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Neuanfang: Alles auf Hamburg

Ein Umzug ist auch immer ein Neuanfang – verbunden mit Träumen, aber auch Ängsten. Vier Wahlhamburger erzählen

Protokolle: Erik Brandt-Höge

 

 

Martin – Unabhängigkeit auf vier Rädern

 

Immer unabhängig und in Hamburg angekommen: Martin (Foto: Erik Brandt-Höge)

Immer unabhängig und in Hamburg angekommen: Martin (Foto: Erik Brandt-Höge)

Berlin und Leipzig waren meine bisherigen Stationen. In Leipzig habe ich meinen Master gemacht, dann ging es nach Hamburg. Hier habe ich einen Job in der Mobilitätsbranche angenommen. Seit Mai 2019 bin ich in der Stadt. Dass ich meine ganzen Sachen immer auf vier Rädern in meinem Bulli zur Verfügung habe, macht mich einerseits sehr unabhängig und hat zudem den Vorteil, dass ich mich schnell zur Nord- oder Ostsee aufmachen kann, um der Sportart nachzugehen, die mir schon lange am Herzen liegt: das Kitesurfen. Ich kite selbst unheimlich gerne, gebe aber auch regelmäßig Unterricht. Meine Lieblings-Spots dafür sind zum Beispiel St. Peter-Ording und Fehmarn.

Was Hamburg und die Hamburger angeht: Ich kannte die Stadt zuvor nur von klassischen Touristenausflügen. Den Hafen, die Speicherstadt – solche Orte. Zu Beginn meiner Hamburg-Zeit merkte ich, dass ich auf GoogleMaps und andere Apps angewiesen war. Nach und nach kannte ich meine Wege immer besser, und nun genieße ich es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu rollen. Und die Leute lerne ich zwar immer noch kennen, muss aber sagen, dass ich alle, die ich bisher getroffen habe, als ziemlich offen für Neu-Hamburger empfunden habe. Ich fühle mich wohl und weiß schon jetzt, dass ich so schnell nicht weg möchte aus Hamburg.

 

Maria – Die Kosmopolitin ist angekommen

 

Neu in Hamburg und in der Welt zu Hause: Maria (Foto: Erik Brandt-Höge)

Neu in Hamburg und in der Welt zu Hause: Maria (Foto: Erik Brandt-Höge)

Eines Tages, das wusste ich schon immer, würde ich in Hamburg leben. Ich bin im Kreis Steinburg geboren, in München aufgewachsen und über Stationen in Ägypten, auf den Kanaren, in Amerika, Ravensburg und zuletzt Berlin dann auch hier gelandet. Das Unternehmen, für das ich arbeite, nämlich Marriott International, hat mir ein tolles Pilotprojekt angeboten: Für das Hamburg Marriott Hotel, das Renaissance Hamburg Hotel und das The Westin Hamburg in der Elbphilharmonie, wo ich auch mein Büro habe, suche ich neue Talente. Ich bin Headhunter, Coach, Mentor, Recruiter, Influencer, Vertriebler und Consultant in einer Person, arbeite vor allem durch Netzwerken. Quasi als Schnittstelle zwischen Talenten und Arbeitgeber. Und ich hoffe sehr, dass ich viele Persönlichkeiten für die Hotellerie begeistern und spannende Karrieren langfristig betreuen kann. Ich selbst bastele mir mein Leben gerade neu zusammen, in einer neuen Stadt, einem neuen Umfeld, einem neuen Job. Und ich freue mich riesig auf Hamburg und die Hamburger, die ich in den ersten Wochen schon als extrem freundlich, ehrlich und auch greifbar erlebt habe.

