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Thees Uhlmann: „Schöne Kunst kommt aus dem Zweifel“

Nach dem Roman ist vor dem Album: Thees Uhlmanns neue Platte „Junkies und Scientologen“ erscheint am 20. September

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Andreas Hornoff

 

Die Songs heißen „Fünf Jahre nicht gesungen“, „Avicii“, „Was wird aus Hannover“ und „Katy Grayson Perry“. Der Sänger heißt Thees Uhlmann, Ex-Tomte-Frontmann, Bestseller-Autor und Wahlberliner mit Hamburg im Herzen. Ein Gespräch über Fan-Liebe und Selbstekel, große Grübelei und die Wichtigkeit von Angst.

SZENE HAMBURG: Thees Uhlmann, wer singt derzeit am schönsten, weil am härtesten über Liebe?

Thees Uhlmann: Zurzeit ist das, meiner Meinung nach, Billie Eilish. Sie kam aus dem Nichts, machte einfach wundervolle Musik und wurde damit wahnsinnig schnell zum Superstar. Sie singt den Soundtrack für den Gymnasiastenschulhof, vor allem für die fünfte bis zehnte Klasse. Eilishs Texte haben so eine schöne Dunkelheit. Ich glaube, sie können das Leben junger Menschen nachhaltig verändern.

Inwiefern?

Die Texte sagen: Du bist in Ordnung! Deine Gefühle sind in Ordnung! Wenn jemand was anderes sagt, weiche ihm aus!

Du sagtest schon zu Beginn deiner Karriere, du würdest immer versuchen wollen, so hart über Liebe zu singen, wie möglich. Hat sich an diesem Ziel mit der Zeit etwas verändert? 

Überhaupt nichts. Einzig für dieses neue Album hat sich eine Herangehensweise ans Schreiben verändert. Meine Idee war anfänglich: Um 8.10 Uhr, wenn meine Tochter in der Schule ist, habe ich eine gute Idee und bis 11 Uhr einen Song daraus gemacht. Ich wollte dieses Mal über Spontanität gehen, zack, zack, zack.

Und?

Ist nichts draus geworden. Es hat sechs Jahre gedauert, bis ich ein Album zusammen hatte. Ich habe ein fast fertiges Album weggeschmissen, ein ganzes Jahr nachgedacht und dann neu angefangen. Das war hart und tat weh. Ist wohl meine Art der Tätowierung …

… die beim Publikum ankommt, dein Gesang über Liebe kommt immer lauter zurück. Neben deiner Musik wurde auch dein 2015 erschienener Roman „Sophia, der Tod und ich“ von der breiten Masse sehr gemocht. Was macht so viel Liebe mit dir?

(überlegt lange) Ich glaube, nichts. Ein Großteil der Leute, die mich liebhaben, scheißt sich nichts, wie man auf Österreichisch sagen würde.

Was meinst du damit?

Die Leute sagen sich halt: Bei einem Thees-Uhlmann-Konzert wird keine Karriere geplant, der Typ singt einfach nur über das, was in seinem Kopf vor sich geht. Das entspannt sie und zieht sie gleichzeitig in eben diese Liebe zu meiner Musik.

 

 

Klingt nach Fan-­Zuneigung als Zufalls­produkt.

Ach, ich habe auch schon mal versucht, eine richtige Single zu schreiben.

Deiner Meinung nach mit Erfolg?

Nein, es war grauenvoll! Das Grauenvollste, was ich jemals gemacht habe. Ich habe es geschrieben, am nächsten Tag durchgelesen, und es hat mich fast umgehauen, wie schlecht das war. Da habe ich echt künstlerischen Selbstekel entwickelt.

Gab es weitere Single­-Versuche?

Nee, das mit der Single habe ich aufgegeben. Ich singe einfach, was ich will, nämlich über kleine und große Beobachtungen.

Das erste Stück auf deinem neuen Al­bum hat den Titel „Fünf Jahre nicht ge­sungen“, hätte aber auch heißen kön­nen: „Zwei Jahre nicht gesungen“. An­geblich hattest du schon 2016 das ange­sprochene fertige Album.

