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Fettes Brot über „Viva La Bernie“ und Protestkultur

Fettes Brot: Die Hamburger HipHopper haben kürzlich gemeinsam mit weiteren Künstlern ihr Arbeitszuhause in der Bernstorffstraße 117 gerettet. Die Bewegung „Viva La Bernie“ wurde zum Symbol gegen Gentrifizierung nicht nur in Hamburg, sondern in allen deutschen Großstädten.

Wir haben Dokter Renz, König Boris und Björn Beton besucht und über Band- und Stadtpolitik gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jens Herrndorff

SZENE HAMBURG: Fettes Brot, im Rahmen eurer Radioshow „Was Wollen Wissen“, zu der es nun auch ein Buch gibt, habt ihr erklärt: „Wir wissen zwar nicht alles, haben aber auf alles eine Antwort.“ Beschreibt das auch den Drang, zu allem etwas zu sagen?

Björn: Null! Ich finde, es ist eine bescheuerte Entwicklung unserer Zeit – vermutlich durch das Internet befeuert – zu allem seinen Senf abzugeben.

Bei anderen vielleicht auch eine Folge des ständigen In-der-Öffentlichkeit-Stehens? Viele prominente Künstler entwickeln mit der Zeit geradezu einen Äußerungszwang.

Björn: Ja, wobei wir Musiker mittlerweile ja auch zu den absurdesten Themen der Welt befragt werden – als ob wir dazu wirklich etwas sagen könnten.

Nie in Versuchung gekommen?

Boris: Ist ’ne Trainingssache. Ich spreche jetzt mal nur für mich: Als wir mit Fettes Brot anfingen, war ich deutlich ängstlicher, was das Dasein in der Öffentlichkeit angeht.

Inwiefern?

Boris: Ich war unsicher, wie ich reagieren sollte, wenn mich Leute ansprechen und mir sagen, dass sie mich entweder toll oder doof finden. Das musste ich erst mal lernen.

 

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Fettes Brot wollen Hamburg nicht als „Hort der Glückseligkeit“ erhöhen.

 

Wie hast du das geschafft?

Boris: Indem ich mir eine Distanz zu mir selbst bewahrt habe, also mich nicht all zu ernst genommen habe. Ich habe nie geglaubt, besonders wichtig zu sein, nur weil wir zum Beispiel gerade einen Chart-Hit hatten. Ich wusste immer: Es ist nur Musik – wir retten nicht die Welt.

Nicht die ganze, aber kleine Teile – etwa einen Hamburger Hinterhof, in dem ihr seit Jahren ein Arbeitszuhause habt – wie Dutzende andere Künstler. Um diesen Ort in der Bernstorffstraße zu erhalten, habt ihr euch klar positioniert …

Björn: … allerdings nicht, ohne vorher ausreichend darüber nachzudenken und zu reden. Wir sind da sehr besonnen.

 

„Es war eine sehr emotionale Geschichte für uns“

 

Was war das Contra-Argument bei „Viva La Bernie“?

Boris: Das generelle Problem, wenn wir uns äußern, ist dass es dann schnell heißt: „Fettes Brot sind gegen …“ Da geht es dann plötzlich nicht mehr um einzelne Berufe und Schicksale, sondern nur noch um unsere Fressen in der Presse. Aber damit muss man letztlich leben können.

War das Verantwortungsbewusstsein für euch und andere am Ende so groß, dass ihr euch entschieden habt, das Gesicht von der Bewegung zu werden?

Boris: Es war vor allem eine sehr emotionale Geschichte für uns. Hier auf dem Hof sind nur nette Leute, die sich kennen und ein solidarisches Miteinander pflegen. Wenn man so was hat und es bedroht wird, kann man sich aus der Sache eigentlich gar nicht raushalten.

Renz: Es war ein gemischtes Gefühl aus persönlicher Betroffenheit und eben diesem Verantwortungsbewusstsein einer Stadtentwicklung gegenüber, die letztlich nicht nur Hamburg, sondern ganz Deutschland betrifft.

