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Sammlung Falckenberg: Rätselhafte Bilderwelten

Die faszinierende Ausstellung „Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne. Das Original“ zeigt die immense Kreativität des eigenwilligen Kunsthistorikers Aby Warburg, Spross der gleichnamigen Hamburger Bankiersfamilie

Text: Marco Arellano Gomes

 

Eigentlich war für Aby Warburg (1866–1929) eine Karriere in der familieneigenen Bankdynastie vorgesehen. Doch der Spross jener gut betuchten, angesehenen Hamburger Bankiersfamilie hatte seinen eigenen Kopf und widmete sich dem Studium der Kunstgeschichte. Er promovierte zur Malerei der Renaissance, befasste sich mit Astrologie und suchte schon bald nach Mustern und Zusammenhängen, die den Gelehrten womöglich verborgen geblieben sind. Warburg vermutete Wechselwirkungen von Bildern aus verschiedenen Epochen und kulturellen Kontexten. Er reiste um die Welt, um die Kunstwerke mit eigenen Augen zu betrachten, pinnte Reproduktionen berühmter Gemälde in seinem Eppendorfer Studierzimmer an die Wände, machte Notizen und stellte Zeitungsartikel sowie Buchsammlungen zusammen.

 

Zukunftsweisend?

 

Aby Warburg in Neapel, 1929 (Foto: František Pospíšil. Courtesy The Warburg Institute)

Aby Warburg in Neapel, 1929 (Foto: František Pospíšil. Courtesy The Warburg Institute)

Er schuf sein eigenes Intranet samt Pinterest – lange bevor an diese Technologien und Plattformen zu denken war. Es wäre sicher nicht vermessen zu behaupten, dass er von dieser Idee ein wenig besessen war. Böse Zungen bezeichneten ihn als verrückt. Und in der Tat wirken einige seiner Zusammenhänge zumindest bizarr: So klebt neben einem von Eugène Delacroixs Bildern ein Foto einer deutschen Golfspielerin, in direkter Nachbarschaft zu einer Klopapier-Packung und einigen historischen Münzen. Hat er etwa die Corona-Pandemie vorhergesehen? So ungewöhnlich die Collagen hier und da daherkommen: Sie wecken in jedem Fall das Interesse des Betrachters und sind eine Herausforderung für jeden, der sich diesem Rätsel stellt. Nun sind sie erstmals in Hamburg zu sehen – allerdings nur noch bis zum 31. Oktober 2021. Die Ausstellung trägt den etwas sperrigen Namen „Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne“, benannt nach der griechischen Göttin der Erinnerung. Erinnert wird vor allem an Aby Warburgs Atlas, der bislang der Öffentlichkeit vorenthalten war.

 

Vor den Nationalsozialisten gerettet

 

(Rekonstruktion Ohrt / Heil 2020) (Foto: Wootton / fluid; Courtesy The Warburg Institute)

Aby Warburg, Bilderatlas Mnemosyne, Tafel 39
(Rekonstruktion Ohrt / Heil 2020) (Foto: Wootton / fluid; Courtesy The Warburg Institute)

In mühsamer Kleinarbeit rekonstruierten die Kuratoren Roberto Ohrt und Axel Heil die Zusammenstellung Warburgs, die nun selbst als Kunstwerk daherkommt – auch wenn Warburg sie bis zu seinem Tod als unfertig betrachtete. Den Wert seiner Arbeit erkannten Familie und Freunde dennoch – und retteten den Nachlass vor den Nationalsozialisten, indem sie alles nach London brachten: 971 Fotos und Papiere, Rekonstruktionen und Bücher, die darauf warteten, sortiert und – so gut es eben ging– zu den ursprünglichen Collagen arrangiert zu werden. Notizen von Aby Warburg dazu gibt es keine, nur Fotos und Hinweise. 63 Tafeln sind in der Sammlung Falckenberg in Harburg seit August zu bestaunen, sie sind der letzten dokumentierten Version des Atlas von 1929 nachempfunden. Um alles wirklich zu verstehen, muss man sehr in der Welt der Kunst bewandert sein und sich tiefer mit der Materie beschäftigen. Aber selbst wer sich nicht zu diesem erlesenen Kreis zählt, kann sich einfach im Pinterest-Modus von den optischen Eindrücken berauschen lassen.

„Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne“ Sammlung Falckenberg, 21. August bis 31. Oktober 2021; deichtorhallen.de/ausstellung/aby-warburg


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Sternenkinder: Jasmin Schreiber fotografiert tote Babys

Die Bloggerin Jasmin Schreiber macht ehrenamtlich Fotos von Babys, die vor oder kurz nach der Geburt sterben. Warum das ein wichtiger Teil der Trauerarbeit der Eltern ist, erzählt sie im Interview

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): Privat

SZENE HAMBURG: Jasmin, du bist Biologin, Journalistin und Fotografin. Auf deinem Blog schreibst du über den Tod: „Ich weiß wenig von alldem, hatte bislang kaum Todesfälle in meinem engeren Umfeld.“ Wie bist du trotzdem dazu gekommen, dich so intensiv mit dem Thema zu konfrontieren?

Jasmin: Ein paar Fälle in meinem Umfeld gab es doch. Als vor einigen Jahren in meinem Freundeskreis ein Kleinkind gestorben ist, haben mich die Eltern gefragt, ob ich das Kind für sie fotografieren kann. Ich fand die Vorstellung seltsam, habe es aber trotzdem gemacht. Und als die Nichte einer Freundin von mir im Grundschulalter an Krebs erkrankt ist, habe ich sie oft besucht und gesehen, wie viele ehrenamtliche Sterbebegleiter es gibt und was für wertvolle Arbeit die leisten.

Als ich später nach Berlin gezogen bin, habe ich deswegen nach einem Ehrenamt in diesem Bereich gesucht. Dabei bin ich auf die Organisation „Dein Sternenkind“ aufmerksam geworden. Die Organisation schickt Fotografen los für Familien, bei denen das Baby im Mutterleib oder kurz nach der Geburt stirbt.

Wie war deine erste Begegnung mit einem Sternenkind?

Ich war aufgeregt und hatte Angst. Ich kam um zwei Uhr nachts im Krankenhaus an und war mit dem toten Baby allein in einem Raum, weil die Eltern nicht dabei sein wollten. Dadurch hatte ich zum Glück keinen Druck und meine Angst, den Eltern gegenüber etwas falsch zu machen, spielte keine Rolle. Ich konnte alles in Ruhe vorbereiten.

Wie gehst du mit den dunklen Momenten um? Wenn du auf deinem Blog schreibst, wie du auf Eltern triffst, die sich monatelang vorbereitet haben und wie der Großvater ganz klassisch ein Bett für das Baby selbst gebaut hat – das ist selbst als Leser schwer erträglich.

Klar, es gibt Situationen, die unfassbar traurig sind und wehtun. Ich bin kein Stein und ich blinzle hinter der Kamera auch meine Tränen weg. Aber ich muss diese Arbeit professionell angehen. Ich kann mich distanzieren und nehme nichts auf eine belastende Art und Weise mit nach Hause. Wenn ein Arzt jedes Mal zusammenbrechen würde, wenn ein Patient stirbt, dann könnte er nach drei Tagen nicht mehr weiterarbeiten.

 

 

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Ist deine Arbeit immer so dunkel, wie sich die meisten Menschen das vorstellen?

Nein, ich bin immer wieder erstaunt, wie viel gelacht wird. Bei meinem zweiten Sternenkind waren die Eltern dabei. Ich war fünf Stunden bei ihnen, weil im Krankenhaus eine Versorgungslücke herrschte und ich gemerkt habe, dass sie gerade jemanden brauchen. Am Anfang dachte ich, ich würde nur niedergeschmettert sein und weinen.

Aber da war auch viel Licht und Liebe im Raum. Denn letztlich treffen auch die Eltern eines Sternenkindes zum ersten Mal auf ihr Baby und sie schauen wie Eltern, deren Kind gesund zur Welt gekommen ist, wessen Augen es hat. Sie sind auch stolz, dass sie so ein schönes Baby haben.

Inwiefern helfen die Bilder?

