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„Man muss verstehen, warum Filme funktionieren.“

Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung, über die derzeitige Lage der Filmbranche, die Bedeutung der Diversity Checklist und ökologische Mindeststandards

Interview: Marco Arellano Gomes

SZENE HAMBURG: Helge Albers, eigentlich wollte ich das Gespräch mit einem „Moin“ beginnen, aber seit die Filmförderung sich in MOIN Filmförderung umbenannt hat, habe ich den Eindruck, dass ich damit PR betreibe …

Helge Albers: Ja, das war auch so beabsichtigt (lacht).

Was war der Anlass für die Umbenennung?

Die Änderungen unseres Namens und auch unseres gesamten Erscheinungsbildes hängt sehr stark mit einem Prozess zusammen, den wir schon seit Längerem verfolgen. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Wie agieren wir als Film förderung in Zeiten eines erkennbaren Strukturwandels? Wie wollen wir intern und extern kommunizieren? Die Umbenennung war eine notwendige und zeitgemäße Antwort auf diese und viele weitere grundsätzliche Fragen.

 

„MOIN ist mehr als nur Film“

 

Wofür steht das MOIN?

Wir wollen schon im Namen verankern, wer wir sind und was wir tun. MOIN ist hier im Norden ein Gruß, den wir alle kennen und bildet sehr prägnant unsere regionale Identität ab. Er steht aber auch als Abkürzung für unseren Claim „Moving Images North“ und reflektiert damit eine stärkere internationale Ausrichtung unseres Spektrums. Film ist ein globales Medium und wir wollen als Filmförderung auch dafür einstehen, dass internationale Produktionen und Co-Produktionen hier am Standort willkommen sind. Das wollen wir gerne ausweiten. Gleichzeitig steckt in „Moving Images North“ mehr als nur Film: Wir haben unser Förderspektrum hin zu Serien und neuen Medien erweitert. Wir sind auch in den Bereichen VR, AR und XR förderfähig. Das alles sind Bewegtbilder, also Moving Images. Darüber hinaus wollen wir natürlich Werke fördern, die in jeder Hinsicht bewegend sind, auch dies steckt in diesem Wortspiel.

Da haben Sie sich aber eine Menge vorgenommen. Bleiben Film und Serien dennoch die Schwerpunkte?

Film und Serien werden auf absehbare Zeit unsere Schwerpunkte bleiben. Ob sich das ändert, hängt davon ab, wie sich die anderen Segmente entwickeln. Wenn es einen extremen Boom in den Bereichen AR und VR geben sollte, dann sind wir strukturell vorbereitet und förderfähig. Wir sind nun deutlich flexibler, als wir es vor wenigen Jahren noch waren.

Wie geht es dem Filmstandort Hamburg nach zwei Jahren Pandemie?

Die Situation ist angespannt. Gerade angesichts der aktuell sehr hohen Inzidenzen und auch vieler Corona-Fälle an den Sets liegen die Nerven blank. Wenn man versteht, wie teuer und schwer zu bewältigen die Ausfallrisiken der Produzenten sind, ist das mehr als verständlich. Zusätzlich sorgen die hohen Anforderungen an die Hygienestandards für enorme Kostensprünge. Auch den Kinos bereitet die aktuelle Situation große Sorgen. Andererseits haben wir 2021 insgesamt einen Zuwachs an Dreharbeiten am Standort verzeichnet. Zum einen, weil viele Projekte wegen Corona verschoben wurden, zum anderen, weil es eine große Nachfrage nach Filmen und Serien gibt. Das führt allerdings zu einer sehr angespannten Situation im Fachkräftemarkt. Teilweise werden auch sehr hohe Gagenforderungen gestellt. Im Independent-Bereich führt dies zu deutlichen Engpässen. Es gibt eine hohe Nachfrage am Arbeitsmarkt, die aber nicht bedient werden kann.

 

„Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung“

 

Wie kann man dem begegnen?

Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung für den Film in den nächsten Jahren. Wir setzen uns als Filmförderung sehr intensiv damit auseinander. Ich hoffe, dass wir da kurzfristig zumindest Linderung schaffen können.

Ist das eine Chance für junge Menschen, in die Branche einzusteigen?

Insgesamt ist es schon eine sehr chancenreiche Zeit. Es gibt Möglichkeiten, die es vor drei bis vier Jahren so noch nicht gab – sowohl was das Tempo als auch die Finanzierungsmöglichkeiten angeht. Für den Sektor Kino besteht darin aber auch eine Gefahr, weil Kinofilme einen längeren Entwicklungsprozess haben. Kino ist ein langsameres Medium. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Das Kino steht in einer sehrherausfordernden Konkurrenzbeziehung zum Streaming und muss sich dazu verhalten. Das führt zu spannenden und manchmal schmerzhaften Veränderungen. Wir stehen vor der Frage, wie wir es schaffen, im „Ökosystem Kino“ Talenten spannende Angebote zu machen.

