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„Alles ist möglich“

Fantasie, Rausch, Melancholie: Alles drauf auf „During My Lunch Break“, dem Debütalbum der Hamburger Jazzband Sir Bradley. Ein Kurz-Interview mit der Bandleaderin und Bassistin Maria Rothfuchs

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Maria, kurz vorweg: Es heißt, der Name eurer Band basiere auf einem Treffen mit der Rennradlegende Sir Bradley Marc Wiggins. Wann und wie war diese Begegnung?

Sir Bradley_Presse 6_Foto von Steven Haberland

Die queer-feministische Hamburger Jazzband Sir Bradley (Foto: Steven Haberland)

Maria Rothfuchs: Wenn ich nicht am Bass stehe, sitze ich auf dem Rennrad. Im Sommer 2014 flitzte ich nach sechs Wochen Training auf Mallorca, also ganz gut in Form, zum letzten Mal meinen Lieblingspass hoch. In der vorletzten Kehre schoss plötzlich ein anderes Rennrad in atemberaubender Geschwindigkeit an mir vorbei. Oben auf dem Pass angekommen, erkannte ich, mit wem ich es da zu tun gehabt hatte: Bradley Wiggins, Tour-de-France-Gewinner 2012 – wow!  Ich zog den Helm vor ihm, verbeugte mich und wusste, mein nächstes Projekt wird irgendwie diese Begegnung feiern.

Sir Bradley: Eine queer-feministische Band

Wenn von der Jazzband Sir Bradley zu hören und zu lesen ist, wird immer wieder erwähnt, dass es sich um ein queer-feministisches Kollektiv handelt. Wie wichtig ist euch dieser Zusatz?

Er ist für uns selbstverständlich und wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Alle Musiker*innen (*Frauen, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agende Personen; Anm. d. Red.) dieser Band, die in den 80er-Jahren schon aus den Kinderschuhen rausgewachsen waren, sind seitdem queer-feministisch unterwegs und die Jungen sowieso. Es freut uns aber, in so einer geballten Power auf der Bühne Role Models für alle Finta* sein zu können. Alles ist möglich, zu jedem Zeitpunkt im Leben.

Ihr veröffentlicht euer erstes Album „During My Lunch Break“ zudem bei Pussy Empire Recordings, dem feministischen Label von Sir Bradley-Sängerin Catharina Boutari. Ein gewolltes Statement oder bot es sich durch Catharina einfach an?

Es ist absolut beabsichtigt. Noch nie habe ich ein Label erlebt, dass mit solch einem großen Engagement eine im Grunde unkommerzielle Musik wie unseren Final Straight Jazz unterstützt.

Musikalisch, heißt es, wollt ihr durchweg „demokratisch“ agieren. Ist das immer leicht bei sieben möglichen Solist*innen?

Demokratie bedeutet bei uns nicht mehr und nicht weniger als dass alle Musiker*innen der Band am künstlerischen Prozess beteiligt sind und das immer wieder aufs Neue. So haben wir beispielsweise, dank einer Förderung in diesem Frühjahr, an neuen musikalischen Konzepten, sogenannten Soundpools, gemeinsam gearbeitet, die jetzt starke Auswirkungen auf unsere Musik haben. Bei uns – und im Jazz überhaupt – geht es darum, dass die gesamte Band die jeweilige Solist*in trägt, inspiriert und befeuert. So sind alle am solistischen Prozess beteiligt. Außerdem lassen unsere Arrangements viel Raum für diverse Soli.

„Kommerzieller Erfolg hat nicht zwingend mit der Größe einer Bühne zu tun“

Euer Release-Konzert spielt ihr im recht intimen Rahmen im Haus 73. Dürfen es für euch auch schrittweise größere Auftrittsorte werden oder steht kommerzieller Erfolg bei euch deutlich hinter künstlerischen Ansprüchen?