In einer solchen Situation geht alles schnell und vieles rauscht an den Eltern vorbei. Vor allem die Mütter sind oft noch unter Medikamenteneinfluss. Ein Bild ist eine Erinnerung, eine Möglichkeit, den Moment festzuhalten und zu zeigen, dass alles real war. So können sie sich den Moment mit ihrem Baby immer wieder vor Augen führen – was auch wichtig für die Trauerbewältigung ist.

Beim Lesen deiner Blog-Texte fällt auf, was für ein großes Mitteilungsbedürfnis die Eltern dir gegenüber haben, obwohl du für sie eine Fremde bist. Woran liegt das?

Sie müssen mich nicht schonen. Mit einer Fremden können sie anders reden als mit medizinischem Personal oder mit Familienangehörigen, sie können alles herauslassen und mir Dinge sagen, die sie anderen Leuten nicht sagen würden. Am Anfang hat mich das überrascht und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll.

 

„Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien“

 

Was für Dinge sind das?

Viele der Sternenkinder haben genetische Defekte wie Trisomie 13, oft auch in Kombination mit einem Herzfehler. Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien. Vor allem Mütter haben Angst, dass sie etwas gemacht haben könnten, was das Kind getötet hat. Ich zeige ihnen dann, wie eine Chromosomenteilung aussieht und dass sie darauf keinen Einfluss haben.

Deine Texte haben eine gesellschaftliche Dimension, wenn du schreibst, wie das Umfeld auf eine Fehlgeburt reagiert …

Diese Kinder, die in der 26. Schwangerschaftswoche sterben, sind winzig. Ein Bewusstsein dafür, dass so ein Kind dennoch eine richtige Person ist, ist noch nicht da. Das Umfeld sieht deswegen nur eine fehlgeschlagene Schwangerschaft. Dann kommen Sätze wie: „Na ja, ihr seid ja noch jung, dann probiert ihr es halt noch mal.“

Für die Eltern ist das schmerzhaft, weil dieses Kind für sie ein Individuum war. Wenn der Opa stirbt kommt schließlich auch niemand und sagt: „Halb so wild, du hast ja noch einen anderen Opa.“

Woran liegt das?

Es ist vermutlich ein Überbleibsel aus alten Zeiten, als eine Fehlgeburt noch schambehaftet war. Ganz früher war die Frau schuld, wenn etwas bei der Schwangerschaft schiefgegangen ist. Später hat man zwar erkannt, dass die Frau nicht schuld ist, aber eine fehlgeschlagene Schwangerschaft galt noch immer als peinlich und eklig.

Den Müttern wurden die Kinder auch gar nicht gezeigt – die Kinder wurden sofort in ein Tuch gewickelt und entsorgt. Diese Mütter haben ein Sternenkind und reden nie darüber, obwohl sie die Wunde auch 40 Jahre später noch spüren.

Der Tod ist in unserer Kultur generell noch ein Tabuthema, schreibst du auf deinem Blog. Warum?

Wir werden immer säkularer, die religiösen Rituale fallen weg. Nur wenige haben sich neue Rituale überlegt. Dementsprechend herrscht eine Leerstelle: Wie geht man mit dem Tod um, wenn man nicht an Gott glaubt? Wir leben in dieser technisierten Welt, in der ein Leben medizinisch in die Länge gezogen werden kann. Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler. Deswegen sagen Ärzte: „Wir konnten Ihren Vater nicht mehr retten“, obwohl er 95 Jahre alt war.

 

„Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler“

 

Was macht diese transzendentale Leerstelle mit dir?

Ich persönlich glaube nicht an Gott, aber die Vorstellung, nach meinem Tod einfach nicht mehr zu existieren, macht mir Angst. Diese Angst kann mir auch nichts und niemand nehmen.

Also auch nicht deine Arbeit mit dem Tod…

Viele romantisieren meine Arbeit und denken, ich hätte ein harmonisches Verhältnis zum Tod. So ist es aber überhaupt nicht. Der Tod versetzt mich nicht so sehr in Angst und Schrecken, dass ich gelähmt bin und mein Leben nicht mehr weiterleben kann. Ich steigere mich nicht hinein und sitze auch nicht den ganzen Tag zusammengekrümmt auf dem Boden und heule, weil ich sterblich bin – aber ich fahre auf Sichtweite mit dem Tod und mache mir bewusst, dass ich sterblich bin.

