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„Weddersehn maakt Freid …?“ im Ohnsorg Theater

Mit plattdeutschem Charme lässt Regisseur Harald Weiler in „Weddersehn maakt Freid …?“ die skizzierten Figurentypen genüsslich aufeinanderprallen und zeigt, wie man seine Komfortzone verteidigt

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Zwischen Anton und Mona sind die Aufgaben klar verteilt: Er verdient das Geld, sie gibt es aus. Während er sich eine Flasche Wein gönnt, für deren Preis man einen gebrauchten Kleinwagen bekäme, fliegt sie mal eben zum Shoppen nach New York. In diese Paarkonstellation platzt nun Antons „Jugendliebe“ (so die deutsche Übersetzung des französischen Originaltitels), die plattdeutsche Erstaufführung trägt den Titel „Weddersehn maakt Freid …?“.

 

Eine groteske Täuschung

 

Natürlich freut sich niemand über das Auftauchen der Verflossenen, da sie überraschend als Angetraute zurückkehrt: Die seinerzeit in Las Vegas vollzogene Heirat ist rechtsgültig. Nun möchte sie die Scheidung und hätte, falls sie nicht ihre Unterschrift unter einen Ehevertrag setzt, Anspruch auf die Hälfte von Antons inzwischen beträchtlichem Vermögen. Das muss verhindert werden: Kurzfristig ziehen Anton und Mona in die Einzimmer-Kellerwohnung von Antons Haushälterin und gaukeln der Ex Armut vor. Geradezu grotesk und genauso unterhaltsam ist die Verwandlung des Schickeria-Paars in zwei Prolls, die plötzlich Fertigprodukte aus Aldi-Tüten holen. Die Täuschung scheint zu funktionieren, leider zu gut: Die Jugendliebe verweigert die besagte Unterschrift und ist bereit, mit dem darbenden Anton ihr Erspartes von 6000 Euro zu teilen!

 

Reichlich plattdeutsches „Amüsemang“

 

Die Komödie von Autor Ivan Calbérac ist leicht, rasant und wortgewandt. Anders als oft in diesem Genre, ist der Ausgang keineswegs absehbar. Die Dreier-Konstellation wird zusätzlich aufgemischt von einem wunderbar trotteligen Anwalt und eben jener Haushälterin, die sich im Finale zur heimlichen Hauptrolle entwickelt. Denn wenn das reiche Paar ins Kellerloch zieht, bewohnt sie folgerichtig die Luxuswohnung … Mit leichter Hand lässt Regisseur Harald Weiler die skizzierten Figurentypen genüsslich aufeinanderprallen und sorgt so für reichlich plattdeutsches „Amüsemang“.

„Weddersehn maakt Freid …?“ im Ohnsorg Theater, noch bis zum 31. Dezember 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Annette: Ein Filmspektakel voller Sturm und Gesang

Regisseur Leos Carax liefert mit „Annette“ eine bildgewaltige Pop-Oper der Leidenschaften. Der Eröffnungsfilm in Cannes ist ein unvergessliches Meisterwerk, das alle Sinne bedient. Regisseur Leos Carax wurde beim Filmfest Hamburg zu Recht mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet

Text: Anna Grillet

 

Los Angeles, das Publikum tobt vor Begeisterung, wenn Stand-up-Comedian Henry McHenry (grandios: Adam Driver) einem Boxer ähnlich im grünen Bademantel und schwarzen Shorts die Bühne betritt. The Ape of God, wie er sich nennt, zelebriert als Magier der Massen Menschenverachtung mit obszön animalischem Genuss. Sein Herz gehört der zarten Starsopranistin Ann (Marion Cotillard). Für die Medien ist das ungleiche Liebespaar und seine Heirat ein gefundenes Fressen. „We Love Each Other So Much” singen beide voller Inbrunst beim Waldspaziergang. Baby Annette kommt zur Welt, und es stockt einem der Atem bei ihrem Anblick, die hölzerne Gliederpuppe erinnert an eine Marionette – nur ohne Fäden.

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

Ann und Henry vergöttern die Kleine. Dunkle Dämonen quälen den Komiker. Jene hinreißende Amour fou verwandelt sich bald schon in Selbsthass, Furcht und Missgunst. Der nächste Stand-up-Auftritt gerät zum sadistischen Seelenstrip: Detailliert schildert der Antiheld auf dem Podium, wie er seine Frau zu Tode kitzelt. Das Publikum revoltiert, Missbrauchsvorwürfe werden laut. Während eines Segeltörns stößt Henry Ann nachts in die stürmischen Meeresfluten, um danach den selbstlosen Retter von Baby Annette zu mimen. Doch die unvergleichliche Stimme der Gattin ertönt fortan aus dem Mund der kleinen Tochter, die als singendes Wunderkind gnadenlos weltweit vermarktet wird. Regisseur Leos Carax („Holy Motors“) lässt das Phänomen Musical vor unseren Augen explodieren, rekreiert es als verstörenden, bildgewaltigen Rausch aus Farben, Tönen und extremsten Leidenschaften fern jeglicher formaler Zwänge.

 

Ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis

 

Der Rebell des französischen Kinos konzentriert sich dabei einmal mehr auf die düstere, destruktive Seite der Liebe. „Annette” ist sein erster Film in englischer Sprache. Musik und Texte stammen von Ron und Russell Mael, dem Rock Duo Sparks – ein Interview mit den Sparks Brothers gibt es bei SZENE HAMBURG. Der 60-jährige Regisseur durchbricht vom ersten Moment an die vierte Wand, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Inszenierung löst sich auf. Ob als betörende Horror-Farce oder unversöhnliches Schuld-und-Sühne-Drama, das Musical erfindet sich neu, wechselt ständig zwischen artifizieller Hingabe und realer Bösartigkeit, Romantik, Komik und Tragik. Es fehlt jegliche Form von Ironie, Carax meint es ernst, todernst mit seiner Reflexion über Showbusiness, #MeToo, machtgierige Künstler, ein leicht manipulierbares Publikum und vor allem sich selbst. Den Film hat er seiner 16-jährigen Tochter Nastya gewidmet. „Annette” ist ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis: grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich.

„Annette“, Regie: Leos Carax. Mit Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg. 140 Min. Ab dem 16. Dezember 2021 in den Kinos

Lust auf mehr? Hier gibt‘s der Trailer zu „Annette“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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