Sir Bradley hat in den letzten Jahren super gerne auf großen Festival-Bühnen gespielt, zum Beispiel beim Jazz-Baltica, ebenso wie in kleinen Clubs, etwa dem B-Flat in Berlin und dem Hafenbahnhof in Hamburg. Kommerzieller Erfolg hat, unserer Erfahrung nach, nicht zwingend mit der Größe einer Bühne zu tun. Wir alle wären froh, wenn wir angemessen für unsere Arbeit bezahlt werden würden. Unseren künstlerischen Anspruch würden wir aber niemals dem Geld unterordnen. Also nein, wir hätten nichts dagegen, wenn Elbjazz uns im nächsten Jahr einen Slot auf der Hauptbühne gäbe und wir unsere Musik mit vielen begeisterten Jazzfans feiern könnten.

„During My Lunch Break“ erscheint am 14. Oktober auf Pussy Empire Recordings/The Orchard/Timezone
Live gibt’s die Band am 1
5. Oktober um 19 Uhr im Haus 73 (Saal)


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Chantal: „Ich will einen Unterschied machen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Chantal begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich mache gerade meine Facharztausbildung zur Kinderärztin auf einer Neugeborenen-Station. Für die Kindermedizin habe ich mich entschieden, weil die Patienten ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Neugeborene sind nicht in Behandlung, weil sie sich falsch ernähren, rauchen oder trinken, sondern aus Gründen, für die sie nichts können. Jemanden im höheren Alter zu behandeln, der danach sofort wieder zu McDonald’s rennt und Bier trinkt, würde mich auf Dauer frustrieren.

Prävention als Schlüssel

Für mich spielt Prävention in der Medizin eine entscheidende Rolle. Wenn man zum Beispiel bei der Ernährung ansetzt, kann man viel bewegen. Es gibt sogenannte Blue Zones. Das sind Regionen auf der Welt, in denen Menschen signifikant länger leben als der Durchschnitt. Warum? Weil sie sich überwiegend pflanzlich ernähren, sich täglich bewegen und weil sie sozial eingebunden sind. Das sind Schlüsselfaktoren für die Gesundheit, die im Gesundheitssystem und auch in der medizinischen Ausbildung stärker mit einbezogen werden müssten. Ärzte haben meist keine Ahnung von Ernährung – sofern sie sich das Wissen nicht zusätzlich angeeignet haben – weil das Studium den Bereich kaum abdeckt.

Ich habe während meines Studiums ein Praktikum in einem präventiven Zentrum für Erwachsene in den USA, in Washington D.C., gemacht. Der Fokus lag dabei auf Prävention durch Ernährung. In Folge der Behandlung konnten viele Patienten ihre Medikamente absetzen. Doch diese präventive Arbeit wird vom Gesundheitssystem häufig nicht unterstützt, weil Krankheit und Medikamente Geld bringen – jemanden auf anderen Wegen gesund zu machen nicht. 

Erfolg durch Ernährungsumstellung

In Washington habe ich damals direkt über einem Fitnessstudio gearbeitet. Eines Tages bin ich mit einem Mann um die 60 ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir von seiner Diabeteserkrankung. Ich empfahl ihm, das präventive Zentrum zu besuchen, woraufhin er sofort protestierte: ‚Wie, kein Fleisch, kein Käse? Das geht auf keinen Fall!‘ Mit der Zeit konnte ich ihn überzeugen, mal zu einem der Kochkurse vorbeizuschauen. Jahre später bekam ich dann eine Mail von ihm, in der er mir berichtete, wie glücklich er sei. Dank der Ernährungsumstellung konnte er sein Insulin reduzieren. Das hat mir das Gefühl gegeben, wirklich einen Unterschied machen zu können. Wenn ich das immer machen könnte – das wär’s!“


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Karim Eid: Von St. Georg in die Welt

Der 22-jährige Newcomer macht Popmusik mit internationaler Relevanz. Ein Kurzes Gespräch über St. Georg, wo Karim Eid aufwuchs und sich künstlerisch dorthin entwickelte, wo er heute ist

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Karim, du bist als Sechsjähriger von Köln nach Hamburg gezogen, in St. Georg aufgewachsen. Inwieweit, denkst du, hatte und hat der Stadtteil Einfluss auf deine künstlerische Entwicklung?

