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„Eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle“

Eva Mattes teilt sich mit Josefine Israel die Rolle der Mutter in „Die Freiheit einer Frau“. Falk Richter inszeniert eine eigene Bühnenfassung der neuesten autobiografischen Erzählung von Édouard Louis Im Interview spricht Mattes über Mütter, Édouard Louis und Theater in Zeiten von Corona

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mattes, in „Die Freiheit einer Frau“ spielen sie eine Frau, die nach jahrelangen Demütigungen durch zwei Ehemänner beschließt, ihr Dorf zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Eva Mattes. Ich habe erst mal alle Bücher von Édouard Louis gelesen. Außerdem machen wohl alle Frauen Erfahrungen in diese Richtung. Ich denke oft: Ach, jetzt muss ich mich schon wieder emanzipieren. Im Fall von Édouard Louis und seiner Mutter ist es natürlich noch krasser, weil die in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Édouard Louis, der viele homophobe Erfahrungen gemacht hat, befreit sich aus diesen Verhältnissen …

Er hat das Gymnasium besucht, danach studiert und ist jetzt ein intellektueller Mensch. Hochachtung vor so einem Schritt! Die Mutter folgt ihm quasi, verlässt ihren zweiten Mann und zieht in die Stadt. Aber wirklich heraus aus ihrer Gesellschaftsschicht kommt sie nicht. Sie findet auch schwer Kontakte. Wir wissen ja, dass sich in Städten wie Paris nicht so leicht Beziehungen entwickeln, wenn man von außen dazukommt. Das ist in Berlin anders. Ich lebe in Kreuzberg, da ist die Bevölkerung sehr gemischt.

Ein offener Brief an die Mutter

Man hat Édouard Louis vorgeworfen, dass seine Bücher immer wieder das gleiche Thema behandeln …

Er ist ja noch wahnsinnig jung, nicht einmal dreißig, und hat noch eine große Entwicklung vor sich. Deshalb wird er immer wieder anders auf seine Vergangenheit blicken. Als studierter Soziologe kann er sich auch ein Bild davon machen, warum seine Eltern und die Verhältnisse so sind, wie sie sind.

Er hat offenbar viel aufzuarbeiten …

Er schreibt, dass er in der Schule jeden Tag im gleichen Flur auf die beiden Typen gewartet hat, die ihn dann zusammenschlagen haben. Er wollte nicht im Schulhof verprügelt werden, weil es dort alle anderen mitbekommen hätten. Dabei hat er immer gelächelt, weil er dachte, dann tun die Jungs ihm nicht so weh. Auch vor seiner Mutter hat er immer nur gelächelt. Er wollte nicht, dass sie erkennt, wer er ist und was er für ein Leben führt. Um all diese Erfahrungen zu überwinden, ist harte Arbeit nötig.

Könnte man das Buch als eine Art offenen Brief an die Mutter verstehen?

Ja. Falk Richter hat eine sehr schöne Bühnenfassung geschrieben, die nahe am Buch bleibt. Josefine Israel spielt die junge Mutter und ich die Mutter in der Gegenwart.

„Prosa ist auf der Bühne spannender“

Warum werden immer öfter Prosatexte auf die Bühne geholt? Gibt es keine guten Theaterstücke mehr?

Wahrscheinlich möchte man einfach gute Stoffe erschließen. Ehrlich gesagt, lese ich Texte von Theaterstücken immer erst, wenn ich gebeten werde, darin mitzuspielen. Deshalb kann ich gar nicht beurteilen, ob es zu wenige gute neue Stücke gibt.

Andererseits gibt es Gegenwartsautoren, die auch für die Bühne Prosatexte schreiben wie Elfriede Jelinek. Für Ihre Darstellung der Kirke in der Uraufführung von Jelineks Stück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus haben Sie im letzten Jahr den „Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares“ erhalten.

Auf der Bühne sind diese Texte aber spannender, als wenn man sie nur lesen würde. Bei dieser Produktion habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie man einem Text, der ohne Punkt und Komma und ohne Rollenverteilung geschrieben ist, in ein Stück verwandelt.

Dort spielten Sie ja eine Art Gegenstück zu Ihrer aktuellen Rolle und traten als Zauberin auf, die die Männer in Schweine verwandelt, um über sie zu herrschen.

