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Das Ensemble Reflektor entstaubt die Klassik-Szene

Ensemble Reflektor – Das 40-köpfige Orchester hat einen Plan: Klassikkonzerte ohne steifes Korsett, dafür mit Witz und Bier.

Interview: Lilli Gavrić
Foto: Heide Benser

SZENE HAMBURG: Conny und Selma, ihr seid zwei von vierzig jungen Klassikmusikern, die das Ensemble Reflektor gegründet haben. Warum?

Conny: Wir sind ausgebildete Klassikmusiker. Das Studium ist darauf ausgelegt, in einem Orchester zu spielen, was zwar großen Spaß macht, aber in festen Strukturen verläuft. Häufig stellt sich bereits während des Studiums eine Arbeitsroutine ein, die musikalisch dröge macht, ernüchternd ist. Bei einigen Kollegen war das aber nicht so. Die wollten auf der Stuhlkante ganz vorne sitzen. Hatten Lust die Musik, wie wir sie empfinden auch so zu spielen. Das war der Grundimpuls.

Selma: In staatlichen Orchestern hat man den Job nach der Probezeit sein Leben lang. Die Stücke werden festgelegt, der Dirigent, die Proben, dein Dienst. Wir waren Studenten, die darüber hinausgehen wollten. Lust hatten, vieles selbst und anders zu machen.

Auf das Publikum zuzugehen. Spielt man in der Oper, betritt man das Haus durch eine andere Tür als der Gast, sitzt unten im Graben, trinkt anschließend mit den Kollegen in der Kantine ein Bier und geht nach Hause. Das Publikum sieht man nicht. Es gibt diese Barriere, alles hat eine gewisse Starrheit. Das wollten wir aufbrechen.

Ihr fragt euch immer wieder: „Wie kann man als klassisch ausgebildeter Musiker Leidenschaft vermitteln?“ Ist das in sich ein Widerspruch?

Conny: Nicht unbedingt. Wir lernen im Studium vor allem das Handwerk. Natürlich auch leidenschaftliches Spielen. Aber in wieweit das Publikum berührt oder gar abholt wird, darum geht es nie. Was braucht es also, um dieBegeisterung rüberzubringen? Distanz abzubauen. Die Musiker sehen, ihnen in die Noten schauen, die Kommunikation untereinander spüren.

 

Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung

 

Wie seid ihr in eurem „Wohnzimmer“, dem Proberaum im Oberhafenquartier, gelandet?

Selma: Das war etwas chaotisch. Anfangs haben wir nur ein Konzert gespielt, ein halbes Jahr später waren es schon vier. Allerdings haben wir erst kurz zuvor überlegt, wo überhaupt. Allen Bescheid gesagt, aber null Euro für das Projekt gehabt und keine Location (lacht). Bei 40 Leuten gibt es zum Glück immer irgendeinen, der irgendwen kennt.

Einer arbeitete mit der Stadt Hamburg zusammen, hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Halle gefunden. Der Besitzer hat uns mit offenen Armen empfangen: „Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung.“ Das war 2015, die Heizung gab es da noch nicht. Wir saßen mit dicken Wintermänteln in der Probe.

Conny: Es gab zu dem Zeitpunkt auch nur eine Toilette für 40 Leute.

Was zeichnen eure Konzerte neben der Musik noch aus?

Conny: Jeder kann so, wie er ist, auch direkt nach der Arbeit, zum Konzert kommen, sich ein Bier aufmachen und einfach entspannen. Niemand muss sich verbiegen.

Eure Konzerte im Gruenspan sind auch anders. Moderiert von Jannes Vahl, werden auch viele Witze gerissen. Nimmt das der Klassik den Staub?

Selma: Seine Art nimmt den Staub. Seit eine Kollegin ihn auf der Tagebuchlesung der Clubkinder kennengelernt hat, ist er dabei. Es ist etwas Neues und Eigenes zwischen ihm und uns.

Eure Arbeit folgt einem Beethoven-Zyklus, zuletzt habt ihr Beethovens Achte „Liebeslied“ im Gruenspan gespielt. „Eine Schaffensphase, in der Beethoven stark verliebt war.“ In der Fünften, eurer Debüt-CD „Gewaltakt“, war er demnach mies drauf?

Selma: Als er die Fünfte schrieb, äußert er im „Heiligenstädter Testament“, ein Brief an seine Brüder, depressive Gedanken. Der Moment, in dem er merkt, er wird taub. Die Fünfte ist aber keine aggressive Musik. Am Ende eher strahlend und triumphal. Wir hatten den Wunsch, seine innerlich düsteren Aspekte herauszuarbeiten. Man kann den Schluss als Überwindung des Schmerzes sehen, oder gezwungenes Glück hören. Das überlassen wir dem Publikum.

Ensemble Reflektor


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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50 Jahre Gruenspan – Ein Club, der überdauert

50 Jahre Gruenspan: Die Musikindustrie taumelt, der Club an der Großen Freiheit steht wie eine Eins – und feiert Jubiläum

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Alessa Pieroth

Das Haus an der Ecke Simon-von-Utrecht-Straße hat schon einiges hinter sich. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde es unter anderem als Tanzsalon, Badeanstalt und Lichtspielhaus genutzt, bevor es 1968 zum Gruenspan kam, einer bis heute bestehenden Institution in der Hamburger Musiklandschaft.

Eine der frühen Sternstunden des St. Pauli-Clubs: Als er Ende der 1970er der erste weltweit war, der mit eigener Lasertechnik hantierte. Optimale Voraussetzungen für die damaligen Disko-Nächte im Gruenspan, die zunächst von Progressive Rock, später, in den 80ern, von elektronischer Musik geprägt waren. Natürlich machten auch die Räumlichkeiten an sich etwas her, in denen bereits Bryan Adams, Linkin Park, Alice In Chains, R. E. M., die Pet Shop Boys und Jack Johnson aufschlugen.

 

 

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Backstein-Industrie-Charme an den Wänden, verschnörkelte Säulen und Balkonbrüstungen, seitlich abgerundete Decken, warme Farben: Im Gruenspan konnte und kann sich einer schnell wohl fühlen. Auch das SZENE HAMBURG-Team hat das an zwei besonderen Abenden erlebt. Während des Reeperbahn Festivals 2017 und 2018 durften wir im Gruenspan Bands wie Superorganism, All Them Witches, Brett, Bazookas, Yoke Lore und Darwin Deez präsentieren.

Deshalb auch in eigener Sache: Glückwunsch zum Geburtstag. In einer Zeit, in der Labels, Vertriebe, Fachmagazine und -läden um ihre Existenzen bangen, ist dieser Club ein Ort, an dem Musik wertig bleibt.

Gruenspan: Große Freiheit 58 (St. Pauli)

Nächste Termine: 23.11, Revival Rock Party, ab 21 Uhr; 27.11., Matinée & Tag der offenen Tür, ab 12 Uhr (für geladene Gäste) & ab 15 Uhr



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 


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