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Die Cigaretten: „Macht süchtig!“

Die Hamburger Band hat kürzlich ihr neues Album „Emotional Eater“ auf Audiolith veröffentlicht. Gespräch übers Rauchen, über Punk und die Soundästhetik der neuen Songs

Interview: Henry Lührs

 

SZENE HAMBURG: Michi und Micha, ihr sagt ja immer, ihr raucht nicht. Überraschenderweise habt ihr euch gerade beide eine Zigarette angesteckt …

Micha: Wir rauchen nicht!

Ist Rauchen Punk?

Micha: Nee.

Michi: Ich finde eher, Nichtrauchen ist Punk. Rauchen ist scheiße, ungesund. Man tut sich ja nichts Gutes. Man steckt sein Geld in riesige Unternehmen. Was soll daran Punk sein?

Micha: Wenn ich unseren Bandnamen lese, verbinde ich den auch nicht mit Rauchen und Zigaretten. Wir fanden es eher klanglich ganz geil und waren überrascht, dass es noch keine Band mit dem Namen gab. Mit dem „C“ sieht es auch fresh aus.

Viele Künstler rauchen öffentlich. Etwa bei Danger Dan, Kurt Krömer und Benjamin von Stuckrad-Barre sind Zigaretten sogar Teil von Bühnenshows. Wird mit dem Rauchen das Gefühl von Gegenkultur suggeriert?

Michi: Ich kenne die erwähnten Leute nicht persönlich und weiß nicht, warum sie rauchen. Die Zigarettenindustrie hat aber nicht nur das Rauchen als cool dargestellt, sondern auch vermittelt, dass es ein Ausgleich ist, wenn dich irgendwas abfuckt. Das wiederum passt ganz gut zu unserer Band. Das, wofür Zigaretten stehen, übernehmen wir selbst und bieten auch so etwas an. Wenn dich bisher etwas abgefuckt hat, hast du zur Zigarette gegriffen – jetzt kannst du auf Play drücken.

 

„Die Platte ist ein emotionales Substitut“

 

Für Zigaretten gilt: „Rauchen ist tödlich.“ Welcher Warnhinweis gilt denn für euer neues Album?

Michi: Macht süchtig!

Der Albumtitel lautet „Emotional Eater“. „Emotional Eating“ meint ja durch Nahrung negative Gefühle zu kompensieren. Hört man die Songs, entsteht aber vielmehr der Eindruck, dass es um das Wegfressen der eigenen Emotionen von außen geht …

Micha: Es gibt dieses Phänomen „Emotional Eating’“, so wie du es beschreibst. Ein „Emotional Eater“ ist aber tatsächlich eher eine Person, die von einem Emotionen isst. So wie bei dem Modebegriff „Toxic“. Im Titelsong wird das gut beschrieben: „Ich bin emotional vampire.“ Es geht nicht um dieses „ich esse Schokolade, weil ich so depressiv bin“, sondern eher darum, dass es Leute gibt, die eben „Emotional Eater“ sind und einem die Emotionen wegfressen.

Michi: Für mich ist es beides. Es ist eine Doppeldeutung. Einmal Leute oder Umstände, die emotional an einem saugen. Gleichzeitig aber auch dieses Phänomen, dass du beschreibst. Das geht ein bisschen in die Richtung unseres Bandnamens. Du suchst dir ein Substitut, dass aber auch Musik sein kann. Leute versuchen, über jeden Scheiß Identität zu stiften. Musik ist da eigentlich das beste Mittel. Die Platte ist ein emotionales Substitut. Du kannst sowohl deinen Frust rausschreien bei einigen Songs, andere positive Songs wandeln diesen Frust aber auch wieder um. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Ob es Schokolade ist oder härtere Sachen, die man braucht: Auf der Platte findet man sie.

„Emotional Eater“, so heißt das neue Album von Die Cigaretten (Foto: Katja Ruge)

„Emotional Eater“, so heißt das neue Album von Die Cigaretten (Foto: Katja Ruge)

 

Nicht Oldschool

 

Mal zur Soundästhetik von „Emotional Eater“. Euer Label bringt da Genre-Titel à la „Problemkind-Pop“ und „Cyber-Grunge“ ins Spiel. Gleichzeitig werdet ihr auch immer wieder mit großen Bands wie Queens of the Stone Age verglichen. Nervt das?

