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Holocaust-Gedenktag: 10 Orte gegen das Vergessen

Internationaler Tag gegen Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gibt es auch in Hamburg Möglichkeiten des Gedenkens

Text: Eira Richter

 

Wandbild „Für die Frauen vom Dessauer Ufer“

 

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An die Ausbeutung und unmenschliche Unterbringung von Frauen, die im Speicher G am Dessauer Ufer, einem Außenlager vom KZ-Neuengamme, untergebracht waren, erinnert das Wandgemälde „Für die Frauen vom Dessauer Ufer” (1995) von Cecilia Herrero und Hildegund Schuster. Das Gemälde zeigt die jüdische Hamburgerin Lucille Eichengreens, die im Sommer 1944 als Häftling vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit in ihre Heimatstadt zurückkehrte und Aufräumarbeiten in Mineralölraffinerien und anderen Hafenbetrieben verrichten musste.

Eichengreens war zuvor mit mehreren anderen Frauen im KZ Auschwitz nach Alter und körperlicher Verfassung zur Arbeit selektiert worden. Nach ihrer Zeit am Dessauer Ufer kam Lucille Eichengreens ins Außenlager Sasel und gegen Kriegsende ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach der Befreiung durch die Alliierten emigrierte sie in die USA.

Neumühlen 16-20 (Ottensen)

 

Gedenkstein und Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten

Der „Gedenkstein und die Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten“erinnern an die zahlreichen Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, die aufgrund der NS-Rassenhygiene ermordet wurden.

Neben Zwangssterilisationen beteiligten sich die Ärzte auch aktiv an der Deportation von Patienten in Tötungsanstalten und an der Verlegung von Kindern in das Krankenhaus Rothenburgort, wo Experimente an ihnen durchgeführt wurden. Von den 629 körperlich behinderten, psychisch kranken oder teilweise nur verhaltensauffälligen Kindern und Erwachsenen überlebten nur 79 die „Euthanasie“-Aktionen.

Ev. Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße (Alsterdorf)

 

Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm

Das „Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm“ gedenkt den zwanzig jüdischen Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren, die am 20. April 1945 im Keller der Schule am Bullenhuser Damm ermordet wurden. Zuvor waren die Kinder von Auschwitz in das KZ-Neuengamme verlegt worden, um an ihnen medizinische Experimente durchzuführen. Um die Spuren dieses Verbrechens vor den Alliierten zu verbergen, erhängten Anhänger der SS die Kinder und verbrannten die Leichen anschließend.

Die Errichtung des Mahnmals wurde durch eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, die durch Spenden das Werk des russischen Künstlers Leonid Mogilevski finanzierten. In Erinnerung an die ermordeten Kinder wird jährlich am 20. April eine öffentliche Gedenkveranstaltung organisiert.

Roman-Zeller-Platz (Schnelsen)

 

Stolpersteine-App

 

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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Künstler Gunter Demnig und gibt daher den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch Stolpersteine einen Namen. Seit 1995 werden mit 10×10 Zentimertern großen Betonwürfeln, die auf der Oberseite mit einer Messingplatte versehen sind, auf denen die Lebensdaten der Opfer des Nationalsozialismus eingraviert sind, an eben diese erinnert.

Über die Stolpersteine-App sowie auf der offiziellenWebsite lassen sich nicht nur die Standorte der Stolpersteine, die in den Gehweg der letzten offiziellen Wohnadressedes Opfers eingelassen sind, finden, sondern auch ausführliche Biographien der Opfer. Die Stolpersteine geben somit jedem die Möglichkeit aktiv gegen das Vergessen der Ermordeten mitzuwirken.

 

Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung

Am 15. Mai 1933 verbrannten Hamburger Studierende, die der SA angehörten, am Kaiser-Friedrich Ufer sogenannte „undeutsche“ Bücher. Dieses Ereignis war das Ergebnis einer demonstrativen, reichsweiten Aktion, mit der die systematische Verfolgung von jüdischen, marxistischen, pazifistischen und anderen oppositionellen oder politisch unliebsamen Autorinnen und Autoren begann.

Zur Erinnerung an die Hamburger Bücherverbrennung wurde eine von Wolfgang Finck gestaltete Mahnmalsanlage geschaffen. Auf vier Marmorblöcken sind ein Zitat des Dichters Heinrich Heine, die Titel verbrannter Bücher, eine Auswahl an Namen Hamburger Autorinnen und Autoren, deren Bücher verbrannt wurden, sowie die Aufforderung zum Engagement gegen Faschismus und Krieg zu finden. Zum Gedenken findet jedes Jahr am Mahnmal eine Lesung von damals verbotenen Texten statt.