 

 

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Dein Blog heißt „Sterben üben“. Das „Üben“ läuft also nicht auf einen abgeschlossenen Punkt zu?

Das Leben ist ein ewiges Hadern und kein abgeschlossener Prozess. Mal denke ich mit Gelassenheit darüber nach, dass ich sterben werde. Dann denke ich wiederum: Oh Gott, ich werden sterben, wie furchtbar! Diese normale Grundangst ist etwas absolut Menschliches und wichtig, sonst würde ich nicht nach rechts und links schauen, bevor ich über die Straße gehe. Angst vorm Tod klingt so negativ, aber es heißt auch, dass ich gerne lebe.

Aber was bedeutet „Sterben üben“ konkret?

Sterben zu üben, bedeutet nichts anderes als zu leben. Wir werden sterben, und „Sterben üben“ bedeutet, dass man bewusst lebt. Das klingt total abgedroschen, aber so ist es. Wir sind oft leichtsinnig und denken, der Tod hätte nichts mit uns zu tun.

Aber je älter wir werden, umso näher kommen die Einschläge um uns herum – etwa, wenn die Eltern altern und gebrechlich werden oder wenn Freunde oder die Kinder von Freunden sterben. Wir sollten uns auch deshalb mit diesem Thema konfrontieren, um zu lernen, mit diesen Menschen umzugehen.

 Sterbenueben.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Interview: Die Indie-Pop-Band Fotos über das neue Album

Die Hamburger Indie-Pop-Gruppe ist zurück – kann mit dem Begriff „Comeback“ allerdings nichts anfangen

Wieso, weshalb, warum und alle anderen wichtigen Infos zum neuen Fotos-Album „Kids“ gibt es von Frontmann Tom Hessler (2. v. re.) und Gitarrist Deniz Erarslan (2. v. li.) im Interview.

SZENE HAMBURG: Tom und Deniz, die Musikindustrie und Fachpresse mögen im Zusammenhang mit der Band Fotos gerade sehr den Begriff „Comeback“. Ihr eigentlich auch?

Tom: Wir haben uns schon über diesen Begriff lustig gemacht (lacht). Aber uns war natürlich auch klar, dass je länger wir uns mit diesem Album Zeit ließen, umso mehr würde von einem Comeback die Rede sein.

Deniz: Wir haben in den vergangenen Jahren alle an Musik gearbeitet, Tom vor allem als Produzent und ich als Gitarrist in mehreren anderen Bands.

Tom: Und was das neue Fotos-Album betrifft, sind sämtliche Songs über einen sehr langen Zeitraum entstanden, jedes in einer bestimmten Phase der Band, weshalb es auch stilistisch so große Unterschiede gibt.

Und wie kam ein roter Faden rein? Brauchte es eine Beurteilung von außen?

Tom: Genau die brauchte es am Ende, ja. In Tobias Siebert (Studiobetreiber in Berlin; Anm. d. Red.) haben wir einen Menschen gefunden, der uns für dieses Album wirklich weitergebracht hat. Er war auch derjenige, der uns aufgezeigt hat, dass wir keine zig Songs mit der gleichen Soundästhetik machen müssen, also dass kein roter Faden auch einer sein kann. Dadurch wird ein Album oft viel aufregender.

Einer der neuen Songs heißt „Melodie des Todes“, worin Tom singt: „Ich weiß, dass du mich nie vergisst.“ Gilt das vielleicht auch für euch und euer Publikum? Schließlich hattet ihr mit den ersten drei Alben schon viel erreicht im deutschsprachigen Indie-Pop-Geschäft und wusstet, dass auch eine lange Zeit ohne Neu-Veröffentlichungen kein Vergessen der Fotos bewirken würde.

Tom: Dazu passt folgende Geschichte ganz gut:

Es gibt einen Mann, der vor einigen Jahren per Mail mit mir Kontakt aufgenommen hat. Was er schrieb, ging mir extrem nah. Er erzählte davon, wie er in der Zeit, in der es mit Fotos los ging, bei ganz vielen Konzerten der Band war.