Richtig. Allerdings ist mir die Platte in meinen Händen zerronnen. Als Künstler hat man ja ziemlich schnell eine Ahnung, wenn etwas nicht so richtig gut ist, und mir hat das damals nicht gefallen, deshalb ist es nicht erschienen. Mein Umfeld hat das verstanden, ich durfte noch mal von vorne anfangen.

Dazu muss man sagen, dass es ein ganz schön großes finanzielles Unterfangen ist, wenn ich sage, dass es in dem Jahr noch nichts mit einer neuen Platte wird – und in dem darauf auch nicht.

Was genau hat dich an der ersten Albumversion gestört?

Da muss ich etwas ausholen. Ich mache Kunst nicht alleine. Ich mag es, wenn mich Freunde beraten, und jemand meinte vor dem Schreiben der ersten Songs zu mir: „Komm, mach mal wieder so Tomte-mäßige Texte!“ Also habe ich es probiert – und es hat überhaupt nicht funktioniert. Im Unterstrom kam dann das Nachdenken über einen riesigen Komplex.

Welchen Komplex?

Ich erzähle mal die Kurzversion: Ich bin 1974 geboren, habe 1986 angefangen, zu denken. 1989 ging die Mauer auf, kurz danach kamen Grunge und Riot Grrrl. Dann wurde Europa größer und Obama gewählt. Als er Präsident wurde, war das ein in meinen Augen riesiger Hoffnungsschimmer für die Welt – und dann gab es plötzlich Trump, Brexit und AfD, und ich dachte: Das kann doch nicht angehen!

 

„Ich habe meine Sprache härter gemacht“

 

Wie hast du das alles verarbeitet?

Das Erste bei Trump war, dass meine Tochter mich gefragt hat, wie so jemand gewählt werden konnte. Also ein Mensch, der sich komplett gegen ihre und meine Erziehungsrichtlinien richtet: Anstand, Moral, alle Menschen erst mal gleich. Erklär das mal einer Siebenjährigen: Trump, gewählt von Frauen, von Männern, nach Nirvana, nach der Maueröffnung und nach 150 Jahren Philosophie. Ich habe konstant jede Sekunde darüber nachgedacht. Am Ende ging das Schreiben einer Tomte-mäßigen Platte einfach nicht mehr.

Und dann?

Ich habe meine Sprache verlängert, direkter und irgendwie härter gemacht. Sodass diese Aufruhr, diese Unrast in mir irgendwie kanalisiert und wiedergegeben werden konnte.

Du bist also distanzloser geworden?

Ich kann verstehen, dass man das so empfindet, aber ich kann mein Schreiben selbst nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass ich die Songs, wie sie jetzt sind, super finde. Mehr Leute sollten singen, was ich gerade singe (lacht). Oder zumindest so lange nachdenken, wie ich.

Eine Formel, die für die neue Songsammlung gelten kann, ist: Aus Klein mach Groß, aus Groß mach Klein. Etwa singst du, das Leben sei kein Highway, sondern die B73 …

… was eine der letzten Zeilen war, die wir im Studio für die Platte geschrieben haben, und danach hat es richtig Fäuste gehagelt vor Freude. Ich meine: Wir sind im Instagram-Zeitalter, die Leute fotografieren ihr beschissenes Essen und schreiben darunter 20 Hashtags, warum das geil ist. Die armen Gerichte!

Es suggeriert ein gutes Leben und die Bitte, das alles genauso zu machen. Aber: So ist das Leben nicht. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73. Alles andere ist eine Lüge.

 

„Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel“

 

Auffällig ist auch, dass es gleich zwei Songs auf dem Album über Angst gibt: „Danke für die Angst“ und „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“. Ist es einfach passiert, dass dieses Thema so präsent ist?

Ja, ist einfach passiert. Für „Danke für die Angst“ hatte ich Lust, über Stephen King zu schreiben, weil er mir wahnsinnig viel bedeutet. Meine Tochter hat keine Angst mehr vor Monstern. Sie hat Angst vor anderen Sachen, ja, und ich weiß noch nicht so genau, wovor, darüber denke ich noch nach.

Ich dagegen hatte als Kind panische Angst vor Monstern. Ich habe Stephen King gelesen und „Twin Peaks“ auf VHS-Kassetten geguckt, und ich habe Angst bekommen, dass fortan irgendwas hinter mir ist.

Und was steckt hinter „Menschen ohne Angst“? 

