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Hamburger Nachwuchs: Diskuswerfer Mika Sosna

16 Jahre, 1,98 Meter, 100 Kilo – und Weltranglistenerster im Diskuswerfen in seiner Altersklasse: Das ist Mika Sosna. Ein Gespräch mit dem womöglich nächsten Leichtathletik-Superstar der Stadt

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Mika, du giltst als Hamburgs aktuell größte Leichtathletik­hoffnung. Kommst du damit zurecht oder spürst du einen zunehmenden Druck?

Mika Sosna: Och, ich komme relativ gut damit klar, Druck habe ich bisher noch nicht gespürt. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit, die ich jetzt bekomme, spornt mich sogar an. Als ich noch keine anständigen Leistungen gebracht habe, hatte ich natürlich auch noch keine Medienpräsenz. Mittlerweile habe ich aber etwas erreicht und genieße es, wenn über mich berichtet wird und die Leute mehr von mir erfahren wollen.

Und generell: Bist du jemand, der rund um die stressigen Wettkämpfe viel nachdenkt und darüber sprechen möchte, sei es mit Trainern, Eltern oder Freunden?

Ich bin kein großer Nachdenker. Das einzige, worüber ich nach dem Sport zu Hause nachdenke, ist: Was könnte ich noch besser machen? Und: Welche neuen Trainingsmethoden könnte ich noch ausprobieren? Auch während des Wettkampfs denke ich nicht groß nach. Ich probiere dann einfach, mein Ding zu machen.

Keine Angst oder Nervosität?

Doch, ein bisschen Schiss habe ich manchmal schon vor einem Wettkampf. Wobei sich das deutlich gebessert hat im vergangenen Jahr.

Wie ist es besser geworden? Schlichtweg durch Erfahrung?

Genau, ich habe mich Wettkampf für Wettkampf an diese Situationen gewöhnt, in denen alle auf mich schauen. Eine gewisse Grundnervosität bleibt aber und ist ja auch normal.

 

„Olympia ist mein großes Ziel“

 

Wann hast du eigentlich ent­schieden, Leistungssport auf Dauer betreiben zu wollen – und warum?

Ich habe vor anderthalb Jahren den Trainer und den Verein gewechselt, bin von der Leichtathletikabteilung des HSV zur TSG Bergedorf gegangen. Mit meinem neuen Trainer kamen auch deutliche Leistungssprünge, und irgendwann war mir klar: Ich möchte im Leistungssport bleiben und in den Erwachsenenbereich.

Und warum der Diskuswurf ?

Dass ich ein Werfer werden würde, war schon relativ früh klar. Liegt einfach an meiner Statur, ich könnte kein Sprinter oder Mehrkämpfer sein. Vor zwei Jahren habe ich mich dann ganz gezielt auf den Diskus konzentriert.

Aktuell bist du mit einer Weite von 64,05 Metern Weltranglistenerster in deiner Alters­ klasse, visierst aber sicher schon Höheres an, zum Beispiel Olympia …

… das ist mein großes Ziel. Wenn ich verletzungsfrei bleibe und alles passt, möchte ich 2024 in Paris dabei sein. Noch realistischer sind die Spiele danach, nämlich 2028 in Los Angeles.

Würdest du dich als Höher­-Schneller­-Weiter-­Typen beschreiben?

Ja, definitiv! Klar, wenn man mir vor einem halben Jahr gesagt hätte, dass ich heute bei der Weite liegen würde, bei der ich liege, hätte ich mich ohne Ende gefreut. Aber mit der Zeit hat sich meine Einstellung etwas geändert, ich bin nie voll und ganz zufrieden mit meinen Weiten.

Warum nicht?

Weil ich weiß, dass immer noch deutlich mehr drin ist. Es mag für Außenstehende komisch wirken, wenn sich alle über eine gute Leistung von mir freuen und nur mein Trainer und ich eher ruhig bleiben. Das liegt aber nur daran, dass wir wissen, dass da noch viel mehr geht.

 

„Alles ist auf Sport gerichtet“

 

Die guten Ergebnisse, aber auch der Aufbau von einem Athletenkörper kosten viel Zeit und Kraft. Wie muss man sich deinen Alltag vorstellen?

Alles ist auf Sport ausgerichtet. Glücklicherweise gehe ich zu einer Eliteschule des Sports, die Athleten massiv fördert. Die Schule tut wirklich extrem viel für uns, ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Was tut die Schule denn kon­kret?

Sie bietet zum Beispiel ein Abitur nach 14 anstatt nach 13 Jahren an. Außerdem ist es möglich, auch während der Schulzeit ein Frühtraining zu absolvieren, jeden Morgen. Das hilft total, wenn man eh mehrere Trainingseinheiten am Tag hat.

Und auf was musst du – ver­glichen mit Gleichaltrigen – schmerzvoll verzichten?

Vor allem natürlich aufs Feiern. Sich mit seinen Jungs zu treffen, abends irgendwohin zu gehen – das ist in meinem Alltag nicht möglich. Tagsüber bin ich nur mit dem Sport beschäftigt, und danach habe ich überhaupt keine Kraft mehr, irgendetwas zu unternehmen.

