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Jetzt aber raus: Open-Air-Kultur in Hamburg

Nach #stayathome gibt es endlich wieder Live-Events, die besucht werden dürfen – im Freien und mit Abstand

Texte: Michelle Kastrop

 

AUTOKINO AUF DEM HEILIGENGEISTFELD

 

Nicht nur für Nostalgiker: Wer sich mehr Privatsphäre wünscht, als ein klassischer Kinosaal hergibt, kommt diesen Sommer voll auf seine Kino-Kosten. Denn: Die Autokino-Kultur ist zurück! Dank der Corona-Beschränkungen erlebt sie eine Renaissance.

Auf dem Heiligengeistfeld etwa zeigen die Zeise Kinos mit dem Format „Bewegte Zeiten – Das Autokino“ täglich Filme aus verschiedenen Genres. Pro Auto muss ein Ticket erworben werden, das je nach Besatzung zwischen 24 und 42 Euro kostet. Popcorn gibt’s natürlich auch vor Ort.

Bewegte Zeiten: Heiligengeistfeld (St. Pauli)

 

FISCHHALLE HARBURG

 

Das Projekt des Hafenmusikers Werner Pfeifer ist zur kulturellen Wohlfühloase im Harburger Binnenhafen geworden. Die Fischhalle Harburg wurde vor über 100 Jahren erbaut und erstrahlt heute im rustikal-maritimen Schick. Im Sommer wird in dem kleinen Beachclub das „Corona Summer Night Open Air“ veranstaltet.

Am 4. Juli kommen Wohnschiffer, alteingesessene Bewohner, Besucher und Künstler ab 21 Uhr zusammen, und Holger „Hobo“ Daub spielt groovigen Blues. Tickets gibt es nur im Vorverkauf für 15 Euro, da die Sitzplatzanzahl aufgrund der Abstandsregel beschränkt ist.

Fischhalle Harburg: Kanalplatz 16 (Harburg)

 

SCHANZENKINO

 

Unter dem Sternenhimmel im Schanzenpark hinter dem Wasserturm laufen ab dem 18. Juli allerhand Top-Filme auf einer 128 Quadratmeter großen Leinwand. Diesen Sommer kommen alle Abenteurer und
Reiseliebhaber voll auf ihre Kosten.

Dafür sorgt die Filmauswahl, die unter anderem den Extremsportkurzfilm „E.O.F.T – European Outdoor Film Tour 2020“ und die Dokumentation „International Ocean Film Tour 2020 Vol. 7“ bereithält. Doch aufgepasst: Alle drei Wochen wird ein neues Programm veröffentlicht. Ein Ticket kostet 9 Euro, mit Ermäßigung 8 Euro.

Schanzenkino: Sternschanze 1 (Sternschanze)

 

GRILLEN IM SCHRØDINGERS MIT DER WAAGENBAU-CREW

 

Endlich wieder ein wenig Party-Flair in der Electro-Szene. Da tanzende, verschwitzte Massen in Clubs noch nicht wieder in Frage kommen, gibt es jetzt Grillpartys im Biergarten-Stil. Das Team vom Waagenbau hat im Schrødingers die Veranstaltung „BauBQ-Waagenbau-Soli-Grillung“ ins Leben gerufen. Dabei wird am Schanzenpark eine Auswahl an Speisen serviert – natürlich auch in vegetarischer und veganer Variante.

Da Beats und Bässe nicht fehlen dürfen, Live-Performances in diesem Rahmen aktuell aber nicht möglich sind, hat sich die Crew etwas ausgedacht. In ausreichender Entfernung vom Geschehen wird ein Live-Stream produziert, der auf dem BauBQ-Platz übertragen wird. Bei gutem Wetter findet die Sause jeden Donnerstag, Freitag und Samstag statt. Um auf dem Laufenden zu bleiben, lohnt sich ein Blick auf die beiden Facebook-Seiten der Veranstalter.