Grünanlage am Isebekkanal; Kaiser-Friedrich-Ufer, Ecke Heymannstraße (Eimsbüttel)

 

Mahnmal „Verhörzelle“

Um das Mahnmal „Verhörzelle“ des Künstlers Gerd Stange zu betrachten, kommt man nicht drum herum, sich zu bücken, denn die aus Fundstücken zusammengesetzte Installation ist in einem ausgeschachteten Graben platziert. Die Installation beinhaltet einen Wehrmachtshelm, ein Stück Treibholz und einen alten Gerichtsstuhl und soll insbesondere den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung durch den Justiz-Apparat gedenken.

Geschwister-Scholl-Straße, Ecke Erikastraße (Eppendorf)

 

KZ-Gedankstätte Neuengamme

 

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Das KZ-Neuengamme ist mit den 86 Außenlager als größtes Konzentrationslager in Nordwestdeutschlands bekannt. Von 1938 bis 1945 waren dort etwa 100.400 Menschen aus ganz Europa inhaftiert – von denen nur die Hälfte die Gräueltaten des NS-Regimes überlebten. Um die Erinnerungen an die Opfer des KZ-Neuengamme aufrecht zu erhalten, wurde das ehemalige KZ-Gelände 2005 zu einer Gedenkstätte.

Obwohl die rund achtzig Fußballfelder große KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgrund der Corona-Maßnahmen ihre Ausstellungen vorerst schließen muss, kann man die Gedenkstätte auch durch viele digitale Angebote, wie virtuelle Rundgänge und Ausstellungen sowie durch Posts auf den offiziellen Social-Media-Accounts, besuchen.

Jean-Dolidier-Weg 39 (Neuengamme)

 

Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“

Das Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“ ist den Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern zur Zeit des Nationalsozialismus gewidmet. Aus Ziegelsteinen fertigte der Künstler Thomas Schütte einen von zwölf Stühlen umstellten ovalen Tisch. Dabei befinden sich auf elf Rückenlehnen die Namen von bekannten Hamburgern, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand leisteten.

Der zwölfte Stuhl ist jedoch namenlos, stattdessen wird auf einer Tafel die Gedenkstätte erläutert und der Besucher wird aufgefordert, sich zu den Frauen und Männern des Widerstands zu setzen und ihnen zu gedenken.

Kurt-Schill-Weg (Niendorf)

 

Gedenkort ehemaliger Hannoverscher Bahnhof

Zwischen 1940 und 1945 wurden mindesten 7.112 aus Hamburg und Norddeutschland stammende Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma vom Hannoverschen Bahnhof in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager nach Osten deportiert. Nur wenige hundert der Deportierten entgingen dem Tod, weil sie bei Zwangsarbeit überleben konnten.

Während des Krieges wurden das Bahnhofsgebäude sowie die Gleisanlagen stark zerstört und der historische Ort geriet vorerst in Vergessenheit. Erst mit der Planung der HafenCity bekam der Ort wieder Öffentliche Aufmerksamkeit. Heute erinnern zwanzig Steintafeln an die Namen der Deportierten und bis 2023 soll an diesem Gedenkort im und am Lohsepark das aus drei Elementen bestehende „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ entstehen sowie ein Dokumentationszentrum mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen.

Lohseplatz (HafenCity)

 

Mahnmal für die ehemalige Harburger Synagoge

 

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Mit der Errichtung eines Friedhofes im Jahr 1690 und der Eröffnung einer Synagoge 1862 war es der jüdischen Gemeinde in Harburg Wilhelmsburg möglich, ihr religiöses Leben frei zu entfalten. Dies änderte sich jedoch mit der Machtergreifung und den veränderten Lebensverhältnissen, weshalb viele Jüdinnen und Juden emigrierten.

Ab 1936 war die Anzahl der Gemeindemitglieder so gering, dass in der Synagoge keine Gottesdienste mehr gefeiert wurden. Zwei Jahre später zerstörten SA-Angehörige die Inneneinrichtung und Eingangstüren und im Jahr 1941 wurde das Gebäude abgerissen.

