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Zoe Wees über Erfolg und Heimat

Die 19-jährige Hamburgerin veröffentlichte Ende März 2020 ihre erste Single, später war sie die erste Deutsche, die bei den American Music Awards auftreten durfte. Ein Gespräch über schnellen Erfolg, die Musikindustrie und den therapeutischen Wert von Musik

Interview: Henry Lührs

Zoe Wees merkt man in keinster Weise an, dass ihre Muttersprache nicht Englisch ist. Akzentfrei singt die gebürtige Hamburgerin selbstbewusst auf den Bühnen der Late Night Shows in den USA oder bei den American Music Awards. Stellt man ihr eine Frage auf Deutsch, dann bricht es zuerst auf Englisch in gewohnter Popstar-Manier aus ihr heraus. Schon mit ihren 19 Jahren hat sie den Sprung über den Großen Teich geschafft.

Trotzdem hat man den Eindruck, dass die deutsche Sprache sie zu ihrer Herkunft nach Hamburg ins kleine Dulsberg zurückzieht. Zurück in ihre ehemalige Schulklasse, in den Aufenthaltsraum, in den sie gegangen ist, wenn sie wieder mal einen epileptischen Anfall hatte. Als Jugendliche litt sie an der Rolando-Epilepsie. Daraus erwuchsen die Sehnsucht und die Hoffnung nach Kontrolle. Eine Hoffnung, die sie in ihrem Hit „Control“, der ihr 2020 den Durchbruch bescherte, verarbeitet. Auch wenn Hamburg der Ausgangspunkt ihrer Karriere war – zu Hause ist sie mittlerweile überall dort, wo Freunde und Familie sind. Die Hansestadt verblasst dabei und wird zur deutschen Provinz. Für ihren Tourabschluss kommt Zoe Wees im April 2022 trotzdem nochmal vorbei.

„Im Studio sein ist für mich Freizeit“

SZENE HAMBURG: Zoe, erst die Late Late Show, jetzt die Tonight Show und ein Auftritt bei den American Music Awards (AMA) – als erste deutsche Künstlerin überhaupt. Wie geht es dir mit dem ganzen Hype um dich? 

Zoe Wees: Das ist verrückt, ich bin die erste schwarze deutsche Künstlerin die dort auftreten durfte…

Hast du damit gerechnet, dass es so kommt?

Sowas von gar nicht. Ich bin überrascht von mir selbst. Ich wusste zwar, dass ich bestimmt irgendwann irgendwas in Amerika schaffen werde, aber so früh? Und dass es gleich so ‚Boom‘ losgeht mit den AMA´s und Jimmy Fallon, das hätte ich nicht gedacht.

Hast du zwischen den ganzen Reisen, Fernsehauftritten und Konzerten überhaupt mal die Möglichkeit runterzukommen?

Aktuell auf jeden Fall. Davor nicht so wirklich, ich war ja auch gerade noch in den USA. Jetzt habe ich aber die Zeit dafür.

Und was machst du dann?

Schlafen, tatsächlich. Ansonsten bin ich gerade viel im Studio. Das ist für mich aber keine Arbeit. Studio sehe ich als Freizeit.

Deine Karriere nahm während der Corona-Pandemie so richtig Fahrt auf. Jetzt sind auch wieder Live-Shows möglich und du siehst das erste Mal ein Publikum vor dir. Wie geht es dir mit Blick auf deine Tour?

Meine Tour beginnt Ende März 2022, das wird krass (strahlt). Ich weiß, dass die Menschen, die kommen werden, ein gutes Herz haben und meine Musik und mich dafür feiern, wie ich bin. Ich werde mich wie zu Hause fühlen. Das wird sehr emotional und sehr schön.

Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes zählst du aktuell zu den 30 einflussreichsten europäischen Unterhaltungskünstlern und -künstlerinnen unter 30…

What´s good, Zoe Wees is here, hello, good morning, I arrived (lacht).

Ich finde alles, was gerade passiert krass und ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Ich weiß nicht, warum das passiert, warum ich das bin. Aber das alles ist crazy shit und sowas habe ich tatsächlich auch noch nie irgendwo gesehen. Das beweist aber auch, dass mein Team, meine gesamte Community und ich richtig gute Arbeit machen.

In „Girls Like Us“ singst du auch von Vertrauen, woran merkst du, wem du in der sehr kommerziellen Musik-Welt vertrauen kannst?