Hamburger sind vor allem sehr direkt, sagen einem sofort, wenn ihnen etwas gefällt und wenn nicht – was wiederum mir sehr gefällt. Meine bisherigen Hotspots in der Stadt: Ich liebe es, am Abend mit den öffentlichen Fähren die Elbe entlangzufahren oder im Haus 73 den Tag ausklingen zu lassen. Auch ein Spiel im Millerntor-Stadion oder ein Tapas-Abend im Portugiesenviertel haben viel für sich. Und manchmal bleibe ich nach der Arbeit auch einfach noch ein bisschen auf der Plaza und genieße den Ausblick auf das Treiben der Schiffe und den Hafen. Anfänglich habe ich auch im Hotel gewohnt, mittlerweile habe ich eine Personalwohnung außerhalb des Hauses und bin auf der Suche nach einer schönen eigenen Wohnung, bestenfalls typisch hamburgisch mit einer Backsteinziegelwand. Da bin ich ein riesiger Fan von! Mein aktuelles Lieblingsviertel ist Eimsbüttel, wo es noch relativ viele privat geführte Geschäfte gibt, und das wie ein Dorf mitten in der Stadt erscheint. Ach, Hamburg hat einfach so viel zu bieten, so viele Facetten. Es gibt noch unheimlich viel kennenzulernen. Ich war vor meiner Ankunft zudem überzeugt davon, dass man sich aufgrund des Hafens, der Schiffe und des nahe liegenden Meers ein Stück weit freier und weltoffener als anderswo fühlen würde. Und ja: Das hat sich schon bewahrheitet.

 

Hannah und Bilal – Von Kapstadt nach Hamburg

 

Von Süden in den Norden Deutschlands: Hannah und Bilal Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Von Süden in den Norden Deutschlands: Hannah und Bilal Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Bilal: Ich war zehn Jahre alt, als ich von Belgien nach Südafrika zog. Meine Eltern hatten sich getrennt, und meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich wollten ein neues Leben beginnen. 17 Jahre ist das jetzt her, die ich in und um Kapstadt verbracht habe.

Hanna: Und ich kam vor acht Jahren nach Kapstadt für ein Praktikum, direkt nach dem Abitur im hessischen Hanau. Für ein Religionsstudium bin ich dann länger geblieben, weil ich mich sehr in die Stadt verliebt habe – und vor rund drei Jahren auch in Bilal.

Als ich meinen Abschluss in Kapstadt hatte, wollte ich zurück nach Deutschland. Die Wirtschaft in Südafrika ist in keiner aussichtsreichen Lage für Leute, die nach der Uni in die Zukunft starten wollen. Außerdem sind die Uni-Kosten ziemlich hoch, sodass ich dort einen Master nicht hätte machen wollen. Also zogen Bilal und ich in eine deutsche Stadt, die für uns total passend erschien: Hamburg. Hier mache ich jetzt mein Masterstudium.

Bilal: Meine Mutter ist Hamburgerin, ich hatte also schon einen kleinen Bezug. Und die Musikszene in Hamburg ist riesig – ganz anders als die von Kapstadt und Südafrika generell. Also dachte ich: Warum nicht?! Ich probiere es einfach mal. Zuerst mache ich einen Deutschkurs, arbeite nebenher und studiere vielleicht auch noch. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann als Musiktherapeut in Hamburg arbeite.

Hanna: Uns hat man vor unserem Umzug gesagt, dass Hamburger sehr reserviert und kühl wären. Auch dass es hier sehr viele Snobs geben würde. Aber: Wir wurden positiv überrascht und sind bisher vor allem in offene Arme gelaufen. Die Menschen waren und sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen, herzlich und entspannt. Es läuft wirklich gut.

Bilal: Und mit unserer Wohnung in Lokstedt hatten wir auch sehr viel Glück. Wir haben eine gemütliche Dachgeschosswohnung gefunden und eine tolle Vermieterin. Und: Wir können den Garten hinter dem Haus mitbenutzen, der wunderschön ist, sehr natürlich gehalten – und es gibt ganze acht Apfelbäume. Wir haben schon ordentlich geerntet und werden demnächst unseren eigenen Apfelsaft machen können.

 

Sarah – Eine Großstadt ist gewöhnungsbedürftig

 

Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ursprünglich komme ich aus dem Westerwald, so richtig vom Land. Nach der Schule habe ich in Kiel drei Jahre Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation studiert und zog erst letztes Jahr für ein Volontariat bei einem Verlag nach Hamburg. Im Frühjahr 2019 war ich schon für ein Praktikum im selben Haus und war begeistert von der Redaktion, in der ich gelandet bin. Deshalb habe ich das Angebot, mich dort journalistisch weiterzuentwickeln, auch sofort angenommen. Vor dem Praktikum kannte ich Hamburg überhaupt nicht, und ich hätte es ehrlich gesagt auch nie für möglich gehalten, dass ich mal hierherziehen würde. Hamburg, das ist doch viel zu riesig, habe ich als Dorfkind immer gedacht.