Nach Kriegsende wurden auf dem Gelände Wohnhäuser errichtet. Um an die Synagoge zu erinnern, befindet sich seit 1988 ein rekonstruiertes Portal der Synagoge an der Außenfassade an einem der neuen Wohnblöcke. Zusätzlich wird auf zwei Gedenktafeln die Geschichte der Harburger Synagoge erzählt.

Eißendorfer Straße/Ecke Knoopstraße (Harburg)


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Bornplatzsynagoge: Das Für und Wider der Rekonstruktion

Der Wiederaufbau der ehemaligen Bornplatzsynagoge am heutigen Joseph-Carlebach-Platz im Grindelviertel ist das derzeit meist diskutierte Bauprojekt der Stadt. Die Bürgerschaft möchte die Synagoge so errichten, wie sie war, bevor sie 1938 von den Nazis zerstört wurde – an gleicher Stelle, im gleichen Stil, in einer anderen Zeit. Über das Für und Wider der Rekonstruktion

Text: Marco Arellano Gomes

 

Es gibt Bauprojekte mit starker Symbolkraft. Die Speicherstadt war ein solches Projekt. Sie offenbarte die ökonomische Macht des Hafens, war funktional und traf den Zeitgeist. Der Fernsehturm war ebenfalls ein solches Projekt. Er stand für Modernität und Erhabenheit und strahlte neben dem technischen Fortschritt den Wohlstand der Nachkriegszeit aus.

Auch die Elbphilharmonie gehört in ­diese Kategorie. Sie offenbart Hamburgs Ambition, kulturell in der ersten Liga mitzuspielen und vereint das Klassische mit dem Modernen. Ob der ge­plante Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge ein solches Projekt sein kann, wird sich zeigen. Zumindest ist es der Versuch, die Gegenwart und die Vergangenheit zu verstehen, zu vereinen, zu versöhnen. Kann das gelingen?

 

Bekenntnis zum jüdischen Glauben

 

Die Rekonstruktion der Synagoge sei ein klares Bekenntnis der Stadt zum jüdischen Glauben, der jüdischen Gemeinde, und ein politisches Zeichen gegen den gewachsenen Antisemitismus. So sagt es die Hamburgische Bürgerschaft, die sich geschlossen – über alle Fraktionen (SPD, Grüne, CDU, Linke, FDP und AfD) hinweg – für den Bau ausgesprochen hat. Ziel sei es, das jüdische Leben in Hamburg deutlich zu stärken und sichtbar werden zu lassen.

So viel Geschlossenheit gibt es nicht alle Tage. Die antisemitischen Anschläge in Halle und Hanau sind an Hamburg jedenfalls ebenso wenig vorbeigegangen wie der lebensgefährliche Angriff auf einen jüdischen Studenten mit einem Spaten vor der derzeitigen Hauptsynagoge Hohe Weide – mitten im Herzen von Eimsbüttel (SZENE HAMBURG berichtete in der November-Ausgabe).

 

Die Gedenkstätte

 

Am Joseph-Carlebach-Platz (ehemals Bornplatz), dem Ort, an dem die Synagoge wieder errichtet werden soll, befindet sich seit 1988 eine auf den ersten Blick nicht erkennbare Gedenkstätte. Man muss schon demütig den Blick senken, um das von der Künstlerin Margrit Kahl entworfene Bodenmosaik zu erkennen, das an den Sakralbau erinnert.

Diskret zeichnet es den Grundriss und das Deckengewölbe mit Granitsteinen nach. Einige Schilder und eine Stele auf dem Gehweg informieren über die Geschichte des Platzes, zeigen Bilder der Sy­nagoge und des damals prakti­zierenden Rabbiners Joseph Carlebach, der 1941 in das ­Lager Jungfernhof, nahe Riga (Lettland), deportiert und dort ebenso wie seine Frau und drei seiner Töchter ermordet wurde.

 

Größtes jüdisches Gotteshaus Norddeutschlands

 

Die Synagoge wurde am 9. November 1938 in der Reichs­pogromnacht von Nationalsozialisten geschändet und in Brand gesetzt, wie viele andere jüdische Gotteshäuser und Geschäfte in ganz Deutschland auch. Augenzeugen in Hamburg berichteten von klirrenden Scheiben, von Feuerflammen, die ein bis zwei Tage loderten, während die Feuerwehrleute nur daneben standen und zuschauten. Übrig blieb eine Ruine, die ein Jahr später auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen wurde.

