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Mit seinem FIDS Open Research Lab schippert der Künstler Claudius Schulze den Sommer über durch den Hamburger Hafen und wirft einen ganz besonderen Blick auf die Vögel dort. Wir haben mit ihm über Haubentaucher, über Artenvielfalt und die Ruhe auf dem Wasser gesprochen – und wie er in seinem spannenden neuen Projekt Naturbeobachtung und Technologie verbindet

Text & Interview: Sabine Danek

SZENE HAMBURG: Claudius, du bist Künstler und Fotograf, befasst dich mit Klimawandel, Artensterben und neuen Technologien. Was hat dich in den Hamburger Hafen verschlagen?

Claudius Schulze: Zwei Drittel aller Vögel, die in Deutschland vorkommen, leben heute in Städten und um zu beobachten, welchen Einfluss der urbane industrielle Raum auf sie hat, ist der Hamburger Hafen ein besonders spannender Ort. Denn durch seine zahlreichen kleinen Habitate und Rückzugsorte leben dort besonders viele Tiere und Tierarten.

Gleichzeitig aber ist der Hafen auch ein Industrie- und Schwerindustrie-Standort von dem jede Menge negativer Umwelteinflüsse ausgehen. Er ist verantwortlich für Licht-, Wasser- und Luftverschmutzung, für Lärm und vieles mehr. Das gegenwärtige massenhafte Artensterben ist noch unverstanden. Klar aber ist, dass veränderte Lebensräume, Licht- und Lärmverschmutzung es beeinflussen.

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Der Künstler und Fotograf Claudius Schulze bringt in seinen Arbeiten Umweltschutz und neue Technologien zusammen (Foto: FIDS Claudius Schulze)

Das ehemalige Atelierschiff an der Eiffestraße

Auch über den Umweltschutz hinaus hast du einen besonderen Bezug zum Wasser. Lange hattest du sogar ein schwimmendes Atelier.

Vom Wasser sieht alles anders aus, ist grüner und schöner und es auch viel ruhiger dort. Einen Winter lang lag mein Atelierschiff an der Eiffestraße wo es durch den Straßenverkehr so laut ist, dass man sich kaum unterhalten kann. Aber geht man nur 50 Meter zum Wasser hinunter ist es so still, dass man sogar Haubentaucher beim Baden beobachten kann. Und das sind wahnsinnig scheue Vogel. Von Anfang an war für mich klar, dass ich das Projekt auf einem Schiff machen werde und nicht auf einem Lastwagen oder etwas anderem Fahrbarem.

Zoë X: Das Forschungsschiff

Wie bist du an die Schlepperbarkasse Zoë X gekommen?

Ich erzähle immer salopp, dass ich sie ungesehen auf Ebay gekauft habe. Und eigentlich stimmt das auch. Ich hatte mir Dutzende Schiffe angeschaut, bei Kapitän Prüsse und anderen maritimen Unternehmen hier. Aber alle haben nicht wirklich gepasst. Und dann hab ich eine Anzeige entdeckt, in der einfach nur „Stahlschiff zu verkaufen“ stand und als ich die Fotos sah, wusste ich sofort, dass es das ist. Das Schiff gehörte einem Stahlunternehmen bei Freiburg und ich habe es sofort gekauft.

Als ich die Fotos sah, wusste ich sofort: Das ist das Schiff. Ich habe es sofort gekauft.“

Claudius Schulze

Was hast du für das Projekt umgebaut?

Wir haben die Zoë X neu lackiert, denn sie ist ja jetzt ein Kunstwerk. Dann haben wir Verstärkungen am Rumpf und die Konstruktion für die Fluginformationstafel angebracht, die begehbaren Solarpanele und dann die ganze Elektronik. Mit unserem mobilen 5G-Netz haben wir wahrscheinlich den schnellsten Internetanschluss Hamburgs. Ein halbes Jahr hat das alles gedauert.

Künstliche Intelligenz

Du arbeitest mit Kameras und Künstlicher Intelligenz, Flugbewegungen werden aufgezeichnet und die KI setzt sie in Wissen um. Was passiert genau?