Am meisten Angst hatte ich davor, meinen Major-Deal mit einem großen Label zu unterschrieben. Einige Labels haben mir versprochen, dass sie mich zur größten Künstlerin weltweit machen würden. Bei meinem aktuellen Label (Capitol Records, Anm. d. Red.) war das zum Glück nicht so, die waren realistischer. Bei solchen Dingen hilft mir mein Team hier in Deutschland. Wenn ich die nicht hätte, hätte ich blauäugig alles unterschrieben. Deswegen würde ich allen raten, die in der Musikwelt weiterkommen wollen: Baut euch erstmal ein gesundes Team auf, mit einem Manager, und arbeitet euch hoch. Geht zu Produzenten, dem ersten Label und immer weiter. So lief es bei mir auch.

„Ich möchte sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann“

In „Control“ beschreibst die Hoffnung, die Kontrolle zu behalten. Du hattest als Kind Rolando-Epilepsie, die Krankheit ist mittlerweile ausgeheilt. Ist die Sorge vor Kontrollverlust damit auch verschwunden?

Die Sorge gibt es immer noch. Damals war es der Moment, indem ich auf den Boden gefallen bin und gekrampft habe. Jetzt ist es das Gefühl, wenn ich meinen Körper nicht spüre, zum Beispiel wenn es draußen zu kalt ist oder ich eine Panikattacke habe, dann bin ich erstmal lost.

Und was machst du dagegen?

Ich mache tatsächlich gar nichts, ich lasse es einfach passieren. Denn jedes Mal, wenn ich versucht habe, etwas dagegen zu machen, wurde es schlimmer. Jetzt akzeptiere ich die Situation, wie sie ist.

Du sagst oft, das Musikmachen für dich wie Therapie ist. Wie meinst du das?

Ich möchte Sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann. Im Ernst, dann möchte ich wirklich nicht hier sein. Ohne Musik wäre mein Leben ganz schlimm.

Ich verarbeite in der Musik viel. Sachen wie meine Epilepsie und in „Girls Like Us“ beschreibe ich einen mentalen Zusammenbruch. Aber auch aktuelle Dinge wie im Song „That’s How It Goes“. Darin geht es um Menschen, die nie an meiner Seite waren und die im Moment des Erfolgs plötzlich aufgetaucht sind. Ich schreibe diese Dinge einfach auf. Früher hatte ich eine Therapeutin. Ich habe mich aber dazu entschieden, das zu lassen und mich mit meiner Musik selbst zu therapieren. So wie ich Dinge in meiner Musik ausdrücke, formuliere ich sie auch gegenüber meiner Therapeutin oder meiner besten Freundin. Manchmal habe ich auch Angst, solche persönlichen Dinge zu veröffentlichen.

Wie gehst du mit dieser Angst um?

Ich veröffentliche trotzdem. Denn in dem Moment, indem das passiert, bekommt das Ganze eine neue Energie. Leuten, die sich auch so fühlen, geht es besser und dadurch geht es auch mir besser. Wir geben uns gegenseitig was und das gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Musik als meine Therapie nutze.

Du arbeitest auch mit Songschreibern zusammen, ist das dann der gleiche Prozess für dich?

Ich fange gerne allein an zu schrieben, aber aufhören kann ich nicht allein. Dafür bin ich nicht fokussiert genug. Ich habe auch schon Songs komplett selbst geschrieben. Wenn wir aber als Freunde zusammen im Studio daran arbeiten, klingt es einfach besser.

Ein magischer Tour-Abschluss

Du bist in Hamburg-Dulsberg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dein Musiklehrer hat dich bei deiner Karriere sehr unterstützt. Gibt es noch mehr Menschen, die dich auf deinem Weg unterstützt haben?

Meine Mama! Ich war nie wirklich gut in der Schule und sie hat dann gesagt: „Zoe, das ist nichts für dich, mach Musik, das ist das, was du willst.“ Meine Mama hat immer gesehen, dass ich das mit der Schule nicht kann und dass ich ins Studio gehöre. Sie hat das unterstützt und das machen bestimmt nicht alle Eltern.

Wann habt ihr denn gemerkt, dass du Musik professionell machen wirst?

Als mein erste Single ‚Control‘ rauskam, habe ich gemerkt: Jetzt ist das offiziell mein Job, es ist nicht mehr nur ein Hobby.

Du warst gerade in Köln, davor in den USA und in Interviews erzählst du, dass England wie eine zweite Heimat für dich geworden ist. Was bedeutet für dich Zuhause?

Zuhause ist für mich ein Gefühl. Das sind meine Mutter, mein Freund oder meine beste Freundin, das ist kein Ort.

Dein Tourfinale 2022 steigt im Hamburger Gruenspan, worauf freust du dich am meisten bei deinem Heimspiel?

