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„Werkhaus 2.0“: Obdachlosigkeit sichtbar machen

Noch bis Jahresende finden im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude am Hauptbahnhof Künstler:innen einen Platz, um ihre Arbeit zu präsentieren. Eines der Projekte: Das „Werkhaus 2.0“, das über Obdachlosigkeit in Hamburgs Stadtzentrum informieren will

Text: Marina Höfker  

Rund um den Hamburger Hauptbahnhof prallen verschiedene Realitäten aufeinander: Es gibt viele Obdachlose und Geschäftsbetreiber:innen fürchten Einbußen aufgrund von ausbleibenden Touristen und Kund:innen. Ein Phänomen, das in vielen Großstädten rund um die Bahnhöfe zu finden ist. Doch eine wirkliche Alternative gibt es für Obdachlose meist nicht. Um auf das Problem verstärkt aufmerksam zu machen und sich für eine dauerhafte Lösung einzusetzen, rückt Günter Westphal vom Bündnis Stadtherz das allzeit aktuelle Thema wieder in den Fokus.

Denn in unmittelbarer Nähe zum Hamburger Hauptbahnhof hat das „Werkhaus 2.0“ einen Platz gefunden. Im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude, das bis zum Jahresende von der Hamburger Kreativgesellschaft als „Raum für kreative Zwischennutzung“ genutzt wird, hat das Kunstprojekt um Initiator Günter Westphal einen Info- und Beratungskiosk für Obdachlose eingerichtet – direkt am Eingang im Erdgeschoss. Im Rahmen des Jubiläums „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“ hat das „Werkhaus 2.0“ sich bei einer Ausschreibung durchgesetzt und eine Förderung erhalten. In dem Gebäude unweit des Hauptbahnhofs hat Günter Westphal einen Info- und Beratungskiosk eingerichtet – direkt am Eingang im Erdgeschoss.  

Werkhaus 2.0: Eine Anlaufstelle für Obdachlose

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Bis Ende Dezember 2022 gibt es den „Raum für kreative Zwischennutzung“ im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude in der Mönckebgerstraße (©Felix Willeke)

Der Künstler und Fotograf versteht sein Projekt auch als Kunst, obwohl er ein ganz anderes Ziel im Visier hat. Er will eine dauerhafte Herberge für Obdachlose ganz in der Nähe einrichten – vor allem, nachdem das Wohnungslosenprojekt „Die Mission“ nach 25 Jahren vor dem Aus steht und der ambulante Stützpunkt der Caritas für Obdachlose im August 2018 aufgrund von Modernisierungsmaßnahmen weichen musste. Seit dem 20. Oktober 2022 und bis voraussichtlich Mitte Dezember ist der Kiosk geöffnet. Zunächst sollte es vor allem eine Anlaufstelle für junge Obdachlose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Erwachsene sein. Doch die Betroffenen nehmen das Angebot bisher kaum an. Verwundert ist Günter Westphal darüber nicht. „Wir haben hier kaum Toiletten und durch das Nebeneinander verschiedener Kunstprojekte ist es wahnsinnig laut. Die trauen sich hier nicht rein“, mutmaßt er. Man wolle die Obdachlosen auch nicht wirklich dort haben. Die gesamte Struktur innerhalb des Gebäudes funktioniere nicht: „Künstler, die Geld verdienen wollen, prallen auf Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie sie die Stadt sozial verändern können. Das ist absurd“, sagt er. Dabei ist das „Werkhaus 2.0“ nicht anderes als eine andere Version des 2013 von der Stadtteilinitiative Münzviertel gegründetem Werkhaus Münzviertel, das im Fall des „Werkhaus 2.0“ im Rahmen von „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“  gefördert wird.  

Werkhaus Münzviertel als soziales Kunstprojekt

Mit dem Werkhaus Münzviertel, das sich im gleichnamigen Quartier befindet, will Günter Westphal beweisen, dass sich Kunst und Soziales nicht ausschließen müssen. Die Werkstätte versteht sich als ein nachbarschaftliches Netzwerk, vorwiegend aus Studierenden. Junge Wohnungslose und Geflüchtete, für die andere soziale Angebote nicht funktionieren, sollen dort möglichst niedrigschwellig einen Platz finden und sich ausprobieren. Die Arbeit unter Anleitung von Künstler:innen in den Bereichen Küche und Gartenbau oder das Werken mit Holz und Textilien soll sie zu einem möglichst selbstbestimmten Leben motivieren. „Im Grunde müsste sowas in jeder Nachbarschaft entstehen“, sagt Günter Westphal. Doch oftmals scheitere es an der Finanzierung. Um die Arbeit des Werkhauses näher vorzustellen, werden an dem zweiten Standort im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude Produkte wie Marmeladen, gezüchtete Blumen und bedruckte Tragetaschen präsentiert, die gegen eine Spende erworben werden können. Zugleich soll ein öffentlicher Ort geschaffen werden, um mit Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskursen auf die Situation rund um den Hauptbahnhof aufmerksam zu machen.