Das Schiff bemerkt, wenn Vögel in der Nähe sind. Einerseits durch Mikrofone, die lauschen, was in der Umgebung passiert. Sie zeichnen Vogelrufe auf und die KI erkennt, welcher Vogel das ist. Gleichzeitig ist eine hochauflösende Kamera am Bug montiert. Sie registriert, wenn Vögel über das Schiff fliegen und kann auch qualitative Aussagen zu deren Geschwindigkeit treffen, Flugrichtung oder Flügelschlag. Darüber hinaus gibt es zahllose andere Sensoren, die Streulicht, sprich Lichtverschmutzung erkennen, Lärm, Windstärke, Luftdruck und vieles mehr. Alles wird miteinander vernetzt und von einem Textgenerator schließlich in Sätze umgewandelt.

Das Schiff bemerkt, wenn Vögel in der Nähe sind. Einerseits durch Mikrofone, die lauschen, was in der Umgebung passiert.

Claudius Schulze

Was sind das für Sätze?

„Mit steten Flügelschlägen fliegt ein Vogel gen Nordwest“ zum Beispiel, „Lahme Vögel treiben Richtung Nord“ oder „Ein Schwarm Vögel zischt gen Ost“.

Interpretiert es auch?

Es ist kein Orakel, sondern bleibt immer bei den Fakten. Aber stete Flügelschläge sagt ja schon mal aus, dass der Vogel nicht gestresst ist oder gar panisch. Und diese Beobachtungen sind dann für alle auf der Flug-Informationstafel an der Seite des Schiffs zu lesen.

Den Himmel sichtbar machen

Du holst also quasi den Himmel auf die Erde und machst das, was sich über unseren Köpfen abspielt, sichtbar.

Genau, wir geben ihm mithilfe von technischen Werkzeugen einen Ausdruck. Dabei geht es uns aber eher um den Prozess als um das Ergebnis. Und wenn das Schiff jetzt den Sommer über durch Hamburg schippert, werden neue Messfunktionen hinzukommen und somit auch neue Aussagen. Ende Juli wird FIDS beim MS Artville zu Gast sein, um zum Vogelball im August dann sämtliche Daten präsentieren.

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Vom Weg abgekommen? Da der Magnetsinn der Zugvögel, der ihnen ihre Flugrouten weist, im Auge sitzt, beeinträchtigen starke Lichtquellen ihre Orientierung (Foto: Claudius Schulze)

Einige Liegeplätze und Events:
1.–15.7. Traditionsschiffhafen, Sandtorhafen
15.–17.7. Museumshafen Oevelgönne
17.–20.7. Veringkanal, Reiherstieg, Rethe, Wilhelmsburg
20.7.–7.8. Ausstellung „Biosphere X“ im Atelierhaus 23, Am Veringhof 23, Wilhelmsburg
21.7.–7.8. FIDS zu Gast beim MS Artville


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IdeenExpo 2022: Mach doch einfach!

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IdeenExpo 2022 in Hannover: Berufe ausprobieren, Kontakte knüpfen und Live-Konzerte erleben!

Elektrik, Biochemie und Astronomie sind trocken und öde? Von wegen! Wie vielfältig, spannend und am Puls der Zeit Berufe in den Feldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sind, das zeigt die IdeenExpo auf dem Messegelände in Hannover. Vom 2. bis 10. Juli 2022 gibt es auf Europas größtem Jugendevent für Naturwissenschaften und Technik jede Menge zu entdecken, zu erfahren und auszutesten.

280 Aussteller bieten auf über 100.000 Quadratmetern mehr als 720 Erlebnis-Exponate, rund 750 Workshops und unzählige Einblicke in 13 Themenbereiche: von der MobilitätsMeile über das MediaLab bis hin zu den neuen Feldern PlanetNachhaltigkeit und Fazination:Weltraum.

Unter dem Motto „Mach doch einfach!“ sorgen die Aussteller dafür, dass MINT nahbar und nachvollziehbar wird. Wie in einem riesigen Versuchslabor können die Besucherinnen und Besucher die ganze Vielfalt der MINT-Berufe selbst ausprobieren. Als ein Highlight erwartet sie erstmals Tesla als Aussteller, das in Brandenburg die größte Elektroauto-Fabrik Europas aufbaut.

In diesem Jahr startet auch wieder ein mitreißendes Live-Programm in Zusammenarbeit mit N-JOY, dem jungen Radiosender des NDR. „Wir lassen es dieses Jahr richtig krachen – ein so großes Staraufgebot gab es bei der IdeenExpo noch nie“, verspricht Dr. Volker Schmidt, Aufsichtsratsvorsitzender der IdeenExpo. „Die IdeenExpo setzt bei ihrer achten Auflage noch einen drauf.“

Jan Delay, Casper und Secret Acts

Musikalisch kann sich das Programm sehen lassen: Am Eröffnungstag (Samstag, 2. Juli) stehen Jan Delay & Disko No. 1 auf der Bühne. Der Hamburger Rapper war schon 2011 auf der IdeenExpo und begeisterte die Massen.

