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Zukunftsblick: Werte, Wandel, Wirkung

1992 gründete Peter Wippermann das Beratungsunternehmen „Trendbüro“, das sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auseinandersetzt. Ein Gespräch über räumliche Distanz, virtuelle Nähe und Generation C – wie Corona

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, die Umstände verlangen die Frage: Wie geht’s Ihnen?

Peter Wippermann: Ja, gut geht’s mir, danke.

Leben Sie zurzeit in Isolation?

Ja, in selbst gewählter Quarantäne, so wie das alle gerade tun. Ich arbeite und habe mein Büro sowieso in der Wohnung, daher hat sich nicht viel ver­ ändert, außer, dass wir nicht oft raus­ gehen.

Peter-Wippermann-Credit-Trendbüro

Alle zwei Jahre veröffentlichen Peter Wippermann und Team den „Werte-Index“ (Foto: Trendbüro)

Das Jahr 2020 hat sich ja eigentlich gut angekündigt, EM, Olympia, 30 Jahre Wiedervereinigung etc. – haben sie mit einer Viruspandemie je gerechnet?

Nein, das war ja erst nur etwas, was im Januar in China allmählich in den Meldungen war und man hatte noch das Gefühl, dass es sich auf Asien beschränken wird. Was wir selbstverständlich machen, ist mit Schwarzen Schwänen, also unwahrscheinlichen Er­eignissen zu kalkulieren, irgendetwas, was die Situation dramatisch verändern kann, dazu zählen eben auch Pande­mien. Aber nein, damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Sie sind Experte für gesellschaftlichen Wandel. In welchem Wandel befinden wir uns im Moment?

Das kann man sehr deutlich be­obachten. Wir haben insgesamt eine stärkere Vernetzung und auch einen stärkeren Umgang mit interaktiven Medien, sei es unter Schülern und Leh­rern, sei es innerhalb der Betriebe, sei es in der Rationalisierung der Produktionen, in denen stärker Roboter ein­gesetzt werden.

Was bisher noch nicht kam, ist, dass das Gefahrenpotenzial von uns selbst ausgeht und die Sicherheit über Technologie organisiert wird. Das ist eine Situation, die einzigartig ist. Die Technologien, die sich besonders in dieser Zeit entfalten, gibt es ja schon seit Längerem, Videokonferenzen, autono­me Maschinen und Ähnliches, nur die Akzeptanz gegenüber diesen Technologien nimmt unheimlich schnell zu.

Die Überraschung ist, dass wir Technologie als Heilsbringer eher be­grüßen als befürchten. Und die aktuelle Diskussion, in der es um die Einschrän­kung von Freiheit und Privatsphäre geht, wenn man beispielsweise Tele­fondaten nutzt, um Beziehungen von Infizierten aufzuzeigen, wird man sicherlich moralisch, ethisch und juristisch versuchen zu fassen. Aber selbstverständlich wird es als Tool erst einmal positiv bewertet.

 

„Wissenschaft ist im Moment die Leitgröße“

 

Gilt das auch für die Wissenschaft?

Die Wissenschaft ist im Mo­ment die Leitgröße, die die Poli­tik an die Hand nimmt. Die Ent­wicklung, in der wir stehen, wird durch sehr rationale wissenschaftliche Kalkulationen geleitet. Das ist auch etwas Besonderes, dass in einer Demokratie, in der Parteien eigentlich miteinander konkurrieren, der Wähler in den Hintergrund geraten ist, und die Wissenschaft die Perspektiven aufzeigt. Und dann die Politik reagiert. Dass wir jetzt froh sind, einen starken Staat zu haben, obwohl wir lange Zeit einen Staat ablehnten, der drastische Anordnungen be­schließt und überwacht.

Utopie: zehn Jahre nach Corona. Wie wird sich die Gesellschaft bis dahin verändert haben?

Wir machen über zehn Jahre Wertewandel­-Forschung mit dem Marktforschungsinstitut Kantar und veröffentlichen den „Werte­Index“, der die Gesellschaft definiert, alle zwei Jahre. Bei der letzten Auswertung vor der Pandemie war das Thema Gesundheit auf Platz 1.

Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben werden, die eine große Sehnsucht nach Solidarität und einem „Wir“ hat, die aber letzten Endes darauf ba­siert, dass jeder in irgendeiner Weise leistungsfähig bleibt und technische Fähigkeiten erwirbt, die heute an­deutungsweise praktiziert werden. Eine Gesellschaft, die nicht wieder zurückkehrt in ein Kollektivsystem, sondern, die sich weiterhin individu­alistisch, also egozentrisch verhalten wird.