„Im Grunde müsste sowas in jeder Nachbarschaft entstehen“ Günter Westphal

 

Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskurse

Für November hat das Zentrum für Zukunft, das aus dem Bündnis Stadtherz hervorgegangen ist, bereits einige Veranstaltungen geplant. Am Donnerstag, den 10. November, eröffnet um 19 Uhr eine Fotoausstellung des Straßenmagazins Hinz&Kunzt mit dem Titel „Blaue Betten auf Beton“. Am 17. November diskutieren Günter Westphal und der Konzept-Künstler Michael Kress ab 19 Uhr darüber, inwiefern Kunst und Soziales zusammenpassen. Und am 18. November sprechen Kunstvermittlerin Veronika Schöne und Günter Westphal ab 16 Uhr über das Werkhaus-Projekt. Am 19. November sind Interessierte um 18 Uhr zu einem Diskurs zum Thema „Künstlerische Maßnahmen gegen die Kälte“ eingeladen. Dabei soll auch die Dokumentation über den Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit dem Titel „Freund! Freund! Freund“ vorgestellt werden, auch die Filmemacher werden zu Gast sein. Das Bündnis Stadtherz lädt am 23. November schließlich zu einem Diskurs zum Thema „Soziale Stadtplanung rund um den Hauptbahnhof“, bei dem Regisseure Irene Bude und Olaf Sobczak ihren Film „Alles muss raus“ aus dem Jahr 1999 vorstellen.


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fluctoplasma: Diskurs, Kunst und Diversität

Vom 27. bis 30. Oktober bietet das Kulturfestival fluctoplasma Künstler*innen, Speaker*innen und Aktivist*innen eine Bühne für diverse Perspektiven

Text: Katharina Stertzenbach

 

fluctoplasma: Hamburgs Festival für Kunst, Diskurs und Diversität ist ein interdisziplinäres Kulturfestival, das 2022 bereits zum dritten Mal in Hamburg an sechs Spielorten stattfindet. Hauptspielstätte ist in diesem Jahr erstmals das Museum am Rothenbaum – Kultur und Künste der Welt (MARKK). Der Name des Festivals ist eine Anspielung auf den Begriff „fluide Gesellschaft“, womit in der Wissenschaft auf problematische Verhältnisse in den hochindustrialisierten Volkswirtschaften hingewiesen wird. fluctoplasma beschäftigt sich mit Kapitalismus, Kolonialismus, Patriarchat, Rassismus und der Gewalt, die von diesen und anderen Systemen ausgeht. fluctoplasma bietet vor allem Raum und Gelegenheit für den Austausch mit den Künstler*innen aber auch für die Besucher*innen untereinander. 

Retelling Utopia

Das Motto des Festivals für 2022 ist „retelling utopia“. Und getreu dieser Maxime stellen über hundert Künstler*innen in Ausstellungen, Konzerten, Filmvorführungen, Installationen, Spoken-Word-Performances und vielem mehr ihre Perspektiven für ein Zusammenleben in Vielfalt vor: Welche Utopien von Gemeinschaft haben ausgedient, vertragen ein Update oder verlangen nach inklusiveren Grundgedanken als die der europäischen Aufklärung? Auf diese wichtigen Zukunftsfragen versucht das fluctoplasma 2022 mit den teilnehmenden Künstler*innen und Besucher*innen Antworten zu finden.

Tickets gibt es in drei Preiskategorien: allgemeine Tickets für einzelne Events; ein Festival-Tickets für alle Veranstaltungen; und Mediathek-Tickets für den rein digitalen Festivalgenuss.   


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Diskurs im Park

Sidney Logan, 17, ist das jüngste Mitglied bei Park Fiction. Das Kunst- und Nachbarschaftsprojekt wurde Mitte der 90er von St. Paulianern erdacht, geplant und durchgesetzt

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Sidney, wer seid ihr, was sind eure Ziele?