Vorab spielt die Newcomerin Mathea. Für die österreichische Durchstarterin hätte 2020 nicht besser laufen können: Im Mai 2020 veröffentlichte sie ihr Debütalbum „M“, das es direkt in die Top 5 der österreichischen Albumcharts geschafft hat.

Am Samstag, 9. Juli, können sich die Besucherinnen und Besucher der IdeenExpo auf Livemusik von Headliner Casper freuen. Mit seiner Musik hat Casper es geschafft, den Deutschrap zu revolutionieren. Sein neues Album „Alles war schön und nichts tat weh“, präsentiert die Indie-Rap-Institution jetzt auf der großen ShowBühne der IdeenExpo. Vorab sorgt Passepartout für ausgelassene Stimmung. Die Hannoveraner überzeugen mit ihren deutsch-französischen Texten im HipHop-Style.

Am Freitag, 8. Juli, stehen zwei Secret Acts auf der ShowBühne – Besucherinnen und Besucher dürfen gespannt auf die Überraschungsgäste sein, die im Juni bekanntgegeben werde.

ideenexpo.de

Forschung zu Protesten gegen Corona-Maßnahmen

Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Hentschel spricht im Interview über Resilienz in Zeiten der Pandemie, die Proteste gegen Corona-Maßnahmen und demokratische Möglichkeiten darauf zu reagieren

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Frau Prof. Dr. Hentschel, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit dem Thema Resilienz. Was versteht man überhaupt darunter?

Prof. Dr. Christine Hentschel: Widerstandsfähigkeit, Anpassungs­fähigkeit, auch eine gewisse Elastizität: die Fähigkeit, sich nach erlittenen Schocks oder dramatischen Ereignissen wieder zu erholen und sich dabei manchmal auch neu zu erfinden.

Wie zeigt sich das in der Pandemie?

In Bezug auf die Pandemie haben sich die Ratgeber überschlagen, die uns Tipps geben, wie wir nicht verrückt werden und uns motivieren, aus der Jogginghose rauszukommen und am besten noch eine neue Sprache zu lernen! Die Logik der Resilienz ruft uns gewissermaßen zu: „Sorry, das mit der Pandemie, der Flutkatastrophe oder dem Terroranschlag konnten wir nicht verhindern! Wichtig ist jetzt, wie ihr als Einzelne, als Communitys, als Gesell­schaften damit umgeht.“

Klingt nicht gerade entspannt …

Resilienz ist kein unproblemati­sches Paradigma, weil sie unsere Aufmerksamkeit ganz weg davon lenkt, was wir im Großen noch gestalten können – beispielsweise in Bezug auf die Klimakrise – und uns immer nur auffordert, irgendwie auf das zu reagieren, was kommt. Zoomt man raus, ist die Frage der Resilienz der Demokratie aber noch eine viel größere und hat damit zu tun, was die fast zwei Jahre Pandemie für Spuren an der Gesellschaft gelassen haben: Risse, Verletzungen, ein wachsendes Unver­ständnis füreinander, kaputte Existen­zen, gegenseitige Bezichtigungen, die Demokratie abzuschaffen und die Gesundheit der anderen aufs Spiel zu setzen. Aber auch die Frage, was Menschen für solidarische Netzwerke geschaffen haben, informelle Struk­turen und Plattformen, um hier irgendwie gemeinsam durchzukom­men. Als Sozialwissenschaftlerin interessieren mich vor allem diese gesellschaftlichen und politischen Fragen der Resilienz.

 

Verschärfte autoritäre Tendenzen

 

Für wie resilient halten Sie das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland – gerade in Bezug auf die Corona-Pandemie?

Die neu aufflammenden Demon­strationen gegen die Maßnahmen, die immer auch Kundgebungen gegen das System sind, die unsere Demokratie faschistisch und verbrecherisch nennen und die der Wissenschaft keinen Glauben schenken, verweisen auf tiefe Verwerfungen in unserer Gesellschaft und ein Wacklig­-Werden der Demo­kratie. Und das reiht sich international in verschärfte autoritäre Tendenzen ein, auch in Ländern, die als Horte der Demokratie galten: USA, Frankreich, Großbritannien.

