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Thomas Sampl – Gesunde Ernährung fängt bei den Eltern an

Das Thema Ernährungsbildung steht bei Thomas Sampl ganz oben auf der Agenda. Der Spitzenkoch erklärt, was für ihn zeitgemäße Esskultur bedeutet.

Interview: Maike Schade und Jasmin Shamsi
Beitragsbild: Gerrit Meyer

 

SZENE HAMBURG: Thomas Sampl, bewusste Ernährung ist heutzutage ein Riesenthema. Trotzdem ist jedes fünfte Kind zu dick. Warum?

Thomas Sampl: Das liegt daran, was Eltern ihren Kindern zu essen geben und wie sie sich um sie kümmern. Wir haben kein Problem mit unseren Kindern, sondern wir haben ein großes Problem mit den Eltern.

 

„Gemeinsames Kochen ist essenziell“

 

Inwiefern?

Zum Beispiel kochen Eltern mit ihren Kindern nicht mehr zu Hause, sondern stellen ihnen stattdessen Fertigprodukte auf den Tisch. Dabei ist gemeinsames Kochen essenziell. Ich wollte mit Viertklässlern in der Elbinselschule einen Kuchen backen und die Kinder konnten nicht mal ein Ei aufschlagen! Zu Hause kriegen sie fertigen Pfannkuchenteig und Waffeln von irgendeinem Discounter vorgesetzt.

… in denen eine Menge Müll ist. Heißt also: Finger weg von Fertigprodukten und lieber selber machen?

Am besten, man bindet Kinder beim Kochen gleich mit ein: Lebensmittel in die Hand und sie einfach mal machen lassen.

Das ist bei manchen aber vielleicht ein Zeitproblem.

Ja genau, das ist immer die Ausrede. So ein Quatsch. Die Leute haben Zeit dafür, fünfmal in der Woche ins Fitnessstudio zu rennen oder stundenlang vor der Glotze zu sitzen, aber sie haben keine Zeit, sich etwas zu essen zu kochen. Das halte ich für Blödsinn.

Selbst wenn wir kochen: Viele Kinder mögen kein Gemüse, und …

Quatsch.

 

„Wer Billiggemüse kauft, braucht sich nicht zu wundern“

 

Wie, Quatsch? Ich kenne eine Menge Kinder, die das Gemüse auf dem Teller zur Seite schieben.

Da muss ich widersprechen. Es stimmt, Kinder essen einige Sachen nicht. Vieles gucken sie sich aber auch von den Eltern ab, etwa eine Abneigung gegen Rote Bete. An den Schulen koche ich deswegen mit Gelber und Weißer Bete oder auch Ringelbete – und die essen die Kinder einfach so weg, weil sie nicht merken, dass es eigentlich Rote Bete ist. Das Hauptproblem ist aber, dass unsere Kinder nicht mehr an vernünftige Lebensmittel rankommen. Wenn ich eine konventionell produzierte Karotte vom Discounter kaufe, dann schmeckt die einfach scheiße. Wer Billiggemüse kauft, braucht sich nicht zu wundern, dass Kinder das nicht essen.

Und was sagst du den Leuten, die sich kein teures Biogemüse leisten können?

Die sollen auf den Wochenmarkt gehen, da geben sie weniger Geld aus als bei Discountern. Nicht bei Fleisch oder Käse, das ist klar. Aber bei Gemüse und Obst, und das sollte ja mindestens 50 bis 60 Prozent unserer Ernährung ausmachen. Auf dem Markt bekommst du Sachen, die schmecken, weil sie nicht nach Aussehen, sondern nach Reifegrad geerntet werden.

Wie stehst du zu Vegetarismus und Veganismus bei Kindern, ist das geeignet und gesund?

Kann man machen, allerdings sollte man dann auf eine ausgewogene Ernährung achten. Bei Veganismus droht Vitamin-B12-Mangel, da muss man konsequent gegensteuern. Wichtig ist vor allem, dass man um diese ganzen Fleischersatzprodukte einen Bogen macht. Oft sind da etliche Geschmacksverstärker und Klebestoffe drin.