Schrødingers: Schröderstiftstraße 7 (Sternschanze)

 

LATTENPLATZ KNUST

 

Der sonnige Platz zwischen Karostar und alter Rinderschlachthalle ist dank lässi- ger Street-Art-Kulisse eh ein toller Ort fürs Feierabendbierchen. Da trifft es sich gut, dass das anliegende Knust wieder Open-Air-Live-Konzerte veranstaltet. Gestartet wird direkt am 1. Juli mit dem erfolgreichsten Format des legendären Schanzen-Ladens: den Hamburger Acoustics. Hierbei stehen drei talentierte Newcomer für jeweils 30 Minuten am Abend auf der Bühne. Ob Indie, Jazz, R ’n’ B oder Pop: Jeglicher Stil ist willkom- men. Die Tickets kosten 10 Euro zuzüg- lich Gebühren im Vorverkauf oder 15 Euro an der Abendkasse. Natürlich werden alle aktuell nötigen Hygienestandards eingehalten.

Knust Acoustics: Neuer Kamp 30 (Sternschanze)

 

AUTOKINO PINNEBERG

 

Seit dem 5. Juni hat Pinneberg ein neues Autokino. Damit wollen die Betreiber des „SchanzenKino73“ nicht nur Entertain- ment anbietet, sondern auch auf die kri- tische Situation der geschlossenen Ham- burger Kinos aufmerksam machen. Auf dem Pinneberger Marktplatz werden täg- lich abwechslungsreiche Filme gezeigt. Das Gelände bietet Platz für 200 Autos und hat zusätzlich einen Open-Air-Be- reich mit Bestuhlung für alle, die nicht mit einem Fahrzeug kommen. Tickets können online gekauft werden. Wichtig zu beachten ist, dass pro Person bezahlt wird. Ab der dritten Person können er- mäßigte Ticketpreise für 6,60 Euro ge- kauft werden.

Autokino Pinneberg: Marktplatz Pinneberg (Pinneberg)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Autokino eröffnet auf dem Heiligengeistfeld

Autokinos feiern ihr Comeback: Anfang Juni sollen die ersten Filme über zwei große Leinwände am Heiligengeistfeld flimmern. Diese Klassiker finden sich im Programm. 

 

Das Heiligengeistfeld wird zum Open-Air-Kinosaal: Die Zeise Kinos und die Bergmanngruppe konnten die Ausschreibung für sich entscheiden und bespielen ab Anfang Juni zwei große LED-Leinwände für insgesamt 500 Besucher. Auch der Titel steht bereits fest: So wird das Kino “Bewegte Zeiten – Das Autokino für Hamburg” heißen.

Gezeigt werden soll ein buntes Programm aus aktuellen Filmen und Klassikern. Als Eröffnungsfilm können sich die Hamburger auf das Biopic „Lindenberg! Mach dein Ding!“ freuen. Unter anderem werden Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann zu der Autokino-Premiere erwartet. Auch das preisgekrönte Drama „Systemsprenger“ und Fatih Akins Kultfilm „Soul Kitchen“ stehen im Programm.

Natürlich wird es auch Vorstellungen großer Autofilme wie „Absolute Giganten“, „Drive“, „Le Mans 66“ und „25 km/h“ geben. Ein Programm für Kinder- und Familien ist ebenfalls geplant. Um die Filmauswahl zu vervollständigen, können derzeit noch Vorschläge per Mail unter info@zeise.de beim Veranstalter eingereicht werden. Über das genaue Startdatum des Autokinos informiert der Veranstalter in Kürze. Der Vorverkauf startet auf zeise.de.

