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Smudo: „Luca ist ein Ausstiegsszenario“

Die App „Luca“ soll dabei helfen, die Gesundheitsämter zu entlasten und das gesellschaftliche Leben zu normalisieren. Wie das geht, erklärt Smudo von Die Fantastischen Vier. Sie gehören neben dem Berliner Start-up Nexenio, einer Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts, sowie weiteren Kulturschaffenden zum Team hinter Luca

Interview: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Smudo, in welcher Phase der Pandemie habt ihr angefangen, euch mit dem Entwickeln einer App wie Luca zu befassen?

Smudo: Wir wollten im vergangenen Jahr auf die größte Tour unserer Karriere gehen: „30 Jahre Die Fantastischen Vier“ – und dann kam Corona. Auf der Suche nach Möglichkeiten, unsere Konzerte spielen zu können, sind wir zu Hobby-Epidemiologen und Netzwerkern geworden. Unter anderem haben wir das Berliner Start-up Nexenio kennengelernt.

Nexenio haben im September 2020 an einem digitalen Dokumentations-Pflicht-Tool gearbeitet, wobei schnell klar wurde, dass der Bottleneck des Ganzen die Gesundheitsämter sind. Die Dokumentation ist zwar wichtig, aber eigentlich muss es ein Quellcluster-Backtracing geben. Am Ende der Arbeit stand ein System, das meines Wissens nach weltweit als Erstes kann: Luca.

Wie funktioniert die Daten­ eingabe bei Luca?

Bei Luca gibt man seine Daten ein, wird verifiziert und bekommt eine SMS zurück. Luca generiert minütlich wechselnde QR-Codes. Dann kann man ins Taxi steigen, ins Restaurant gehen, überall hin, und meldet sich immer wieder an und ab. Dabei werden weder ein Bewegungsprofil, noch Geodaten hinterlassen. Die eigenen Daten bleiben mit einem Public und einem Secret Key gesichert auf dem Telefon.

Es entsteht also eine geschützte Historie, quasi ein Kontakte-Tagebuch. Und beim Gastgeber liegen die Check-in- und Check-out-Daten, ebenfalls geschützt mit einem Public und einem Secret Key. Auch das Gesundheitsamt hat einen Public und einen Secret Key und kann diese nutzen, wenn der Luca-User es denn möchte.

 

Direkte Daten

 

Was passiert, sollte ein User krank werden?

Das Gesundheitsamt wird über einen positiven Test informiert und ruft in der Folge dann den Erkrankten an: „Sind Sie bei Luca und wollen Sie die Historie freischalten?“ Man willigt ein, übermittelt, und die Daten gehen direkt – zum Beispiel über Sormas – ins Amt. Das Gesundheitsamt kann dann die Gastgeber anfragen und alle anderen zeitmäßig relevanten Luca-User bekommen es mitgeteilt, sind also im Loop, ohne selbst irgendetwas angegeben zu haben.

Und das ist nur ein Vorteil von Luca. Es hat sich ja herausgestellt, dass von zehn Leuten nur einer so infektiös ist, dass er andere anstecken kann. Und es wäre doch schön, wenn man diesen einen finden würde, weil der ja symptomfrei herumlaufen und ganz viele andere anstecken kann. Das sogenannte Quellcluster- Tracing. Auch das geht mit Luca.

Nämlich wie?

Sagen wir, man geht ins Restaurant, und später stellt sich heraus, dass man krank ist. Die Historie geht dann ans Gesundheitsamt. Nun war ein Geschäftsmann aus Frankfurt in Hamburg, lässt sich zu Hause testen und ist positiv. Die Historie zeigt, dass der Frankfurter mit dem Hamburger zur selben Zeit im gleichen Restaurant saß. Vermutlich ist einer von den beiden der Superspreader, denn sie haben uns aller Wahrscheinlichkeit nach dort angesteckt.

Jetzt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr Leute in diesem Restaurant infiziert sind um das Einhundertfache. Durch Luca wüssten das die Betroffenen sofort, könnten Leute in Quarantäne schicken und der Infektionsherd wäre eingehegt. Das ist einmalig und funktioniert natürlich, nur wenn Frankfurt und Hamburg beide Luca nutzen würden.

 

„Wir haben den direkten Draht zum Gesundheitsamt und zurück“

 

Wie stellst du dir eine Welt mit Luca vor?

Man fährt mit der Bahn, scannt QR-Code, piept, ist bei der Oma, piept dort, piept auch im Restaurant, und wenn man zu den Fantas geht, lässt man sich vorher testen. Positiv? Dann wird das in die App geschrieben, und alle wissen Bescheid: die U-Bahn-Fahrer, die Oma, die Restaurantbesucher. Und man kriegt sein Geld zurück, weil man nicht zum Konzert kann – bei dem dank Luca übrigens nicht nur 500, sondern 3.500 Leute sein dürfen.

Für diejenigen, die Luca noch nicht downgeloaded haben: Wie würde dein Werbeslogan lauten?