Ich freu mich auf die Leute: Meine Mama, ihre Freunde, meine Freunde, einfach alle werden da sein und wir werden viel Spaß haben. Der Tour-Abschluss wird nochmal richtig magisch.

Zoe Wees, am 19. (bereits ausverkauft)  und 20. April 2022 (wenig Restkarten) im Gruenspan


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Peter Kadiru: „Ich habe keine richtige Schwäche“

Obwohl erst 24, boxt Peter Kadiru seit drei Jahren ungeschlagen im Profilager. 2020 gewann er den Titel des Deutschen Meisters im Schwergewicht. Ein Gespräch über Muhammad Ali, motivierende Nervosität und Rassismus

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Peter, auf deinem Insta-Profil steht: „Bad energy stay far away“. Was ist für dich Bad Energy?

Peter Kadiru: Wenn Leute negativ drauf sind, dir hintenrum was Schlechtes wollen. Diese Doppeldeutigkeiten: „Sieht gut aus, aber ich würde es nicht tragen.“ Oder die, die dir schlechte Tipps geben oder alles besser wissen.

Mit welchen Gefühlen gehst du in einen Boxkampf? Ist Angst dabei?

Nein. Eher extreme Aufregung. Ich bin vor meinen Kämpfen maximal nervös, aber auch maximal motiviert. Ich muss mir selber sagen: „Ich bin der Beste, niemand kann mich besiegen.“ Würde ich denken, „Boah, mein Gegner ist echt stark, ich weiß nicht, ob das heute klappt“, dann wäre der Kampf schon im Kopf verloren. Ich sage mir immer: „Ich werde dieses Duell gewinnen.“

Wie geht’s dir nach dem Kampf?

Darum liebe ich Boxen so sehr: Ich liebe es, zu gewinnen. Ich bin ein schlechter Verlierer. Die Emotionen, diese Freude, als würde eine Riesenlast von einem fallen. In der Woche des Kampfes ist man extrem aufgeregt, komplett darauf fokussiert. Danach ist man endlich entspannt. In einem Fight, den ich in der zweiten Runde durch K. o. gewonnen habe, hatte ich trotzdem danach Muskelkater, weil ich so angespannt war. Da erkennt man, welche Kräfte im eigenen Körper wirken.

Was ist deine Einlaufhymne?

Kanye West: „Power“. Gibt viel Energie, ich hör das gerne. Das Lied gibt’s schon länger, mein Bruder war auch Boxer und das war sein Einlauflied. Ich wollte das unbedingt übernehmen.

 

Ein schwerer Wechsel

 

Du bist seit drei Jahren Profi. War es schwer, vom Amateurlager ins Profilager zu wechseln?

Ja. Amateurboxen geht nur über drei Runden. Du musst in kurzer Zeit extrem viel schlagen, extrem viel ausweichen. Es ist wie ein Sprint. Usain Bolt hat auch nicht jeden Sprint gewonnen, obwohl er der beste war. So ist es beim Amateurboxen auch. Du kannst der Beste sein, aber wenn du einen schlechten Tag hast, bist du nach drei Runden geliefert. Beim Profiboxen hast du sechs, acht, zehn oder bei internationalen Titelkämpfen sogar zwölf Runden Zeit, um Fehler zu korrigieren. Ein guter Aspekt am Profiboxen.

Du giltst als Ausnahmetalent. Was ist die Ausnahme?

Ich glaube, durch meine sehr erfolgreiche Amateurkarriere – dreimal Europameister, einmal Jugend-Olympiasieger – also, es ist schwer, sich selbst zu loben. Ich sag jetzt, was die anderen sagen: Ich habe einen guten Boxstil, ich bin schnell, ich kann mich gut bewegen, ich kann Druck machen. Ich bin ein Allrounder, ich kann mich auf jede Situation gut einstellen.

Was ist deine größte Schwäche?

(Schreit zum Trainer Christian Morales) Was ist meine Schwäche? (Christian Morales schreit zurück) Auf den Trainer hören.

Auf den Trainer hören? Das stimmt doch gar nicht! (Gelächter) Man kann alles immer verbessern, aber ich habe keine richtige Schwäche. Ich muss einfach noch mehr Erfahrung im Ring sammeln, das ist das Wichtigste.

 

Sparring mit einem der Größten

 

Du warst Sparringspartner bei Anthony Joshua, dem zweifachen Weltmeister im Schwergewicht. Wie war das?