Andererseits sagt auch die Mutter in „Die Freiheit einer Frau“, als sie einen neuen Mann kennenlernt: „Jetzt lasse ich mich nicht mehr unterdrücken. Jetzt bestimme ich!“

Aber reproduziert sie damit nicht nur den Machtmechanismus mit entgegengesetzten Vorzeichen?

Man sucht sich immer die Muster, die einen geprägt haben. Aus denen kommt man nur heraus, wenn man verstanden hat, warum in der Vergangenheit etwas so passiert ist. Erst dann kann sich das ganze System verändern.

Die Freiheit des Spiels

Haben Sie schon früher mit Falk Richter zusammengearbeitet?

Nein. Aber die Arbeit macht großen Spaß und findet – wie im letzten Jahr mit Karin Baier – auf Augenhöhe statt. Das ist auch eine Art Befreiung, eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle. Mit Peter Zadek war das anders. Obwohl wir uns gut verstanden haben und ich ihn durchaus vermisse, konnte er ganz schön austeilen.

Rainer Werner Fassbinder aber doch sicher auch …

Mir gegenüber waren die Regisseure zum Glück immer respektvoll und vorsichtig. Und als ich mit Fassbinder angefangen habe zu arbeiten, war ich erst sechzehn. Der hatte sozusagen genauso Respekt vor mir – vor meiner Jugend und meiner hohen Disziplin – wie ich vor ihm.

Heißt das trotzdem, dass Sie heute ihre Vorstellungen als Schauspielerin stärker einbringen können?

Nein, bei Zadek kam ja auch viel von der Bühne. Da habe ich überhaupt erst gelernt, selbstständig zu arbeiten. Einerseits war das sehr locker, andererseits richtete sich doch alles nach ihm. Aber die Freiheit des Spiels habe ich seit Zadek eigentlich immer gehabt. Wir haben manchmal monatelang bei ihm improvisiert und hatten wahnsinnig viel Zeit, unsere Rollen zu entwickeln.

Corona und die Kunst

Im Moment sind ja wegen Corona ja nur wenige Zuschauer zugelassen. Wie geht es Ihnen damit?

Wenn ich in den Saal hinunterschaue, empfinde ich das manchmal sogar als persönlicher. Am Ende sind die Leute auch unglaublich dankbar und applaudieren wie verrückt, weil sie uns wohl auch zeigen wollen, wie froh sie sind, dass sie dabei sein können. Trotzdem wünscht man sich natürlich volle Säle. Jetzt mache ich schon die dritte Produktion hier am Schauspielhaus nach „Iwanow“ und dem Jelinek-Stück und fühle mich sehr privilegiert. Leider gibt es viele Menschen in unserer Branche, die derzeit nicht auftreten können und denen es richtig schlecht geht.

Muss man nicht sogar sagen, dass die Themen des aktuellen Stücks – Armut und Gewalt – Themen sind, die durch Corona verstärkt in den Fokus geraten? Die Menschen verlieren ihre Arbeit, sitzen zu Hause und werden immer aggressiver.

Natürlich, ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Meine Nichte hat drei Söhne von ganz klein bis elf Jahre. Das ist selbst zu zweit schwer. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind.

Wenn Sie zu einer Anhörung in den Bundestag geladen würden, um die Corona-Situation in den Theatern aus Sicht einer praktizierenden Schauspielerin einzuordnen und Ratschläge zu geben, was würden Sie dem Ausschuss sagen?

Ich glaube, ich würde da nicht hingehen. Selbst für die Fachleute scheint eine Beurteilung schwierig zu sein, weil es ja fast täglich neue Erkenntnisse gibt. Ich hatte mich auch mit der Omikron-Variante angesteckt. Es war eine ganz normale Erkältung, und jetzt bin ich genesen – für drei Monate immerhin. Viele kommen nicht so glimpflich davon, und es gibt Tote. Aber das Spiel mit der Angst, das mag ich nicht.