Sidney Logan: Wir sind ein Team von zehn bis 15 Leuten in allen Altersgruppen. Von 17 bis 80. Es geht meistens darum, Probleme im Park gemeinsam zu lösen, Raum für Diskurs zu öffnen. Ich finde es schön zu sehen, wie gut die Menschen zusammenarbeiten, nur mit dem Gedanken, für die Community einen Raum zu schaffen. Ohne Geld zu bekommen.

Eine „Lärm im Park“-Initiative hatte sich an die Bezirksversammlung gewandt und Beschlüsse bewirkt, um die „Dauerparty“ einzudämmen.

Ich finde es problematisch, dass Einzelpersonen mit der kommunalen Politik sprechen und nicht alle Menschen auf einer Ebene zusammen reden. Wie es der Kern von Park Fiction ist: Gemeinsam anpacken, ohne eine Institution dazwischen kommen zu lassen. Es gibt die Forderung nach mehr Polizei. Ich meine, da kommt schon Polizei im Zehn-Minuten-Takt.

„Wir wenden uns an Menschen, versuchen deren Bedürfnisse rauszufinden“

Sidney Logan

Wie wollt ihr den Konflikt lösen?

Mit Park Fiction 2 auf dem Uferstreifen unterhalb von Park Fiction, um den Lärm zu verlagern. Wir haben eine Wunschproduktion gestartet und den sogenannten parallelen Planungsprozess: Wir wenden uns an Menschen, versuchen deren Bedürfnisse rauszufinden. Parallel sind wir im Kontakt mit den Behörden. Die Wunschproduktion arbeitet mit Tools, die teilweise sehr spielerisch sind. Damit auch Kinder mitmachen können.

Wir versuchen, inkludierend zu sein für Leute, die nicht so gut Deutsch können. Wir haben Knete und Arbeitsbögen, auf die man seine Vorstellungen malen kann. Es gibt ein schwarzes Blatt mit Neonstiften, die Nachtkarte: Wie soll der Park bei Nacht aussehen? Es geht nicht darum, einfach zu fragen: Was wollt ihr? Sondern: Überleg dir mal einen Ort, an du dich so richtig wohlgefühlt hast. Wie können wir dir dieses Gefühl auch hier geben? Wir haben schon 600 Planbögen verteilt und ausgewertet.

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Palmen aus Plastik im Park Fiction (Foto: Artur Tumasjan via Unsplash)

Was machst du sonst so?

Ich bin ein Teenager in Corona-Zeiten. In den letzten beiden Jahren hatte ich viel Zeit für mich selber. Ich habe an dem Feinschliff meiner Vision gearbeitet. Ich bin stark interessiert an Fashion und Street-Art und der Verbindung dazwischen. Popculture, Rap, büschen an Beats rumschrauben auf Ableton. Ich möchte mein eigenes Magazin für Subkulturen machen.

Im Moment arbeite ich an einem Projekt mit einem alten Schulkumpel für 3-D-Kunst. Ich habe viele Schnapsideen, die jeder Jugendliche hat, wenn er durch die Straßen läuft. Mir gefällt die Vorstellung: Mein menschlicher Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber der Park und meine Klamotten existieren noch. Oder sie schwimmen im Ozean. In den Bäuchen von Meerestiermutanten.

Du warst 15, als Corona losging. Wie war das für dich?

Ich finde es sehr verwirrend. Es wird einem immer eingeredet: Du bist als Jugendlicher am härtesten betroffen, voll schlimm und so. Dann sitzt man mit seinen Freunden so rum und denkt sich: Ja, eigentlich haben sie schon recht. Aber wenn ich zurückdenke zum Anfang von Corona, wie es mir damals ging, was ich so gemacht habe, komme ich jedes Mal auf eine andere Antwort. Es war nicht nur schlimm. Ich fand manches gut.

Heute ist alles kontrolliert, überall stehen Überwachungskameras, jeder muss funktionieren. Ich dachte mir, Ah okay. Deutschland geht’s auch mal schlecht. Weil wir ja sonst so schön verwöhnt werden. Das war ganz lustig für mich. Vielleicht ist es eine Karmaschelle von Mutter Natur. Aber natürlich war es schlimm, dass man nicht auf Partys oder so gehen konnte. Das war, wie alle sagen, eine der nervigsten Sachen.