Dabei sollte die nach den Plänen der Architekten Ernst Friedheim und Semmy Engel erbaute Bornplatzsynagoge ursprünglich ein neues Kapitel des gesellschaftlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Nichtjuden in Hamburg einläuten: Es war das größte jüdische Gotteshaus Norddeutschlands.

Mitten in dem Stadtteil, in dem das jüdische Leben zu Hause war: das Grindelviertel. Gestaltet im neoromanischen Stil, mit Rundbögen und gotischen Elementen. Auf der mächtigen, knapp 40 Meter hohen braunen Kuppel war ein Stab mit einem vergoldeten Davidstern angebracht. Die 1908 eingeweihte Synagoge bot 1.200 Besuchern Platz und war mit ihrer schlichten und doch erhabenen Präsenz Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins.

 

Spatenschlag statt Spatenstich

 

Shlomo Bistritzky, der derzeitige Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg, hat die Synagoge in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ im Oktober 2019 wieder ins Gedächtnis gerufen und schlug kühn vor, sie erneut zu errichten. Exakt so wie damals.

Auch Philipp Stricharz, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, sprach sich dafür aus, ebenso wie die Hamburgische Bürgerschaft. In der Sitzung im Februar 2020 brandete Beifall unter den Abgeordneten auf. Der Schock von Halle saß noch tief – und die Bürgerschaft wollte offensichtlich mehr bieten als verbale Anteilnahme. Die Politik stand also dahinter, die Presse und große Teile der Bevölkerung auch.

Dann folgte am 4. Oktober statt eines Spatenstichs der besagte Spatenschlag, vor der Synagoge Hohe Weide. Es war die zweite aufsehenerregende antisemitische Attacke in Hamburg innerhalb eines Jahres. Zuvor wurde Landesrabbiner Shlomo Bistrit­zky auf dem Rathausmarkt angespuckt. Wie könnte man jetzt noch Nein sagen? Wenn es jetzt nicht an der Zeit ist, ein klares, selbstbewusstes Zeichen der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zu setzen, wann dann?

 

„Hamburg hat keinen Zentimeter Platz für Antisemitismus.“

Peter Tschentscher

 

Am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, gedachten Hunderte der im Holo­caust ermordeten Hamburger Juden und stellten Kerzen neben den vielen Stolpersteinen auf. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher stellte sich hinter das Projekt: „Mit einem Wiederaufbau der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge am Bornplatz kann dort erneut ein zentraler Ort des jüdischen Lebens in Hamburg entstehen“, sagte er und fügte hinzu: „Hamburg hat keinen Zentimeter Platz für Antisemitismus.“

Mitte November folgte die Finanzierungszusage des Bundes in Höhe von 600.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie. Diese soll Klarheit bringen, ob und wie eine Rekonstruktion der Synagoge aussehen kann. Viele Fragen gilt es hierbei zu klären: Passt das Gebäude überhaupt in den zur Verfügung stehenden Platz? Gibt es bauliche Schwierigkeiten aufgrund des angrenzenden, denkmalgeschützten Luftschutzbunkers? Müssen Bäume gefällt werden? Gibt es bautechnische Voraussetzungen, die eine Umsetzung erschweren oder teurer werden lassen? Was wird der Bau kosten? Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie werden für Ende 2021 erwartet.

 

Kritische Stimmen

 

Am 27. November bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestags 65 Millionen Euro für den Wiederaufbau. Der Hamburger Haushalt soll sich in gleicher Höhe beteiligen. Machbarkeitsstudie finanziert, Gelder bewilligt, alle dafür – es hätte nicht besser laufen können. Dann meldeten sich erste kritische Stimmen.

Den Anfang machte der ehemalige Journalist Michel Rodzynek. Er habe Bedenken, dass die immensen Kosten – mitten in der Pandemie – alte Vorurteile schüren könnten. Er plädiert für ein jüdisches Zentrum statt einer Synagoge.

Mitte Dezember machte dann ein Thesenpapier die Runde, zu dessen Autoren die Historikerin Prof. Miriam Rürup, der Bauhistoriker Prof. Gert Kähler sowie die frühere Eimsbütteler Bezirksamtsleiterin Ingrid Nümann-Seidewinkel (SPD) zählen. Darin machen sie mehrere Einwände geltend. Besonders problematisch empfinden die Verfasser, „dass dadurch das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar gemacht und die Erinnerung an diese Verbrechen erschwert wird.“ Es könne zudem die Illusion erzeugt werden, „es sei nie etwas geschehen“.

