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Michel Arriens: Im Einsatz gegen Diskriminierung

Inklusionsaktivist Michel Arriens strotzt vor Tatendrang: Der kleinwüchsige Mann ist unermüdlich im Einsatz gegen Diskriminierung

Interview: Mirko Schneider
Foto: Anna Spindelndreier

Michel, du nennst dich „Inklusionsaktivist“. Was verstehst du darunter?

Michel Arriens: Ich setze mich für die Bedürfnisse der zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland ein. Aber nicht nur für die der rund 100.000 kleinwüchsigen Menschen. Als studierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler arbeite ich als Head of Social Media & Campaigner bei Change.org.

Außerdem bin ich Pressesprecher beim Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien. Online bin ich auf Facebook und Twitter sehr aktiv, blogge, filme, fotografiere, führe viele Gespräche mit Entscheidungsträgern und besuche Veranstaltungen wie zum Beispiel die re:publica. Da schmeiße ich dann meinen Roller an und ab geht die Post.

In deinem Blog schreibst du, du seiest „Experte für Kampagnen-Eskalation“. Verrätst du uns ein paar Tricks?

(lacht) Für welche Kampagne denn? Grundsätzlich ist eine Kampagne als Dreieck zu betrachten. Erste Seite: eine Masse von Menschen, die etwas verändern will. Zweite: die mediale Berichterstattung. Dritte: die Entscheidungsträger, die zu Taten bewegt werden sollen. Alle drei Seiten müssen bedacht werden. Eine Online-Petition zum Beispiel, selbst wenn sie viele Menschen mobilisiert, nützt ohne medialen Druck kaum etwas.

Also müssen die Belange der Medien mitgedacht, ihnen wahre und gute Geschichten geliefert werden, über die sie berichten können. Durch die Öffentlichkeit wird das Anliegen sichtbarer, die Mobilisierung wird verstärkt – und der Druck auf die Entscheidungsträger wächst. Mit denen muss man dann parallel in den Dialog treten, damit sie die Plastiktüte im Discounter abschaffen. Oder eben das tun, was das Ziel der Kampagne ist.

 

„Man sieht den Körper – und traut uns viel weniger zu“

 

Für kleinwüchsige Menschen fällt eine Benachteiligung sofort auf: die oft nicht gegebene Barrierefreiheit.

Richtig. Schon beim Aufwachsen existiert eine Spaltung unserer Lebensrealitäten. Wenn ich nicht in deine Lieblingsdisco, dein Lieblingscafé, dein Lieblingsrestaurant, deinen Lieblingssportverein gehen kann – wie sollen wir uns dann eigentlich kennenlernen? Mindestens genauso schlimm ist oft die Haltung, kleinwüchsige Menschen nichts zuzutrauen.

Wenn ich dafür gelobt werde, dass ich „trotzdem“ im Club feiere und abgehe, ärgere ich mich. Oder dass ich „trotzdem“ lächele. Was ist denn dieses „Trotzdem“? Ich kann genauso feiern und lächeln wie andere Menschen auch. Ich will nicht diesen Makel angeheftet bekommen. Der hat übrigens ganz reale ökonomische Konsequenzen.

Welche?

Es gibt eine Menge Studien dazu. Trotz erwiesenermaßen überdurchschnittlicher Qualifikation ist die Arbeitslosenquote unter kleinwüchsigen Menschen doppelt so hoch. Man sieht ihren Körper – und traut ihnen viel weniger zu. Das ist diskriminierend und traurig.

Du hast die Medien angesprochen, die eine wichtige Rolle für die Belange benachteiligter Menschen spielen. Doch sie können auch ein weniger rühmlicher Akteur sein, oder?

Ja. Die Erfahrung habe ich am eigenen Leib gemacht. Für Sat.1 moderierte ich 2012 die Doku-Serie „Die große Welt der kleinen Menschen“ mit Ulla Kock am Brink. Vorneweg: Mit Ulla Kock am Brink würde ich jederzeit wieder zusammenarbeiten. Sie war ausgezeichnet. Doch es gab viel berechtigte Kritik daran. So wurde beispielsweise ein kleiner Mann gezeigt, der durch einen Wald geht.

Unterlegt wurde die Szene ohne mein Wissen mit der Musik aus den „7 Zwergen“. Es wurde sich zu oft lustig gemacht, zu viele Stereotype reproduziert. Mit dem Wissen von heute würde ich die Sendung so nicht mehr machen.

 

Die Disco, die Kleinwüchsige jagen ließ

 

Manchmal geben sich kleinwüchsige Menschen leider für Aktionen her, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. So wie das Zwergenwerfen. Wie findest du das?

Das nervt mich. Klar, die Menschen machen das freiwillig. Aber welches Bild transportiert denn das? Wir sind klein, putzig, nicht ernst zu nehmen. Extrem schlimm fand ich im Jahre 2013 die Aktion einer Disco in Cuxhaven namens „Fang den Liliputaner und gewinne einen Flatscreen“. Vorbild war der Film „Project X“, in dem eine Party von Jugendlichen vollends eskaliert. Als die Eskalation so richtig ins Rollen kommt, wird ein kleinwüchsiger Mensch in einen Backofen eingesperrt. Die Disco ließ also einen kleinwüchsigen Menschen von den Disco-Besuchern jagen, um ihn dann einzusperren!

Wir haben dazu vom Bundesverband für Kleinwüchsige Menschen eine Stellungnahme verfasst, unsere Abscheu kundgetan. Die Aktion ist totale Scheiße – und der Begriff „Liliputaner“ übrigens auch. Man kann sich das leicht klarmachen, wenn man den Begriff tauscht. Was wäre wohl los, wenn eine Disco mit dem Slogan „Fang den Neger und gewinne einen Flatscreen“ wirbt?

Treibt dich das vor allem an?

Dass solches Gedankengut nicht wieder salonfähig wird? Klares Ja! Ich nehme einen gesellschaftlichen Ruck in eine bestimmte Richtung wahr. Dagegen stelle ich mich und ich wünsche mir, dass es viele andere Menschen auch tun. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, das Aufstellen von Barrieren gegenüber Behinderten durch jegliche Form der Ausgrenzung – all diese Diskriminierungen müssen bekämpft werden. Ich persönlich habe mit 20 Jahren den Entschluss gefasst, etwas zu tun.

Ich habe mir eine große Klappe antrainiert, um gehört zu werden. Das war wichtig, hat mich selbstbewusster gemacht. Denn ich will nicht als Mensch mit einer Behinderung in einer Gesellschaft leben, die mich als Sonderling betrachtet.

Michel Arriens.de


Wie inklusiv ist Hamburg schon? Dieser Text stammt aus Vielfalt leben – dem Magazin von SZENE HAMBURG und Inklusionsbüro, Juni 2019
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel erhältlich: inklusive der SZENE HAMBURG, im 
Online Shop oder hierVielfalt-leben-Juni-2019-cover


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Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

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So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

Pinkstinks-Pinker-Pudel-Logo

Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

Pink-Stinks-Werbemelder

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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