/NF

 

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Kino on Demand & Grandfilm: Top 5 Kinofilme zum Streamen

Die Hamburger Kinos brauchen dringend Unterstützung. Mit Kino on Demand und Grandfilm gibt es gleich zwei Online-Plattformen, die ihre Gewinne mit den lokalen Kinos teilen – eine gute Alternative zu den großen Streaming-Anbietern. Hier sind einige Empfehlungen

Text: Marco Arellano Gomes

 

Apocalypse Now – Final Cut

Coppolas Meisterwerk in neuer Fassung

 

Regielegende Francis Ford Coppola hat an seinem legendären Kriegsfilm von 1979 ein letztes Mal die Schere angelegt – zumindest, wenn man dem Zusatz „Final Cut“ Glauben schenken mag. „Apocalypse Now“ ist ein Highlight der Filmgeschichte. Mindestens so legendär wie der Film ist auch seine Entstehung, die von einem überzogenem Budget, Chaos am Drehort und Schauspielern im Drogen- rausch handelt. Die finale Fassung dieses Monumentalfilms – 2001 gab es bereits die 49 Minuten längere Redux-Version – kam vergangenes Jahr, pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum in ausgewählte Kinos. Wer das verpasst hat, kann es nun nachholen.

Der Film, der lose auf der Romanvorlage von Joseph Conrad („Herz der Finsternis“) basiert, zeigt den für Spezialeinsätze zuständigen Captain Willard (Martin Sheen), der im Auftrag der US-Army mit einem von vier Männern besetzten Patrouillenboot einen Fluss in Vietnam bis tief in den Urwald hinauffährt, um den exzentrischen, offenbar verrückt gewordenen Colonel Walter Kurtz (Marlon Brando) zu liquidieren. Was folgt, ist ein Trip mitten in das Herz der Finsternis. Warum sich das lohnt? Weil der Film auch in dieser Version in der ersten Liga spielt, weil Bild und Ton klarer und wuchtiger denn je daherkommen, und weil die Reise mit Captain Willard durch die Wirren des Krieges eine Erfahrung mit visueller und erzählerischer Wucht ist, die bis heute ihresgleichen sucht.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD; www.kino-on-demand.com

 

LaLaLand

Ein Film zum Träumen, Singen und Verlieben

 

Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) sind Träumer. Mia möchte Filmschauspielerin werden, Sebastian eine klassische Jazz-Bar eröffnen. Bis es so weit ist, schlägt sie sich in einem Coffeeshop durch, während er sein Geld mit kleinen Musikdarbietungen in Restaurants, Bars und Gartenpartys verdient. Auf einer solchen Party laufen sich die beiden dann über den Weg – zum dritten Mal, wohl bemerkt! Das kann in einer Millionenmetropole wie Los Angeles kein Zufall sein, mutmaßt Sebastian. Und so kommen sich die beiden Tanzschritt für Tanzschritt näher. Das erinnert nicht zufällig an Musicalfilme wie „The Band Wagon“ (1953). Hier wie dort folgt auf einen Spaziergang eine plötzliche Tanz- und Gesangseinlage. Hier wie dort dient die Großstadt als Kulisse. Beim Klassiker sind es Fred Astaire und Cyd Charisse in New York. In diesem Fall sind es Gosling und Stone in Los Angeles.

Die Stadt der Träume – was könnte passender sein? Regisseur Damien Chazelle lässt seine Protagonisten gemeinsam tanzen, singen und träumen – und der Zuschauer lässt sich von der einprägsamen Musik, den eleganten Tanzeinlagen und den verspielten Kulissen ebenso verzaubern wie vom harmonischen Schauspiel. Selten wurde das Gefühl, sich zu verlieben, so überzeugend dargestellt, – und so ertappt man sich in einer fantasievollen Szene dabei, wie man gemeinsam mit den Darstellern Richtung Sternenhimmel abhebt. Wie im echten Leben auch, ist aber kein Höhenflug von Dauer.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD; www.kino-on-demand.com

 

Woody Allen – A Documentary

Wie aus dem Komiker der Kultregisseur Woody Allen wurde

 

Schreiben fällt Allen Stewart Konigsberg – alias Woody Allen – schon immer leicht. Bereits als Schüler verfasst er unterhaltsame Texte, die an die lokalen Zeitungen verkauft werden. Später schreibt der schmächtige jüdische Junge aus Brooklyn Gags für Comedians – und zwar so gut, dass er mehr als seine Eltern verdient. Das Showbusiness zieht ihn sofort in den Bann. Es dauert nicht lang, bis er selbst eine Karriere als Komiker und Entertainer startet. Er versteht es, die Menschen zum Lachen zu bringen. Es folgt sein Einstieg in das Filmgeschäft. Während seine ersten Filme vor allem durch Komik und Slapstick gekennzeichnet sind („Was gibt’s Neues, Pussy?“, „Bananas“), bildet sich in der mittleren Schaffensperiode ein tragisch-komödiantischer Fokus heraus, der zu ersten Meisterwerken („Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“) führt.