„Die Freiheit einer Frau“, ab dem 5. März 2022 (Premiere) im Deutschen Schauspielhaus


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Text: Andreas Daebeler

 

Große Freiheit Nr. 7

 

Den Gassenhauer „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ kennt jeder Kiezianer. Dudelt schließlich ständig aus Boxen am Millerntor, in den Kneipen rund um die Davidwache und in Bars am Hamburger Berg. Gesungen wurde das Lied einst von Hans Albers in seine Rolle als Hannes Kröger, der sich in „Große Freiheit Nr. 7“ als Sänger und Anreißer in Hamburgs Rotlichtviertel durchschlägt. Gedreht im Jahr 1943, bekommen die Deutschen den ersten Agfa-Farbstreifen der Terra-Film erst nach dem Krieg zu sehen. Grund: Den Nazis passt die Darstellung eines ziemlich abgehalfterten Seemanns nicht, Großadmiral Karl Dönitz nennt ihn sogar „wehrkraftzersetzend“. Das ändert nichts daran, dass „Große Freiheit Nr. 7“ nach dem Krieg zum Klassiker wird und Hamburg ein Denkmal setzt. Übrigens mit vielen Szenen, die tatsächlich gar nicht an der Elbe gedreht wurden. Der Film von Helmut Käutner entstand weitgehend in Prag.

„Große Freiheit Nr. 7“, erschienen 1944, Regie: Helmut Käutner, mit Hans Albers, 109 min

 

Supermarkt

 

Der Film von Roland Klick zeichnet ein oft tristes und hoffnungsloses Bild vom Kiez der 1970er-Jahre. Auf dem gaunert sich der junge Willi, gespielt von Charly Wierzejewski, durch seine Tage, bis er die Prostituierte Monika (Eva Mattes) kennenlernt und sich verliebt. Doch St. Pauli ist nicht für ein Happy-End gemacht und so gipfelt die Geschichte in einem Mord und dem gnadenlos misslungenen Raubüberfall auf einen Supermarkt, der dem Film den Titel gibt. Der Streifen gilt als schonungslose Milieustudie ohne Zeigefinger und übertrieben sozialkritischen Ansatz. Zu sehen gibt es 84 Minuten konzentrierte Wirklichkeit zwischen Landungsbrücken und Reeperbahn. Gedreht wurde „Supermarkt“ fast ausschließlich rund um den Hamburger Hafen. Das Lied „Celebration“, das im Film eine Rolle spielt, steuert ein noch weitgehend unbekannter Marius Müller-Westernhagen bei.

„Supermarkt“, erschienen 1974, Regie: Roland Klick, mit Charly Wierzejewski und Eva Mattes, 84 min

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Die Wilhelmsburger Hochhaussiedlung in „Nordsee ist Mordsee“ (Foto: Andrea David)

 

Nordsee ist Mordsee

 

Der Film ist die Geschichte von zweien, die ausziehen, weil sie zu Hause nur das Fürchten lernen. So heißt es im Trailer zu „Nordsee ist Mordsee“ von 1976. Die Geschichte des 14-jährigen Uwe, der in einer Wilhelmsburger Hochhaussiedlung lebt, vom Vater verprügelt wird und sich mit dem gleichaltrigen Dschingis mit einem selbst gebauten Floß in Richtung Meer aufmacht, ist Hark Bohms vierter Spielfilm. Gedreht hat der Regisseur unter anderem an der Neuenfelder Straße und am Veringkanal, der vom Reiherstieg abgeht. Viele der im Film zu sehenden Schauplätze sind heute verschwunden, da Wilhelmsburg sich stark verändert hat. „Nordsee ist Mordsee“ gilt Mitte der 1970er-Jahre als eine Art moderner Abenteuerfilm, Freiheit und Freundschaft sind die Hauptmotive. Die Dialoge kommen auf den Punkt, das gesprochene Hamburgisch ist im Kino heute fast ausgestorben. Und Udo Lindenbergs Textzeile „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen und einfach abzuhauen’“ kann wohl fast jeder Hamburger mitsingen.