 

Der Filmstau als Problem

 

Wie geht es den Kinos derzeit?

Natürlich haben angesichts der aktuellen Entwicklungen auch die Kinos Befürchtungen, ein Déjà-vu zu 2020 zu erleben, obwohl sich immer wieder sehr klar belegen lässt, dass Kinos absolut sichere Orte sind und die Hygienekonzepte gut greifen. Aber zunächst können wir festhalten, dass alle Kinos in Hamburg im Sommer wieder öffnen konnten und es aufgrund der Hilfsmaßnahmen der Stadt Hamburg keine dauerhaften Schließungen gab. Was die Besucherzahlen angeht, haben wir durchaus gute Ergebnisse zu verzeichnen. Es ist klar zu erkennen, dass das Hamburger Publikum ihren Kinos die Treue hält und oft und gerne ins Kino geht. Was wir aber feststellen, ist, dass die unabhängigen, kleinen Filme es schwer haben, eine kritische Masse zu erreichen.

Woran liegt das?

Es ist insgesamt immer schwerer, Sichtbarkeit zu erzielen. Die Marketing-Budgets werden immer höher, dennoch verschwinden die kleinen Filme schnell wieder aus dem Programm. Das liegt auch daran, dass es zu einem Filmstau kam. Viele Filme, die für 2020 geplant waren, wurden auf 2021 verschoben, sodass eine große Anzahl an Filmen um die begrenzten Spielzeiten im Kino konkurrieren. Da kommt es zu einer Kannibalisierung, bei der nur noch die Spitzenfilme gut laufen. Im Arthouse-Bereich waren das „Der Rausch“ und „Nomadland“. Danach wurde es aber eng.

 

„Wir waren relativ schnell“

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik den Film- und Kinostandort gut durch die Pandemie gebracht hat, oder gibt es rückblickend Punkte, bei denen man besser oder schneller hätte reagieren können?

Klar hörten wir hin und wieder Kritik – und oft war diese ja auch berechtigt. Gleichzeitig finde ich, dass wir in einer Situation wie Corona, die wir alle noch nie erlebt haben, die in kürzester Zeit bewältigt und abgewickelt werden musste, mit Abstrichen gut und effizient gehandelt haben. Wir mussten – bei aller Notwendigkeit, schnell Geld zu vergeben – auch daran denken, dass dieses zu einem späteren Zeitpunkt oft wieder zurückgezahlt oder abgerechnet werden muss.

Selbst wenn es um Existenzen geht?

Dass es immer auch Härtefälle gibt und man, wenn die Not es erfordert, auch möglichst unbürokratisch vorgehen sollte, ist richtig. Da wir aber mit Steuermitteln agieren, ist es auch wichtig, jede Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit und Wirksamkeit zu hinterfragen. Zum Glück gibt es bei allen Regeln aber auch Abstufungen und Ausnahmen. Aus Sicht der Filmförderung kann ich sagen, dass wir unser Bestes gegeben haben und relativ schnell waren.

 

„Der Standort hat ein großes Potenzial“

 

Sind Sie zuversichtlich, dass der Filmstandort sich erholen wird, wenn die Pandemie irgendwann ein Ende findet?

Der Standort hat ein großes Potenzial. Es gibt eine vitale Kinolandschaft, ein treues und wachsendes Publikum, unzählige spannende Drehorte und ein Netz an Produzenten, das wachstumsfähig ist. Wir haben außerdem jede Menge Talente am Standort, die sich gut entwickeln können. Das alles stimmt mich sehr zuversichtlich.

Wo gibt es noch Luft nach oben?

Ich glaube, dass wir ein größeres Publikum finden können und müssen. Wir müssen beispielsweise ein jüngeres Publikum in die Kinos holen. Dazu gehört auch, die Kinos in einer vernetzten Welt sichtbarer zu machen. Das betrifft die Ansprache, das Ticketing, aber auch Synergien zwischen den einzelnen Lichtspielhäusern.

 

Man muss verstehen, warum Filme funktionieren

 

Viele Filme, die von der MOIN Filmförderung mitfinanziert wurden, haben auch in diesem Jahr Preise gewonnen: „Niemand ist bei den Kälbern“, „Curveball“, „A Symphony of Noise“ und „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann ist es die Zusammensetzung unserer Gremien. Wir achten darauf, dass alle, die in den Gremien vertreten sind, eine sehr hohe Expertise mitbringen, begeisterungsfähig sind und den Standort verstehen, selbst wenn sie nicht aus Hamburg kommen. Wir versuchen vor allem auch Anreize dafür zu schaffen, dass gute Geschichten hier vor Ort gedreht werden, weil es Identifikation für das Publikum schafft.

Wie laufen die Auswahlprozesse in den Gremien ab?

