „Furchtbar“, sagt er wieder, als er nach draußen blickt.

SZENE HAMBURG: Heinz Strunk, über Leonard Cohens „Songs of Love & Hate“ haben Kritiker geschrieben, die Rasierklingen sollten direkt mit dem Album geliefert werden. Das ließe sich auch über Ihr Buch sagen.

Heinz Strunk: Weil es so schwermütig ist?

Ja, bei den meisten Geschichten schnürt sich einem das Herz zusammen. Zum Beispiel bei der adipösen Möchtegern-Bloggerin, die „zittert von dem Bedürfnis, umarmt, liebkost, gewärmt zu werden“ und sich vor lauter Liebesbedürftigkeit von einem Mann erniedrigen und sogar in den Mund pinkeln lässt.

Die Geschichte ist wirklich furchtbar. Ich habe die beschriebene Frau tatsächlich kennengelernt. Ich habe im Text natürlich versucht, die Spuren zu ihr zu verwischen.

Ach, die Geschichte ist nicht mal reine Fiktion?

Nein, viele der Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten. „ Das Teemännchen“, die titelgebende Geschichte, ist auch wahr. Ich habe früher in Winterhude gewohnt, dort gab es diesen jungen Mann, der einen Teeladen aufgemacht hat und grandios gescheitert ist, weil ihm alle vitalen Funktionen fehlten: Kreativität, Tatendrang, Selbstvertrauen. Und „Borstelgrilleck“ ist eine übertriebene Verdichtung der Geschichte einer Frau, die ein klassisches „sexy Girl“ war, bis sie in besagtem Grilleck anfing zu arbeiten. Nach zehn Jahren in dem Schuppen war nicht mehr viel von ihr übrig.

Die Charaktere, die Sie beschreiben, sind oft körperlich deformiert und übergewichtig, leben isoliert und werden von einer großen Erschlaffung heimgesucht. Dem gegenüber stehen die jungen Selbstoptimierer, die fit und voller Tatendrang sind. Was reizt Sie so an diesem Kontrast?

Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, der Kontrast entspringt schlichtweg meinen Beobachtungen. Ich wohne hier in der Sternschanze, wo der Anteil attraktiver, modisch gekleideter Menschen relativ hoch ist. Aber wenn ich nur einmal über den Dom gehe, in irgendeine Einkaufsstraße oder in eine Autobahnraststätte, dann begegne ich wahnsinnigem Elend. Es ist nicht mein groteskes Fehlempfinden und ich picke mir auch nicht selektiv die Deformierten, Hässlichen heraus.

Aber einen gewissen Hang zu denen, deren Körper und Leben zerfallen, können Sie doch nicht leugnen.

Vielleicht weil ich selber lange Zeit mit viel Elend zu tun hatte.

Sie sind in Harburg aufgewachsen, einem nicht gerade exklusiven Hamburger Stadtteil.

Die tristen Jahre in Harburg waren prägend, ich habe in der Zeit viel Trauer und Verzweiflung erlebt. Mit 19 war ich wegen Depressionen in Therapie, ich habe meine kranke und depressive Mutter gepflegt. Die letzten vier Jahre in meiner Wohnung, vollgepumpt mit Psychopharmaka. Als sie starb, war ich 35 Jahre alt.

Fühlen Sie dadurch mit Ihren Charakteren?

Ja. Es ist nicht meine Absicht, mich über RTL-II-Freaks lustig zu machen. Was wäre das für ein dämlicher Ansatz? Als ich angefangen habe, „Der goldene Handschuh“ zu schreiben, wusste ich noch nicht, wohin die Reise geht. Am Ende hatte ich Mitgefühl für Fritz Honka. Die Gerichtsreporterin Peggy Parnass sagte einmal: Honka, das ärmste aller armen Würstchen, hatte auch noch das Pech, zum Mörder zu werden. Für mich ist das der Satz der Sätze.

Bei manchen Charakteren ist es schwer, Mitgefühl zu entwickeln. Etwa bei den zwei Barkeepern, die betrunkene, wehrlose Studentinnen nach Hause zerren und missbrauchen – aus Rache, weil die hübschen Mädchen sie „bei klarem Bewusstsein mit dem Arsch nicht angucken würden“. Dieses Motiv der Rache taucht öfter auf. Gibt es dafür einen konkreten Hintergrund?

Es gab mal einen Fall in Hamburg: Drei junge Kerle aus Bergedorf sind die ganze Nacht über die Reeperbahn gezogen, waren total besoffen und haben Mädchen angebaggert, wurden aber von einer nach der anderen abserviert. Morgens um sechs haben sie dann in der S-Bahn-Station Reeperbahn zwei Mädchen stellvertretend für alle Mädchen, bei denen sie nicht landen konnten, vor die S-Bahn geschubst.