Kiel war für mich schon eine absolute Großstadt, und noch größer – das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Vielleicht war es gut, dass ich mit Kiel eine Art Zwischenschritt hatte, um mich an die Größe zu gewöhnen. Jedenfalls: Auch wenn es sehr weitläufig ist und überall viele unterschiedliche Menschen sind, finde ich Hamburg wirklich total schön. Ich mag den Stadtpark genau- so wie die Speicherstadt. Auch die Schanze hat ihren ganz eigenen Charme. Super ist außerdem, dass ich in Hamburg jeden Abend weggehen kann, wenn ich denn möchte. Durch das große kulturelle Angebot habe ich zum Beispiel eine Leidenschaft für Poetry Slams entwickeln können. Anders als in Kiel, so ist zumindest mein Empfinden, gibt es den typischen Hamburger auf jeden Fall nicht. Einerseits ist Hamburg total links und alternativ geprägt. Aber es gibt eben auch die vielen Besserverdienenden und natürlich überall Touristen. Ich habe viel in meiner Wohnung getan, damit ich mich in meinen eigenen vier Wänden wohl fühle.


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„Der Defekt“: Leona Stahlmanns Debütroman über Identitäten

Am 11. Februar erscheint Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“. Darin schildert die Hamburger Autorin das Aufwachsen mit einer normabweichenden sexuellen Identität und setzt sich mit den großen Themen Heimat und Entwurzelung auseinander

Text: Ulrich Thiele

 

Mina liebt anders. Wenn sie ihre Freunde beim Flirten beobachtet, sieht sie „ein tumbes Gewirr von abgelaufenen Verhaltensregeln, versuchter Zwanglosigkeit und einem Geschlamper der Geschlechter“. Sie ist 16, als sie in den Sommerferien ein heimliches Verhältnis mit ihrem Mitschüler Vetko eingeht. Ein Einzelgänger und Sonderling mit gelben Zähnen, der Minas normabweichende Sexualität teilt. Sie unterwirft sich seinen Regeln, anfangs im Wald, später in einer leer stehenden katholischen Kapelle. Die Streifen auf ihren Oberschenkeln versteckt sie vor ihren Mitschülern und Eltern. Für Vetko sind sie nicht mit Scham verbunden: „Körper sind dafür gemacht, dass wir sie abnutzen. Bearbeiten. Leben darin aufbewahren. Wir können Gefühltes haltbar machen nur mit unseren Körpern.“

Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“ behandelt eine Form der Sexualität, die in der öffentlichen Wahrnehmung von Irrtümern überschüttet ist. „Ein noch immer verbreiteter Irrglaube ist, dass BDSM (Anm. d. Redaktion: „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“) eine behandlungsbedürftige psychische Störung ist“, sagt die Autorin über die Sexualität ihrer Protagonistin, die auch ihre eigene Sexualität ist. So wurde früher Homosexualität in Medizinbüchern beschrieben. BDSM wird es noch immer. Die Sexualität wird zum Ausgleich für etwas, was im Leben schiefgelaufen ist, degradiert. Woran schlechte Bestseller-Romane und Hollywoodfilme einen nicht unerheblichen Anteil haben. Ansonsten wird BDSM zum billigen Lack-und-Leder-Porno stereotypisiert und verzerrt. Oder zum Freizeitvergnügen für gelangweilte Ehepaare.