„Wir sind Gesundheitsamt!“ (lacht) Weil wir den direkten Draht dorthin und zurück haben. Wenn ich Leuten erkläre, warum wir während einer Pandemie ein Tracing wie dieses benötigen, ziehe ich auch gerne folgendes Bild heran: Wenn eine Flut kommt, das Wasser über die Ufer tritt und die Menschen sowie die Wirtschaft bedroht, steht der Politiker genauso auf dem Acker wie die Putzkraft und der Fernfahrer. Alle krempeln die Ärmel hoch und schmeißen Sandsäcke. Luca ist jetzt auch ein Sandsack, darauf können sich alle verständigen.

Macht dieser „Sandsack“ die Corona­Warn­App nichtig?

Ich glaube an einen Mix aus Impfgeschehen, Hygienemaßnahmen, Testen sowie Corona-Warn-App und Luca. Wenn all das gleichermaßen am Start ist, kann die Pandemie in den Hintergrund gedrängt werden.

Glaubst du auch, dass wenn es Luca bereits vor einem Jahr, also zu Beginn der Pandemie gegeben hätte, uns vieles erspart geblieben wäre?

Luca wäre zu Beginn wahrscheinlich nur ein weiteres Doku-Pflicht-Digi-Tool gewesen, mit dem wir auch in den Lockdown geraten wären. Es gab damals einfach noch so viel zu lernen, sodass Luca nicht den Unterschied gemacht hätte, den das System jetzt hoffentlich macht. Wir sind fest davon überzeugt, dass Luca ein Ausstiegsszenario sein kann.

Werdet ihr von Bund und Ländern unterstützt?

Dort, wo die App schon läuft, etwa in Thüringen, übernimmt die Infrastruktur natürlich das Land. Wir arbeiten seit drei Monaten auch eng mit dem Bundesgesundheitsamt zusammen, das Mittel dafür bereitgestellt hat. Und wir sind mit zweihundert Gesundheitsämtern im Gespräch. Also: Zuletzt gab es innerhalb von nur einer Woche eine Million Luca-Downloads und über 12.000 registrierte Betriebe.

luca-app.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Soundtrack Deutschland: Die Wirkung von Musik made in Germany

Oliver Georgi und Martin Benninghoff sprechen mit deutschen Top-Künstlern über die Wirkung von Musik made in Germany

Text: Erik Brandt-Höge

 

Ist Peter Maffay ein deutscher Volkssänger? Weiß Judith Holofernes, was toxisch ist am Pop? Wie empfindsam findet Reinhard Mey die Deutschen? Und: Was glaubt Ina Müller eigentlich, wie viel Mythos ein Star braucht? Alles Fragen, die Oliver Georgi und Martin Benninghoff in insgesamt 23 Interviews mit deutschen Top-Künstlern gestellt haben.

Die beiden FAZ-Redakteure, die sich ansonsten vor allem um Poltisches kümmern, haben mit „Soundtrack Deutschland“ keinen schnöden Gesprächs-Band gemacht, der sich rund um die Erfolgsgeschichten des Who’s who der hiesigen Musiklandschaft dreht. Gefälligkeits-Musikjournalismus geht wirklich anders. Nein, Benninghoff und Georgi gehen tief, fragen nach, hinterfragen vor allem, kitzeln heraus. Alles mit dem Ziel, herauszufinden, was die Songs von deutschen Musiklegenden, aber auch der jüngeren Generation, mit ihren Hörern machten und machen. Ja, da geht es auch um Politisches, was den Autoren logischerweise liegt. Aber ebenso um die deutsche Musikbranche an sich, ihr Selbstverständnis, ihre Hitfabriken. Um Imageaufbauten und -pflege. Speziell: um Wirkung.

Zudem stellen die Buchmacher den Stars spannende Fragen über Anfangstage und das Hier und Jetzt, etwa, ob Smudo und Michi Beck von Die Fantastischen Vier etwas mit ihren jungen Ichs aus der „Die da“-Zeit anfangen können. Wer Bock hat auf mehr als nur PR-Interviews rund um alte und neue Alben, wird mit „Soundtrack Deutschland“, das man geradezu ein musikalisches Geschichtsbuch nennen darf, durchweg glücklich. Exklusive Fotos der Künstler sind übrigens inklusive.

Oliver Georgi und Martin Benninghoff: „Soundtrack Deutschland“, echtEMF, 240 Seiten, 36 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Konzert des Monats – Die Fantastischen Vier

Smudo von den Fantastischen Vier über mehr Gelassenheit im Musikgeschäft, den anhaltenden Drang, cool gefunden zu werden und ein Hobby hoch oben in den Wolken. Am 14.1. treten die Hip-Hopper in der Barclaycard Arena auf – unser Konzert des Monats.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Robert Grischek

SZENE HAMBURG: Smudo, spürst du aktuell eine besonders große Verantwortung, wenn du mit der Band auf die Live-Bühne gehst?

Smudo: Eigentlich gehen wir mit einem ähnlichen Gefühl auf die Bühne, wie zu anderen Zeiten auch. Wir haben jetzt kein größeres Sendungsbewusstsein, weder bei dem, was wir vorher schreiben, noch was die Art angeht, wie wir auftreten.