In seiner späteren Schaffensphase überzeugt Allen mit Filmen, die zur Abwechslung nicht in New York, sondern in den Metropolen Europas spielen („Match Point“, „Midnight in Paris“). Robert B. Weides Filmbiografie „Woody Allen: A Documentary“ zeichnet eine Karriere von mehr als fünfzig Jahren durch Filmausschnitte und Erzählungen wichtiger Weggefährten und -gefährtinnen nach. Auch Woody Allen kommt zu Wort – und führt den Zuschauer durch die Straßen seiner Kindheit. Fast zwei Jahre hat Weide den scheuen Regisseur begleitet – dennoch ist der Mensch Woody Allen nicht so recht zu greifen.

Künstler (Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler) und Kunstfigur Woody Allen verschwimmen zu einer Person. Zwar gibt es spannende Einblicke in seine privaten Räumlichkeiten. Highlight: Woody Allen am Schreibtisch mit seiner Olympia, die er sich als 16-Jähriger kaufte. Auf dieser deutschen Schreibmaschine, die so zuverlässig funktioniere „wie ein Panzer“ hat Allen bis zum heutigen Tag jedes Drehbuch geschrieben. Und das fällt ihm, wenn man sich den Output an Filmen vor Augen führt (51 Filme in 55 Jahren), wohl noch immer leicht.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD www.kino-on-demand.com

 

Fridas Sommer

Sensibler Film über die Einsamkeit eines Kindes

 

Es ist Sommer 1993 in Barcelona, doch der sechsjährigen Frida (Laia Artigas) ist nicht zum Spielen und Herumtollen zumute. Ihre Mutter ist kürzlich verstorben. Ihr Vater lebt schon länger nicht mehr – und so schaut sie schweigend zu, wie die letzten Gegenstände aus der Wohnung in das Auto gebracht werden, das sie zu Onkel und Tante aufs Land bringen soll. Zum Abschied laufen einige ihrer Freunde noch dem Auto hinterher, winkend, einige Worte des Abschieds hinterherrufend. Frida hingegen schaut regungslos durch die Heckscheibe und wendet sich, keine Miene verziehend, nach vorn.

Auch ihrer „neuen“ Familie gegenüber, die sie liebe- und verständnisvoll empfängt, verhält sie sich zu Beginn wortkarg und zurückhaltend. Nur zögerlich lässt sie sich auf die neue Umgebung ein, hüpft mit ihrer jüngeren Cousine Anna (Paula Robles) durch den Garten und die Dachkammer und erkundet einen nahe gelegenen Wald.

Immer wieder bricht die Traurigkeit in Frida aus, wie eine nicht zu bändigende Naturgewalt. Sie verhält sich unvorhersehbar, launisch und trotzig. Die lebendige, atmende Kameraarbeit von Santiago Racaj verstärkt diesen Effekt und bringt einem die Perspektive von Frida nahe. Ihre Tante Marga (Bruna Cusí) und ihr Onkel Esteve (David Verdaguer) stehen vor einer unvorhergesehenen Herausforderung. Wird Frida sich an ihr neues Zuhause gewöhnen und den inneren Frieden finden?