„Nordsee ist Mordsee“, erschienen 1976, Regie: Hark Bohm, mit Uwe Enkelmann, 87 min

 

Der Amerikanische Freund

 

Der von Dennis Hopper gespielte Amerikaner Tom Ripley lebt in Hamburg. Ein zwielichtiger Typ, der sein Geld mit Kunstgeschäften verdient. Ripley überredet den todkranken Jonathan, einen von Bruno Ganz gespielten Bilderrahmen-Macher, zu zwei Auftragsmorden. Es entwickelt sich ein undurchsichtiges Spiel mit ungewissem Ausgang. Einen großen Teil des Films „Der amerikanische Freund“ drehte Regisseur Wim Wenders von Oktober 1976 bis März 1977 in Hamburg. Vor allem der Hafen und St. Pauli dienten als Kulisse. Zu sehen sind auch der Alte Elbtunnel und die Strandperle. Kritiker lobten die Atmosphäre des manchmal düsteren Films, dessen Produktion wegen des schlechten Gesundheitszustands von Hauptdarsteller Hopper zeitweise am seidenen Faden hing. Für Wim Wenders zahlten sich die Dreharbeiten in Hamburg aus: „Der amerikanische Freund“ wurde zu seinem bis dahin erfolgreichsten Streifen. Die Vorlage für den Film lieferte ein im Jahr 1974 erschienener Kriminalroman der britischen Autorin Patricia Highsmith.

„Der Amerikanische Freund“, erschienen 1977, Regie: Wim Wenders, mit Bruno Ganz und Dennis Hopper, 127 min

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Die beliebte Strandperle als Kulisse für den leicht düsteren Film „Der amerikanische Freund (Foto: Andrea David)

 

Bandits

 

Emma (Katja Riemann), Luna (Jasmin Tabatabai), Angel (Nicolette Krebitz) und Marie (Jutta Hoffmann) sind vier weibliche Knackis, wie sie unterschiedlicher eigentlich kaum sein können. Eines jedoch verbindet das Quartett – die Liebe zur Musik. Unter dem Namen „Bandits“ gründen sie die Band des Frauengefängnisses, in dem sie einsitzen. Und geraten musikalisch auf die Überholspur.

Auf dem Weg zum ersten Gig außerhalb der Mauern ergreifen die Frauen dann die Flucht. Gejagt von der Polizei, Musikfans und sensationshungrigen Medien beginnt eine irre Reise durch Hamburg. Regisseurin Katja von Garnier nimmt uns in die Hafenstraße, auf die Köhlbrandbrücke und an andere Schauplätze unserer Stadt mit. Auf der Flucht SZENE HAMBURG LICHTSPIELE 37 nimmt das Quartett zwischenzeitlich nach einem Gig in einem Club sogar eine Geisel. Kommissar Schwarz, gespielt von Hannes Jaenicke, bleibt den „Bandits“ immer auf den Fersen – bis zum furiosen und etwas surrealen Finale. Katja Riemann heimste für diesen Hamburg-Film 1998 den deutschen Filmpreis ein. Und der Soundtrack war sehr erfolgreich.

„Bandits“, erschienen 1997, Regie: Katja von Garnier, mit Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Jutta Hoffmann, 108 min

 

Absolute Giganten

 

Vielleicht der Hamburg-Film einer ganzen Generation. Die Story von drei Freunden, die ihre letzte gemeinsame Nacht verleben, weil einer von ihnen auf einem Frachter angeheuert hat, ist nicht nur wegen den grandiosen Soundtracks von The Notwist längst Kult. Und das obwohl der Streifen 1999 an der Kinokasse zunächst floppte. Regisseur Sebastian Schipper schafft eine dichte Atmosphäre, indem er abgerockte Ecken unserer Stadt zu Schauplätzen macht. Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr. düsen im Ford Granada durch den Freihafen, chillen vor Industriebrachen und kickern sich durch düstere Kaschemmen. Großes Kino mit vergleichsweise kleinem Aufwand.

Das Motto der Nacht, durch die wir die drei Freunde Floyd, Ricco und Walter begleiten, bringt eine Szene des Films auf den Punkt. „Einmal alles bitte“, lautet die Bestellung beim Burger-Brater auf dem Kiez. Die volle Portion Hamburg eben. Dass der Film heute noch funktioniert, zeigte sich 2016, als 14 Kinos „Absolute Giganten“ nochmals spielten – und fast alle Vorstellungen ausverkauft waren.