Sie denken, dass es nach Corona egozentrisch weitergehen wird?

Das ist jetzt schon so. Wir sagen zwar: „Wir schaffen das!“, aber wir achten darauf, dass wir nicht in direkten Kontakt mit anderen Men­schen kommen. Diesen Widerspruch muss man sich mal anschauen. Und diejenigen, die andere Menschen am besten auf Distanz halten können, sind die Gewinner, Lieferdienste zum Beispiel, unabhängig davon, dass wir natürlich eine große Sehnsucht haben, endlich wieder echte Nähe zu spüren. Aber wir sehen es heute schon, dass wir kaum mehr aushalten, dass Handy dauerhaft aus der Hand zu geben, dass die virtuelle Nähe und die Möglichkeit, sich virtuell zu ver­netzen, für uns attraktiver ist als in der realen Welt. Und das wird nicht ver­schwinden, auch in zehn Jahren nicht.

 

Virtueller Raum

 

Was sind die Werte der Zukunft?

Was wir messen, sind individuelle Wer­te, was uns als Einzelperson wichtig ist. Das sind drei Sachen: Gesundheit, Fami­lie und Erfolg. Familie ist spannend, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der die klassische Familie sich immer weiter auflöst. Das zweite ist das Thema Erfolg – nicht der klassische berufliche Erfolg, sondern der individuelle Erfolg, der auch sehr unterschiedlich ist, je nach­ dem, wie man sich in der Welt orientiert.

Das, was ich auf jeden Fall ausschließen würde, ist, dass wir zu historischen Ver­haltensweisen zurückkehren – ganz im Gegenteil – wir werden die virtuelle Realität verstärkt nutzen, um unsere sozialen Bedürfnisse zu organisieren. Man kann das heute schon sehen. In Deutschland sind es knapp unter 50 Prozent junger Menschen, die ihre Freunde lieber in der virtuellen Welt treffen als in der realen – und das war vor der Pandemie schon so.

Woran liegt das?

Weil Menschen ihre eigene Freiheit für andere nicht belasten, aber trotz­ dem das Gefühl haben wollen, über virtuelle Medien dazuzugehören. Über­legen Sie mal, wenn sie früher durch die Straßen gegangen sind, wie viele Leute telefoniert haben. Diese Idee jeder Zeit erreichbar zu sein, und ein Gerät im Ohr zu haben, gehört dazu.

Wir sind natürlich soziale Wesen, aber wir nutzen nicht den räumlichen Kontakt, sondern den virtuellen und das ist etwas, was auf jeden Fall durch diese Pandemie belohnt wird, sich unheimlich beschleunigt und anschließend nicht wieder verschwinden wird.

 

Generation C

 

Wer wird von der Krise profitieren?

Es profitieren bestimmte Industrien, erstaunlicherweise auch ganz traditionelle, die zum Beispiel Spiele und Puzzle oder Hanteln herstellen. Betriebe, die in der Organisationsform bestens digital aufgestellt sind.

Welche Wirkung wird der Ausnahmezustand auf Kleinkinder und Neugeborene haben, die in diese Zeit hineingeboren werden und darin aufwachsen?

Das ist ein spannendes Thema. Bis­her sagt man in der Markt­ und Trend­forschung Generation Alpha dazu. Den Vorschlag „Generation C“ also wie Corona zu sagen, gibt es bereits und Corona wird mit Sicherheit eine Wirkung auf diejenigen haben, die jetzt schon einigermaßen Bewusstsein entwickelt haben – die Sieben­- bis Zehn­-jährigen werden diese Erfahrung nicht vergessen und sich sicherlich anders verhalten, als die Generation Z und wahrscheinlich gesellschaftlicher denken. Nicht so egozentrisch wie die Generation Y – ich kann ihnen darauf noch wirklich keine Antwort geben, weil das Phänomen viel zu kurz ist.

Meine Prognose wäre, dass die Jüngsten das Thema Distanz durch virtuelle Medien selbstverständlich überbrücken können, wahrscheinlich mit Technologien, die es auch schon lange gibt.

Ihr Wort oder Phrase des Jahres 2020?

Auf jeden Fall „Bleib gesund“, oder?

trendbuero.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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