Sie haben vor knapp einem Jahr in der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Leviathan“ einen Artikel zu den Bewegungen und Protesten gegen die Corona-Maßnahmen veröffentlicht. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?

Ja, ich hatte die Proteste in Ham­burg seit etwa Mai 2020 beobachtet. Mich hat interessiert, wie in Zeiten einer so ausgedünnten urbanen Öffent­lichkeit während der Pandemie Men­schen überhaupt Demonstrationen neu erfinden, was sie antreibt, ärgert, wie sie sich in Szene setzen und mit welchen Claims sie arbeiten. Das reicht vom Inhalt und Stil der Reden über die selbst gestalteten Outfits und Plakate bis hin zu den Kreidezeichnungen auf dem Asphalt. Statt allein verschrobene Ideologien oder widersprüchliche Argumente nachweisen zu wollen, war mir wichtig, die Kundgebungen in ihrer affektiven und affizierenden Kraft zu verstehen: wie sich Frust, Hohn und Spaß, Absurditäten, Anklagen, Dro­hungen und Identitätsperformances in diesen Corona Publics vermischen. Und wie sich bestimmte Narrative kollektiv einüben und durch die Milieus hindurch eingeschliffen werden.

 

„ Storys sind absolut zentral“

 

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

In Ihrem Text weisen Sie explizit auch darauf hin, dass es bei diesen Protesten zu Vermischungen unterschiedlicher Strömungen kommt – esoterische, rechte, verschwörungstheoretische. Was ist der gemeinsame Kern dieser doch recht unterschiedlichen Strömungen?

Mich hat nicht so sehr die Frage interessiert, wer da ist, sondern wie Menschen über die unterschiedlichen Milieus hinaus zusammenfinden und sich dabei auf bestimmte Slogans und waghalsige Geschichten einlassen und öffentlich üben, Tabus zu brechen. Storys sind hier absolut zentral: Geschichten darüber, was die Impfung alles mit unseren Körpern anrichtet und was dagegen Vitalstoffe alles können, Märtyrerstorys, mit denen man sich in den Widerstand gegen das Nazi­-Regime einreihen kann, aber auch größere Motive wie „Das große Erwachen“ und vor allem der Fokus auf „meine Freiheit“, „meine Souveränität“, die große liebende „Menschheits­familie“ und das Motto „wir dürfen uns nicht spalten lassen“. Bei diesen größeren Narrativen schaue ich dann weiter: An was sind sie anschlussfähig, was wenden sie anders, womit haben sie zu tun und was lassen sie aus, obwohl es naheliegen würde? Und was sagt uns das über unsere Demokratie?

Und, was sagt das über unsere Demokratie aus?

Tja, zumindest, dass Leute leicht­fertig damit spielen, sie verhöhnen, bereit sind, sie als Diktatur, Sklaverei, Nazicamp zu bezeichnen und das alles im Namen der „Menschheitsfamilie“.

 

Die stärksten Erzählungen

 

Welche dieser Narrative haben die stärkste Wirkung?

Ich möchte mal zwei nennen, die uns noch immer begegnen: „Das große Erwachen“ und „Keine Spaltung“. „Das große Erwachen“ ist sozusagen ein Aha­-Moment, ein ungutes Gefühl: „Wir werden getäuscht, etwas stimmt nicht, nicht mit diesem Virus, nicht mit den ganzen Maßnahmen, das ist alles kein Zufall.“ Verbunden damit ist ein Gestus des Selber­-Nachforschens, des Zeichenlesens und des „Puzzelns“ und eine Wahrnehmung, dass „wir hier die einzigen mit einem kritischen Verstand“ sind. Dieses Motiv knüpft sowohl an spirituelle, aber auch an extrem rechte Narrative an. Und es hat immer etwas Apokalyptisches: als Erzählung vom bevorstehenden Ende, der Enthüllung und Aufdeckung der Wahrheit, als Erwartung des Jüngsten Gerichts und der finalen Abrechnung. Inhaltlich ist das Narrativ relativ durchlässig, die Wahrheit, zu der man sozusagen erwacht, wandelt sich und ist auch innerhalb der Bewegung unter­ schiedlich organisiert und verteilt.

Können Sie dies an einem Beispiel verdeutlichen?