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Digital-Campus: Die Zukunft aus der Box

Im Juni dieses Jahres war die Grundsteinlegung für „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“: der Ort, an dem Hamburg fit werden soll für die „Digitale Transformation“ – die rasante Entwicklung von neuen Technologien quer durch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft

Text & Interview: Markus Gölzer

 

Keiner kann sagen kann, was die Zukunft bringt, aber in Hamburg immerhin, wo sie beginnt: hinter den Deichtor­hallen auf dem Parkplatz des ehemaligen Fruchthofes – im „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“. Das interdisziplinäre Projekt soll Ideen für die Stadt von morgen entwickeln, die Hamburg zum digitalen Leuchtturm mit weltweiter Strahlkraft machen.

Der Ort ist gut gewählt: Am malerisch industriellen Fleet gegenüber dem Oberhafen ist man mitten in der Stadt und doch fernab vom städtischen Dichtestress. Der Blick wird weit, der Kopf frei. Aufbruchs­stimmung! Hier wird zukünftig als Herzkammer des Campus der US-­Pavillon des Architekten James Biber von der EXPO 2015 stehen. Auf 7.600 qm sind Un­ternehmen, Start­-ups, Wissenschaft und alle Hamburger ein­geladen, mit zu gestalten.

Auf der Website „hammerbrooklyn.hamburg“ kann sich jeder als „Citizen“ registrieren und Ideen einbringen. Unternehmen können mit der kostenpflichtigen Mitgliedschaft „Corporate Citizenship“ Angebote und Infrastruktur des Campus für eigene Projekte nutzen, zum Beispiel an Netzwerkleistungen für ge­zielte Kooperationen partizipieren oder von interdiszipli­nären Expertenteams profitie­ren, die sie bei ihrer digitalen Transformation begleiten.

 

Stadt der Zukunft

 

Doch wie jeder Aufbruch war auch dieser phasenweise holprig: Die Initiatoren – Wirtschaftswissenschaftler Henning Vöpel, Werbeagenturchef Ma­thias Müller­-Using und Digitalexperte Björn Bloching – hat­ten sich in Fragen um Gesell­schaftsstrukturen und Zuständigkeiten überworfen.

Als das Projekt schon fast Geschichte war, fanden sie über ein Stiftungsmodell wieder zusammen: „Hammerbrooklyn – Stadt der Zukunft“ ist gemeinnützig und bindet neben den Initiatoren die Stadt Hamburg, den Immo­bilienentwickler Art-­Invest und das Hamburger Weltwirtschafts­institut mit ein.

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Henning Vöpel, Mitinitiator und CEO des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (Foto: Alexandra Kern)

Bis der Pavillon 2020 stehen wird, arbeitet die Hammerbrook­lyn.Box bereits als temporäres Labor. Im grünen Containeraufbau geht es experimentell provisorisch zu, der obligato­rische Tischkicker steht noch eher für Gegenwart als Zukunft zum Anfassen.

Wie man die di­gitale Transformation tatsäch­lich gestalten wird, erklärt Prof. Dr. Henning Vöpel, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Ideengeber des Projekts.

SZENE HAMBURG: Herr Vöpel, gibt es für Hammerbrooklyn.DigitalCampus weltweite Vorbilder? Außer der ersten Assoziation Silicon Valley?

Henning Vöpel: Das ist immer das Erste, was einem einfällt, wenn man über sol­che Innovationsräume, den „Hubs“ spricht. Tatsächlich erleben wir weltweit das Phä­nomen einer räumlichen Ver­dichtung von Innovations­aktivitäten.

Überall in größeren Städten und Regionen entstehen „Hubs“. Hamburg, denke ich, braucht so etwas, um der etablierten Wirtschaft, die ja sehr erfolgreich war, aber vor großen Veränderungen steht, einen Ort zu geben, an dem sie der Entwicklung nicht hinterherläuft, sondern selbst gestaltet.

Die Hamburger Hochbahn und die Deutsche Bahn planen hier Innovationslabore, es fallen auch Namen wie Siemens oder Volkswagen. Alles klassische Großkonzerne. Soll der Campus helfen, sich gegen kleine, flinke Start-ups behaupten zu können?

Es geht nicht darum, den Angriff der Start-ups abzuweh­ren. Es geht darum, dass sich nicht nur große Konzerne, sondern auch kleinere, mittel­ständische Unternehmen ver­ändern müssen. Wenn sie das nicht tun, dann kann es sein, dass ein Standort wie Ham­burg in fünf Jahren bis zwan­zig Prozent der Einkommen, die hier erzielt werden, verliert.

Deshalb müssen wir et­was dafür tun, dass sie sich digitalisieren, dass wir das nicht nur den Start­-ups überlassen. Deshalb braucht es einen neu gedachten Raum für Austausch und Forschung, in der auch kleinere Unternehmen ihre eigene Transformation vollziehen können.