Und umgekehrt: Was fühlt sich am besten an in deinem Sport­ lerleben? Gibt es bestimmte Momente, die immer wieder neu beflügelnd wirken?

Am coolsten ist es, wenn ich in einem Wettkampf eine Leistung erziele, von der ich weiß, dass ich sehr lange und hart dafür gearbeitet habe. Das Gefühl, das ich dann habe, lässt sich gar nicht in Worte fassen. Es ist einfach die Belohnung für alles.


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Gastronomie und Corona: Zwischen Distanz und Exzess

Hygienevorschriften und Polizeikontrollen sind beim Restaurantbesuch neue Normalität. Hamburger Gastronomen berichten vom Umgang mit der Eindämmungsverordnung, der Gefahr, die von schwarzen Schafen und Corner-Kultur ausgeht und warum innerhalb der Branche Rückendeckung statt Denunziation gefragt ist

 

Text: Laura Lück 

Wenn Kultkneipenbesitzer Uli Salm Geburtstag hat, so dachte man sich Ende Mai, dann ist das Grund genug, Verantwortung und Abstandsgebote bei ein paar Bier über Bord des Pöseldorfer Zwicks zu werfen. 89 Gäste hatte die Polizei nach einem Anwohner-Hinweis in der Kneipe gezählt, die sich dem hedonistischen Exzess hingaben. Seit diesem ersten prominenten Fall der Schließung einer Gaststätte, kann sich Polizeisprecher Holger Vehlen spontan an keine vergleichbaren Verstöße gegen die Eindämmungsverordnungen innerhalb der Gastroszene erinnern. Die Branche scheint um ihre Verantwortung zu wissen. Verständlich, immerhin stehen Existenzen und die Gesundheit von Gästen und Mitarbeitern auf dem Spiel.

Ivan Pagel, Küchenchef im Bistro des Frischeparadies an der Großen Elbstraße, ist seit der Pandemie in Kurzarbeit und beobachtet den steigenden Druck am Fischmarkt, wo ohnehin ein großer Konkurrenzkampf herrsche. „Jeder schaut jetzt ein bisschen mehr auf sich selbst und einigen geht so langsam die Puste aus. Die ersten müssen dicht machen.“ Dass schwarze Schafe sich nicht an die verordneten Regularien halten, ärgert ihn. „Wir würden auch gerne mehr Umsatz machen, aber wenn wir nicht nach den Regeln spielen, sitzen wir schlimmstenfalls im Herbst wieder in häuslicher Quarantäne. Das bedeutet dann noch viel größere Einbußen.“  Dass Kollegen im Fischhandel während des Lockdowns auch mal einen Mittagstisch unter der Hand verkauft hatten, sei in der Nachbarschaft kein Geheimnis. Das Ordnungsamt hält Pagel trotzdem raus. „Ich bin auf St. Pauli aufgewachsen. Da lernt man ganz früh, dass Petzen gar nicht geht.“

 

Gastronomie auf St. Pauli hält zusammen

 

Hinweise bekommt die Polizei zumeist von Gästen, Anwohnern oder Passanten. Am Ausgeh-Hotspot Paul-Rosen-Straße hält die Szene-Gastronomie um Läden wie das Haebel, den Weinladen St. Pauli oder das Standard zusammen und ist gut vernetzt. Denunziation sei hier kein Thema, weil Unterstützung und Austausch in diesen Zeiten enorm wichtig sei, erklärt Stephanie Döring, Inhaberin des Weinladen St. Pauli, denn: „Wir haben in der Gastronomie so eine schlechte Lobby und der DEHOGA wird geführt von alten weißen Männern, die keine große Hilfe sind.“ Insbesondere der DEHOGA Hamburg habe in der Krise versagt und viele Gastronomen enttäuscht. Rat und Informationsfluss erreichten Döring und ihre Kollegen zu Beginn der Pandemie vorwiegend über den DEHOGA Bayern.

In der Paul-Rosen-Straße nimmt man die Dinge deshalb selbst in die Hand. Am 26. Juni freute sich die Straße über die mündliche Zusage zu ihrem gemeinsam gestellten Antrag zu Bestuhlung von Parkplätzen. Die Forderung gebe es schön länger, Corona sei aber aktuell ein gutes Druckmittel, um die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, denn: „Wir wissen nicht was der Winter bringt, wir brauchen zumindest die paar warmen Sommertage mit mehr Tischen, um eine Chance auf mehr Umsatz zu bekommen“, so Döring.