 

„Nicht aufgeben, sondern immer wieder Neues ausprobieren“

 

Wie sieht es mit Süßigkeiten aus?

Kinder können täglich eine Süßigkeit essen, wenn sie ansonsten keinen Industriezucker zu sich nehmen. Der steckt aber leider in vielen Fertigprodukten, häufig in versteckter Form. In vielen Fruchtjoghurts zum Beispiel ist unglaublich viel Zucker drin. Mit richtigem Joghurt hat das überhaupt nichts mehr tun, auch geschmacklich nicht.

Wenn mein Kind zu dick oder zu dünn ist – sollte ich es darauf ansprechen? Oder beschwört man dann womöglich eine Essstörung herauf?

Nein, unbedingt die Ursachen herausfinden und mit dem Kind darüber sprechen. Wichtig ist vor allem, gesundes Essen so zuzubereiten, dass es den Kindern schmeckt.

Und wenn sie dann trotzdem nur Nudeln ohne alles essen wollen?

Nicht aufgeben, sondern es immer wieder mit anderen Gemüsesorten und anderen Zubereitungsarten versuchen. Und zwar von Anfang an. Kinder, die frisch gekochten Babybrei aus gutem Gemüse bekommen, werden ganz sicher auch später gerne Gemüse essen.

Kommen wir zu den Kindergerichten in Restaurants: Mehr als Nudeln mit Tomatensoße, Chicken Nuggets, Schnitzel oder Fischstäbchen ist da oft nicht drin.

Unsäglich. Viele Hamburger Restaurants sind überhaupt nicht auf Kinder eingestellt und haben keine vernünftige Kinderkarte. Chicken Nuggets oder Fischfilets kann man grundsätzlich auch frisch zubereiten und mit ein bisschen Gemüse servieren. Aber Tiefkühlprodukte in die Fritteuse zu schmeißen, das geht gar nicht. Leider ist das aber fast überall der Fall.

 

„Gutes Essen in Kitas und Schulen ist eine Frage der Priorität“

 

Und wie sieht es mit dem Essen in Hamburger Kitas und Schulen aus?

Da gibt es riesige Unterschiede. Es gibt ganz tolle Caterer wie „Wackelpeter“, die frisches Bioessen auf den Tisch bringen. Grundsätzlich können Schulen den Caterer völlig frei wählen. Man muss nur mit dem Budget haushalten, das die Stadt Hamburg vorgibt. Einige Schulen haben einen Koch eingestellt, andere entscheiden sich für billiges Essen, das 2,50 Euro pro Tag kostet. Das restliche Geld wird dann für andere Projekte wie zum Beispiel ein drittes Austauschprogramm ausgegeben. Eine Frage der Priorität, wie man sieht. Wer unzufrieden ist, sollte unbedingt das Gespräch mit der Schulleitung suchen bzw. eine Eltern-Allianz bilden und dagegen angehen.

Gutes Schul- oder Kita-Mittagessen kostet pro Tag locker 3,50 Euro oder mehr. Für viele Eltern ist das auf die Woche hochgerechnet eine Menge Geld.

Ja, stimmt. Das sollte es uns aber Wert sein – schließlich geht es um unsere Kinder! In anderen Ländern ist es absolut üblich, für gutes Essen ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen. Wir müssen Essen einfach mehr wertschätzen.


THOMAS SAMPL arbeitet seit Jahren eng mit der Stiftung Kinderjahre, Schlaufox e. V. und dem Jugenderholungswerk zusammen. Er war viele Jahre Küchendirektor im VLET in der Speicherstadt. Als Inhaber von Hobenköök Catering, Smutjes Landgang und Sampl Gastro Consulting bietet er heute auch Kinderkochkurse und Ausflüge auf Bauernhöfe an.


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Vier Gänge, vier Kinder, ein Koch – Essen lernen im Jacobs

Die Rothenburgsorter Gourmetkinder stehen normalerweise selbst hinterm Herd. Im Jacobs Restaurant durften sie die Sterneküche von Thomas Martin testen.