In unseren Gremien finden kontroverse und inhaltlich harte Auseinandersetzungen statt, die zu den offensichtlich richtigen Entscheidungen führen, sodass Filme mit hoher Qualität gefördert werden. Das gilt für alle Bereiche – von Arthouse bis High End. Da sitzen Leute, die sehr genau verstehen, warum Filme in ihren Bereichen funktionieren können und wie deren Chancen stehen.

Im vergangenen Jahr war die Suche nach einem großen Studio für High-End-Serienproduktionen ein großes Thema. Wie steht es darum?

Das ist nach wie vor ein wichtiges Thema, an dem wir ein großes Interesse haben. Wenn sich da ein Betreibermodell und eine passende Immobilie finden, dann wäre ich froh. Die Nachfragesituation gibt das jedenfalls her. Ich sehe und höre, dass viel mehr gedreht werden könnte, wenn wir ein adäquates Angebot hätten. Wir brauchen ein Studio, das für High-End-Serien und gleichzeitig für aufwendige Kinoproduktionen genutzt werden kann. Das Thema treibt uns nach wie vor um.

 

Hamburg auf Platz vier

 

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Insgesamt verfügt die Filmförderung über 15,7 Millionen Euro an Fördermittel pro Jahr. Alles auf Kurs, oder dürfte es etwas mehr sein?

Das ist eine rhetorische Frage (lacht). Wir haben viel Ambition und wollen möglichst viele Produktionen nach Hamburg und Schleswig-Holstein holen und gut ausstatten. Davon profitieren letztlich alle.

Wie steht die Filmförderung damit im bundesweiten Vergleich da?

Hamburg/Schleswig-Holstein ist derzeit der viertgrößte Film- und Medienstandort in Deutschland, nach Berlin/Brandenburg, Bayern und NRW. Allerdings hat Hamburg einen erheblichen Abstand zum besagten Trio. Das spiegelt sich auch in den Förderetats wieder. Hier befindet sich unsere Förderung etwa auf Augenhöhe mit den Förderungen von Hessen, Baden-Württemberg und der Mitteldeutschen Medienförderung.

Müsste Hamburg nicht mit der Spitzengruppe gleichziehen?

Ich glaube, dass der Standort das leisten könnte, aber das hieße, dass man deutlich größere infrastrukturelle Anstrengungen unternehmen müsste. Das betrifft alle Themen: Fachkräfte, Studio, finanzielle Ausstattung, Standortmarketing, Nachwuchsarbeit – HFBK und HMS sind ja unsere beiden Ausbildungsstätten – und vieles mehr. Man muss das als Portfolio betrachten: Ein Standort ist besonders leistungsfähig, wenn das gesamte Bouquet vorhanden ist und eine hohe Substanz hat.

Auf welche MOIN-Highlights dürfen sich die Zuschauer 2021/2022 besonders freuen?

Ich kann jetzt schon sagen, dass ich mich sehr auf den neuen Film von Sonja Heiss, die Meyerhoff-Verfilmung von „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, freue. Auch die Romanverfilmung „Mittagsstunde“ mit Charlie Hübner wird sicher großartig und „Last Song for Stella“ von Kilian Riedhof wird bestimmt sehr stark. Aber diese Aufzählung kratzt nur an der Oberfläche. Es gibt so viele tolle Projekte, da reicht der Platz in Ihrem Heft nicht.

 

Die Diversity Checklist

 

2020 hat die MOIN Filmförderung die Diversity Checklist eingeführt. Viele fanden den Schritt mutig und richtig, aber es gab auch vereinzelt die Kritik, dass es sich um einen Eingriff in die Kunstfreiheit handelte – unter anderem in einem Kommentar eines Kollegen in der SZENE HAMBURG.

Ja, der war relativ klar in seiner Haltung (lacht).

Warum halten Sie die Liste für richtig?

Die Checklist ist mit zwei Universitäten, mehreren Berufsund Behindertenverbänden erarbeitet worden und hat sich seit Einführung in der Praxis sehr bewährt. In der Branche wird die Liste vor allem als ein Ausrufezeichen wahrgenommen, als ein Arbeitsmittel im Antragsprozess, das wir zur Verfügung stellen, um ihre Projekte und Strukturen auf das Thema Diversität zu hinterfragen.

Aber erzeugt das nicht automatisch eine unterbewusste Erwartungshaltung, die wiederum Einfluss auf die künstlerische Gestaltung haben kann?

Zum Glück leben wir in einem Land, das komplette künstlerische Freiheit bietet. Die ist garantiert und wird auch durch eine Diversity Checklist in keiner Weise berührt. Die Entscheidungsprozesse leiten sich nicht von den Listen ab. Die finden bei uns in den Gremien statt. Deswegen ist es auch so wichtig, dass auch die Gremien divers besetzt sind. Wir merken in den Diskussionen in den Gremien sehr genau, dass das einen Unterschied macht und wir dadurch zu interessanten und mutigen Entscheidungen kommen. Ich freue mich darüber, dass wir den Weg mit der Diversity Checklist gegangen sind und fühle mich bestätigt durch die Reaktionen, die ebenfalls divers sind.

