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Kate Winslet: „Eine große Ehre“

Oscar-Preisträgerin Kate Winslet über ihre Darstellung als Mary Anning in „Ammonite“, die Vorbereitung auf Rollen und die Wahl von Filmprojekten

Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Miss Winslet, Sie spielen in „Ammonite“ die Fossiliensammlerin Mary Anning, die es wirklich gegeben hat. Wie viel wussten Sie über diese Frau?

Kate Winslet: Den Namen Mary Anning hatte ich zwar schon gehört, aber eigentlich wusste ich kaum etwas über sie. Vor allem hatte ich keine Ahnung, was sie letztlich aus wissenschaftlicher Sicht alles geleistet hat. Ich musste ordentlich recherchieren, was natürlich dadurch erschwert wurde, dass über sie längst nicht so viel geschrieben wurde wie über ihre männlichen Zeitgenossen.

Wie haben Sie sich denn auf die Rolle vorbereitet?

Sie meinen außer dass ich wochenlang an den Stränden Südwestenglands nach Fossilien gesucht und Steine aufgeklopft habe? Ich hatte glücklicherweise Zugang zu ein paar ihrer Tagebücher. Das fand ich enorm hilfreich, schon weil ich mir größte Mühe geben wollte, ihre Handschrift so gut wie möglich zu kopieren. Vor allem aber fand ich es wichtig zu sehen, welch enge Beziehungen Mary zu den Frauen in ihrem Leben pflegte. Sie hat nie aufbegehrt gegen das patriarchale Gesellschaftssystem, in dem sie gefangen war, und hat immer akzeptiert, dass ihre wissenschaftliche Brillanz nie so anerkannt wurde wie die von Männern. Da war sie bemerkenswert geduldig und klaglos. Aber gleichzeitig waren immer andere Frauen ihre engsten Vertrauten und Verbündeten.

 

Auf­bruch in die Großstadt

 

Im Film entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen Anning und der jüngeren Charlotte Murchison. Die ist aber nicht verbürgt, oder?

Nein, sicher ist nur, dass Mary mit Charlotte und ihrem Mann befreundet war. Vieles spricht auch dafür, dass sie die beiden in London besucht und eine Weile bei ihnen gewohnt hat. Wobei sie wohl in ihrem ganzen Leben ihren Küstenort nur zwei­mal verlassen hat und nach London gefahren ist. Auch in „Ammonite“ ist der Auf­bruch in die Großstadt für sie eigentlich eine viel größere Sache als die intime Beziehung zu Charlotte. Letztere ist viel eher eine Selbstverständlichkeit.

Angeblich haben Sie die Rolle sofort angenommen, nachdem Sie das Drehbuch gelesen hatten. Entscheiden Sie sich immer so impulsiv?

Kann man so nicht unbedingt sagen. Obwohl ich viele meiner beruflichen Entscheidungen schon recht instinktiv treffe, aus dem Bauch heraus. Im Fall von „Ammonite“ merkte ich einfach gleich, dass ich es schwer aushalten würde, jemand anderen in dieser Rolle zu sehen. Ich fühlte sofort Besitzansprüche dieser Mary Anning gegenüber. Und ich hatte einfach noch nie so ein Drehbuch gelesen.

 

„Es ist wichtig, LGBTQ-Geschichten stärker in den Mainstream zu holen“

 

Sie meinen die Liebesgeschichte dieser beiden Frauen?

Ja, auch. Ich finde es sehr wichtig, LGBTQ-Geschichten stärker in den Mainstream zu holen, und die zarte, wunderschöne Romanze zwischen Mary und Charlotte ist wirklich etwas Besonderes. Nicht zuletzt, weil sie ohne Zögern, Geheimhaltung oder Angst auskommt. Es wäre doch toll, wenn das Publikum häufiger Geschichten über Menschen aus der LGBTQ-Community und ihre Beziehungen im Kino zu sehen bekommt. Und vor allem möglichst verschiedene. Unserem Regisseur Francis Lee ist da wirklich etwas sehr Spezielles gelungen und mir war es eine große Ehre, ein Teil dieser tollen Geschichte zu sein.