Da wollte ich über diese Herrenmenschenscheiße schreiben, die viele zurzeit so toll finden, auch viele Künstler. Immer, wenn ein Sänger das Wort loyal in den Mund nimmt, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich meine: Du kannst doch keine nachhaltige Kunst erschaffen, wenn du ständig darüber singst, dass du keine Angst hast und alle immer zusammenstehen. Das ist nämlich Quatsch. Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel, aus dem Nachdenken und eben auch aus der Angst. Zum Glück habe ich keine Probleme mit Angstzuständen, aber ich finde, Angst an sich ist ein wichtiges, tolles Gefühl.

Kommen wir zu ein paar anderen Albumthemen. Sprich doch mal fol­gende Sätze zu Ende: Käme Katy Perry zu mir und fragte nach einem Duett, wäre meine Antwort …

Ja!

Unser Song hieße …

„Wir waren gestern Nacht mit Marcus Wiebusch tanzen“. (lacht) Nee, mal im Ernst, den Titel dürfte sie sich natürlich aussuchen. Ich möchte nur, dass sie den Song ohne Produzententeam schreibt, stattdessen nur mit Marcus und mir. Das wird dann so ein Disco-Hauer mit Akustikgitarren.

Eine Welt ohne Aviciis wäre …

Vorweg: Mein Song „Avicii“ ist komplett ironiefrei. Ich habe Avicii immer in der Tradition von ABBA gesehen, und ABBA sind für mich so wichtig wie Andy Warhol, ganz weit oben im Pantheon der Kunst. Manche Menschen sind einfach von irgendwem beschenkt worden, haben ein riesiges Talent.

Außerdem: Musik wird nicht schlecht, nur weil sie viele hören. Die Geschichte von Avicii ist mir so nahegegangen, dass es einen Song darüber geben musste. Und ich sage: Aviciis wird es ewig geben.

 

 

Hannover ist wichtig, weil …

Hannover ist nicht wichtig. Aber ich glaube, dass alle Hannoveraner und Hannoveranerinnen einen Deal gemacht haben. Die haben sich irgendwann mal unterm Schwanz getroffen und vereinbart: „Wir sagen das nicht weiter, wie geil das hier ist, sonst kommen die ganzen Arschlöcher hierher.“ Hannover ist grün, cool, man kann sich noch was leisten, aber alle außerhalb denken, dass es ein Deppenkaff ist.

Junkies-und-Scientologen-Thees-Uhlmann-Cover

„Junkies und Scientologen“ erscheint am 20.9.19 bei Grand Hotel van Cleef

In fünf Jahren singe ich bestimmt über …

Weiß ich noch nicht. Ich habe jetzt anderthalb Jahre an dieser Platte gearbeitet, und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass es die längsten Songtexte werden würden, die ich bisher geschrieben habe, hätte ich es ihm nicht geglaubt. Andererseits: In fünf Jahren werde ich wahrscheinlich ein Wohnungsgesuch in Hamburg singen, mit Vorstellungen. Es wird heißen: „Bitte mit Elbblick.“

Apropos Hamburg, auch wenn hier ein älterer Song bemüht wird: Wie sieht’s aus in Hamburg? 

Das kriege ich inzwischen fast nur noch aus der Ferne mit. Meine Zeit ist knallhart aufgeteilt zwischen Tochter und Kunst. Da sind zwei Tage Abhängen in Hamburg zwischendurch einfach nicht mehr drin. Und wenn ich zu Heimspielen vom FC St. Pauli fahre, nehme ich den letzten Zug zurück nach Hause. Darunter leiden Freundschaften, was mir wahnsinnig weh tut. Ich muss aber auch sagen: Sobald ich auch nur an Hamburg vorbeifahre, zuckt mein Herz ganz schön.

Thees Uhlmann: 27.9.19, Große Freiheit 3617.+18.12.19, Große Freiheit 36


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Altona 93 – „So jetzt Mischen wir uns ein“

Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde: Fans #3.

Karsten Groth, 64, ist stellvertretender Obmann der Abteilung FußballFans bei Altona 93.  Schon als Schüler war er begeisterter Fußballfan und hat im Laufe seiner „Fankarriere“ auch die großen Hamburger Fußballvereine HSV und FC St. Pauli begleitet.