Zwei Elbvororte, zwei verschiedene Welten. Hier das altehrwürdige Fünf-Sterne-Hotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee, dort die Fritz- Köhne-Schule in Rothenburgsort, dem etwas anderen Elbvorort zwischen Norderelbe und Bille. Dass der Stadtteil als sozialer Brennpunkt gilt, hört Hermann Teiner nicht gerne. Der 59-Jährige leitet das Haus der Jugend in Rothenburgsort und findet, dass ein Blick auf die vielen engagierten Projekte im Stadtteil lohnenswerter ist. Recht hat er.

Fangen wir doch gleich bei ihm selbst an: Seit knapp zehn Jahren bietet er eine Koch-AG an der Fritz-Köhne-Schule an. Unter Anleitung von Profiköchen kochen 14 Grundschüler einmal pro Woche mehrgängige Menüs. In regelmäßigen Abständen sind die „Rothenburgsorter Gourmentkinder“, wie sie Teiner nennt, auch außerhalb der Schule als Köche aktiv, etwa zu besonderen Veranstaltungen im Stadtteil. Auch im „Le Canard“ waren sie schon und durften dem ehemaligen Chefkoch Ali Güngörmüs zur Hand gehen.

Heute ist ein besonderer Tag für vier der Schüler aus der Koch-AG: Sie dürfen sich im Jacobs Restaurant von Sternekoch Thomas Martin bewirten lassen. Der große, schlanke Koch mit dem freundlichen Lächeln hat ein viergängiges Menü vorbereitet: Vierländer Tomate und Crottin de Chavignol, Artischocke à la barigoule, knusprig gebratene Vierländer Ente und als Dessert Erdbeer-Baiser.

1,2,3 – Hoch die Gläser! Die Kinder sind voller Tatendrang

Getestet wird das Essen von Anesa, Aaliyah, Maliq und Tanyel, alle zehn Jahre alt. Anesas Lieblingsessen: Pizza. Aaliyah: Reiskugeln. Maliq: Kartoffelbrei. Tanyel: Currywurst, türkische Linsensuppe, Reis mit Fleisch. Die Schüler haben Hunger mitgebracht und schauen sich neugierig um: große Fensterfronten, die viel Licht hereinlassen und einen fantastischen Blick auf die Elbe freigeben, hellgrün und dunkelgrau bezogene Samtsofas, dezente Blumenarrangements, weiche und warme Lichtakzente an den Wänden. „Wow, tolle Kronleuchter“, bemerkt Tanyel. Sein Freund Maliq mutmaßt, dass sie viele Millionen Euro gekostet haben müssen. „Nein, so viel auch nun wieder nicht“, wirft Anna schmunzelnd ein, die heute den Service für die Kinder übernimmt und ihnen gerade Trauben-Secco in die Gläser füllt. Anesa und Maliq halten ihre Stielgläser am Bauch, das haben sie so in Filmen gesehen. „Ich hab’ dich schon erwartet, sagen die dann immer“, weiß Anesa.

Sterneküche für Kinder im Jacobs Restaurant Hamburg Foto: Philipp JungWie zur Bestätigung nimmt sie einen tiefen Schluck aus dem Glas. Halt! – Tanyel will anstoßen. „1, 2, 3!“, die Kinder halten ihre Gläser in die Tischmitte und lassen sie aneinander klirren. „Hat jemand eine Idee, worüber wir reden könnten?“, fragt Tanyel voller Tatendrang. Maliq zuckt mit den Schultern und prüft hüpfend die Beschaffenheit seines Stuhlpolsters.

FoodSZENE – Ramen schlürfen mit Bedacht

Methodisch und zügig: Wie Ramen gegessen werden und welche Philosophie dahintersteckt, erzählt Herr Naraoka, Chefkoch in der Ramen Bar Zipang.

SZENE HAMBURG: Herr Naraoka, wo­rauf kommt es bei guten Ramen an?

Herr Naraoka: Die Suppe muss heiß sein, wenn sie serviert wird. Und die Nudeln sollten noch etwas Biss haben und zeitnah gegessen werden, damit sie sich nicht mit der Brühe vollsaugen. Ramen sind ja nie gleich: Es gibt verschiedene Brühen, Geschmacksrichtungen und Nudeln. Die Vielfalt macht den Wesenskern der japanischen Nudelsuppe aus. Und die Zubereitung von Ramen ist ein fortwährender Prozess.