Erinnern Sie sich noch an die mitgebrachten Grundgesetze und das Beharren auf unseren Grundrechten im Frühling 2020? Da sind im Laufe der Monate ganz andere „Erweckungs­ momente“ hineingekommen, zum Beispiel die Reichsbürgeridee, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ja gar keine Gültigkeit hätte. Das ist auch ein Beispiel dafür, dass sich bestimmte Narrative durch die Milieus hindurch einschleifen.

Was hat es mit dem zweiten Narrativ, das sie erwähnen wollten, auf sich?

„Keine Spaltung!“: Das hat sich vom Anfang der Pandemie bis jetzt gehalten, wo unter dem Banner „Wir lassen uns nicht spalten!“ Tausende durch die Stadt laufen. Die Behauptung ist: Hier stehen wir gemeinsam, ob rechts oder links ist egal; die „Spaltung“ hingegen wird „uns“ von oben auferlegt, um „uns“ zu schwächen. Und zunehmend geht es hierbei um die Spaltung zwi­schen Geimpften und Ungeimpften.

 

„Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen nicht aus der Mode“

 

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Haben sich die Stimmung, die Themen und Narrative auf den Protesten seit 2020 verändert?

Klar, die Themen der Bewegung verändern sich mit dem, was passiert und was in der Öffentlichkeit debattiert wird. Seitdem die Impfpflicht diskutiert wird und sich die 2G­-Regel weitgehend durchsetzt, sehen sich viele in ihren Horrorszenarien bestätigt. Und das ist das beherrschende Thema auf den Reden und Plakaten der neu wieder rasant wachsenden Proteste in Hamburg und findet in drastischen Plakatslogans wie „Impfapartheid“ seinen Ausdruck. Die Stimmung habe ich zuletzt als eine gleichzeitig wütende und enthusiastische Aufbruchsstim­mung wahrgenommen: „wir sind viele“, „wir werden mehr“, „nicht mit uns!“

Wieso scheint sich auf den Protesten niemand daran zu stören, dass auch Rechte dabei sind, wenn es doch angeblich um die Verteidigung der Demokratie geht?

Das hat mich auch sehr beschäftigt: Vor allem hat mich interessiert, wie diejenigen ihre Abgrenzung nach rechts verhandeln, die sich nicht als rechts verstehen. Für viele sind hier Konstruk­te entstanden wie: Links-­Rechts, das seien alte Kategorien, die uns „die Mächtigen“ nur einreden wollen, um uns zu spalten, dagegen sind „wir“ hier zusammen, als „Menschheitsfamilie“ auf der Straße, für die „gemeinsame Sache“. Viele haben das Stigma auch schon angenommen: „Ja, ich bin ja rechts, ne?“, oder sie arbeiten mit Holocaust­- und Sklavereivergleichen, um ihre eigene Position zu beschreiben und behaupten, dass sie auf der einzig richtigen Seite seien: der des Wider­stands gegen ein Unrechtsregime. Die Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen dabei nicht aus der Mode.

Und das nutzen rechte Bewegungen dann für sich aus?

Die Rechte kann im Angesicht der Frustration, der Unsicherheit, der zunehmenden Abkehr von offiziellen Narrativen und einer großen Protestlust ausgezeichnet Terrain erobern. Die Ver­achtung des Systems, die Inkaufnahme oder sogar Herbeibeschwörung des Untergangs der Demokratie hat die extreme Rechte schon lange im Programm, und das wird bei vielen in der Bewegung bewundert und passt gut in die Begeisterung für die Überwin­dung dessen, was wir jetzt haben hin zu etwas „ganz Neuem“. In diesem Gemisch sehe ich besonders viel Gefahrenpotenzial für die Demokratie.

 

„Die Dynamik ist von Eskalation gezeichnet“

 

Wie sehen Sie die Dynamik der Proteste in Hamburg im Vergleich zu Sachsen oder anderen Regionen im Osten?

In Hamburg gestalten sich die Proteste noch immer vergleichsweise moderat. Insgesamt müssen wir diese aber in eine Dynamik einordnen, die von Eskalation gezeichnet ist: Drohun­gen gegen Wissenschaftler:innen und Lokalpolitiker:innen, das Sammeln von Privatadressen in Telegram Chats, Impfzentren in Flammen, Attacken gegen Personal in Läden, die Impf­zertifikate kontrollieren müssen, der Mord an der Tankstelle in Idar-­Ober­ stein, die Bilder des bedrohlichen Fackelaufmarschs Anfang Dezember vor dem Wohnhaus der sächsischen Gesundheitsministerin in Grimma – das alles steht für eine zunehmende Eskalation, eine Aufwiegelung der Stimmung, bei der wir uns nicht darauf verlassen sollten „dass schon alles gut geht“.

