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Margot: „Ich lag zehn Tage im Koma”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Margot begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mütter und Söhne: Das sind schöne Beziehungen, aber sie sind auch kompliziert. Ich habe selbst zwei und gerade mit dem Ersten hat es seine Zeit gebraucht, bis wir unsere Positionen zurechtgerückt hatten. Ich wollte lange zu sehr eine Art Freundin für ihn sein anstatt Mutter. Er ist mir sehr nachgeschlagen, genauso neugierig, umtriebig. Da gab es immer schon so viele Parallelen, die sich eben gekebbelt haben. Hinzu kam, dass ich erst 19 war, als ich ihn bekommen habe. Mein Leben war damals mit vielen Unsicherheiten verbunden.

Heute bin ich selbst meine größte Sicherheit. Ich habe gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen. Das hat maßgeblich mit einem Erlebnis zu tun: Vor acht Jahren hatte ich eine schwere Lungenentzündung, es ist Wasser ins Herzen und in die Lunge gelangt. Ich lag zehn Tage im Koma, aber erinnere mich sehr genau an diese Zeit. Vielleicht hört es sich komisch an, aber ich war mir der Situation bewusst und musste mich entscheiden, ob ich gehe oder bleibe. Da waren aalglatte Wände um mich herum und ich musste es schaffen, sie hochzukrabbeln, um aus dem Dunkeln zu kommen.

Als ich dann aufgewacht bin, ist ein Schalter umgeklappt. Seitdem lebe ich anders, bewusster und ich sehe in jedem Tag etwas Schönes. Auch habe ich verstanden, dass das Sterben zum Leben gehört. Ich kann offen drüber sprechen, ich habe die Angst davor überwunden. Wenn man so will, bin ich ein weiser Mensch geworden. Das ist das Schöne am Älterwerden. Es ist nichts für Feiglinge, aber wenn man seine Erfahrungen zu schätzen lernt, ist das wirklich befreiend.

 

„Woher nimmst du die Hoffnung?”

 

Bekannte von mir sagen immer: ‚Margot, du hast immer so große Hoffnung, wo nimmst du die her?‘ Es ist wahr. Auch dass ich krank geworden bin, sehe ich heute als Möglichkeit. Es hat mich darauf stoßen lassen, Menschen anders anzugehen, meine Ernährung umzustellen, keinen Alkohol mehr zu trinken und emphatischer zu werden.

Vor zehn Jahren habe ich meinen Wunschtraum wahr gemacht: Ich bin nach Hamburg gezogen. Und wenn Corona überwunden ist, erfülle ich mir meinen nächsten Wunschtraum und gehe nach Griechenland. Dort gibt es eine kleine Insel: Sifnos. Sie ist sehr untouristisch, ein paar Fährenstunden von Athen entfernt. Irgendetwas ruft mich da. Ich begegne diesem Ort seit einiger Zeit immer wieder in Büchern, in Filmen oder im Völkerkundemuseum. Am liebsten würde ich für drei Monate bleiben, vielleicht aber auch nur 14 Tage. Hauptsache, ich finde heraus, warum sie mich so anzieht. Diese Neugier habe ich mir als weiser gewordener Mensch auf jeden Fall beibehalten.

Und wenn mir heute etwas passieren würde, ich müsste sterben, dann könnte ich mit aller Ernsthaftigkeit sagen: Was habe ich für ein tolles, spannendes Leben gehabt. Auch wenn es nicht immer leicht war. Aber deshalb kann ich hier auch so gemütlich auf der Treppe sitzen, kann meinen Kaffee und die Sonne genießen.”


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Auf ein Wort mit: Andreas Daebeler

Andreas Daebeler ist freier Journalist und streift seit 20 Jahren durch die Stadt – immer auf der Suche nach Geschichten und verborgenen Ecken. Sein Herz schlägt für den HSV und das portugiesische Hinterland.

Die Klunker sind schon von weitem zu sehen. Es glitzert. Es glamourt. Vor einem Schaufenster in der Landstraße bleibt sie stehen, schiebt die Sonnenbrille hoch und betrachtet … Schmuck. Darf ’s noch ein bisschen mehr sein, nuschle ich in meinen Bart, der noch ein wenig zu kurz für Hipster-Style ist. Unterwegs in Eppendorf. Hier bin ich aufgewachsen. Hier kickte ich auf rotem Sand. In einem Arbeiterrevier. Lange her.

Eppendorf, mein Eppendorf. Was hast du dich verändert. Die bezahlbare Pizza im Tre Castagne. Danach ein leckeres Kilkenny in der „Palette“ an der Erikastraße. Später noch tanzen in Oshos Bude am Marktplatz. Alles Geschichte. Die Läden gibt’s schon ewig nicht mehr. So wenig wie die irren WGs in den besetzten Häusern zwischen UKE und Tarpenbekstraße. Auf deren Balkons einst manch rauchbares Pflänzchen wuchs.

Eppendorf: mehr als Mietwucher und Spacken-Parade

Dass hier nur Snobs und überbezahlte HSV-Profis leben ist trotzdem ein Vorurteil. Wie üblich eines, das der Überprüfung nur bedingt standhält. Es lohnt, genau hinzuschauen. In die versteckten Hinterhöfe, hinter Fassaden. Dort gibt’s noch etliche Alt-Eppendorfer. Zum Leidwesen derer, die stuckverzierte Wohnungen nur zu gern „sanieren“ und dann für 20 Euro pro Quadratmeter vermieten würden. Tja.

Eppendorf kann mehr als Mietwucher und Spacken-Parade. Eppendorf kann menschlich und bodenständig, nachzuprüfen allabendlich in Kneipen wie der „Schramme“. Eppendorf kann kämpferisch – auch wenn das Tre Castagne trotz massiven Widerstands dran glauben musste. Und dann hat Eppendorf ja auch noch ’ne schöne, grüne Nachbarin – namens Winterhude.

Doch zurück zu unserer Klunkerfrau. Sie schultert ihr Handtäschchen und schlendert weiter. Steigt in ein sündhaft teures Cabrio und düst davon. Ich atme tief durch, als sich das Pinneberger Kennzeichen in der Ferne verliert. Ordere mir am Bahnhof Kelle ein Döschen Pils und schlendere zum Hayns Park. Die Gänse besuchen. Die waren schon immer da. Und bleiben. In Eppendorf.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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