Die sensibel erzählte Geschichte der Regisseurin Carla Simón betont die treibende Kraft der Neugierde, und Naivität im Umgang mit tragischen Ereignissen. 2018 wurde der Film mit diversen Filmpreisen ausgezeichnet (u. a. mit dem spanischen Filmpreis Goya). Zu Recht: „Fridas Sommer“ ist ein einfühlsames Plädoyer für die Kraft des Zuhörens, Verstehens und Zulassens von Gefühlen.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD, www.grandfilm.de

 

Mein liebster Stoff

Junge Frau zwischen Hoffnung und Freiheit

 

Damaskus, Frühjahr 2011. Der Bürgerkrieg hat begonnen. Aus dem hoffnungsfrohen Protest im Rahmen des Arabischen Frühlings wird ein bedrohlicher Konflikt, dessen Verlauf und Dauer noch niemandem bewusst ist, aber bereits in den Köpfen spukt. Es wird unübersichtlich und ungemütlich in Syrien. Doch noch scheint Damaskus weit davon entfernt zu sein.

Nahla (Manal Issa), eine 25 Jahre junge, launische Frau hat die Chance mit ihrer Familie dank einer arrangierten Ehe mit Samir (Saad Lostan), einem syrischen Exilanten in Amerika, das Land zu verlassen. Sie fühlt sich hin- und hergerissen, zwischen der Hoffnung, dem drohenden Konflikt zu entkommen und dem Wunsch nach Selbstbestimmtheit.

Als Samir schließlich ihre jüngere Schwester Myriam (Mariah Tannoury) wählt, entscheidet sich Nahla, die Nähe ihrer neuen Nachbarin, der mysteriösen Madame Jiji (Ula Tabari), zu suchen. Das ist der Stoff, der gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die in Paris lebende und arbeitende syrische Filmemacherin Gaya Jiji feierte mit ihrem 94-minütigen Langfilmdebüt 2018 in Cannes Premiere. Ihr Film ist subtil und doch aufwühlend.

 

 

als VoD, www.grandfilm.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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klub katarakt: Experimentelle Musik auf Kampnagel

klub katarakt ist ein Festival für experimentelle Musik, das sich auf sämtlichen künstlerischen Ebenen offen präsentiert

Text: Erik Brandt-Höge

 

Das Jahr 1992. Snap!, Dr. Alban und Die Prinzen bestimmen die deutschen Charts, schlichte Beats und noch schlichtere Lyrik laufen im Radio rauf und runter. In ebendieser Zeit gründen Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule den Verein katarakt – und stehen damit für das experimentelle Gegenteil zum Gedudel. Sicher, einerseits ging es den Studenten darum, ihre Kompositionen einmal außerhalb der Hochschule aufführen zu können, und zwar an eher ungewöhnlichen Orten dafür, etwa Rockclubs. Aber sie wollten auch nicht-radiofreundliche Sounds der breiten Masse vorstellen.

 

Springer zwischen multimedialen Welten

 

Das gelang ihnen spätestens mit der ersten Ausgabe des klub katarakt 2005. Sie machten Neue Musik zugänglich, indem sie eben diese sprengten, durch sich ständig im Wandel befindende Klang- und Bildinstallationen sowie durch Öffnung der bespielten Räumlichkeiten. Auf Kampnagel hat das Festival ein Zuhause gefunden, in dem die Macher gleich drei ineinander übergehende Hallen zur Verfügung haben. Besucher werden zu Springern zwischen multimedialen Welten, erleben Sounds und Bilder beim Flanieren.

Die klub katarakt-Eröffnung (15.1., 20 Uhr) wird auch in diesem Jahr ein Event der Wandelkonzerte. Viele Hamburger Musiker, Komponisten und Künstler stehe dafür bereit, zum Beispiel die Elektroniker Nika Son und Thomas Leboeg, die Violinistin Lisa Lammel, die Pianistin Daria Iossifova und der Harvestehuder Kammerchor unter der Leitung von Edzard Burchards.