 

„Geld regiert die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder“

 

Viele fühlen sich dieser Entwicklung gegenüber nahezu ohnmächtig. Ihr euch auch manchmal?

Björn: Ja und nein. Einerseits denke ich: Verdammt, Geld regiert wirklich die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder kleine Siege, die mich optimistisch stimmen. Ein weiterer Grund zur Hoffnung ist, dass es ein Umdenken in der Politik gibt, zumindest kommt es mir so vor. Ich will da gar nicht von bestimmten Parteien sprechen, aber es scheint doch, als würden gewisse Werte von denen, die in den wichtigen Ämtern sind, mehr und mehr verstanden werden.

Den Immobilieninvestoren kann man mit Pop-Kultur, Coolness, Kreativität und Diversität nicht kommen. Den Politikern schon. Und wenn die Stadt daraufhin die ein oder andere Immobilie zurückkauft, finden wir das toll.

Apropos Politik: Auf eurem neuen Album „Lovestory“ gibt es den Song „Du driftest nach rechts“. Es geht um die persönliche Enttäuschung des lyrischen Ichs, als es merkt, dass sein Freund sich zum Negativen verändert. Der Song erscheint durch seine Ohrwurm-Melodie am massentauglichsten auf dem Album. Habt ihr das ganz bewusst so gestaltet, damit die Message auch ins Radio kommt?

Renz: Mir war erst mal wichtig, dass wir das Thema Rechtsruck in einem Liebeslied abhandeln. Es wird also ganz anders erzählt, als in den meisten Songs, die es darüber gibt. Weder geht es um Parteien, noch gibt es einen erhobenen Zeigefinger. Nur die persönliche Ebene.

Boris: Wenn der Song ins Radio kommt, freuen wir uns natürlich, aber es gibt keinen Trojanisches-Pferd-Gedanken dahinter. Das Stück ist eher einfach so passiert.

 

„Du driftest nach rechts“ von Fettes Brot könnt ihr hier hören

 

Passiert euch Politik in Songtexten immer einfach so?

Boris: Ja, Politik ist fest in unsere Band-DNA. Sie kommt immer vor, aber wir müssen sie uns nie vornehmen.

Was den Rechtsruck in Hamburg angeht, ist Kollege Jan Delay sehr entspannt und meint: „Wenn Deutschland ein bisschen mehr wie Hamburg wäre, gäbe es zum Beispiel viel weniger Angst vor dem Fremden …“

Boris: … und das sagt man über eine Stadt, in der mal 20 Prozent Schill gewählt haben.

Jan meinte, durch den Hafen hätten Hamburger gelernt, dass ein Zusammenkommen der Kulturen eine Bereicherung wäre.

Björn: Klingt für mich nach Seefahrerromantik.

Renz: Aber ich mag dieses romantische Bild.

Björn: Ja, wohl fühle ich mich auch damit, dass man in Hamburg theoretisch Heimund Fernweh haben kann.

Boris: Fakt ist: Es gibt eine starke linke Protestkultur in Hamburg, die über Jahrzehnte gewachsen ist und feste Strukturen geschaffen hat. Das kann man richtig gut finden – aber ein Rückkehrschluss, dass es hier deshalb nur noch Friede, Freude, Eierkuchen und keine Idioten mit falschen Gedanken mehr gibt, ist nicht zulässig. Das Erhöhen von Hamburg als Hort der Glückseligkeit stößt bei uns auf Ablehnung.

Fettes Brot: 25.3., Knust, 20 Uhr (Die Lesung ist bereits ausverkauft).


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Investoren shoppen Hamburg kaputt. 

Aus der Ferne betrachtet, sieht alles besser aus, heißt es. Ich sage: „Papperlapapp.“ Während ich nämlich fernab auf den Wogen der thailändischen Küstenregion surfe, sieht Hamburgs Raumsituation auch aus der Ferne betrachtet grauslig aus. Unsere wichtigsten Kulturräume, die uns Erker einer l(i)ebenswerten Zukunft sind, verschwinden. Hamburg wirkt auch aus der Distanz bald wie eine kulturell und kreativ ausgedorrte Savanne. Hamburg Ciddy, Du stirbst!