Herr Groth, wie definieren Sie den Begriff Fußballfan?
Manche finden, ein echter Fan sei nur der sogenannte Allesfahrer. Der sich jedes Pflicht- und Freundschaftsspiel ansieht, möglichst sogar im Trainingslager dabei ist. Das sehe ich anders, obwohl ich fast alle Partien von Altona 93 besuche. Auch der 80-Jährige, der auf der Tribüne sitzt und nur die Heimspiele schauen kann, ist ein Fan. Mir persönlich wichtig ist ein Fan-Accesoire, zum Beispiel ein Schal. Und ich erhebe meine Stimme für meinen Verein, supporte also aktiv. Es ist wichtig, was auf dem Platz geschieht. Der Sport steht während des Spieles im Mittelpunkt, nicht Biertrinken oder nette Unterhaltung.

Sie haben ein aufregendes Fandasein hinter. Bitte erzählen Sie…
Mein erster Verein war der HSV. Ich stand als Schüler in der Westkurve. Mein erstes Spiel war ein Derby gegen Werder Bremen im Oktober 1964 vor 18.000 Zuschauern im alten Volkspark. Der DFB-Pokalsieg gegen Kaiserslautern mit 2:0 im Endspiel am 26. Juni 1976 im Frankfurter Waldstadion war mein letztes Spiel als HSVer. Eine Erinnerung daran kam mir übrigens beim Pokalfinale 2017 zwischen Dortmund und Frankfurt in den Sinn, als Sängerin Helene Fischer ausgebuht wurde.

Welche?
Damals, 1976, trällerten vor dem Spiel die Fischer-Chöre im Rahmenprogramm. Hatte der DFB sich so ausgedacht. Das gefiel beiden Fanlagern nicht. Gemeinsam wurde dagegen angeschrien.

Warum wandten Sie sich vom HSV ab?
Es gefiel mir einfach atmosphärisch nicht mehr. Da liefen zu viele Leute mit politisch rechten Meinungen rum. Also gönnte ich mir eine schöpferische Pause. Bis ich Anfang der 80er-Jahre durch den damaligen Arbeitskollegen und St.-Pauli-Stadionsprecher Gerd Thomsen den Weg ans Millerntor fand. Witzigerweise war auch wieder Musik ein Thema. Thomsen spielte gern deutsche Volksmusik. Die wollte bald kaum noch einer hören. Sportlich lief es erst mäßig, manchmal waren nur 2500 Zuschauer da. Jüngere Leute gingen hin, Gewerkschaftskollegen, eher links, bald kamen die Leute von der Hafenstraße dazu – und die von Doc Mabuse auf dem Dom entdeckte Totenkopffahne. Einmalig war der Roar, diese ganz besondere Form der ununterbrochenen und dennoch aufs Spiel bezogenen Anfeuerung. Es war irre laut am Millerntor. Nach vielen Spielen, wie nach dem gescheiterten Aufstieg zur Bundesliga 1987 in der Relegation gegen Homburg, war ich drei Tage lange heiser.

Und Sie wurden in der Filmbranche aktiv…
(lacht) Sozusagen. 10 Fans, ich war einer davon, produzierten 1990 den Film „…und ich weiß, warum ich hier stehe“. Wir interviewten St.-Pauli-Anhänger und Bürger auf dem Kiez und in den Kneipen, machten vom Drehbuch bis zum Schnitt alles selbst. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Ich wohnte zu der Zeit auf St. Pauli in der Hopfenstraße, gehörte zum harten Fankern.

Um 1990, begann Ihre große Liebe zu Altona 93 zu wachsen.
Meine erste Partie von Altona 93 habe ich 1966 gesehen. In der DFB-Pokal-Qualifikation wurde der 1. FC Nürnberg auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn 2:1 bezwungen. In der 1.Hauptrunde vor offiziell 33.000 Zuschauern – manche sagen bis heute es waren 45.000 – im Volksparkstadion beim HSV, der 6:0 gewann, stand ich in der Ostkurve bei den Gästefans von Altona 93. Obwohl eigentlich HSV-Fan, hatte der Außenseiter, meine Sympathien. Außerdem begann ich gerade, bei den Senioren des Vereins zu kicken. Mit gut 50 Leuten vom FC St. Pauli gingen wir also zur Adolf-Jäger-Kampfbahn. Ein Trainer von Altona meinte später mal, der Verein habe nun „Leihfans vom FC St. Pauli.“