 

 

Der zweite Festivaltag steht ganz im Zeichen einer Arbeit für Blechblasinstrumente und Elektronik, aufgeführt von der schwedischen Komponistin Ellen Arkbro zusammen mit dem Berliner Ensemble Zinc & Copper. An den beiden darauffolgenden Tagen werden das Splitter Orchester & The Pitch zu erleben sein, ein Kollektiv aus 24 international renommierten Musikern, es gibt eine sogenannte „Lange Nacht“ mit unter anderem einem Zusammenspiel von 17 akustischen Gitarren und ein Nachtkonzert mit Streichquartett und Klavier. Im Ganzen ein Spektakel für alle, nicht nur für Fans von Neuer Musik, und nach wie vor ein Gegenpol zu Charts-Stücken für das schnelle Hörerglück.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jana und Petja von Move the North

Hamburg, Kopenhagen, Malmö – drei Städte, ein Festival. Mit „Move the North“ bringen die Initiatoren Jana und Petja Pulkrabek die Menschen grenzübergreifend zusammen – was nicht nur der Kunst guttut.

Interview: Hedda Bültmann

SZENE HAMBURG: Jana und Petja, ihr betreibt gemeinsam die Produktionsfirma Manusart. Was steckt dahinter?

Petja: Wir produzieren Filme, Theaterstücke und Kultur. Jana kümmert sich etwas mehr um den Theaterbereich und meine Leidenschaft liegt vorrangig beim Film.

Und ihr habt eine internationale Plattform initiiert, die im Januar startet …

Jana: Genau, das „Move the North“-Festival. 2019 starten wir mit unserem ersten Cross-Border-Jahresprogramm. Neben Manusarts-Produktionen werden wir viele internationale Kulturprojekte zwischen Hamburg, Kopenhagen und Malmö hin und her schicken.

Petja: Das Festival beinhaltet aber nicht nur Veranstaltungen, sondern ist auch eine Plattform, auf der wir Leute aus den drei Ländern zusammen bringen und schauen, welche Möglichkeiten sich auftun. Wir hoffen, dass über internationale Kooperationen neue Impulse gesetzt werden wie beispielsweise länderübergreifende Trilogien. Sodass sich nicht nur die Kunst zwischen Ländern bewegt, sondern sich auch das Publikum mit uns bewegt, um die einzelnen Teile in den unterschiedlichen Städten zu sehen.

 

Eine Kultur-Achse über die Ostsee

 

Funktioniert Kultur als Brücke zwischen den Ländern?

Petja: Die Idee ist, dass sich Norddeutschland mit Skandinavien kulturell stärker vernetzt. Es finden ja bereits in der Wirtschaft, bei Studiengängen, in der Forschung viele Kooperationen statt. Ein nordeuropäisches Zentrum dynamischen Wachstums wird zwischen den großen Wirtschaftsräumen um Hamburg, Kopenhagen und Malmö kreiert. Aber der Bürger bekommt das gar nicht mit und für mich ist die Kultur ein Weg, das sichtbar zu machen, indem wir eine bewegte Kulturachse über die Ostsee schaffen.

Jana: Dass man zueinanderfindet, neugierig aufeinander ist, über Grenzen hinaus miteinander arbeitet. Aber auch, dass gemeinsame Werte wie zum Beispiel Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit kommuniziert werden. Gerade die nordischen Regionen vereint eine ähnliche Haltung, die über Kultur gut vermittelt werden kann.

Jana, du leitest in Kopenhagen auch das House of International Theatre

Jana: HIT haben wir Anfang 2017 in Kooperation mit dem Kopenhagener Jeremy Thomas-Poulsen gegründet und das ist auch ein Grund, warum dieses Festival entstanden ist. Mit fünf deutsch-dänischen Koproduktionen im ersten Jahr haben wir in Kopenhagen eine feste Adresse für Kultur aus Hamburg etabliert und Manusarts wurde vom The Copenhagen Post für dieses Engagement mit dem dritten Platz als Trailblazer für internationales Theater gekürt. Das Festival ist jetzt der nächste Schritt, um größer zu denken und den Austausch in beide Richtungen zu generieren.

Petja: Es gibt viele Hamburger Künstler, die großes Interesse haben, in Kopenhagen aufzutreten und vice versa. Und von Kopenhagen ist es nur über eine Brücke rüber bis nach Malmö und so ist die Koppelung der drei Länder zustande gekommen. Mit dem geplanten Bau des Fehmarnbelttunnels sollen Hamburg und Kopenhagen zusammengeführt werden, Kultur kann dafür bereits im Vorfeld eine Weiche stellen.