Was sind das für Reaktionen?

Wir nehmen vor allem wahr, dass Kreative mit Migrationshintergrund und aus dem LGBTQ-Spektrum, also diejenigen, die unterrepräsentiert sind, sich angesprochen, gehört und wahrgenommen fühlen. Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wenn eine Gesellschaft in der Lage ist, unterrepräsentierten Gruppen dieses Gefühl zu geben, ist das erst mal ein richtiger Schritt – insbesondere durch eine Institution, die mit Steuergeldern agiert und damit auch die Aufgabe hat, darauf zu achten, dass es einen gleichberechtigten Zugang gibt. Wir können dieser Frage ja nicht ausweichen.

 

Es geht auch um Politik

 

In dem Film „Werk ohne Autor“ gibt es eine Szene, in der Oliver Masucci als Professor zwei Wahlplakate verbrennt und seinen Studenten sagt, dass Politik und Kunst nichts miteinander zu tun haben und die Kunst frei sein müsse. Sehen Sie diesen Grundkonflikt nicht?

Ich kann aus meiner Erfahrung als Filmproduzent sagen, dass jede Linie in einem Finanzierungsplan, die einen Finanzierungspartner benennt – also Verleiher, Vertriebe, private Investoren, Sender, Förderungen – eine Agenda hat, einen Wunsch an ein Projekt. Als Förderung haben wir für uns eine Haltung entwickelt, in der wir ganz klar sagen, dass wir einen sehr kompetenten Blick in Sachen Diversität auf die Projekte werfen, nämlich durch unsere Gremien. Wir exponieren uns da und machen uns in diesem Punkt sehr sichtbar. Genauso, wie wir uns in Sachen Regionalität klar sichtbar machen. Wir erwarten, dass ein Projekt mindestens 150 Prozent von der Summe, die wir als Förderung in ein Projekt hineingeben, in der Region lässt. Darunter machen wir es nicht. Wir haben da ganz klar definiert, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet werden kann. Da geht es auch um Politik, da geht es auch um Steuergeld, da geht es auch um das Verhältnis zur Kunst …

… aber da bleibt der Aufschrei aus.

Im Bereich der Diversität haben wir uns auch positioniert. Nur sind wir da weit weniger hart in unseren Linien. Wir haben lediglich eine Frageliste erarbeitet, in der wir klar zu erkennen geben, dass diese Punkte wichtig sein könnten.

 

„Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben“

 

Sie bleiben also dabei, dass die Kunstfreiheit nicht berührt wird?

Noch mal ganz klar: Grundsätzlich kann jeder sagen, schreiben und filmen, was er möchte – solange diese Dinge innerhalb der Schranken der Gesetze stattfinden und man bereit ist, das Echo auszuhalten, das provokante Stoffe nun mal auslösen. Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben. Das kann schon sein. Es gibt kein Anrecht auf Förderung. Das ist nirgendwo verbrieft. Es gibt qualitative Entscheidungen, die bei uns in den Gremien gefällt werden. Und es kann sein, dass ein Projekt den gegenwärtigen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. Da sind wir ganz transparent und klar.

Man spürt, dass Ihnen dieses Thema sehr am Herzen liegt …

Unsere Aufgabe als Förderung ist es, nach vorn zu denken. Wer sind die nächsten Talente? Für welches Publikum sollte erzählt werden? Welches kann noch erschlossen werden? Mit welcher Filmsprache wollen wir auf das neue Publikum zugehen? Wir wollen offen sein für alle Themen und Talente. Das ist der Grund, warum das Thema Diversität bei uns so hoch aufgehängt ist. Dafür braucht es den professionellen, unverstellten Blick. Wir fördern, weil wir richtig gute Filme sehen wollen. Wir wollen Filme, die uns überzeugen und umhauen.

 

„Veränderung braucht Zeit“

 

Die Hamburger Regisseurin, Kamerafrau und Oscar-Preisträgerin Zamarin Wahdat („Bambirak“), sagte kürzlich, dass sie sich vor einigen Jahren keine Hoffnungen auf eine Karriere in Deutschland gemacht hatte und ihre Ausbildung daher in New York absolvierte.

Das ist eine traurige Aussage (Pause). Das zeigt einmal mehr, dass man dranbleiben muss. Veränderung braucht Zeit, aber auch den Willen, immer wieder Strukturen aufzubrechen, Perspektiven zu öffnen. Mir scheint es wichtig und richtig, dass wir hier in Hamburg diesen Weg beschreiten und mit der Besetzung der Gremien, der Checklist und auch der gesamten Förderung entsprechend agieren. Wer Diversität einfordert, muss auch selbst dafür sorgen, dass sie zur Normalität wird.