Michi: Die Vergleiche fasse ich inzwischen als Kompliment auf. Ich habe von Ramones über Asian Dub Foundation bis hin zu Queens of the Stones Age schon alles gehört. Irgendwann habe ich begriffen, dass viele uns nicht ganz einordnen können und eigentlich nur ausdrücken wollen, dass sie gut finden, was wir machen. Oldschool finde ich uns aber nicht. Als oldschool kann man eigentlich alles ansehen, weil sich die Dinge eben entwickeln. Alles ist ja immer eine neue Mischung aus schon Dagewesenem. Zwölf Töne werden immer wieder neu gemischt.

Für das Musikvideo der Singleauskopplung „Immer ist Irgendwas” sitzt ihr in einer fiktiven Talkrunde mit Bärbel Schäfer. Diese war ja vor allem in den 90er Jahren eine TV-Ikone – womit wir wieder bei oldschool wären. Welche Verbindung habt ihr zu der Moderatorin?

Micha: Wir kennen die, weil wir solche Boomer sind …

Michi: Weil uns diese 90er Zitate oft nachgesagt werden, fangen wir an, den Ball zurückzuspielen. Wir mussten bei dem Song immer an Talkshows denken. Wir wollten es aber nicht so politisch umsetzen. Wir haben dann Bärbel Schäfer einfach gefragt und die hatte Bock. Dieses Element von Talkshow greift die Bedeutung des Songs total gut auf. Wahrscheinlich hätten wir auch Facebook-Kommentarspalten abfilmen können. Viel entsteht bei uns durch Zufall und das wollen wir auch. Das ist bei Musikvideos so, aber auch im Aufnahmeprozess.

 

„Wir passen da ganz gut rein“

 

Zusammen mit Bands wie Ducks on Drugs, Sorry 3000 und Olympya seid ihr bei eurem Label Audiolith so etwas wie die neue Generation, der neue Sound des Labels …

Micha: Audiolith stellt sich breiter auf und es ist nicht mehr nur noch in einer Szene zu verorten. Das ist jetzt viel mehr Kunstmusik. Ich finde das cool und glaube, wir passen da ganz gut rein.

Michi: Die haben eine Entwicklung durchgemacht, wir aber auch. Wir haben uns dann wortwörtlich dabei getroffen. Lars Lewerenz (Labelchef von Audiolith; Anm. d. Red.) hat uns im Docks gesehen und fand uns cool. Wir haben miteinander gequatscht und so sind wir letztendlich auch dahin gekommen.

Micha: Diese Docks-Show haben wir nur bekommen, weil Fenja vom Molotow uns dort beim Clubaward reingelabert hat. Fenja haben wir letztendlich das Label zu verdanken.

 

Professionalisierung und ein gutes Timing

 

Ihr habt euch erst 2018 als Band zusammengefunden. Geprobt habt ihr anfänglich teils auf einer Verkehrsinsel, weil die Proberäume im Otzenbunker dicht gemacht wurden. Konntet ihr euch mit der Zeit professionalisieren? 

Micha: Also wir sind eine Firma!

Michi: Eine knallharte Firma!

Micha: Wir schreiben Rechnungen und machen die Steuer und so.

Michi: Das ist schon spannend, was dieses Jahr passiert ist. Wir hatten massive Probleme – allein damit, in Hamburg etwas zum Proben zu finden. Zwischendurch waren wir im Otzenbunker, jetzt sind wir in einem Proberaum da in … wie heißt der Stadtteil? Hamm, glaube ich. Auf einer Verkehrsinsel haben wir tatsächlich eine Zeit lang gespielt, weil wir einfach nichts gefunden haben. Inzwischen hat sich das aber gegeben. Ich finde, dass in Hamburg inzwischen viel für Musik getan wird. Klubs wie das Molotow ziehen außerdem heimische Bands hoch und supporten die mit Auftrittsmöglichkeiten. In Hamburg gibt es dadurch nicht nur Musical-Tourismus, sondern auch Sachen mit Seele. 

Corona hat, gerade wenn es um Live-Kultur geht, bei vielem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie seid ihr bisher durch die Pandemie gekommen?

