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„Alles am Arsch“ – Michel Houellebecqs „Serotonin“

In „Serotonin“ schreibt Michel Houellebecq über die Unmöglichkeit der romantischen Liebe und liefert einen beklemmenden Kommentar zum Protest der Gelbwesten.

Text: Ulrich Thiele
Foto: Philippe Matsas

Provokation erzeugt Empörung, Empörung bedeutet Aufmerksamkeit. Die Regeln des Marktes beherrscht Michel Houellebecq tadellos. So gesehen war es ein erfolgreicher Coup, als der Franzose kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Romans in einem Essay Donald Trump als guten Präsidenten feierte und verkündete, er sei ein Nationalist.

Alles wie immer, denkt man und erwartet einen gewohnt streitlustigen Roman des vielleicht bedeutendsten europäischen Schriftstellers der Gegenwart. Und in der Tat: „Serotonin“ ist ein radikaler Roman und Houellebecqs bisher traurigster obendrein.

Der Protagonist heißt Florent-Claude Labrouste, ist 46 Jahre alt, Ex-Angestellter beim französischen Landwirtschaftsministerium, unter Rauchverboten leidender Raucher und depressiv. Ein Antidepressivum, das das titelgebende Serotonin freisetzt, hält ihn am Leben. Die Nebenwirkungen: Übelkeit, Libidoverlust und Impotenz. „Unter Übelkeit habe ich nie gelitten“, schreibt er.

 

Houellebecq rechnet mit den westlich-liberalen Demokratien ab

 

Trotz des Libidoverlusts dreht sich ein großer Teil des Romans ums – nennen wir es beim Namen – Ficken und Blasen. Bevor der Ich-Erzähler in Rückblenden von seinem Leben und den Frauen, die er liebte und/oder mit denen er Sex hatte, erzählt, berichtet er von seiner zwanzig Jahre jüngeren, japanischen Freundin Yuzu. Nachdem er auf ihrem Computer einen Amateurporno findet, der sie beim Gangbang mit Hunden zeigt, beschließt er, zu verschwinden. Er löst sein Konto auf, kündigt die gemeinsame Wohnung und seinen Job, und taucht in einem Hotel unter, ehe er sich auf eine Reise durch die französische Provinz begibt. Bis dahin hat der Leser bereits etliche sexistische Beschreibungen „junger, feuchter Muschis“ und „perfekt gerundeter Hintern“ zu lesen bekommen.

Es ist wenig gewinnbringend, die vermeintlich schlechte Gesinnung des Autors, der gerne mit autobiografischen Andeutungen kokettiert, nachweisen zu wollen. Houellebecq schreibt schlichtweg seine Abrechnung mit den westlich-liberalen Demokratien fort, für die er seit seinem ersten Roman mit Attributen wie „reaktionär“, „rechts“, „sexistisch“ und „menschenfeindlich“ versehen wird.

Für Houellebecq ist die sexuelle Liberalisierung der 68er-Bewegung vor allem eine „Ausweitung der Kampfzone“ (so der Titel seines ersten Romans aus dem Jahr 1994). Mit der Folge, dass Sex kommerzialisiert und den Regeln der Marktökonomie unterworfen wird: „In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige Wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt“, heißt es in Houellebecqs Debüt.

 

Kein Schriftsteller hat den Neoliberalismus so beschrieben

 

Die romantische Liebe ist in diesem System zu einem fragwürdigen Konzept geworden, ja, sie sei historisch nicht möglich, verkündet der Erzähler in „Serotonin“ – und dennoch träumt er von ihr. Diese Passagen darf man durchaus ernst nehmen. Wenn sich Florent-Claude wehmütig an verpasste Chancen erinnert – vor allem an Camille, seine große Liebe, die er wegen eines Seitensprungs verloren hat – dann durchdringt den Roman ein aufrichtiger Lebensschmerz. Auch das macht Houellebecq so groß: Kein Schriftsteller hat so niederschmetternd die Auswüchse des Neoliberalismus beschrieben – die Vereinzelungstendenzen, die Unfähigkeit zu Verbindlichkeit im Zeitalter der spätmodernen Beliebigkeit, die transzendentale Obdachlosigkeit.

Michel Houellebecq: „Serotonin“, Dumont, 330 Seiten, 24 Euro

Und Houellebecq beschreibt eine ähnlich fatale Folge der Globalisierung, wenn er das Elend der französischen Provinz aufgreift und damit indirekt einen Kommentar zum Protest der Gelbwesten liefert. Die Milchbauern, darunter Florent-Claudes alter Studienfreund Aymeric, begehren mit Waffengewalt auf gegen die Freihandelsverträge und die daraus resultierenden sinkenden Milchpreise, die sie in den Bankrott treiben. Die Globalisierung sei nicht zu stoppen, Protektionismus für die politische und wirtschaftliche Großstadtelite keine Option: „Ich war jahrelang mit Leuten konfrontiert gewesen, die bereit waren, für die Handelsfreiheit zu sterben“, sagt der Protagonist. Der Protest ist ein Kamikazeeinsatz, ein Polizist und zehn Protestierende sterben, darunter Aymeric.

Am Ende ist „alles am Arsch“, wie Florent-Claude konstatiert. Dass Houellebecq für seine fatalistischeLiberalismuskritik von Identitären und Marine-le-Pen-Anhängern bejubelt wird, ändert nichts daran, dass er – radikal zugespitzt – die blinden Flecken des liberalen Westens aufdeckt. Man kann diese Polemik selbstkritisch annehmen, ohne liberale Werte zu diskreditieren.

Gespräch mit Julia Encke und Iris Radisch: „Michel Houellebecq und sein Werk“, 21.2., Boysen & Mauke im JohannisContor, 19.30 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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