 

Vertrauen und radikale Hingabe

 

Der romantische oder philosophische Zugang, den Stahlmann zeigt, ist in der Populärkultur so gut wie nie zu sehen. „In meinen Augen ist konsensueller BDSM-Sex eine Art zu lieben, die eher mit intellektuellen Konstrukten spielt als mit Körperlichkeiten“, sagt Stahlmann. Körperliche Attraktivität spielt eine untergeordnete Rolle, im Zentrum stehen Vertrauen, radikale Hingabe von beiden Seiten, Unterwerfung, spielerische Bestrafung, Lustschmerz, Auflösung des Egos. „Was jemand in meinem Kopf auslöst, ist wichtiger, als wie er oder ich dabei aussehen.“

Eine in Fiktion gehüllte Autobiografie ist „Der Defekt“ trotz der Parallelen nicht. Stahlmanns Debüt lebt mehr von den poetischen Naturbeschreibungen als vom Plot. Was schlüssig ist: Wörter sind es, die Mina helfen, ihre Sexualität zu verstehen. Die Sexszenen sind ein nahtloser Teil des lyrischen Flusses. Allein deswegen wäre die Bezeichnung BDSM-Roman unzutreffend. Stahlmann hebt die Sexualität nicht explizit hervor. Sie ist ein natürlicher Teil des Ganzen und wird nicht – anders als in unserer Gesellschaft, wo BDSM ein Schattendasein in Hinterzimmern fristet – in getrennte Bereiche verlagert.

 

Das Motiv der Begrenzung

 

Die ästhetische Grundlage des Romans bildet Minas Heimatdorf im Schwarzwald. Eine Landschaft, die nicht die Heimat der Autorin ist, die sie aber zugleich abstoße und fasziniere. Mit Dorfgemeinschaften, als wären die Uhren stehen geblieben, und Bäumen, so dicht, dass es wirkt, als dringe die Zeit nicht durch. Ein Gegenentwurf zur technisierten Welt.

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Die Brennnessel ist ein Hauptmotiv in „Der Defekt“

Das Motiv der Begrenzung reicht über das Feld der BDSM-Sexualität hinaus in ein gesellschaftliches Phänomen. Stahlmann stellt die großen Fragen in all ihrer Ambivalenz: Heimat, Entwurzelung, Identität. In der Figur des Vetko verdichtet sich die Widersprüchlichkeit am prägnantesten. „Heimat bedeutet: nicht reisen müssen“, ist er überzeugt, und tatsächlich ist er der einzige, der nach dem Schulabschluss nicht in die Stadt zieht. Durch seine Entscheidung grenzt er sich von den anderen ab, die orientierungslos in alle Richtungen ausstreuen.

So wie Mina, die nach ihrem Bruch mit Vetko in eine größere Stadt zieht und auf der Suche „nach langbeiniger Freiheit“ im „Wirbel des Möglichen“ steckt und fühlt, „wie ihre Waden dicker und kürzer“ werden. Demgegenüber hatte ihre Beziehung zu Vetko einen Vorteil, sie basierte auf dem Grundprinzip: Die Freiheit ist die Beschränkung. „Ehrlich gesagt: Ich glaube das auch“, sagt Stahlmann.

 

„Heimat ist von Beginn an der eigene Körper und die Sprache, die er spricht“

 

Doch Vetko verbohrt sich in seine Ansichten. Anders als Mina, sieht er seine Sexualität nicht als Defekt, sondern als einzige Wahrheit. Mitunter driften seine Ansichten ins Identitäre ab. Anfangs sieht Mina noch die Vorteile von Vetkos Ansichten, die ihr Halt und ein beruhigendes Erklärungsmuster geben. Doch sie durchschaut, dass er vieles ausblendet und keine endgültige Wahrheit für sich gepachtet hat – stabile Identitäten gibt es eben nicht. Vetko und Mina sind zwei Menschen mit derselben Disposition, mit der sie jedoch völlig unterschiedlich umgehen. „Heimat, das ist kein Ort auf einer Landkarte. Das ist zuerst und von Beginn an: der eigene Körper und die Sprache, die der Körper spricht, wie er geliebt und berührt und genährt werden will“, schlussfolgert Mina am Ende des Romans.