Nun, betrachten wir das neue Rettungsteam aus der Nähe: The Scholzing ist ja nun Geschichte. Stattdessen wird ein durchsetzungsstarker, ökologisch, kulturell, sozial und wissenschaftlich hoch kenntnisreicher und motivierter Mann, der sogenannte rote Peter, unser Kapitän. Er will dafür Sorge tragen, dass die Stadt in Zukunft eine kulturelle Perspektive bekommt. Die New York Times und The Guardian sprechen bereits vom sog. Tschentscherism. Was zunächst nach Zungenbrecher klingt, ist mehr als die Summe seiner Konsonanten. War er erst Balken im Auge vieler Hamburger, wird er dieser Tage zum Hoffnungsträger für die „No art – no future“-Bewegung.

Auch Carsten Brosda, unser Kultsenator, weiß, er muss nur alle Moleküle an einem Ort haben und dann … wusch, schon kann sein beständiger Versuch, kulturelle Herkunft mit kreativer Zukunft zu verknüpfen, gelingen. Er kennt die wahre Bedeutung von Kultur, deshalb gilt auch sein Fokus ihrem Erhalt. Schon mal ganz geil, oder? Bei all den bedrohten Räumen auf dem Globus, deren Dichte die Übersicht auch aus dem fernen Thailand verstellt, scheinen beide den Blick für das Wesentliche zu haben. Und wenn nicht, sei hier ein wenig Nachhilfe geboten:

Lieber Herr Tschentscher, lieber Herr Brosda,

wir begrüßen Ihr Vorhaben, den Berliner Investoren Raffke & Müll, die den Hinterhofkomplex Bernstorffstraße 117 gekauft haben und jetzt paragraphenreitend das Kackebeil schwingen und dabei so tun, als hätten sie von einer „Gemeinschaftsimmobilie“ nichts gewusst, den Riegel vorzuschieben. Wir sagen Bravo und gehen mit Ihnen und dem Bezirk durch dick und dünn.

Wir sind Fans von Ihren Ideen, Investoren via städtebaulicher Erhaltungsordnung zu regulieren, Mietwucher durch städtischen Ankauf abzufedern und damit den galoppierenden kulturellen Ökozid in Hamburg zu stoppen. Immerhin, die Bernie117 ist nicht irgendein Hinterhof. Die Band Fettes Brot hat ihr Studio hier, der Künstler Rocko Schamoni seine Werkstatt. Es ist eine gewachsene Gemeinschaft von mehr als 100 Menschen mit handwerklichen Betrieben, die das Viertel inhaltlich mit konstituieren.

Auch Ihr Engagement zum Thema Barner42 ist äußerst lobenswert. Selten haben wir so engagierte Verantwortliche in den Bezirken gehabt, die sich am Berliner Modell orientieren und von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, um Immobiliendeals zum Schutz der Mieter selbst abzuschließen oder denen die Klamotte bei Missbrauch wieder abzujagen. Wir sind da voll dabei, denn das Beteiligungsverfahren der Immobilien-Entwickler Köhler & von Bargen ist Bullshit und bietet den Mietern nur eines: Sie wählen Henker und Todesart selbst.

Und wenn alles gut läuft, dann könnten Sie sich auch gleich um Schnelsen49 kümmern, der Hof verfällt schneller als Sie das Problem googlen können. Auch die alte Likörfabrik in Harburg kracht jeden Moment zusammen. Lösung: Sie shoppen, wir erhalten! Die Sternbrücke mit ihren Clubs, dem Bauwagenplatz Zomia und den Altbauten drum herum warten auf Sie, greifen Sie zu! Ihre Fanbase macht den Rest und baut Ihnen Leuchttürme. Sie haben eine Vision – wir haben die Inhalte! Lassen Sie es uns tun!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: David Königsmann


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de