Wie hat sich dieser Pro­zess bei Ihnen gezeigt?

Am Anfang hatte ich eine dicke, fette Brühe als Basis. Den Hamburgern war das zu fettig und kräftig – also habe ich das geändert. Grundsätzlich passe ich meine Rezepte ein-, zweimal im Jahr neu an.

“Jeder ein­zelnen Zutat wird Wertschätzung entgegengebracht”

Herr Naraoka von der Ramen Bar Zipang in Hamburg. Foto: Rie Okada

Foto: Rie Okada

 

Welche Zutaten sorgen für den speziellen Umami­ Geschmack?

Wir benutzen keine Geschmacksverstärker und halten uns an die Vorgaben der traditionellen japanischen Küche. Die Qualität der Zutaten und der Faktor Zeit spielen eine große Rolle, um alle Aromen zur Geltung zu bringen. Zu den Grundzutaten für jede Brühe beziehungsweise jedes Dashi zählen Bonito-Flocken und Kombu. Wichtig sind auch die Aminosäuren, die in Fleisch, Gemüse und Algen enthalten sind.

In dem Film „Tampopo“ ist Ramen mehr als nur eine Nudelsuppe, dahinter steckt eine eigene Philosophie. Wie sehen Sie das?

In der ersten Szene wird gezeigt, wie man Ramen isst: Zuerst probiert man von der Brühe, dann die Nudeln, zum Schluss das Fleisch. Man schau­felt Ramen nicht einfach so in sich hinein, sondern arbeitet sich fast schon methodisch und dennoch zügig vor. Jeder ein­zelnen Zutat wird Wertschätzung entgegengebracht. Das zu sehen, war auch für mich als Japaner interessant. Die Zubereitung von Ramen braucht Zeit, bei uns einen ganzen Tag.

Spielt die Ästhetik eine Rolle?

In der japanischen Küche werden die Teller nach dem Berg-­Tal­-Schema angerichtet. Der Gast muss alles sehen können. Bei Ramen, die in ei­ner Schüssel serviert werden, funktioniert das so natürlich nicht. Am ehesten noch bei den scharfen Ramen, genannt Kara-­Miso Ramen, die mit Zwiebeln, Hackfleisch und einem Ei garniert werden.

“Es macht mich traurig, dass ich meinen Gästen nicht ab und zu ins Gesicht schauen kann”

In japanischen Ramen-Bars sitzt man dem Koch häufig direkt gegenüber, sodass man immer Blickkontakt hat. Hier ist die Küche etwas versteckter. Geht da eine gewisse Nähe verloren?

Es macht mich schon ein bisschen traurig, dass ich meinen Gästen nicht ab und zu mal ins Gesicht schauen kann. Mich interessiert auch, ob etwas und was genau übrig bleibt. Daher bitte ich meine Mitarbeiter im Service regelmäßig um Feedback. Gerade am Anfang war das für mich extrem wichtig. Nach vier Jahren kann ich es mittlerweile ganz gut einschätzen, was meine Gäste mögen.

Wo finden Sie Inspiration?

Wenn eine neue Ramen-Bar eröffnet, gehe ich natürlich hin. In Deutschland habe ich so ziemlich jede Nudelsuppe getestet. Außerdem probiere ich auch in Japan immer wieder neue Läden aus, um auf dem Laufenden zu bleiben. Es gibt unendlich viele Abwandlungen von Ramen: Bei Tsukemen tunkt man die separat servierten Nudeln in eine dicke Brühe, bei Abura Soba hat man nur Nudeln mit einer Art fettiger, dicker Sauce, die den Geschmack auf die Nudeln bringt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Abura Soba auch einigen meiner Gäste schmecken würde.

Interview: Jasmin Shamsi
Beitragsfoto: Ramen Bar Zipang

Ramen Bar Zipang, Eppendorfer Weg 62 (Eimsbüttel), Telefon 30 70 37 77; www.ramen-bar.de


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online, in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG und auf Instagram unter @szenehamburg.essentrinken 


 Dieser Text stammt aus dem SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 


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