Kürzlich hat ein breites Bündnis unter dem Label „Green Motion“ eine Selbstverpflichtung zur Einhaltung von ökologischen Mindeststandards unterzeichnet, die ab dem Januar 2022 gilt. Was bedeutet das für die Branche?

Zunächst ist es eine Bestätigung unseres bisherigen Kurses. Das Bündnis ist aus dem Arbeitskreis „Green Shooting“ hervorgegangen, an dem wir mit anderen Filmförderungen, aber auch Produktionshäusern, Sendern und Netflix beteiligt waren. Wir haben uns gemeinsam zu Mindeststandards verpflichtet. Wir waren ja schon sehr lange mit dem Thema unterwegs, schon seit 2012 – als erste Filmförderung in Deutschland. Wir waren dann mit dem ersten verpflichtenden Kriterienkatalog, dem grünen Filmpass, ebenfalls Vorreiter. Dieser Kriterienkatalog ist nun in die Mindeststandards eingeflossen.

 

Es geht auch um Politik

 

Worin bestehen diese Mindeststandards?

Die Standards betreffen die Technik, die Ausstattung, die Energieversorgung – und alle Bereiche, die ressourcenund emissionsintensiv sind. Es gibt 21 Kriterien, von denen 18 erfüllt sein müssen, um das Label „Green Motion“ zu bekommen. Ein wichtiger Punkt ist das Reisen: Alle Reisen unter 500 Kilometern dürfen nur noch mit der Bahn zurückgelegt werden, nicht per Flugzeug. Beim Catering gibt es mindestens einen vegetarischen Tag pro Woche. Für einige Bereiche gibt es Übergangsregelungen, weil man vieles nicht von heute auf morgen umstellen kann. Das ist für die Branche ja auch ein großer Umstellungsprozess, der in die einzelnen Abläufe eingearbeitet werden muss.

Wer prüft denn die Einhaltung?

Wir als Förderung ermitteln stichprobenartig, ob konkrete Vorgaben eingehalten wurden. In schweren Fällen, also wenn ein größerer Prüfaufwand besteht, wird ein Wirtschaftsprüfungsinstitut genauer prüfen.

Sanktionen sind nicht vorgesehen?

Im Moment ist es nicht so, dass sanktioniert wird, weil die Prüfsituation noch zu amorph ist. Mir erscheint es wichtiger, dass wir die Prozesse – gerade was den Emissionsverbrauch angeht – besser prüfen, klarer beziffern und möglichst gut steuern können, statt über mögliche Strafen nachzudenken. Mir ist es generell lieber, dass wir positive Anreize setzen, anstatt beispielsweise Förderraten zu kürzen. Strafen soll­ten immer die Ultima Ratio bleiben. Der Wille bei den Produzenten ist ja da, das Thema ist angekommen.

 

Hamburg soll als Drehort bekannter werden

Machen sich die Produzenten nicht Sorgen wegen steigender Kosten?

Das ist eine sehr berechtigte Frage, weil die Produzenten im Moment wirklich auf sehr schmalem Grat unterwegs sind. Die Ansprüche, die Corona an Produktionen stellt, treiben die Kosten, hinzu kommt der Fachkräftemangel – und auch das grüne Thema ist ja nur mit einem gewissen Aufwand an Zeit und Arbeit zu haben. Insofern muss es unsere Aufgabe sein, hier möglichst ressourcensparend zu agieren, also wenig Bürokratieaufwand einzufordern und nicht jedes Detail mit einzubeziehen, sondern nur das, was wirkmächtig ist.

Im Dezember startet die Ausstellung „Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum – was bedeutet diese Ausstellung für den Filmstandort?

Das ist natürlich eine großartige Würdigung. So eine Ausstellung ist ja immer auch ein Schnappschuss und eine ganz wunderbare Möglichkeit, alles Revue passieren zu lassen. Ein Blick zurück, der zeigt, wie viel Potenzial und Kreativität in einem Standort zu finden sind. Ich habe mich noch nicht mit den Aufbauten beschäftigt. Ich weiß aber, dass die Kulisse von „Der Goldene Handschuh“ noch im Aufbau ist. Die Ausstellung in Altona wird sicher deutlich machen, dass der Filmstandort bereits wahnsinnig viel kann.

Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele großartige Filme in Hamburg gemacht wurden und werden. Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Hamburg zuallererst Hafenstadt und nicht Filmstadt. Wir arbeiten daran, dass sich das vielleicht etwas ausnivelliert. Es ist unser Ansporn, durch Standortmarketing dafür zu sorgen, dass Hamburg als Drehort mehr Sichtbarkeit bekommt. Darin liegt eine große Chance. Das Gesicht der Stadt ist vielseitig. Zudem ist es vergleichsweise unkompliziert, hier auf öffentlichen Plätzen zu drehen. Wir müssen ein Willkommensklima für Kreative schaffen.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Film-Krise: „Ein schlechter Traum“

Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, über die Situation der Filmbranche im Norden, das beschlossene Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Filmbranche und das gespannte Verhältnis von Streaming und Kino

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Albers, Sie haben vor knapp einem Jahr Ihre Karriere als Produzent aufgegeben, um Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zu werden. Nun ist die Filmbranche aufgrund der Corona-Pandemie in argen Schwierigkeiten. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Helge Albers: Ganz im Gegenteil. Es ist gerade jetzt wichtig, als Geschäfts­führer der Filmförderung die Situation der Produzenten zu kennen und ein Gespür für die Stimmungslage in der Branche zu haben. Das ist sicher von Vorteil, wenn es darum geht, über gezielte Förderungen und Hilfen zu entscheiden.

Das vergangene Jahr lief für den Filmstandort im Norden recht erfolgreich: „Systemsprenger“, „Der goldene Handschuh“, „Lindenberg! Mach dein Ding“ sind allesamt erfolgreiche, preisgekrönte Filme, Sie haben die Filmförderung neu aufgestellt und sogar Warner Bros. als Förderer gewonnen. Nun ist plötzlich die gesamte Filmbranche in Gefahr. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Ich stehe jeden Morgen auf und denke: Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das ist ein schlechter Traum! Corona trifft unsere Branche mit voller Härte – und zwar umfassend. In jedem Bereich, von der Produktion bis zur Auswertung in den Kinos und im Home Entertainment ist die Filmbranche be­troffen.

Ein Film entsteht in Teamar­beit, aber niemand darf mehr zusammen arbeiten. Wir sind auf Publikum angewiesen, aber niemand darf mehr ins Kino. Eine komplette Branche ist auf null heruntergefahren – und zwar von einem Tag auf den anderen.

Aus der Filmbranche ist zu hören, dass es sich um die größte Krise in der Geschichte des Films handelt. Wann haben Sie den Ernst der Lage erkannt?

Uns im Haus war sehr schnell klar, dass das ein absoluter Einschnitt ist, und wir uns schnell damit auseinander­setzen müssen. Wir haben direkt mit einer Umfrage in der Branche reagiert, um zu erkennen, welche Dimension an Ausfällen uns da erwartet.

Dann haben wir damit begonnen, die Hilfsprogramme aufzusetzen. Inzwischen sind wir mitten in der Umsetzung. Wir stehen in permanentem Kontakt zu unseren Antragstellern, ob Kinos oder Produzenten. Was wir nicht wissen, ist, wie und wann es weitergeht.

Stellen Sie denn durch das kürzlich beschlossene Maßnahmenpaket eine Beruhigung innerhalb der Branche fest?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir das noch nicht beurteilen. (Das Interview fand am 7. April statt, Anm. d. Red.) Wir hoffen aber, dass die Krise durch die Summe an Hilfsmaßnahmen auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Wir müssen alle Maßnahmen so bündeln, dass sie wirklich helfen. Es muss helfen! Wir als Filmförderung leisten unseren Beitrag zur Stabilisierung. Wir können allerdings nicht alle Ausfälle komplett ersetzen.

 

„Die Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen“

 

Das besagte Maßnahmenpaket, das Sie am 3. April gemeinsam mit den Kulturbehörden Hamburgs und Schleswig-Holsteins vorgestellten, hat einen Umfang von 3,7 Millionen Euro. Ohne die Summe kleinreden zu wollen: Für wie lange, schätzen Sie, reicht das?

Die Frage ist, bis wann muss es denn reichen? Da wir diese Größe nicht kennen, vermag ich die Frage auch nicht wirklich zu beantworten. Das Maßnahmenpaket ist eine Soforthilfe, gestrickt unter dem Eindruck einer akuten Schieflage, bei der sehr schnell gehandelt werden musste. Nicht mehr und nicht weniger. Der Faktor der Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen. Das betrifft alle Beteiligten – nicht nur uns.

Worin besteht das Maßnahmenpaket denn?

Der Grundgedanke des Maßnahmenpaketes ist, dass man Ausfälle aus­gleichen muss. Im Produktionsbereich sind das zum Beispiel Ausfälle durch Drehabbrüche und -­verschiebungen. Ein Dreh ist ein sehr komplexes Gebilde, mit vielen Akteuren, und einem sehr hohen organisatorischen Aufwand und Vorlauf.

Es kann sein, dass die Produktionsteams bis zum Herbst oder Spätherbst warten müssen, bis sie wie­ der drehen können. Wir wollen ihnen, so gut es geht, unter die Arme greifen. Eine weitere Maßnahme sind die Soforthilfen für die Kinos in Hamburg: Hier sollen die aktuellen Erlösausfälle aufgefangen oder zumindest gemildert werden. Und die dritte Maßnahme – das sogenannte 3×3­-Programm – ist ein neues Förderprogramm mit dem wir in der Zeit des Stillstands mehr Drehbücher fördern und damit neue Filmprojekte anschieben.