Von langjährigen Beobachter:in­nen der Szene im Osten wissen wir, dass das kein spontanes Über-die-Stränge-­Schlagen ist, sondern gut organisierte Einschüchterungsprak­tiken gegenüber Politiker:innen und Institutionen, die der Rechten nicht passen und lang eingeübte In­-Szene­-Setzungen von lokalem Protest. Das heißt, die Verzahnung in die extrem-rechte Szene, die Verankerung in den vielen kleinen Städten, die Androhung und Ausübung von Gewalt und ein „Sich-ausgeklinkt-Haben“ aus dem demokratischen System, sind einige der wichtigsten Unterschiede, die ich hier ausmachen würde.

 

„Proteste und politisches Engagement müssen Spaß machen“

 

Was genau ist schiefgelaufen, dass so viele Menschen den demokratischen Staat in Frage stellen?

Puh, da gibt es viel: unverständliche und ungerechte Entscheidungen in der Pandemie, chaotisches Krisenmanagement, gebrochene Versprechen, darüber hinaus eine tiefe Ungleichheit in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, die sich in der Pandemie besonders drastisch zeigt. Aber auch ein Verlust an Vertrauen, dass eine Regierung im Angesicht solch tiefer und in der Zukunft schlimmer werdender Krisen überhaupt noch was ausrichten kann. Diesen Pessimismus teilen inzwischen viele durch die Milieus hindurch: dass man eigentlich gar nicht mehr viel gestalten, retten oder abwehren kann. Und das ist auch eine offene Flanke für die wilden Storys und das Verabschieden von den Fakten.

Was kann gegen diese Entwicklungen getan werden?

Gegen crazy stories helfen nicht einfach Faktenchecks. Proteste und politisches Engagement müssen Menschen auch Spaß machen, sie bewegen. Dafür müssen wir an anderen, besseren Storys arbeiten. Wir brauchen Geschichten und Visionen, die Menschen Mut machen, sie mitreißen, die sich inhaltlich aber ganz anders ausrichten: auf Gestaltbarkeit von Zukunft und auf soziale Gerechtigkeit. Da hat die Klimabewegung, aber auch die Antirassismusbewegung in den letzten Jahren eine beeindruckende Mobilisierung, vor allem von jungen Menschen hingelegt.

Braucht es nicht vor allem politische Veränderungen?

Natürlich braucht es konkrete soziale, politische und materielle Infrastrukturen, in denen notwendiger Wandel stattfinden kann und die uns dabei helfen, nicht egoistisch zu werden, wenn es schlimm kommt. Und hier steht eine Regierung in der Pflicht, die sich Fortschritt auf die Fahne schreibt.


Zur Person

Prof. Dr. Christine Hentschel ist Professorin für Kriminologie, insbesondere Sicherheit und Resilienz, im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Sie forscht zu neuen Protestpraktiken im urbanen Raum, autoritären und apokalyptischen Logiken der Gegenwart und dem Zusammenwirken von Klimakatastrophe und Unsicherheit.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Zwischen Forschung und Fortnite

Aruna Sherma, 17, holte mit ihrer Arbeit über die Erforschung alternativer Kontrastmittel für die Kernspintomografie (MRT) den 1. Preis im Landeswettbewerb von Jugend forscht 2019 und diverse Sonderpreise. Moritz Ahrens, 18, sicherte sich mit Julian Jochens, 19, den 2. Preis samt Sonderpreis für ihr selbstfahrendes Fahrrad „Velo Autonomus“. SZENE HAMBURG sprach mit Aruna und Moritz über ausgezeichnetes Forschen und Tüfteln

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Aruna und Moritz, herzlichen Glückwunsch! Warum genau diese Projekte?

