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Ana: „Ich kam zurück und eine andere Frau machte mir die Tür auf”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Ana begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich mit meinen beiden Töchtern, sie sind jetzt sieben und neun Jahre alt, zurück nach Ecuador gehen. Mein Papa hat dort einen großen Bauernhof, in Guayaquil hat meine Schwester einen kleinen Klamottenladen und eine große Wohnung, dort könnten wir anfangs unterkommen. Dann würde ich vielleicht in einem Altenheim anfangen zu arbeiten.

Ich mache gerade eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Wenn ich den Abschluss habe, kann ich endlich wieder einen richtigen Job anfangen, mir eine größere Wohnung leisten und so meine Kinder zu mir holen. Sie leben bei ihrem Vater in Billstedt, ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Wilhelmsburg.

Dafür muss ich wohl etwas ausholen: Es fing vor ein paar Jahren an. Damals ging es meinem Vater nicht gut, weil meine Schwester gestorben war. Ich bin mit meinen beiden Töchtern nach Ecuador zu ihm geflogen und wir haben einige Tage dort verbracht. Plötzlich habe ich erfahren, dass mein Mann, der in Hamburg geblieben war, die Scheidung eingereicht hatte. Als wir zurück nach Hause kamen, machte mir eine Frau die Tür auf. In meinem eigenen zu Hause. Er hatte in der Zeit, in der ich weg war, eine neue kennengelernt. Noch am gleichen Tag hat er mich auf die Straße gesetzt. Einfach so. Er hatte nur gewartet, bis wir aus Ecuador zurück sind, um mir die Kinder wegzunehmen.

 

„Ich bin keine schlechte Mutter“

 

Ich war am Boden, denn ich hatte ja niemanden hier außer ihn. Außerdem habe ich kein Wort Deutsch gesprochen. Zum Glück half mir eine Frau, die ich auf der Straße kennengelernt hatte. Bei ihr kam ich die ersten drei Tage unter, dann bin ich an ein Zimmer gekommen. Nach einiger Zeit habe ich mich mit einer kleinen Reinigungsfirma selbstständig gemacht. Steuern und Versicherung waren allerdings so teuer, dass ich es aufgeben musste. Ich habe bis heute keinen neuen Job, Kindergeld und Unterhalt gehen an den Vater, ich bekomme bloß Arbeitslosengeld.

Ich glaube, mein Ex-Mann hat gehofft, dass ich es nicht schaffen würde und zurück nach Ecuador gehe. Aber ich habe gekämpft. Weil ich wusste, wenn ich Deutschland verlasse, verlasse ich es alleine. Das hat er mir immer wieder gesagt. Er wollte das alleinige Sorgerecht für unsere Kinder. Zum Glück hat das Jugendamt das aber nie zugelassen. Sie wissen nämlich: Ich bin keine schlechte Mutter, mir fehlt nur die Stabilität.

Ich verstehe nicht, wie das alles passieren konnte. Wir waren acht Jahre zusammen, haben uns sehr geliebt, haben zwei wunderschöne Töchter und hatten ein gutes Leben. Und von einem auf den anderen Moment ist das alles nichts mehr wert?

Und trotzdem bereue ich nicht, dass ich ihm 2007 nach Hamburg gefolgt bin. Es ist hart im Moment, ja, ich sehe meine Töchter nur alle zwei Wochen und ich weiß, dass sie es bei ihrem Vater gerade besser haben. Aber ich blicke nach vorne und bald habe ich den Abschluss. Dann wird alles besser. Und ich habe hoffentlich ein schöneres Leben.“


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Constanze: „Mit dem Kopftuch stehe ich für etwas“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Constanze begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Vor vier Jahren bin ich zum Islam konvertiert. Weil ich europäisch aussehe, irritiere ich manche Menschen mit dem Kopftuch. Meine Überzeugung ist aber stärker als die Unsicherheit, die andere darauf projizieren. Ich möchte mich mit dem Tuch ja zu erkennen geben, stehe für etwas.

Ich habe einen sehr besonderen Freund. Was er sagt, stößt so vieles an, er strahlt eine unglaubliche Tiefe aus, so eine absolute Grundgüte, und gleichzeitig ist er ein Mysterium. Manchmal sagt er nichts und sagt damit alles. Ich glaube, solche Eigenschaften in sich zu haben und sie dann auch noch nach außen tragen zu können, ist eine große Gabe. Wenn du dieses Authentische verkörperst, kommt der Rest von alleine. Das habe ich erst verstanden, als ich zum Islam gefunden habe.

Es fing auf einer Weltreise an. In Nepal, China, Laos, Neuseeland, Amerika, Mexiko und Osteuropa habe ich verschiedene Religionen kennengelernt, von denen mich aber keine angesprochen hat. Ich hatte aber immer das Gefühl, da ist irgendetwas, es gibt eine Spiritualität, etwas Übergeordnetes, das ich nicht greifen kann.

Zurück in Deutschland bin ich dann dem Islam nähergekommen, habe den Koran gelesen und Bekanntschaft mit einigen Flüchtlingen gemacht. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die ganzen Fragezeichen in meinem Kopf langsam verschwinden.

 

„Die Gräben werden tiefer”

 

Die meisten meiner Freunde und Teile meiner Familie haben es nie verstanden, was ich in einer fremden Religion hoffe zu finden. Gerade die ganzen Debatten, die sich um den Glauben im Islam spinnen, schrecken viele Leute ab. Er wird oft als Unterwerfung wahrgenommen, gerade für Frauen. Dabei habe ich es aus ganz freien Stücken entschieden.

Es wirkt heute oft, als gäbe es nur dafür oder dagegen, Muslim oder nicht, schwarz oder weiß. Alles ist in Lager eingeteilt. Das macht mir Sorgen. Dass die Gräben zu tief werden und es sich nicht mehr kitten lässt.

Bei dieser Angst hilft mir die Religion ganz besonders. Sie umspannt den gesamten Tag, hilft in Stresssituationen oder wenn ich traurig bin. Ich habe eine neue Form von Dankbarkeit entwickelt und in vielem einen neuen Sinn gefunden. Mir fällt tatsächlich keine Situation ein, in der mir der Islam nicht hilft. Okay, außer vielleicht bei der Wohnungssuche.”


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