„Absolute Giganten“, erschienen 1999, Regie: Sebastian Schipper, mit Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr., 76 min

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Als „Absolute Giganten“ gedreht wurde, war die Elphi noch nicht in Sicht (Foto: Andrea David)

 

Fleisch ist mein Gemüse

 

Heinz Strunk als Heinz Strunk – das funktioniert. In der Verfilmung seines 2004 erschienenen Bestsellers „Fleisch ist mein Gemüse“ stellt sich das Mitglied von „Studio Braun“ selbst vor die Linse. Und erzählt seine Geschichte, die hauptsächlich im Hamburger Stadtteil Harburg und dem Umland spielt. Regisseur Christian Götz nimmt uns mit auf Schützenfeste, in Dorfdiscos und miefige, mit reichlich Gedöns vollgestopfte Wohnstuben, wie sie in den 1980er-Jahren nicht selten waren. Der Spaß beim Zuschauern wird immer weder kunstvoll gestört, etwa wenn die Resignation beim scheiternden Musiker Heinz die Oberhand gewinnt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. „Fleisch ist mein Gemüse“ zeigt einen Teil Hamburgs, der nicht ständig im Kino gewürdigt wird. Fernab von Alster, Mö und Landungsbrücken. Rocko Schamoni als Schützenkönig und die wunderbare Susanne Lothar als Strunks Mutter sind ein Gedicht. Ein lebensnaher Hamburg-Film zwischen Komödie und Tragödie.

„Fleisch ist mein Gemüse“, erschienen 2008, Regie: Christian Görlitz, mit Heinz Strunk, 101 min

 

Soul Kitchen

 

„Soul Kitchen“ setzt Wilhelmsburg ein Denkmal. Die Halle, in der der von Adam Bousdoukos gespielte Zinos sein vom Abriss bedrohtes Lokal betreibt, steht in der Nähe des Reiherstieg-Hauptdeichs. Mit Moritz Bleibtreu, Jan Fedder, Wotan Wilke Möhring, Maria Ketikidou, Peter Lohmeyer und Udo Kier hat Regisseur Fatih Akin so ziemlich alles am Start, was 2009 die deutsche Filmszene rockt.

Die straff inszenierte Story ist mal urkomisch, mal rührend und strotzt nur so vor Leben. Birol Ünel als exzentrischer und mit Messern bewaffneter Koch Shyan ist ein Highlight von „Soul Kitchen“. Monica Bleibtreu hat kurz vor ihrem Tod ihren letzten Auftritt auf der Leinwand. Akin soll den Film selbst mal als einen modernen Heimatfilm bezeichnet haben. Für Hamburger ist das kaum zu bestreiten. Gedreht wurde schließlich nicht nur im Hafen, sondern auch an der Alster, im Mojo und in der Astra Stube an der Sternbrücke. Wie auch im Gängeviertel. Viel mehr Hamburg geht kaum.

„Soul Kitchen“, erschienen 2009, Regie: Fatih Akin, mit Adam Bousdoukos, Birol Ünel, Moritz Bleibtreu und Anna Bederke, 100 min

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Die Soul Kitchen-Halle in Wilhelmsburg: Kultfilm, Kult-Location (Foto: Andrea David)

 

Taxi

 

Alex fährt Taxi. Im Hamburg der 1980erJahre. Eigentlich hat sie gerade eine Ausbildung in einer Versicherung machen wollen. Aber das kann doch nicht das Leben sein. Also ab ins Auto. Und so nimmt Regisseurin Kerstin Ahlrichs uns mit durch de Straßen unserer nächtlichen Stadt. Mit Alex treffen wir Freaks, Betrunkene, einen Mann, der einen wilden Affen im Schlapptau hat – und ihren späteren Liebhaber Marc, der von Peter Dinklage gespielt wird. Wir erleben den Niedergang des kleinen Taxiunternehmens namens Mergolan. Und dessen Rettung durch einen Crash, den Alex verursacht.

Hauptdarstellerin Rosalie Thomass liefert uns herrliche Schnodderigkeit. Die Kultschauspieler Eisi Gulp und Armin Rohde haben skurrile Auftritte. Robert Stadelober gibt den öden Bildungsbürger, mit dem Alex irgendwie im Bett gelandet ist. Alles ist herrlich lakonisch erzählt und das Zeitgefühl der Achtzigerjahre, irgendwo zwischen sinnsuchend und verloren, wird in vielen Szenen greifbar. Vorlage zu dem Film ist der gleichnamige, 2008 erschienene Roman von Karen Duve.