Micha: Wir hatten zum Glück ein gutes Timing. Als Corona anfing, hatten wir noch nichts in Planung, sondern waren dabei, das Album aufzunehmen. Dann hat die Pandemie drei, vier Monate weggefressen, weil man gar nicht spielen konnte. Dann kam der Sommer, und es ging draußen etwas. Ich will damit sagen, dass es uns persönlich gar nicht so hart getroffen hat.

Michi: Ich finde, es war noch ok. Die Unterstützung war großartig. Was eine Unterstützung natürlich nicht leisten kann, ist, dass Leute einen live sehen. Ein Live-Konzert zu spielen, ist einfach etwas ganz Anderes, als im Proberaum zu sein. Das hat uns sogar extrem hart getroffen. Wenn einen als Band keine Leute sehen, dann wird man nicht besser und kann nichts tun. Man füllt Anträge aus, anstatt Gitarre zu spielen. Wir wollten eigentlich im März ein Album rausbringen, was „Crashkid“ heißen sollte. Das ist dadurch nur eine Digital-EP geworden. Im Schlimmen hatten wir großes Glück und ich fand es toll, dass sich die Kulturschaffenden untereinander organisiert haben. Aber das, was hätte stattfinden sollen, konnte nicht ersetzt werden. Sowohl aus Sicht eines Musikfans, als auch aus Sicht einer Band.

„Die Cigaretten“ 2. Dezember 2021 um 20.30 Uhr in der Astra Stube


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Lokale Newcomer beim Molotow Cocktail Festival

Zahlreiche hoffnungsvolle Hamburger Musiker präsentieren sich im Reeperbahn-Schuppen

Text: Erik Brandt-Höge

 

Es ist schummrig, Schweiß liegt in der Luft, Gitarrenriffs krachen von der Bühne in die Menge: eine typische Molotow­-Szene. Der Club auf der Ree­perbahn, den Musikfachblätter regelmäßig in ihren Beliebtheitslisten für Locations weit oben platzieren, ist seit bald 30 Jah­ren ein Zuhause von Rockbands und ihren Fans, von Partymachern aus ganz Ham­burg, ach, aus der ganzen Welt. Nicht sel­ten starteten spätere Weltstars im Molotow ihre Karrieren, Gruppen wie Mando Diao und The Hives standen hier schon auf der Bühne.

 

Offene Türen für Newcomer

 

Auch kleine Festivals gibt es im Club und dessen Hinterhof. Die Burger Invasion etwa, benannt nach dem legen­dären kalifornischen Underground-­Label Burger Records, bietet jährlich die spannendsten Punk­-Combos. Und eh klar, dass das Molotow kürzlich wieder einer der Top-­Spielorte des Reeperbahn Festivals war. Bekannt ist zudem, wie sehr es den Molotow-­Machern ein Anliegen ist, hoffnungsvollen Newcomern zu helfen, vor allem denen aus Hamburg. Jungen, talentierten und zum Molotow passenden Formationen und Solokünstlern stehen die Türen seit jeher weit offen.

Zum Molotow Cocktail Festival sind nun zahlreiche lokale Künstler eingeladen, die womöglich bald schon nicht mehr in Läden die­ser Größe zu sehen sein werden. Beson­ders vielversprechend sind zum Beispiel Moped Ascona, deren angestachelten Gi­tarrensongs ziemlich fix alles und jeden vereinnahmen.

Die Cigaretten könnten mit ihrem Mix aus Pop, Punk und Wave freilich jetzt schon Hallen jenseits der 500-­Zuschauer­-Marke beschallen. Glue Teeth brillieren mit Schreihals-­Punk in Perfektion. Und Melting Palms sorgen für ein wenig melancholische Hymnik mit stark Hall­ beladenen Indie­-Rock-Stücken, die bereits international relevant erscheinen.

Viele weitere Live-­Acts wird es geben beim Molotow Cocktail Festival, unter ihnen Matrone, The Kecks, Fluppe, Leto, O Joe & The Tarantula, Highcoast und Goblyn. Ein Abend wie gemacht, um zu erleben, wie breit gefächert Hamburgs musikalische Nachwuchslandschaft ist.

Molotow Cocktail Festival: Molotow, Nobistor 14 (St. Pauli), 26.10.19, 18 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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