 

Ein Ort für Diskurs

 

Unternehmen können Know-how für die digitale Zukunft bei Ihnen einkaufen. Was bietet der Campus, was eine klassische Unternehmensberatung nicht liefert? Die könnten ja auch weltweit interdisziplinäre Teams zusammenstellen.

Wir gehen viel weiter, in­ dem wir eine Community er­zeugen und ein Umfeld mit eigener Innovationskultur schaffen. Das können Berater natürlich nicht: einen Raum zu entwickeln, in dem Men­schen aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmen die Möglichkeit haben, zusammenzuarbeiten. Das gibt es in der klassischen Wirt­schaft nicht, ist aber erforder­lich, um interdisziplinär und kollaborativ an Innovationen zu arbeiten.

Wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sicher?

Der Campus wird betrie­ben als Stiftung „Hammerbrooklyn – Stadt der Zu­kunft“. Die Stadt ist mit drin, der Immobilienentwickler Art-­Invest ist dabei und die drei Initiatoren. Wir wollten eine Stiftung gründen, um die Gemeinnützigkeit von Digitalisierung in den Mittelpunkt zu rücken. Und es ist die beste Form, um Akzeptanz und Relevanz zu erzeugen.

Der Immobilienentwickler Art-Invest ist nicht unumstritten. Im Netz wird spekuliert, dass er in erster Linie an der Immobilienfläche hinter dem Pavillon interessiert sei.

Art-­Invest ist wichtiger Teil der Stiftung und wir arbeiten an diesem Projekt gemeinschaftlich. Die Stiftung funktioniert unabhängig von Investoren. Wir sind völlig autonom in dem, was wir da tun. Ein so großes Projekt braucht am Ende immer einen Investor, der selbst an die Idee glaubt.

Wie profitiert der einzelne Hamburger vom Campus?

Es wird die Möglichkeit für jeden einzelnen Hamburger geben, Teil von Hammerbrooklyn, also sogenannter „Citizen“ zu werden. Jeder kann partizipieren, Ideen einbringen und an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Es soll ein Ort aller Hamburger für den Diskurs über die zukünftige Stadt sein.

 

 

Auf der Internetseite von Hammerbrooklyn können Fragen zu Hamburgs Zukunft gestellt werden. Gibt es eine Tendenz, welche Themen besonders relevant sind?

Verkehr und Mobilität spielen eine große Rolle. Wohnraum und wie gehen wir mit städtischen Flächen um? Wie können wir hier noch besser leben und zu­sammenleben? Wie kann eine aktive Bevölkerung die Stadt für mehr Bewegung und Gesundheit nutzen? Hamburg hat vielfältige Möglichkeiten, es gibt so viele interessante Orte und Menschen, und wir laufen oft unachtsam dran vorbei. Mehr aus der Stadt herauszuholen – das scheint vielen Bürgern auf der Seele zu brennen.

„Globalisierung“ war ein Heilsversprechen, heute schreckt sie viele ab. Der „Digitalisierung“ scheint es ähnlich zu gehen: Immer mehr Menschen bekommen bei dem Begriff Angst vor Jobverlust und anderen Unwägbarkeiten. Welche Branchen in Hamburg sind besonders gefordert, zu reagieren?

Der Hafen natürlich, das Hamburger Schwergewicht schlechthin. Es passieren dort schon sehr gute Dinge: Der Hafen ist zum Beispiel 5G­-Modellregion, in der au­tonome Mobilitätskonzepte getestet werden. Virtual Re­ality und Augmented Reality kommen zum Einsatz, um Planungen zu unterstützen. Aber es könnte noch schnel­ler gehen. Auch im Verkehr, der Mobilität, in der Bildung, in der Stadtentwicklung ist viel zu tun. Die gesamte Arbeitswelt wird sich verändern.

Wir alle reden von künstlicher Intelligenz, die viele unserer Jobs sehr stark verändern wird. Es geht insgesamt darum, auch einen kulturellen Wandel in der Stadt zu voll­ziehen. Eben nicht die Ängste vor der Digitalisierung, die ja in jedem Fall kommen wird, in den Vordergrund zu rücken, sondern zu sagen: Es bleibt uns nur übrig, positiv, kreativ und konstruktiv daran zu arbeiten. Hamburg soll ein positiver Ort des Wandels und Fortschritts sein.

 

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Für ein Morgen: die Box von Innen (Foto: Nico Doering)

 

Hammerbrooklyn.Digital­Campus: Stadtdeich 2 (Hammerbrook)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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