„Taxi“, erschienen 2015, Regie: Kerstin Ahlrichs, mit Rosalie Thomass, Peter Dinklage, Stipe Erceg und Robert Stadlober, 94 min

 

Der Goldenen Handschuh

 

Wer sich Fatih Akins Fim „Der Goldene Handschuh“ anschaut, sollte nicht zu zart besaitet sein. In der Geschichte von Serienmörder Fritz Honka gibt es Szenen, die für manch einen Grenzen des Erträglichen überschreiten. Gedreht wurde auf St. Pauli und an anderen Schauplätzen in unserer Stadt. Für Innenaufnahmen aus der legendären Kiez-Kneipe wurde der „Handschuh“ im originalgetreuen Maßstab in den Hallen des ehemaligen Überseezentrums nachgebaut.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen und 2016 erschienenen Roman von Heinz Strunk, für den der Autor sich im Zuge der Recherche manche Nacht in der einst von Honka besuchten und noch heute geöffneten Spelunke um die Ohren geschlagen hat. Die Handlung spielt in den frühen 1970ern, als Honka sich seine Opfer auf dem Kiez suchte, um die Frauen zu ermorden und dann in seiner Wohnung in Ottensen zu zerstückeln und die Leichenteile zu verstecken. Fatih Akin bescherte dieser Hamburg-Film nicht nur Nominierungen für Preise, sondern auch Kritik für zu drastische Bilder.

„Der Goldenen Handschuh“, erschienen 2019, Regie: Fatih Akin, mit Jonas Dassler, 110 min


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

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Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares 2021 verliehen

Am 1. November 2021 wurde der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares verliehen. In sechs Kategorien gingen die begehrten Preise an sieben Theaterschaffende und eine Institution 

 

Roter Teppich, große Bühne und fröhliche Gesichter. Am 1. November 2021 wurde im Opernloft der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares verliehen. Der Preis ist mit jeweils 1.000 Euro dotiert, inklusive eines personalisierten Montblanc-Füllers.

 

Herausragende Darsteller:innen

 

Eva Mattes wurde für ihre Rolle in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen, Blinde Sehen!“ ausgezeichnet (Foto: Matthias Horn)

Eva Mattes wurde für ihre Rolle in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen, Blinde Sehen!“ ausgezeichnet (Foto: Matthias Horn)

Als herausragende Darsteller:innen wurden 2021 Ines Nieri für ihre Inszenierung „Tyll“ (nach dem Roman von Daniel Kehlmann) am Ernst Deutsch Theater und Thomas Niehaus vom Ensemble des Thalia Theaters für seine Rolle des Ingwer Feddersen im Stück „Mittagsstunde“ geehrt. Ein weiterer Preis ging an Eva Mattes für ihre Darstellung der Kirke in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück zur Pandemie „Lärm. Blindes Sehen, Blinde Sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

 

Digitale Projekte ausgezeichnet

 

Wegen der langen Zeit ohne offene Theater, gingen zwei Preise an digitale Inszenierungen. Helge Schmidt wurde für seine Inszenierung „Tax for free“ am Lichthof Theater ausgezeichnet, ein Projekt das im Rahmen des Formats #lichthof_lab entstanden ist. David Bösch, Patrick Bannwart und Falko Herold bekamen die Auszeichnung für ihr filmisches Gesamtkunstwerk „Weisse Rose“ an der Staatsoper Hamburg.

Der Sonderpreis ging in diesem Jahr an die Behörde für Kultur und Medien. Die Jury begründete die Auszeichnung mit der durchgehenden Unterstützung der Theater in Zeiten der Pandemie: „Hamburg hat dafür viel Geld in die Hand genommen, es wurde unbürokratisch gehandelt, dazu gab es Beratung in jeder Lage, zu jeder Zeit, und immer auch vom Senator Dr. Carsten Brosda selbst. Die Theater in Hamburg fühlten sich verstanden und sehr gut aufgehoben“.

Die Highlights der Verleihung mit allen Preisträger:innen gibt es ab dem 2. November 2021 um 19 Uhr auf theaterpreis-hamburg.org und auf dem YouTube-Kanal des Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares.


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