Tatsächlich sahen Sie sich lange beide Clubs an.
Ja, aber 2005 ließ ich meine Dauerkarte beim FC St. Pauli auslaufen. Denn ich musste bei den Senioren des AFC bei fast jedem Spiel ran. Und mir war zu viel Eventpublikum am Millerntor. Das Finanzgebaren des Clubs, speziell die Bezahlung von Ex-Trainer und Manager Franz Gerber und Ex-Spieler Nascimento in der dritten Liga zu Erstligakonditionen, ging mir gegen den Strich. Heute gehe ich nur ab und zu mal zum Millerntor. An der Adolf-Jäger-Kampfbahn stehe ich in der Meckerecke. Die gab es dort schon, bevor es eine bei St. Pauli gab.

Wie hat sich Altona 93 im Laufe der Jahre verändert?
Damals kamen nur so 300 Leute zu den Spielen, aktuell liegt unser Schnitt in der Regionalliga bei fast 1200 Fans. Seit gut zwei Jahren ist Altona 93 wieder richtig “In“. Dadurch haben übrigens auch wir nun etwas Eventpublikum. Unseren eigentlichen Zuschauerstamm würde ich auf circa 600 beziffern.

Was waren die schönsten Erlebnisse?
Das schon erwähnte Pokalspiel 1966 hatte wirklich was. Obwohl ich mir in der Kälte am zweiten Weihnachtsfeiertag Arsch und Füße abgefroren habe. Auch der Pokalerfolg 1994 gegen den VfL 93. Da gab es wenigstens noch einen richtigen Pokal, aus dem man was trinken konnte. Was wir dann auch mit den Spielern zusammen getan haben. Die beiden Aufstiege in die Regionalliga 1996, durch zwei Superschüsse von Thorsten Koy in den Winkel gegen Pinneberg. Generell hat sich auch vieles erhalten, was ich schätze. Es geht bei uns in der vierten Liga lockerer und entspannter zu als im Profifußball. Es gibt keine Leibesvisitationen beim Einlaß, keine elektronischen Zugangssysteme, zudem ist der Support spielbezogen. Besonders letzteres ist für viele von uns ein wichtiger Punkt.

Ist Altona 93 heute das St. Pauli von früher?
Also wenn ich mir unseren Kabinentrakt und das Clubhaus angucke, da toppen wir das frühere St. Pauli noch. Obwohl es damals schon seinen Charme hatte, als die Spieler von Bayern München durch die verqualmte Kneipe zur Umkleide mussten. Altona 93 und St. Pauli sind sicher politisch nicht weit auseinander. Aber es gibt auch Fans beider Clubs, die mögen sich ganz und gar nicht. Wir haben von der Fan-Abteilung vor drei Jahren mal eine Umfrage gemacht. 20 Prozent unserer Anhänger bekannten sich dort zum FC St. Pauli, 15 Prozent zum HSV.

Wie stehen Sie eigentlich zur Kommerzialisierung im Profifußball?
Da scheiß der Hund drauf. Geld regiert eben die Welt, das Fernsehen bestimmt die Anstoßzeiten. Rund um die Uhr läuft irgendwo Fußball, worunter vor allem die Amateurclubs leiden. Altona allerdings weniger, wir haben ja einen ganz guten Schnitt.

Die Fan-Abteilung bei Altona 93 hat heute 45 Mitglieder. Wie kam es zu deren Gründung?
Das lag am bitteren Abstieg aus der Regionalliga in der Saison 2008/09. Altona 93 hatte Krankenkassenbeiträge und Steuern nicht ordnungsgemäß abgeführt, musste für mehrere Jahre an das Finanzamt nachzahlen. Es wurde existenzbedrohend für den Verein. Unser Hauptsponsor und Präsident Dirk Barthel half mit Geld aus. 250.000 Euro aus dem Kaufvertrag für die Adolf-Jäger-Kampfbahn holte sich der Club als Vorschuss. Wir Fans hatten schon lange über mehr Aktivität nachgedacht. An diesem Punkt sagten nun einige Fans: So, jetzt mischen wir uns ein und warten damit nicht weiter.