Wie verhält es sich denn mit den Maßnahmen? Gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, oder wird nach konkreten Richtlinien priorisiert?

Wir haben zwei Grundsätze, nach denen wir alle unsere Entscheidungen treffen: Das ist zum einen die Qualität und zum anderen die Wirtschaftlichkeit. Wobei die Wirtschaftlichkeit in diesem Fall gesondert betrachtet werden muss: Anders als sonst, spielt hier die Frage der Bedürftigkeit eine Rolle. In einer konkreten Antragssituation schauen wir uns also Fall für Fall an, und wägen dann ab. Wir werden mit dem Geld, das bewilligt wird, nicht alle zu 100 Prozent befriedigen können. Das kann diese Summe einfach nicht leisten.

Sie sagten eingangs, dass sie in engem Austausch mit Produzenten stehen. Was sagen die zu den Maßnahmen?

Mein Eindruck ist, dass ein Großteil noch mit dem Sortieren und Analysieren der Lage zu tun hat, in der sie gerade stecken. Einige waren mitten im Dreh und mussten abbrechen, andere hatten den nächsten Dreh demnächst vor und müssen diesen nun auf unbestimmt verschieben. Andere wiederum waren erst im Development, und haben den Dreh ohnehin erst im Herbst geplant. Die rechnen entweder noch damit, dass sie weiter nach Plan arbeiten können, oder spekulieren damit, dass es anders kommt.

Insgesamt nehme ich eine große Unsicherheit wahr. Wir als Förderung sind deshalb gefragt, ein Stück weit Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten und Pfeiler aufzustellen, die dabei helfen den Sturm zu überstehen.

Sprechen wir über einen dieser Pfeiler: Die Unterstützung für die Hamburger Kinos. Diese betrifft ja nur die Hamburger Lichtspielhäuser, die in den vergangenen drei Jahren mit dem Kinopreis ausgezeichnet wurden. Was ist mit den anderen?

Das Hilfsangebot gilt auch für Arthouse­ und Programmkinos, die keinen Kinopreis erhalten haben. Aus diesem Grund steht in der entsprechenden Passage auch ein weiterer Passus, der explizit weitere Kinos einbezieht.

In dem Absatz heißt es: „…sowie kulturell herausragenden stadtteilbezogenen Filmtheatern.“ Damit sind die UCI- und Cinemaxx-Gruppe wohl nicht gemeint, oder?

Das sind bundesweit agierende Unternehmen. Wir sind vor allem den kulturell agierenden Kinos gegenüber verpflichtet. Etwas überspitzt gesagt, denke ich, dass wir mit unserem Etat etwa die Monatsmieten der Cinemaxx­-Gruppe bedienen könnten. Das sind Player auf dem Markt, für die die Filmförderung nicht unbedingt gedacht ist und für die andere Hilfsmechanismen benötigt werden. Aber auch in diesem Segment möchte ich die Probleme nicht klein­reden. Corona ist da ein Gleichmacher, der die großen Häuser genauso trifft wie die kleinen.

 

„Ich rechne damit, dass wir ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden“

 

Wird es in diesem Jahr eigentlich ein Filmfest in Hamburg geben?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich rechne also damit, dass wir im September/Oktober ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden. Das Kurz­filmfestival wurde bereits auf November verschoben und wird in kleinerer Form stattfinden.

VRHAM! – das Virtual Reality & Arts Festival erarbeitet eine Online­-Variante als Ersatz, auf die ich sehr gespannt bin. Bei aller Schwierigkeit, die die ganze Situation um Corona mit sich bringt, glaube ich, dass die digitalen Möglichkeiten sich bei einigen verstärkt entwickeln und auch langfristig Wirkung zeitigen werden.

Was im Moment mehr als gut läuft, ist das Streaming. Die Steigerungsraten der Streaming-Anbieter sind in Corona-Zeiten immens. Nutzen auch Sie Streaming-Angebote?

Ja, ich nutze verschiedene Stream­ing-­Angebote, je nachdem was mich gerade interessiert. Ich schaue auch oft bei den Öffentlich­-Rechtlichen vorbei. „Bad Banks“ ist eine Serie, die ich gern gesehen habe. Kürzlich habe ich die Se­rie „Unorthodox“ gesehen. Mochte ich sehr. Ich glaube, es ist unerlässlich, dass man ein Verständnis dafür hat, was auf den Streaming-­Plattformen stattfindet.

Man hat das Gefühl, es ist zu einer Glaubensfrage zwischen praktizierenden Cineasten und Streaming-Jüngern geworden. Wie sehen sie das als Filmförderer?