Karim Eid: St. Georg ist für mich meine Kindheit. Ich habe dort meine gesamte Schulzeit verbracht, habe verschiedenste kulturelle Einflüsse mitnehmen können und tue dies bis heute. In diesem Stadtteil kriegt man von allem etwas mit, sei es der Steindamm, der Hansaplatz, die Lange Reihe, die Alster, der Lohmühlenpark: Es sind die verschiedensten Kreise, die auf engstem Raum miteinander zu tun haben. Es entsteht eine Offenheit gegenüber allem, was einem – vor allem als Kind – vorerst nicht bekannt ist. Und ich denke, diese Offenheit gegenüber unbekannten Dingen habe ich in mein künstlerisches Dasein übernehmen können. Ich verarbeite die mir bekannten Dinge, experimentiere aber auch sehr gerne mit Neuem und scheue mich nicht davor, noch mehr zu entdecken.

 

Mit Freunden zur Leidenschaft

 

Hast du in in St. Georg schnell musikalische Anlaufpunkte und vielleicht auch eine Art Szene gefunden, mit denen beziehungsweise mit der du dich identifizieren konntest?

Als ich elf Jahre alt war, habe ich in der Schule mit Schlagzeugspielen angefangen. Da ich auf einer Kulturschule war (Klosterschule; Anm. d. Red.), wurde auf Musik ein großer Schwerpunkt gelegt. Dadurch bin ich immer mehr in die Musik gerutscht, habe Freunde gefunden, die die gleichen Ambitionen hatten wie ich, und die mich angespornt haben, Musik zu einer lebenserfüllenden Leidenschaft werden zu lassen. Dann kam das Produzieren, und Freunde von mir fingen an, in Richtung Rap zu gehen, was mich fasziniert hat. Davon habe ich definitiv Inspirationen gezogen, und mit dieser Szene kann ich mich persönlich auch identifizieren, auch wenn meine Musik in eine Richtung einschlägt.

 

Musik die Glücklich macht

 

Mit „Love You More Than I Hate What You Did“ erscheint nun deine erste EP. Du hast kürzlich gesagt, du würdest es als „größten Segen“ verstehen, dass niemand auf deine Musik wartet – weil du eben Newcomer bist. Hast du womöglich Angst davor, dass die Erwartungen schlagartig steigen, wenn du mit der EP erfolgreich wirst?

Angst würde ich es nicht nennen, wohl eher eine Sorge, die aber hoffentlich dann nur eine solche bleibt. Ich versuche mein Bestes, die Musik zu erschaffen, die mich glücklich macht und an der ich Spaß habe. Ich habe kein festes Genre, in dem ich mich bewege. Was ich musikalisch mache, hängt von der Stimmung und der Situation ab, in der ich mich zu der Zeit befinde. So lange ich mit meiner Musik zufrieden bin und mich selbst in meinen Liedern hören kann, habe ich kein Problem damit, wenn es gewisse Erwartungen nicht erfüllt. Dennoch freue ich mich sehr darauf, wenn das, was ich mache, auch bei anderen Anklang findet.

„Love You More Than I Hate What You Did“ von Karim Eid ist am 29. Oktober 2021 auf Lauter Lauter/The Orchard erschienen

Einen Vorgeschmack gefällig? Hier gibt‘s das Video zum Song „what you did“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Planetarium: Direktor Thomas W. Kraupe feiert Jubiläum

Planetarium-Direktor Prof. Thomas W. Kraupe im Interview zum 20-jährigen Dienstjubiläum über „eine schlafende Prinzessin“, den Umbau des Hauses und weitere große Pläne

 Interview: Erik Brandt-Höge

 

Thomas W. Kraupe, Direktor des Planetarium Hamburg

Thomas W. Kraupe, Direktor des Planetarium Hamburg (Foto: Wolfgang Koehler)

SZENE HAMBURG: Prof. Thomas W. Kraupe, erstmal herzlichen Glückwunsch zum Direktoren-Jubiläum! Erinnern Sie sich noch an Ihre Hauptziele, als Sie vor 20 Jahren Ihre Arbeit im Planetarium begannen?