Aber sind die Argumente überzeugend? Glaubt irgendjemand allen Ernstes, dass die jüdische Gemeinde ein Interesse daran hat, „die Erinnerung an diese Verbrechen zu erschweren“? Würde eine exakte Nachbildung einer historischen Synagoge nicht vielmehr die ­Menschen zwingen, sich stärker mit ihr auseinanderzusetzen und zugleich einen Neuanfang ermöglichen?

 

Neuer Altbau

 

Die Autoren plädieren für einen modernen Neubau und nennen als Vorbilder Dresden (2001), München (2006) und Mainz (2010). Auch das Kulturforum Hamburg sprach sich für einen Neubau aus. Aber passt ein solcher Neubau wirklich besser in das Grindelviertel als ein neuer Altbau?

Geklärt werden muss auch, wie man mit dem bisherigen Bodenmosaik umgeht. Aber müssen „wir“ wirklich zwingend „diese Wunde im Stadtbild zeigen – und diese Wunde offenhalten“, wie es die Ex-Senatorin Ingrid Nümann-Seidewinkel im Thesenpapier fordert und mit Rechten der Künstlerin begründet, die „1988 nicht erwarten konnte, dass ihr Werk nur 30 Jahre Bestand haben würde“?

„Die große Mehrheit der heutigen Hamburger sagt: Die Bornplatzsynagoge wurde der jüdischen Gemeinde von den Nazis genommen, ermöglichen wir den Wiederaufbau“, sagt Philipp Stricharz, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Es dürfe gerade nicht heißen: „Wo die Nazis keine Synagoge sehen wollten, soll der Platz auch leer bleiben.“

Im Grindelviertel wächst seit einiger Zeit etwas, das verloren schien. Mit der 2007 wiedereröffneten Joseph-Carlebach-Schule und dem angeschlossenen Kindergarten sowie dem nahe gelegenen Café Leonar ist die jüdische Gemeinde wieder im Aufwind. Sie wächst. Die Bornplatzsynagoge an irgendeinen anderen Ort in der Stadt aufzubauen, hält Stricharz daher für wenig zielführend. Die Synagoge müsse hier stehen. Nur hier vermag sie den Mitgliedern ein Gefühl zu geben, wieder angekommen zu sein: in Hamburg, im Grindelviertel, am Bornplatz.

 

Neue Initiative

 

Seit Anfang Januar hängen knapp 500 Plakate der Initiative „Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge“ verteilt im Stadtgebiet. Die Initiative des Unternehmers Daniel Sheffer hat viele namhafte Unterstützer hinzugewonnen. Nach Angaben der Pressesprecherin haben 100.000 Menschen die Kampagne bereits unterstützt (Stand: 20.1.2021). Wer wagt da noch zu widersprechen?

Zum Beispiel Esther Bejarano (96) und Peggy Parnass (93), zwei Holocaust-Überlebende. Beide vom Hamburger Senat mit der Ehrendenkmünze in Gold ausgezeichnet, der zweithöchsten Auszeichnung nach der Ehrenbürgerwürde.

Beide sind skeptisch, wenn es um die Rekonstruktion der Synagoge als Zeichen gegen den Antisemitismus in Hamburg geht. „Ich zweifle an der Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens“, sagte Bejarano nach Angaben des Auschwitz-Komitees. „Anti­semitismus können wir nur bekämpfen“, so Bejarano, „wenn wir die Jungen gewinnen.“ Sie plädiert deshalb für ein Haus der Begegnung für alle Menschen, „in dem über die Ursachen von Antisemitismus, über Lebensbedingungen heute, über Solidarität und Gerechtigkeit, über Umwelt und Bildung diskutiert wird“.

Auch Peggy Parnass, die als Gerichtsreporterin über zahlreiche NS-Pozesse berichtet hat und die alte Synagoge noch kannte, empfindet eine Rekonstruktion als nicht angebracht. Sie wünsche sich „eine kuschelige kleine Synagoge, wie ich sie in Prag gesehen habe. Für gigantische Projekte habe ich nichts übrig.“

Kann eine originalgetreue Rekonstruktion einer Synagoge einen angemessenen Neuanfang initiieren? Oder ist sie Ausdruck eines ­revisionistischen Geschichtsverständnisses? In jedem Fall verspricht sie ein Projekt von ungeheurer Symbolkraft zu werden. Mit allen Gefahren, die damit einhergehen.

bornplatzsynagoge.org


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