Grundsätzlich ist es so, dass sich die Branche durch die Streaming-­Anbieter verändert hat. Vorher gab es ein ein­gespieltes Muster: Es war klar, wer was finanziert oder eben nicht, es gab klare Entscheidungs-­ und Handlungsabläufe – und das blieb auch weitestgehend so.

Dann kam ein großer, neuer Mitspieler auf den Markt, der über sehr viel Geld verfügt, sehr schnell agiert und sehr viel Freiräume lässt – gerade was das kreative Arbeiten angeht. Einerseits eröffnet diese Entwicklung einen Raum neuer Möglichkeiten, andererseits zieht jede Positivmeldung oft auch eine Negativ­meldung mit sich, die oft aber nicht weit durchsticht.

Zum Beispiel?

Es ist deutlich schwerer geworden, qualifizierte Mitarbeiter zu wettbe­werbsfähigen Preisen zu bekommen und langfristig zu binden – gerade für unabhängige, kleinere Produktionen. Und die Vertragsbedingungen der Streamer lassen manchmal sehr zu wünschen übrig.

Einige in der Branche sind der Ansicht, man dürfe nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix, Amazon und all die anderen Plattformen bedeutet. Wenn die Leute sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie das Kino nicht brauchen, könne es sehr hart werden, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Entwicklung erhöht zumindest die Notwendigkeit, dass das Kino sein Alleinstellungsmerkmal stärker betont – und damit meine ich sowohl Filme, die im Kino laufen, als auch den Ort an sich. Wir stehen als Branche in der Pflicht, Filme zu produzieren, die kino­tauglich sind und nur an diesem Ort wirklich Sinn machen. Das Publikum weiß, dass man einige Erlebnisse nur im Kino voll genießen kann. Ich hoffe, dass nach der Zeit des Social Distancing die Leute wieder richtig Lust auf das Ge­ meinschaftserlebnis Kino haben.

Machen Sie sich Sorgen um das Kino?

Langfristig mache ich mir wenig Sorgen. Wir haben auch in den vergangenen zwei Jahren gesehen, dass das Kino durchaus widerstandsfähig ist, auch dem Streaming gegenüber.

Was macht Sie da so sicher?

Die große Stärke des Kinos ist das gemeinsame Erlebnis. Die Frage lautet für mich nicht ob, sondern wann das Publikum wieder in der Lage und bereit sein wird, ins Kino zu gehen. Ein Problem ist, dass die großen Filme alle erst mal nicht im Kino laufen werden, da sie in den Herbst oder gar ins nächste Jahr verschoben worden sind. Ein Kino braucht aber eine bestimmte Reihe starker Titel, die eine Masse an Publi­kum anzieht. Es wird für die Kinos also vorerst schwierig bleiben. Wichtig wird aber auch sein, dass die Kinos darüber nachdenken, wo digitale Geschäfte liegen, die in der Logik der Kinoaus­ wertung funktionieren.

Es gibt ja erste Angebote, wie Kino on Demand oder #hilfdeinemkino. Haben Sie da Rückmeldungen bekommen, inwieweit diese Aktionen den Kinos helfen?

Was ich weiß, ist, dass diese Aktio­nen ganz gut angenommen werden. Es gibt hohe Klickzahlen und eine wahn­sinnig große Bereitschaft vom Publikum, über Gutschein­-Käufe, Crowd­funding­-Aktionen, oder Video on Demand­-Kooperationen den Kinos zu helfen. Die Kundenbindung zwischen den Kinos und den Zuschauern erweist sich als sehr stark. Kinogänger sind sehr loyal.

 

Pelkanblut-filmszene

Der Starttermin des Kinofilms „Pelikanblut“ mit Schauspielerin Nina Hoss (Mitte) musste, wie viele andere auch, vorerst verschoben werden

 

Angenommen alles pendelt sich wieder ein: Wo möchten Sie mit der Filmbranche im Norden in fünf Jahren gern stehen?

(Längere Pause) Die Frage hätte ich vor vier Wochen sicherlich anders be­antwortet als im Moment. Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, wünsche ich mir vor allem eine stabile Branche, die klare, sichere Finanzierungs­ und Auswertungsperspektiven hat.

Grundsätzl­ich wünsche ich mir eine Branche, die am Puls der Zeit ist und sich offen zeigt für neue Modelle, die mutig ist in den Stoffen, die sie anfasst und in den For­maten, die sie wählt. Das betrifft sowohl die Produzenten als auch die Kinos und Verleiher. Es tut gut, immer wieder den Horizont zu erweitern und neue Ansät­ze zuzulassen, eine Veränderung zu akzeptieren und darauf zuzugehen statt sie sofort auszuschließen und abzublocken.

Auf welchen Film, der nun im Kino wäre, hatten Sie sich am meisten gefreut?

„Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Das ist ein Verlust. Der wird nun erst mal verschoben. Aber er wird ins Kino kommen, da bin ich mir sicher. Der lohnt sich wirklich. Ein toller Film.

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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