Stahlmann spricht an Minas Beispiel auch ein Lebensgefühl an, das viele junge Erwachsene kennen – den Umzug vom Land in die Stadt. Stahlmann selbst ist in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen, viele aus ihrem Umfeld seien auch ländlich aufgewachsen und früher oder später in größere Städte gezogen. „Wir brauchten das, um uns vom Ufer abzustoßen“, sagt sie. Doch sie seien leichtfertig und ohne Übergang fortgezogen. „Man verliert eine Haut, dann muss die nächste nachwachsen. Aber es dauert, bis in der neuen Stadt eine Haut nachwächst zwischen all diesen Reizen, an denen wir uns aufreiben. Das macht mehr mit uns, als wir uns eingestehen.“ Auf St. Pauli wurde es ihr durch die Touristen irgendwann zu hektisch und zu künstlich, heute lebt sie in Barmbek-Süd.

 

„Anything goes ist vorbei“

 

Der Umgebungs-Bruch bleibt nicht folgenlos. „Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit, sind aber trotzdem überfordert von dem Übermaß an Optionen“, glaubt Stahlmann. Viele ersetzen die verloren gegangene Verbindlichkeit, indem sie sich in vermeintliche Verbindlichkeiten stürzen.

Die Ü30-Generation hat das Heiraten für sich entdeckt, die Geburtenrate steigt, Freundschaften werden aufgewertet, andere wenden sich der Esoterik und der Astrologie zu. „Wir stellen fest, dass eben nicht alles geht, dass die Welt immer prekärer und fragmentarischer wird. Durch den Druck von außen bewegen wir uns immer weiter nach innen in unsere kleinen Stammeskulturen. Anything goes ist vorbei.“

Das drückt sich in den Nebenfiguren aus, die sozusagen Archetypen für von Stahlmann beobachteten Phänomene sind. Niklas zum Beispiel, der beliebte Anwaltssohn mit Standard-Zukunftsplänen: von Papa finanzierte Weltreise nach dem Abi, danach vielleicht BWL- oder Jura-Studium, mal gucken. Sein überraschender Tod ist mutmaßlich ein Suizid. War es der Druck, sich für etwas entscheiden zu müssen und nicht zu wissen, wofür, weil alles da ist? Hat dieses große Alles, das von außen auf ihn gefallen ist, ihn erdrückt und immer kleiner gemacht, bis er sich wünschte, keine Option mehr zu haben?

Oder Minas Freundin Malene, die sich mit gebrochenem Herzen nach Indien absetzt. Deren Kernproblem nicht Herzschmerz, sondern ihre Gefallsucht ist. Die in Schönheit vergeht, in dem Bild gefangen ist, dass ihre Umgebung von ihr hat. „Es braucht sehr viel Sprengkraft oder innere Verzweiflung, um ein Muster wirklich radikal abzustreifen“, sagt Stahlmann. Selbst heute, wenn wir angeblich unsere Identitäten zertrümmern, täten wir das oft aus einem bestimmten Kalkül, um in ein anderes Muster zu fallen. „Wir glauben alle, wir würden uns so verletzlich machen und nackt herumlaufen, aber de facto haben wir woanders noch Schneckenhäuser liegen, in die wir kriechen.“

 

„BDSM ist für mich etwas Spirituelles“

 

An dieser Stelle schließt sich die Klammer zur BDSM-Sexualität. Sie zwinge sie, aus ihrem Schneckenhaus zu kommen, sich auszuliefern, zumindest kurz nackt zu sein und sich roh zu fühlen. „Diese Erfahrung kann man in dieser Welt kaum noch machen“, sagt sie. „BDSM ist für mich etwas Spirituelles.“

Mit „Der Defekt“ ist für Stahlmann das Thema publizistisch abgeschlossen. Nach 16 Jahren intensiver Auseinander- setzung und fünf Jahren Arbeit am Ro- man reicht es. Am liebsten wäre es ihr, wenn BDSM als norma- ler Teil von Sexualität be- trachtet wird und nicht weiter darüber geredet werden muss. „Dieses Buch ist wie der Schlussstein eines Gebäudes, das ich über Jahre aufgebaut habe.“ Vielleicht ja eine leer stehende katholische Kapelle.

Leona Stahlmann: „Der Defekt“, Kein & Aber, 272 Seiten, 22 Euro. Buchpremiere mit der Autorin am 26.2. im Literaturhaus, 19.30 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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