Das klappte so einfach?
Natürlich gab es Vorbehalte und Widerstände. Manche dachten: Aha, die wollen sich den Verein unter den Nagel reißen. Darum ging es aber gar nicht. Und mittlerweile sind wir im Verein anerkannt.

Was hat die Fan-Abteilung erreicht?
Wir wollten, dass es eine weitere Kontrollinstanz im Verein gibt, die sich um die Liga-Finanzen kümmert. Dies erreichten wir durch Gründung eines Wirtschaftsausschusses vor viereinhalb Jahren, dem ich auch seither angehöre. Wir haben umfassend und mehrmals Stellung genommen zur Frage eines neuen Stadions, eigene Vorschläge gemacht, waren bei der AG Sportanlagen mit dabei. Wir riefen das Projekt eines Stammtisches ins Leben, zu dem Spieler und Verantwortliche fünf Jahre lang regelmäßig kamen. Das wollen wir vielleicht in anderer Form wieder aufleben lassen, weil wir uns wieder mehr Kontakt zur aktuellen Mannschaft wünschen. Und das sind nur einige Beispiele unserer Aktivitäten.

Was erhoffen Sie sich für Altona 93?
Es soll bei uns entspannt und locker bleiben. Kein Ultra-Singsang. Sportlich etablieren in der Regionalliga, vielleicht irgendwann ganz verträumt mal über die 3. Liga nachdenken.

Aktuell steht Altona auf dem letzten Rang in der Regionalliga Nord. Gelingt in diesem Jahr der Klassenerhalt?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Interview: Mirko Schneider


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

Fans #2: Fischbek Dynamites

Folge #2 unserer Reihe über Fans in Hamburg: Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde.

Professionalität mit Herz und Leidenschaft

Gefunden haben sich die Dynamites im Oktober 1991, damals sind die Volleyball-Frauen vom TV Fischbek in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Durch die Nähe und persönlichen Kontakte hat sich zunächst ein kleiner Kreis von ehrenamtlichen Helfern gebildet. „Wir haben im Lauf der Saison geholfen, die Tribünen aus der Garage neben der Halle Quellmoor in Hamburg/Neugraben zu holen und aufzubauen, den Kuchen- und Getränkeverkauf sowie den Eingangsbereich zu organisieren, und eben was noch alles so anstand. Da wir außerdem nicht nur zwischen den Zuschauern sitzen und in die Hände klatschen wollten, ist schnell die Grundidee des Fanclubs entstanden“, erzählt Georg Bücking, der Mann der ersten Stunde.

Mit den Jahren wuchsen die Anforderungen, aber auch die Mitglieder der familiären Gruppe, nicht nur die Heimspiele brauchten ihre Hilfe, bald wurden auch die Spielerinnen bei den Auswärtsfahrten mit Essen und Getränken versorgt, bei Siegen wurde zusammen im Bus gefeiert, bei Niederlagen getröstet – ein Symbiose zwischen Fans und Sportlerinnen hatte sich entwickelt. Mit dem Aufstieg und der Etablierung in der 1. Liga wurden das Team und natürlich auch das Umfeld professionalisiert. Es standen einige Veränderungen an und auch der damit einhergehende Umzug, in die größere Süderelbe-Arena 2001, brachte neue Anforderungen mit sich. Die Professionalisierung hatte für das bisherige Gefüge aus Team und Umfeld auch seinen Preis. Die Spielerinnen sollten bereits während der Fahrt den Fokus auf das kommende Spiel richten, dazu entsprechende Ruhe im Bus haben und die Fahrtzeit u.a. auch zur Videoanalyse nutzen. Für die Fans war da kein Platz mehr auf engem Raum. „Das war aber auch nicht schlimm“, Georg Bücking hat Verständnis für die Entwicklung,“ dafür haben wir dann eben mehr gemeinsame Aktionen außerhalb der Wettkämpfe organisiert.“

Wir arbeiten professionell und ehrenamtlich!