Moritz: Das war einfach eine lustige Idee, die mein Partner Julian und ich interessanterweise gleichzeitig hatten. Das war im Sommer 2018. Dann haben wir im Rahmen einer freien Projektarbeit in der Schule gesagt: „Lass uns das machen!“

Aruna: Ich habe mich mit Halbleitern, Magnetismus und speziell Kernmagnetismus beschäftigt. Der kommt in der MRT zum Einsatz. Ich bin durch Zufall auf einen Artikel über die Toxizität von MRT-Kontrastmitteln gestoßen. Dann habe ich geschaut: Was ist ein Kontrastmittel? Was muss das können? Dabei bin ich auf Nanotechnologie gestoßen und fand das einen vielversprechenden Ansatz für ein weniger belastendes Kontrastmittel.

Was war eure Motivation, bei Jugend forscht mitzumachen?

Aruna: Ich kannte den Wettbewerb gar nicht. Mein Betreuer im Schülerforschungszentrum (SFZ) hat mich aufmerksam gemacht. Ich habe mich dann einfach angemeldet. Mein Projekt war erst sechs Monate jung. Ich hatte nicht erwartet, dass ich soweit komme. Während des Wettbewerbs habe ich dann realisiert, dass ich gar nicht so schlecht bin, wie ich dachte.

Moritz: Ich war im Jahr davor schon mit einem anderen Projekt dabei, und dann haben wir uns überlegt: Hm. Das Projekt ist umfangreich und hat Potenzial. Wenn wir das schon als Projektarbeit machen, können wir das auch für Jugend forscht verwenden. Sportlicher Ehrgeiz war auch dabei. Wenn man bei einem Wettbewerb mitmacht, hat man Stress, und unter Stress kann man besser arbeiten. Und man kann gucken, was andere so Cooles machen.

 

„Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung“

 

Wie wurdet ihr unterstützt?

Moritz: Die Schule war eine große Unterstützung. Eine Lehrerin begleitete die Projektarbeit, eine andere kümmerte sich um den Wettbewerb. Sie war eingetragene Projektbetreuerin bei Jugend forscht und hat einen 3-D-Drucker für uns organisiert. In manchen Schulen werden Wahlkurse Jugend forscht angeboten, und die nehmen dann mit zehn Projekten teil. Meine Eltern waren schon deshalb eine Unterstützung, weil sie immer ertragen haben, dass Fahrrad, Schweißgerät und anderes Zeug den Flur blockieren.

Aruna: Ich habe zu Hause rumexperimentiert, Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung, was ich eigentlich tue. Es ist viel kaputtgegangen. Dann hat mir mein Klassenlehrer das Schülerforschungszentrum (SFZ) empfohlen. Er und eine andere Lehrerin haben einen Termin für mich vereinbart, ohne dass ich davon wusste. Plötzlich kam der Anruf: Aruna, Dienstag um 17 Uhr bist du im SFZ. Da war ich natürlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Aber dann war das wirklich ein guter Ort zum Arbeiten. Ich habe meinen Betreuer kennengelernt, der wollte, dass ich eine Leitfrage entwickle. Also genau sage, was ich machen will. Ich habe spontan gesagt: „Ich mache irgendwas mit Magnetismus.“ Auch mein Mathelehrer hat mich stark unterstützt. Ich bin nicht gut in Rechtschreibung, und er hat meine Arbeiten korrigiert. Er war immer da. Wenn ich ihm etwas geschickt habe, kam das innerhalb einer Stunde korrigiert zurück.

Wie seid ihr mit der Doppelbelastung aus Schule und Forschung klargekommen?

Moritz: Das ging eigentlich. Ich hatte sowieso das Glück, dass mir Schule immer leichtgefallen ist. Von daher hat das alles gepasst. Wir durften teilweise in der Woche vor Jugend forscht aus dem Unterricht raus und an dem Projekt weiterarbeiten.

Aruna: Das war schwierig, weil ich im Nebenjob auch noch kellnere. Zudem habe ich einen Schulweg von einer Stunde. Es war ziemlich stressig und ist ziemlich stressig. Meine Laborzeiten für Jugend forscht waren während der Unterrichtszeiten, weil meine Betreuer an der Uni abends keine Zeit hatten. Ich musste mich oft freistellen lassen, was dazu führte, dass ich viel Unterricht verpasst habe.

Gab es Momente, in denen ihr ans Aufhören dachtet?

Aruna: Ich hatte mir ein Gerät mit Temperaturregler und Sensoren gebaut. Ich wollte das magnetische Verhalten von verschiedenen Metallen untersuchen, um festzustellen, welche Materialien ich verwenden kann. Aber das Gerät hat einfach nicht funktioniert. Ich wusste nicht, warum, und das hat mich ziemlich entmutigt. Eine Zeit lang kam ich gar nicht weiter. Da fragte ich mich, ob ich vielleicht mal was anderes ausprobieren sollte. Informatik oder Mathematik vielleicht.