Dabei unterhaltet ihr mittlerweile drei Generationen von Fans. Von vielen könntet ihr die Väter sein.

(lacht) Das ist richtig. Aber wir haben trotzdem kein spezielles Familienprogramm für unsere Shows entwickelt. Für mich kann ich sagen: Ich bin ein Mann in seinen besten Jahren, und wenn ich mein bisheriges, sehr abwechslungsreiches Leben überblicke, gab es definitiv eine Konstante, nämlich das gute Bühnengefühl. Das ist heute, mit 50, genauso wie mit 20.

Was ist die Basis dieses guten Gefühls?

Wir sind als Band einfach sehr lange zusammen und schon fast mehr als eine Familie. Wir sind im gleichen Alter, haben privat wie beruflich ähnliche Perspektiven. Es gibt niemanden, der mich besser und intimer beraten kann, als meine Bandkollegen – und das auf allen Ebenen. Und dann funktioniert es eben auch auf der Bühne.

Hat sich mit der Zeit vielleicht auch mehr Live-Gelassenheit ergeben?

Ich verspüre heute allgemein mehr Gelassenheit als in anderen Zeiten.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Neulich hatten wir ein Treffen mit Four Artists, unserer Firma. Von der sind wir ja selbst Kunden, und dadurch ergeben sich auch mal Konflikte. Diskussionen werden heute aber weniger hitzköpfig geführt, als noch vor zehn Jahren. Das liegt auch an einer von uns sehr gepflegten, fortschrittlichen Work-Life-Balance.

 

„Geil-gefunden-werden ist Motivation“

 

Irgendwelche unangenehmen Begleiterscheinungen des Älterwerdens?

Die Sprungfrequenz auf der Bühne ist nicht mehr so hoch. Und wenn wir drei, vier Tour-Tage hinter uns haben, reicht ein Tag zur Erholung auch nicht mehr aus.

Du hast mal gesagt, ihr hättet einst mit der Musik angefangen, um „geil gefunden zu werden“. Daraus wurden Ruhm und Reichtum. Heißt euer Ziel heute deshalb vielleicht eher: Bloß keine Langeweile aufkommen lassen?

Es gibt schon noch bestimmte künstlerische Momente, in denen das Geil-gefunden-werden eine Motivation ist. Als Musikkonsument und Fan von Bands kenne ich es, dass es manchmal einen Punkt gibt, an dem ich Künstler irgendwie doof oder einfach zu alt finde, ihnen also entwachse. Und ich und wir möchten nicht, dass das mit uns passiert. Wir kämpfen dagegen an.

Hat sicher auch mit Eitelkeit zu tun. Ist die mehr geworden mit den Jahren?

Sie hat sich auf jeden Fall verschoben. Zum Beispiel lässt mit dem Alter die Sehkraft nach, und dann muss man eine Brille tragen – ob man will oder nicht. Auf der Bühne mit Brille kommt aber nicht in Frage. Also habe ich mir Kontaktlinsen anpassen lassen. Das ist sicher auch Eitelkeit. Ansonsten war ich aber noch nie wirklich eitel, früher habe auch nie großen Wert auf mein Äußeres gelegt, was heute allerdings anders ist. Ich war immer froh, dass mein persönlicher Modezar sich um die Bandgarderobe gekümmert hat.

Du meinst Michi Beck?

Genau. Er ist nach wie vor der Verantwortliche für unsere Klamotten. Dafür geht er richtig los, sucht Partner, führt Verhandlungen. Er ist auch der Style-Master für unseren Merchandising-Shop. Er ist immer der Erste, der neue Entwürfe bekommt und daraufhin die Ansagen macht.

 

„Fliegen ist für mich wie die Golfrunde für Alice Cooper“

 

Die Fantastischen Vier, die Firma, der TV-Job bei „The Voice“: Braucht es zum ständigen Leben in der Öffentlichkeit bestimmte Ausgleiche?

Ich habe ja einen Pilotenschein und fliege und mache auch sonst viele Dinge abseits der Musik. Das tue ich aber nicht, um die Öffentlichkeit auszugleichen, sondern weil es zu meiner Welt dazu gehört. Ich genieße alle Perspektiven in meinem Leben.

Und welche Tätigkeit entspannt dich im Moment am meisten?

Das Fliegen! Weil es immer einen klaren Anfang und ein klares Ende hat. Alles läuft nach Checklisten ab. Die klaren prozeduralen Abläufe im Cockpit sind für mich, der in einem wilden Arbeitsleben zwischen Familie mit drei Töchtern einen sehr unregelmäßigen Terminkalender zu bändigen hat, die pure Erholung. Das Fliegen ist für mich wie die Golfrunde für Alice Cooper (lacht). Und – auch wenn das jetzt sehr dramatisch klingt – es geht dabei ja um nichts weniger als zu fliegen!

Wer kann denn schon fliegen – außer den Göttern!? Wenn ich da oben alleine in meiner Blechdose sitze und nachts über der geschlossenen Wolkendecke fliege, habe ich das Gefühl, der letzte Mensch auf dieser Welt zu sein.

Die Fantastischen Vier: 14.1., Barclaycard Arena, 19 Uhr


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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