„Ammonite“, Regie: Francis Lee. Mit Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones. 118 Min. Ab 4. November 2021 im Kino

Lust auf mehr? Hier gibt‘s der Trailer zu „Ammonite“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Neuanfang: Alles auf Hamburg

Ein Umzug ist auch immer ein Neuanfang – verbunden mit Träumen, aber auch Ängsten. Vier Wahlhamburger erzählen

Protokolle: Erik Brandt-Höge

 

 

Martin – Unabhängigkeit auf vier Rädern

 

Immer unabhängig und in Hamburg angekommen: Martin (Foto: Erik Brandt-Höge)

Immer unabhängig und in Hamburg angekommen: Martin (Foto: Erik Brandt-Höge)

Berlin und Leipzig waren meine bisherigen Stationen. In Leipzig habe ich meinen Master gemacht, dann ging es nach Hamburg. Hier habe ich einen Job in der Mobilitätsbranche angenommen. Seit Mai 2019 bin ich in der Stadt. Dass ich meine ganzen Sachen immer auf vier Rädern in meinem Bulli zur Verfügung habe, macht mich einerseits sehr unabhängig und hat zudem den Vorteil, dass ich mich schnell zur Nord- oder Ostsee aufmachen kann, um der Sportart nachzugehen, die mir schon lange am Herzen liegt: das Kitesurfen. Ich kite selbst unheimlich gerne, gebe aber auch regelmäßig Unterricht. Meine Lieblings-Spots dafür sind zum Beispiel St. Peter-Ording und Fehmarn.

Was Hamburg und die Hamburger angeht: Ich kannte die Stadt zuvor nur von klassischen Touristenausflügen. Den Hafen, die Speicherstadt – solche Orte. Zu Beginn meiner Hamburg-Zeit merkte ich, dass ich auf GoogleMaps und andere Apps angewiesen war. Nach und nach kannte ich meine Wege immer besser, und nun genieße ich es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu rollen. Und die Leute lerne ich zwar immer noch kennen, muss aber sagen, dass ich alle, die ich bisher getroffen habe, als ziemlich offen für Neu-Hamburger empfunden habe. Ich fühle mich wohl und weiß schon jetzt, dass ich so schnell nicht weg möchte aus Hamburg.

 

Maria – Die Kosmopolitin ist angekommen

 

Neu in Hamburg und in der Welt zu Hause: Maria (Foto: Erik Brandt-Höge)

Neu in Hamburg und in der Welt zu Hause: Maria (Foto: Erik Brandt-Höge)

Eines Tages, das wusste ich schon immer, würde ich in Hamburg leben. Ich bin im Kreis Steinburg geboren, in München aufgewachsen und über Stationen in Ägypten, auf den Kanaren, in Amerika, Ravensburg und zuletzt Berlin dann auch hier gelandet. Das Unternehmen, für das ich arbeite, nämlich Marriott International, hat mir ein tolles Pilotprojekt angeboten: Für das Hamburg Marriott Hotel, das Renaissance Hamburg Hotel und das The Westin Hamburg in der Elbphilharmonie, wo ich auch mein Büro habe, suche ich neue Talente. Ich bin Headhunter, Coach, Mentor, Recruiter, Influencer, Vertriebler und Consultant in einer Person, arbeite vor allem durch Netzwerken. Quasi als Schnittstelle zwischen Talenten und Arbeitgeber. Und ich hoffe sehr, dass ich viele Persönlichkeiten für die Hotellerie begeistern und spannende Karrieren langfristig betreuen kann. Ich selbst bastele mir mein Leben gerade neu zusammen, in einer neuen Stadt, einem neuen Umfeld, einem neuen Job. Und ich freue mich riesig auf Hamburg und die Hamburger, die ich in den ersten Wochen schon als extrem freundlich, ehrlich und auch greifbar erlebt habe.