„Der Grad an Frustration war schon enorm. Das ging über viele Jahre so.“ – Heinz Strunk

In Ihren harten Beschreibungen sexueller Frustration ähneln Sie Michel Houellebecq …

Bei „Unterwerfung“ ist mir aufgefallen, dass Houellebecq sprachlich nicht an Großmeister wie J. M. Coetzee heranreicht. Aber gerade sein erster Roman „Ausweitung der Kampfzone“ war sicherlich ein großer Einfluss. Beim Lesen dachte ich: Endlich schreibt das mal jemand auf. Das war ein Aha-Erlebnis, in dem ich mich wiedergefunden habe. Ich war als junger Mann in einer ähnlichen Situation, als ich in dieser Tanzkapelle war. Ich stand auf der Bühne in einem seltsamen weißen Smoking und mit Akne im Gesicht. Ich war quasi nicht vorhanden, während sich vor mir auf der Tanzfläche das bunte Treiben und Flirten abspielte. Der Grad an Frustration war schon enorm. Das ging über viele Jahre so. Ich konnte damals nicht davon ausgehen, dass mein Schicksal eine positive Wendung nehmen würde. Ich bin mit 23 in der Kapelle eingestiegen. Als ich gefeuert wurde, war ich 35. Das sind entscheidende Jahre, in denen andere sich ins Leben stürzen. Für mich waren es furchtbare Jahre.

Wann wurde es besser?

Als „Fleisch ist mein Gemüse“ überraschend zum Erfolg wurde. Davor gab es allenfalls Achtungserfolge.

Die Erleichterung muss groß gewesen sein.

Natürlich. „Fleisch ist mein Gemüse“ erschien im Oktober 2004. In den Monaten vor dem Erscheinen habe ich nichts, wirklich nichts verdient. Ich dachte damals: Das war’s jetzt. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass dieses Buch mit einem leicht abseitigen Thema über eine norddeutsche Tanzkapelle zum großen Bestseller werden würde.

An einer grundsätzlichen Schwermut hat der Erfolg nichts geändert, sagten Sie einmal.

„Der Mensch kommt fertig gestimmt zur Welt“, hat der Dramatiker Botho Strauß gesagt. Sehr günstige oder sehr ungünstige Bedingungen können natürlich einen großen Einfluss auf ein Leben haben. Aber grundsätzlich ist es eine Frage des Wesenskerns, ob jemand morgens immer fröhlich aufsteht oder sich wie ich in den Tag hineinkämpfen muss. Daran ändert Erfolg wenig.

Stichwort Botho Strauß. Welchen Einfluss hatte der Schriftsteller Ihres Lebens, wie Sie ihn mal nannten, auf Ihre Entscheidung für die kurze Form?

Ich habe am liebsten seine Kurzprosa gelesen, allein deswegen ist ein gewisser Einfluss vorhanden. Die Idee des Auslassens und des Aussparens gefällt mir. Gerade die grotesken und fantastischen Geschichten sind von Strauß beeinflusst. „Der kleine Herr Diba“ zum Beispiel, der das Klo hinuntergespült wird. Oder der „Lehrer i.R. Paul-Günther Korsen“, der jeden Morgen als Zwerg aufwacht und im Laufe des Tages zum Riesen heranwächst, ehe er nachts im Schlaf wieder schrumpft.

Wie hat Strauß sich eigentlich zu Ihrer Anthologie mit Ihren Lieblingstexten von ihm geäußert?

Er hat mir zweimal geschrieben und sich bedankt. Er kannte mich gar nicht, weil er sich in völlig anderen Sphären bewegt. Aber er hat sich meinen Roman „Junge rettet Freund aus Teich“ – der damals leider völlig untergegangen ist – gekauft. In dem Buch geht es um meine Kindheit und Jugend. Er hat mir daraufhin sehr, sehr nett und verbindlich geschrieben, dass ihm das Buch gefallen hätte. Was mich wiederum sehr gefreut hat.

Strauß ist auch ein Außenseiter, wie viele Ihrer Figuren – wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Was sagen Sie zu dem Negativimage, mit dem er behaftet wird?

Strauß lebt ja in der Einöde in der Uckermark und wird entweder gar nicht mehr beachtet oder verlacht. Im Grunde ist er seit dem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ unten durch. Ich finde das unfair, es hat etwas Unbarmherziges, wenn ein so großer Schriftsteller zur Persona non grata erklärt wird.

Text & Interview: Ulrich Thiele
Foto: Dennis Dirksen

Heinz Strunk: „Das Teemännchen“, Rowohlt Verlag, 208 Seiten, 20 Euro


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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