Unterscheidet sich die Kulturszene in Kopenhagen von der in Hamburg?

Jana: In Kopenhagen scheint es so, als wenn Kultur ein Bürgerrecht wäre. Gerade im Sommer findet an allen Ecken Kultur statt, die für alle frei zugängig ist. Wie das Opera und das Jazz Festival, das Filmfestival. Kultur begegnet einem überall, nur wenn man durch die Straßen geht. Hamburg hat viele tolle große internationale Produktionen vom Thalia Theater oder dem Schauspielhaus. Aber dieses einladende, gemütliche zeichnet Kopenhagen aus.

Petja: Stichwort Hygge. Kopenhagen hat einen anderen Zugang zur Kultur.

Petja, du bist Filmemacher. Wie sind dafür die Bedingungen in Hamburg?

Petja: Es ist toll in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit der Filmförderung ist immer sehr angenehm, es gibt viele gute Filmleute in Hamburg, es gibt hier viele tolle Teams, eine gute Ausbildung in dem Bereich, die HMS ist eine wirklich sehr gute Filmschule. Hamburg ist schon die Filmstadt. Besser als Berlin (lacht). Es ist hier nicht so überlaufen.

 

Filmtage in Hamburg und Kopenhagen

 

Und was magst du am dänischen Film?

Petja: Das dänische Kino ist sehr besonders mit einer ganz eigenen Filmsprache und einem eigenwilligen, sehr guten Humor. Beim Filmfest in Hamburg werden jedes Jahr dänische Filme gezeigt, aber es gibt noch so viel mehr, die es zu schauen lohnt. Deshalb wollen wir im Rahmen von Move the North Filmtage in Hamburg und Kopenhagen etablieren, in Kooperation mit dem Metropolis Kino und dem Husets Biograf. Es wäre schön, wenn sie regelmäßig stattfinden würden, um das bisherige Angebot zu ergänzen.

Habt ihr Themen, die ihr künstlerisch umsetzen wollt?

Petja: Ich lass mich immer gerne überraschen, was so auf mich zukommt. Generell mag ich Geschichten, die verbinden, die das Menschliche zeigen. Wir haben zum Beispiel den preisgekrönten Kurzfilm „Occasus“ gemacht, der die Geschichte eines afrikanischen Flüchtlings auf seiner tragischen Odyssee nach Europa zeigt. Momentan arbeite ich an einem Stoff, der sich mit den unfairen Arbeitsbedingungen in der Modeproduktion in Indien auseinandersetzt.

 

Seht hier den Trailer zu „Occasus“

 

Jana: Die Art unserer Produktionen geht tendenziell in Richtung Arthouse. Künstlerisch hochwertig, etwas experimentell, aber unsere Geschichten haben immer eine Struktur. Man muss aufpassen, dass man in der eigenen kreativen Umsetzung das Publikum nicht aus den Augen verliert. Es sollte schon Entertainment bleiben, aber das schließt eine hochwertige Qualität und tiefgründige Themen nicht aus. Mit Move the North wollen wir Kultur transportieren, die bewegt.

Ihr seid ja Geschwister, wie klappt die Zusammenarbeit?

Petja: Jetzt gerade gut (lacht). Wir sind sehr unterschiedlich, aber gerade deshalb ergänzen wir uns auch total gut. Mittlerweile weiß ich ganz genau, was Janas Stärken sind, sie kennt meine und deshalb können wir auch die Arbeitsbereiche bestmöglich aufteilen. Das funktioniert und wir sind auf einem guten Weg unsere Manusarts-Projekte zu etablieren.

Jana: Petja ist der Strategische von uns beiden, ich sehr impulsiv, manchmal eigensinnig. Ich bin eben auch eine Schauspielerin, die auf der Bühne steht, während Petja lieber inszeniert. Manchmal auch mich (lacht).

www.manusarts.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

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