Hamburger sind vor allem sehr direkt, sagen einem sofort, wenn ihnen etwas gefällt und wenn nicht – was wiederum mir sehr gefällt. Meine bisherigen Hotspots in der Stadt: Ich liebe es, am Abend mit den öffentlichen Fähren die Elbe entlangzufahren oder im Haus 73 den Tag ausklingen zu lassen. Auch ein Spiel im Millerntor-Stadion oder ein Tapas-Abend im Portugiesenviertel haben viel für sich. Und manchmal bleibe ich nach der Arbeit auch einfach noch ein bisschen auf der Plaza und genieße den Ausblick auf das Treiben der Schiffe und den Hafen. Anfänglich habe ich auch im Hotel gewohnt, mittlerweile habe ich eine Personalwohnung außerhalb des Hauses und bin auf der Suche nach einer schönen eigenen Wohnung, bestenfalls typisch hamburgisch mit einer Backsteinziegelwand. Da bin ich ein riesiger Fan von! Mein aktuelles Lieblingsviertel ist Eimsbüttel, wo es noch relativ viele privat geführte Geschäfte gibt, und das wie ein Dorf mitten in der Stadt erscheint. Ach, Hamburg hat einfach so viel zu bieten, so viele Facetten. Es gibt noch unheimlich viel kennenzulernen. Ich war vor meiner Ankunft zudem überzeugt davon, dass man sich aufgrund des Hafens, der Schiffe und des nahe liegenden Meers ein Stück weit freier und weltoffener als anderswo fühlen würde. Und ja: Das hat sich schon bewahrheitet.

 

Hannah und Bilal – Von Kapstadt nach Hamburg

 

Von Süden in den Norden Deutschlands: Hannah und Bilal Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Von Süden in den Norden Deutschlands: Hannah und Bilal Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Bilal: Ich war zehn Jahre alt, als ich von Belgien nach Südafrika zog. Meine Eltern hatten sich getrennt, und meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich wollten ein neues Leben beginnen. 17 Jahre ist das jetzt her, die ich in und um Kapstadt verbracht habe.

Hanna: Und ich kam vor acht Jahren nach Kapstadt für ein Praktikum, direkt nach dem Abitur im hessischen Hanau. Für ein Religionsstudium bin ich dann länger geblieben, weil ich mich sehr in die Stadt verliebt habe – und vor rund drei Jahren auch in Bilal.

Als ich meinen Abschluss in Kapstadt hatte, wollte ich zurück nach Deutschland. Die Wirtschaft in Südafrika ist in keiner aussichtsreichen Lage für Leute, die nach der Uni in die Zukunft starten wollen. Außerdem sind die Uni-Kosten ziemlich hoch, sodass ich dort einen Master nicht hätte machen wollen. Also zogen Bilal und ich in eine deutsche Stadt, die für uns total passend erschien: Hamburg. Hier mache ich jetzt mein Masterstudium.

Bilal: Meine Mutter ist Hamburgerin, ich hatte also schon einen kleinen Bezug. Und die Musikszene in Hamburg ist riesig – ganz anders als die von Kapstadt und Südafrika generell. Also dachte ich: Warum nicht?! Ich probiere es einfach mal. Zuerst mache ich einen Deutschkurs, arbeite nebenher und studiere vielleicht auch noch. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann als Musiktherapeut in Hamburg arbeite.

Hanna: Uns hat man vor unserem Umzug gesagt, dass Hamburger sehr reserviert und kühl wären. Auch dass es hier sehr viele Snobs geben würde. Aber: Wir wurden positiv überrascht und sind bisher vor allem in offene Arme gelaufen. Die Menschen waren und sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen, herzlich und entspannt. Es läuft wirklich gut.

Bilal: Und mit unserer Wohnung in Lokstedt hatten wir auch sehr viel Glück. Wir haben eine gemütliche Dachgeschosswohnung gefunden und eine tolle Vermieterin. Und: Wir können den Garten hinter dem Haus mitbenutzen, der wunderschön ist, sehr natürlich gehalten – und es gibt ganze acht Apfelbäume. Wir haben schon ordentlich geerntet und werden demnächst unseren eigenen Apfelsaft machen können.