 

Gastronomen bemühen sich um Einhaltung der Regeln

 

Im Alten Mädchen in den Schanzenhöfen bietet die Außenfläche zwar genug Platz für eine Sitzordnung mit Sicherheitsabständen, an Regentagen sieht es wirtschaftlich aber schlecht bis dramatisch aus. Die Grundstimmung sei laut Geschäftsführer Holger Völsch trotzdem positiv. Man halte sich an die Regeln, um unter allen Umständen die zweite Welle zu vermeiden. Kontrollen gibt’s durch die Polizei, oder vom Amt für Arbeitsschutz, das Abstands- und Mund-Nasen-Schutz-Regeln innerhalb des Teams prüft. In angrenzenden Bundesländern ist der Mundschutz inzwischen nicht mehr verpflichtend. Das wünscht man sich in Hamburg auch, Abstand sei sinnvoll, aber die Masken sehr belastend für die Mitarbeiter – vor allem in der Küche und bei den aktuellen Temperaturen. Die kürzlichen Eskapaden drüben auf dem Schulterblatt hält Völsch nicht nur für gefährlich, sondern auch für ungerecht. „Während man selbst versucht alles zu tun, um verantwortungsbewusst zu handeln, stellen andere ihr wirtschaftliches Interesse über den Ruf der Branche und die Sicherheit der Gesellschaft. Das ist kein fairer Wettbewerb.“

An beliebten Treffpunkten wie Schulterblatt oder Paul-Rosen-Straße ist die Polizei derzeit zwar oft präsent, aber das hat vor allem einen Grund, auf den Gastronomen keinen direkten Einfluss haben: die Corner-Kultur. Warmer Asphalt und kühles Bier lassen so manchen Haushalt die 1,50 Meter schnell vergessen. Dass die Polizei Schließungen verordnen musste, sei deshalb auch eher bei Kiosken vorgekommen, bestätigt Polizeisprecher Vehren und hat den Eindruck, dass sich Gastronomen generell bemühen, die Regelungen einzuhalten. Die Hamburger Bußgeldstelle hat (Stand 26.6.) seit Öffnung 57 Fälle bearbeitet. Nicht jeder Verantwortliche Gastronom wird dabei auch zur Kasse gebeten, oft bleibt es bei Verwarnungen.

Wenn nun mehr Stühle auf Parkplätzen genehmigt werden, könnte das im besten Fall mehr Corner-Publikum an Tische mit Sicherheitsabstand verlagern.

Einer der schönsten dieser Art steht derzeit wohl in der Schlankreye 73. Am Eingangsbereich des geschlossenen Holi-Kinos kommt die gehypte Küche des Nachbarrestaurants Klinker unter Filmplakaten und der großen Kinotafel auf den Teller. Die vielen Tische auf dem Gehweg sorgen für mediterranen Marktplatz-Flair und verantwortungsvolle kleine Genuss-Exzesse ­– wärmste Empfehlung für den nächsten lauen Sommerabend!

 

Restauranttest: ĐI ĂN ĐI

Vom Mekong an die Osterbek: Das vietnamesische Restaurant ĐI ĂN ĐI

 

Text: Ole Masch 

Kaum ein gastronomischer Betrieb, der nicht von der Pandemie betroffen ist. Wer jedoch kurz vor Beginn der Krise Eröffnung feierte, den traf der Lockdown besonders hart. So wie das vietnamesische Restaurant Đi Ăn Đi. Fünf Minuten von Kampnagel entfernt, eröffnete der Laden Mitte Oktober 2019, nur um knapp vier Monate später wieder abzuschließen. Nun geht es weiter und die Tische an diesem Abend sind sicher nicht nur wegen der Kapazitätsgrenzen schnell gefüllt.

Đi Ăn Đi bedeutet „lass uns essen gehen“ und dies wird hier endlich wieder wörtlich genommen. Eine großzügige Terrasse bietet Aerosol-Flüchtlingen genug Platz und ist gerade weit genug von der viel befahrenen Barmbeker Straße entfernt. Die Karte ist angenehm übersichtlich und orientiert sich an traditionellen Saigoner Familienrezepten. Der Gỏi đu đủ – ein grüner Papaya-Salat ist die perfekte Sommervorspeise und wird mit Garnelen und Hühnerfleisch (6,90 Euro) oder Tofu (5,90 Euro) serviert.

Besonderes Highlight ist die Soja-Tamarind-Süß-Sauer-Soße. Der Bánh xèo, ein deftiger Pfannkuchen auf Kokosmilchbasis mit gelben Bohnen und Sojasprossen, wird für 13 Euro in zweifacher Ausführung serviert, ist jedoch so mächtig, dass die einfache Variante (7 Euro) gereicht hätte. Die vegane Version mit Tofu und Champignons ist unspektakulär. Wer Tierprodukte auslassen möchte, findet auf der Speisekarte zahlreiche andere Möglichkeiten.

Die Hủ tiếu xào (gebratene Reisbandnudeln) überzeugen dafür in Gänze und kommen mit verschiedenen Gemüsen und wahlweise Fleisch oder Tofu (9,90 Euro). Erneut zeigt die Soße die Individualität der Küche. Wunderbar würzig, aber mit genug Raum für Aromen von Pak Choi, Chinakohl und Shiitake. Gerne wieder – ob vor dem Theaterbesuch oder auf Stippvisite im Komponistenviertel.

ĐI ĂN ĐI
Bachstraße 145 (Barmbek), Telefon 040 75 68 44 51
Di– Do 12–21 Uhr, Fr 12–22 Uhr, Sa 13–22 Uhr, So 13–21 Uhr


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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