Die Fangruppe war inzwischen auf etwa 40 Leute angewachsen. „Die Aufgaben hatten sich verändert, jeder einzelne und auch wir als Team in Gänze mussten unseren Platz neu finden“, erklärt Bücking. Geholfen hat uns dabei, dass wir als eigenes Team den Weg der Professionalisierung mitgegangen sind, indem wir unser Handeln an die veränderten und komplexeren Anforderungen, die ein Spielbetrieb in der 1. Bundesliga mit sich bringt, fortlaufend angepasst haben. Unser Leitspruch war immer: wir arbeiten professionell und ehrenamtlich! Hätte es für einzelne Aufgaben Aufwandsentschädigungen gegeben, wäre das System zum Nachteil aller Beteiligten in sich zusammengebrochen. Bei all den Aufgaben, die wir vor allem bei den Heimspielen übernommen haben, um unser Team zu unterstützen, gab es immer auch das Bemühen „unser Team“ durch Trommeln und lautstarkes Anfeuern auch akustisch zu stärken. Die nächste große Veränderung kam 2011. Inzwischen hieß das Team VT Aurubis und wurde vom weltweit größten Kupferrecycler finanziell unterstützt.

Große sportliche Pläne machten einen Umzug in die CU-Arena am S-Bahnhof Neugraben unumgänglich. Das Fassungsvermögen von 2300 Zuschauern hatte mit den Tribünenaufbau der 90er Jahre nichts mehr zu tun. Fast die komplette Kraft der Fangruppe ging in die Organisation der Heimspiele, die inzwischen teilweise auch im europäischen Challange Cup stattfanden. Die Anforderungen waren also noch einmal gestiegen, wurden aber erneut, auch von uns professionell bewältigt. Das Trommeln und Anfeuern trat dabei noch einmal in den Hintergrund. Dies haben wir dann bei den Auswärtsspielen zu kompensieren versucht.

Auch die Handballerinnen profitieren

2016 dann der Bruch. Die Aurubis AG steigt als Sponsor aus und die Mannschaft findet sich als VT Hamburg in der 2. Liga wieder. Bücking: „Auch für uns Fans war das eine schlimme Zeit.“ Aufgeben wollten sie eigentlich nie, aber die sich ändernden Rahmenbedingungen, das aus ihrer Sicht aussichtslose Konzept und die in der neuen Führung fehlende Wertschätzung veranlassten sie zu einem lang diskutierten und schmerzhaften Schritt. Die Fischbek Dynamites kehrten dem Bundesliga-Volleyball im Hamburger Süden den Rücken – und das im 25. Jubiläumsjahr. Eine lange Zeit, die prägt und zusammenschweißt, also sucht sich die Gruppe ein anderes Wirkungsfeld: „Da wo Fankultur, Ehrenamt und unser know how wirklich geschätzt wird.“

Es muss ja nicht immer dieselbe Sportart sein. Als Fan kann man ja auch mal die Sportart wechseln, Hauptsache man bleibt Fan. Die Fischbek Dynamites sind so ein Grüppchen. Ihre Motivation ist der Zusammenhalt in der Gruppe und die ehrenamtliche Tätigkeit im Sport. Manchmal muss man dafür auch andere Wege gehen, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Sie landeten auf dem Estering, der Motorsport-Rennstrecke für Rallycross-Wettbewerbe in Buxtehude. Bücking: „Dort waren zwei unser Helfer seit Jugendtagen aktiv und als der ACN Hilfe bei den Rennen suchten, haben wir nicht lange gezögert. Also regeln wir jetzt den Durchlass der Autos und der Zuschauer von und auf das Gelände.“ Seit Kurzem profitieren auch die Zweitliga-Handballerinnen Buchholz 08- Rosengarten – die Handball-Luchse – vom know how der Dynamites. Ballsport ist halt Ballsport. Dort helfen regelmäßig vier bis fünf Leute aus dem Kreis. Die Fangruppe an sich ist mit rund 20 Leuten regelmäßig im Dialog und trifft sich hin und wieder zum persönlichen Austausch, am liebsten in alter Gewohnheit beim Grillen. Erst kürzlich haben sie ihr Logo erneuert und sich neue Polohemden und Sweat-Jacken für die gemeinsamen Aktivitäten zugelegt. Vielleicht werden ja auch demnächst noch mehr von ihnen zu den Spielen der Handballerinnen kommen, die den Aufstieg in die Erste Bundesliga anpeilen. So mit Trommeln und Anfeuern. Eben ein bisschen zurück zu den Wurzeln.

Text: Andrea Marunde

Foto: Fischbek Dynamites


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!