Moritz: Na ja. Wenn man den ersten Zeitplan ansieht, wären wir jetzt schon dreimal fertig. Es läuft eigentlich kaum was, wie man sich das im ersten Moment gedacht hat. Die Stützräder sind jetzt in der dritten oder vierten Version, weil sie entweder abgebrochen oder abgeknickt sind. Der Motor war anfangs zu klein. Der hat es gar nicht geschafft, anzufahren. Wir haben für alles mindestens zwei Anläufe gebraucht, aber dann doch weitergemacht.

Welche Pläne habt ihr nach der Schule?

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Auch Moritz Ahrens (l.) und Julian Jochens wurden für ihr Projekt prämiert

Moritz: Mein Plan ist, nächstes Jahr im Wintersemester anzufangen, zu studieren. Es wird wohl Maschinenbau. Julian und ich können uns gut vorstellen, unser Projekt weiter zu betreiben. Vielleicht sprechen wir mal mit Fahrradherstellern. Im Moment ist das aber noch ein Spaßprojekt.

Aruna: Mein Traum ist die Forschung, aber ich finde die momentanen Bedingungen in Deutschland nicht so toll. Mir ist das zu unsicher mit diesen ganzen befristeten Verträgen. Ich weiß nicht, wie ich meine Zukunft planen soll, wenn ich nicht weiß, ob ich in zwei Jahren noch meinen Job habe. Da bin ich am Schwanken, ob ich nicht in die Wirtschaft gehe. Mein Zweitstudienwunsch neben Physik wäre Ingenieurwesen. Alles MINT-Studiengänge, die nach wie vor von Männern dominiert sind.

Wie sind da eure Erfahrungen?

Moritz: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe aber nicht erlebt, dass man zu Jugend forscht fährt und Jungs da bevorzugt behandelt werden. Wenn es um Förderung in der Schule geht, wird drauf geachtet, dass das ungefähr ausgeglichen ist. Die Initiative NAT, die sich um die Förderung von Naturwissenschaften bei Schülerinnen und Schülern kümmert, hat das Programm mint:pink. Da werden explizit Mädchen angesprochen, um sie für Naturwissenschaften zu begeistern.

Aruna: Tatsächlich habe ich an der Uni gearbeitet und noch nie eine weibliche Physikerin gesehen. Es fällt auf, aber ich habe noch keine Probleme damit gehabt. Ich habe gehört, dass man als Frau unterschätzt wird von den männlichen Kollegen, aber ich habe es selbst zum Glück noch nicht erlebt. Ich glaube, das Hauptproblem liegt in der Kindheit. Es heißt ja schon früh, Jungs könnten besser logisch denken, Mädchen wären talentierter in Sprachen. Solche Vorurteile halten sich und beeinflussen einen in Schule und Studium.

Was macht ihr, wenn ihr nicht forscht?

Aruna: Ich mag Video-Ballerspiele wie Counterstrike oder GTA.

Moritz: Ich spiele seit ewigen Zeiten Klavier. Bevorzugt Klassik und Jazz.

Was gebt ihr Leuten mit auf den Weg, die bei Jugend forscht mitmachen wollen?

Moritz: Ich glaube, es ist so ein Ding von Technikprojekten, dass man einfach so drauflos baut. Uns wurde bei den Wettbewerben gesagt, man könnte noch wissenschaftlicher rangehen. Wir haben mehr ausprobiert und sind weniger methodisch rangegangen. Schon unsere Vision, ein autonomes Fahrrad zu bauen, war ein dicker Brocken. Wenn man an allen Fronten gleichzeitig kämpft, kommt man nicht unbedingt weiter. Man muss sich strukturieren und auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Bei uns zum Beispiel gingen zuerst nur die Blinker. Das Fahrrad konnte nicht fahren. Das war nicht so schlau.

Aruna: Ich würde mit viel Selbstvertrauen reingehen. Nicht von anderen Projekten beeindrucken lassen. Ich habe mich da eingeschüchtert gefühlt und hatte das Gefühl, dass das ein Hindernis war in meinem Vortrag. Ich konnte weniger frei sprechen. Man darf ruhig überzeugt sein von dem, was man macht. Egal, was die anderen machen.

jugend-forscht.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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