 

Sarah – Eine Großstadt ist gewöhnungsbedürftig

 

Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ursprünglich komme ich aus dem Westerwald, so richtig vom Land. Nach der Schule habe ich in Kiel drei Jahre Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation studiert und zog erst letztes Jahr für ein Volontariat bei einem Verlag nach Hamburg. Im Frühjahr 2019 war ich schon für ein Praktikum im selben Haus und war begeistert von der Redaktion, in der ich gelandet bin. Deshalb habe ich das Angebot, mich dort journalistisch weiterzuentwickeln, auch sofort angenommen. Vor dem Praktikum kannte ich Hamburg überhaupt nicht, und ich hätte es ehrlich gesagt auch nie für möglich gehalten, dass ich mal hierherziehen würde. Hamburg, das ist doch viel zu riesig, habe ich als Dorfkind immer gedacht.

Kiel war für mich schon eine absolute Großstadt, und noch größer – das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Vielleicht war es gut, dass ich mit Kiel eine Art Zwischenschritt hatte, um mich an die Größe zu gewöhnen. Jedenfalls: Auch wenn es sehr weitläufig ist und überall viele unterschiedliche Menschen sind, finde ich Hamburg wirklich total schön. Ich mag den Stadtpark genau- so wie die Speicherstadt. Auch die Schanze hat ihren ganz eigenen Charme. Super ist außerdem, dass ich in Hamburg jeden Abend weggehen kann, wenn ich denn möchte. Durch das große kulturelle Angebot habe ich zum Beispiel eine Leidenschaft für Poetry Slams entwickeln können. Anders als in Kiel, so ist zumindest mein Empfinden, gibt es den typischen Hamburger auf jeden Fall nicht. Einerseits ist Hamburg total links und alternativ geprägt. Aber es gibt eben auch die vielen Besserverdienenden und natürlich überall Touristen. Ich habe viel in meiner Wohnung getan, damit ich mich in meinen eigenen vier Wänden wohl fühle.


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1 Frage, 1 Antwort – mit Denis Nitschmann

Denis Nitschmann ist Hobbyastronom und ausgebildeter Sozialökonom mit einem Hang zu alkoholischen und kulinarischen Köstlichkeiten. Nach einigen Jahren in England und Georgien betreibt er jetzt die All Bar in Eimsbüttel.

SZENE HAMBURG: Was kann Hamburg richtig gut?

Soviel kulturhistorisches Sediment wurde über die Zeit angespült und setzt sich weiter wunderbar ab. In den verschiedenen Stadtteilen wird es abwechslungsreich gelebt. In selbst gewählten urbanen Räumen entdecken wir uns selbst, dort wo wir sind, werden wir bestätigt.

Eine Ansammlung von Menschen, die massenweise im Großen aneinander vorbeigehen und sich im Kleinen alltäglich liebevoll begegnen. Die Affinität zur Stadt ermutigt uns, einen Raum greifbar, ja fühlbar zu machen, sodass wir diesen entwickeln, in uns tragen und hervorbringen. Jene sind selten umsonst zu erbeuten, werden alltäglich umkämpft und sind fortwährend bedroht. Keine Urbanität kommt ohne Polarität aus und dennoch erlernen wir einen gemeinschaftlichen Umgang.

So können wir unsere individuellen Bedürfnisse in einem gemeinsamen Raum mit einer universellen Kompetenz bereichern – sofern wir ein Leben in der urbanen Gemeinschaft als ein selbst verstandenes Abenteuer genießen. Die Aufgabe einer Großstadt ist es kulturelle Möglichkeiten zu vermitteln, die das Offene und Mögliche widerspiegeln.

Das kann Hamburg richtig gut, aber potenziell, zweifelsohne noch besser.

Foto: Philipp Schmidt

 ALL: Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Di-Sa 18 Uhr: www.all-bar.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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