Prof. Thomas W. Kraupe: Auf jeden Fall! Eines meiner Hauptziele war es, den monumentalen Wasserturm weiter zu erschließen. Das Gebäude, diese „Kathedrale des Kosmos“, erschien mir damals wie eine schlafende Prinzessin und der Wassertank ganz oben wie eine echte Schatzkammer. Es gab da Räume hinter Türen, die die Öffentlichkeit noch gar nicht kannte. Ich dachte: „Da kann man ja noch richtig viel gestalten!“ Immerhin haben wir mittlerweile auch gut die Hälfte des Turms erschlossen, auf den neuesten Stand gebracht und sogar angebaut.

Was zählte denn in den ersten Jahren zu Ihren größten Erfolgserlebnissen?

Nachdem ich mir ein gutes Netzwerk geschaffen hatte, um stark genug zu sein, wirklich etwas zu bewegen, stellten sich bald einige Erfolge ein. Zum Beispiel, was die Öffnung des Hauses betraf. Bis 2000 war das Planetarium nur mittwochs, freitags und sonntags geöffnet. Einzig Schulklassen kamen an jedem Werktag vormittags rein. Es hieß dazu, dass die Hamburger samstags nicht ins Planetarium gehen würden. Doch tatsächlich wurde der Samstag dann rasch der wichtigste Besuchstag für uns. Wir haben den Spielplan erweitert und mehr Veranstaltungen aufgenommen, insbesondere auch mehr für Familien und Kinder getan. Unser neues Ziel musste es sein, über die Hobby-Astronomen hinaus möglichst viele Menschen für das Planetarium zu gewinnen – und das ist uns durch das breitere Angebot auch schnell gelungen. Zudem konnten wir nach einer ordentlichen Gebäudeanalyse und viel Planung bereits 2002 den ersten Umbau des Hauses starten. Dabei haben wir mit neuer Digitaltechnik das Planetarium geradezu revolutioniert.

 

Durch Raum und Zeit

 

Was war in Ihren Augen der Kern dieser Revolution?

Ich denke, es war und ist die inhaltliche und technische Weiterentwicklung des Planetariums zu einem eindrucksvollen „Rundumtheater”. Als „Unendlichkeitsraum” führt es die Wahrnehmung und Gedanken der Besucherinnen und Besucher durch Raum und Zeit, mitten hinein in das kosmische Geschehen und vermag wie kein anderes Theater die ganz großen Zusammenhänge und Geschichten unserer Existenz zwischen Urknall und Ewigkeit erlebbar zu machen. Durch vielfältige neue Brückenschläge zwischen Wissenschaft, Kunst und Kultur konnten wir den Besuchern dabei ganz neue Blickwinkel auf unsere Welt und das Weltall eröffnen. Und unser Angebot wurde mehr als gut angenommen: Die Besucherzahl hat sich kurz darauf verdreifacht.

Wird Ihnen neben dem sehr speziellen, weil sehr schwierigen Jahr 2020 noch ein weiteres Jahr in Ihren ersten 20 Direktoren-Jahren besonders in Erinnerung bleiben?

Sicherlich das Jahr 2004, gleich nach der ersten Modernisierungsphase. Es gab damals einen riesigen Ansturm aufs Planetarium. Ein Wahnsinns-Erfolgsjahr, das uns zeigte, dass wir Herz und Verstand der Besucherinnen und Besucher gleichermaßen erreicht haben mit unserem neuen Konzept.

Gibt es auch etwas, das Sie unbedingt noch schaffen wollen, und womit sich Ihre anfänglichen Ziele vollends erreichen ließen?

Wenn wir auch den oberen Gebäudeteil mit dem Wasserkessel erschließen und die Sammlung von Aby Warburg wieder ins Haus holen könnten, so wäre mein großer Traum von damals, 2000, voll erfüllt. Das stoße ich auch gerade an, es gibt schon Pläne der Architekten, und demnächst wollen wir das Vorhaben Förderern und Stiftungen, Bund und Ländern vorstellen. Es wäre ein großer Wurf für das Haus, wenn das gelingen würde – sogar von internationaler Bedeutung.

planetarium-hamburg.de


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