Seine Freundin und er waren große Fans. Plötzlich wurde er schwer krank, hatte einen kompletten Breakdown und musste Dinge wie Essen, Laufen und Sprechen wieder ganz von vorne lernen. In dieser Phase, schrieb er, habe er unser zuletzt erschienenes Album „Porzellan“ und daraus speziell den Song „Angst“ sehr oft gehört. Im Reha-Prozess habe ihn das gestärkt. Und dann stand da noch, er würde sich freuen, wenn wir weitermachen.

Gab es denn mal eine Zeit, in der ihr nicht ans Weitermachen geglaubt habt?

Tom: Es gab zumindest Momente, in denen ich die Flinte schon auch mal ins Korn werfen wollte, ja. Musiker ist ja kein Beruf, der besonders belohnend ist. Oft weiß man nicht genau, woran man ist, wenn man Lieder in die Welt hinaus katapultiert, und das kann sehr frustrierend sein. Durch diese eine Fan-Mail habe ich allerdings gemerkt: Es war die richtige Berufswahl, auch wenn ich, in Anführungszeichen, nur einen Menschen mit Musik erreicht habe. Ich konnte in einer für ihn schweren Zeit eine Stütze für ihn sein. Genau dafür bin ich einst angetreten.

Hattest du selbst so etwas: Eine Band, ein Album oder einen Song, der dir eine Stütze war?

Tom: Ich hatte teils schwere Momente in meiner Jugend, und für mich waren damals Oasis eine große Hilfe. Einerseits war es die Art und Weise, wie mich ihre Lieder emotional berührt haben, dann aber auch diese komischen Persönlichkeiten dahinter und das Selbstbewusstsein, das sie transportiert haben. Für mich, der ich dazwischen 12 und 16 eher unsicher war, war das total wichtig und ein Grund, warum ich später selbst Musiker werden wollte. Dieses Gefühl, dass im eigenen Leben gerade nicht alles so gut ist, es sich aber alles ändert, sobald man sich den Walkman aufsetzt und „Definitely Maybe“ anmacht – das wollte ich auch mal bewirken.

Im Album-Booklet dankt ihr nun zwei weiteren Künstlern: David Bowie und Bud Spencer. Inwiefern waren diese beiden für euch da?

Tom: Textlich beschäftigen wir uns auf dem Album ja viel mit Übersinnlichem, Spirituellem, dem Universum, dem Tod. Es war naheliegend, diejenigen zu würdigen, die uns bisher begleitet und geprägt haben, und die in der Entstehungszeit des Albums gestorben sind.

Deniz: Wir alle sind mit Bud Spencer aufgewachsen, und auch später, als wir mit der Band auf Tour gingen, lag im Bus immer eine DVD-Box mit Filmen von ihm rum. Und mal abgesehen von den Filmen: Wenn man Langeweile hat, muss man sich einfach mal den Lebenslauf von Bud Spencer vornehmen – unglaublich spannend.

Tom: Wir brauchen uns nicht darüber unterhalten, dass seine Filme oft totaler Quatsch waren. Aber die Botschaft war immer gut, geradezu märchenhaft: Es gibt diese Welt, die von Bösen regiert wird, z.B. von Rassisten und Ausbeutern, aber es wird auch immer ein paar Leute geben, die versuchen, sich für das Gute einzusetzen und die Schwachen zu verteidigen.

Dieses Album wollten wir auch denen widmen, die nicht immer ganz leicht durchs Leben durchmarschieren können.

Und Bowie?

Tom: Bowie ist der personifizierte Alien des Pop. Der Mann hat gezeigt, dass Musik mehr ist als die Summe der einzelnen Teile, und dass man auch als Musiker zur Symbolfigur werden kann für weitaus mehr als die Klänge, die man produziert. David Bowie ist ein Grund dafür, weshalb jedes Album bei uns anders klingt – natürlich auch dieses.

/ Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Alexander Gehring

Am 28.4.17 treten die Fotos im Uebel & Gefährlich auf. Los geht es um 20 Uhr