Ich dachte, ich geh da ins Camp, mach etwas Sparring, fliege schnell wieder nach Hause. Aber dann war ich sechs Wochen in seinem Camp in Sheffield. Der hat unglaubliche Trainer, die haben mir viele neue Sachen beigebracht. Toll zu sehen, wie ein Champion Sparring macht. Es gibt Tage, wo er einfach zehn Runden macht, dann auch mal 16 Runden. Mit wechselnden Sparringspartnern. Das ist krass. Auch wie intensiv er arbeitet. Ich wärme mich vor dem Sparring 15 Minuten auf – der 45 Minuten. Dann macht er Sparring und geht danach noch an den Sandsack.

Wie ist das im Sparring mit ihm?

Ich hab noch nie mit jemand Sparring gemacht, der so eine Power hat. Aber seine Coaches haben auch mir gesagt, dass mein Sparring richtig gut war. Ich war der einzige Boxer, der in der Kampfwoche noch bleiben durfte. Ich saß bei seinem WM-Kampf sogar am Ring. Er ist eine Urgewalt. Gut war: Ich habe gemerkt, der ist noch deutlich über mir, aber ich kann auch da hinkommen. Das war wichtig für mich, dass ich erkenne: Wenn ich hart arbeite, komme ich dahin.

Wie ist der privat so?

Richtig cooler Typ. Man sagt ja immer: „Anthony Joshua ist so bodenständig“, aber das ist bei vielen nur vor der Kamera so. Aber AJ ist es wirklich. Er hat mir viele gute Ratschläge gegeben. Eine mega Erfahrung.

 

Ein wertvoller Ratschlag

 

Welchen Ratschlag fandest du besonders gut?

Dass man sich nicht von Social Media beeindrucken lassen soll. Wenn man so berühmt ist wie er, viele Follower hat, dann reden auch viele schlecht über dich: „Der hat kein Kinn, der wurde im Sparring ausgeknockt.“ Die Sachen stimmen nicht, aber das erzählen die Leute über dich. Man muss lernen, das nicht an sich ranzulassen. Ein Ratschlag für die Zukunft.

Du trägst im Ring die Hose in den gleichen Farben wie Muhammad Ali. Weiß mit schwarzen Streifen.

Mich fasziniert, wie er als Mensch war. Er hat sich von niemandem etwas sagen lassen. Er ging seinen Weg. Nicht nur, dass er sich für Schwarze und Bürgerrechte eingesetzt hat, sondern auch, dass er gesagt hat: „Ich gehe nicht als Soldat in den Krieg in Vietnam. Die Leute da haben mir nichts getan. Ihr kämpft gegen mich in meinem Land – warum soll ich für euch woanders kämpfen.“

 

Rassismus

 

Du stehst als schwarzer Deutscher für eine moderne Gesellschaft. Trotzdem ist Rassismus eines der großen Themen unserer Zeit. Wie sind da deine Erfahrungen? Im Ring und privat?

Nur im Alltag. Da kommt es oft vor, dass man blöd angeschaut wird. Es gibt immer Leute mit anderer Hautfarbe, aus anderen Ländern, mit anderer Religion, die sich schlecht benehmen. Aber wenn man ein paar schlechte Äpfel hat, muss das nicht für den ganzen Baum gelten. Leider haben viel zu viele Menschen Vorurteile. Ich glaube einfach, wenn die Leute mehr aufeinander zugehen, sich kennenlernen, dass wir dann alle zusammen besser miteinander leben können. Wir beide haben verschiedene Hautfarben, verstehen uns super, und ich habe nicht gedacht, komischer Typ, weil er weiß ist, und du bist nicht zu mir gekommen und hattest Angst, weil ich schwarz bin. Man muss nur miteinander sprechen. Die Leute haben meist Angst vor Dingen, die sie nicht kennen.

Du bist stolzer Vater einer dreijährigen Tochter. Wirst du sie auf Rassismus vorbereiten?

Eigentlich will ich sie nicht darauf vorbereiten, weil Rassismus so unfassbar sinnlos ist. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht vorbereite, weiß sie nicht, was auf sie zukommt. Weil ich meine Tochter liebe, werde ich zu gegebener Zeit mit ihr darüber sprechen. Es ist schade, dass sie in so einer Welt aufwachsen muss. Ich werde ihr die Geschichte des Rassismus erklären, Beispiele erzählen, die in der Vergangenheit passiert sind. Die können aber eben auch in der Zukunft geschehen. Wenn sie später eine Reise in die USA machen sollte, würde ich sagen: „Schatz, pass auf.“ Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich bis dahin doch noch mehr zum Positiven wendet.

Deine Eltern sind aus Ghana, auf deiner Insta-Seite weht neben der deutschen die ghanaische Flagge. Wie wichtig ist Herkunft für dich?

Ich hab die deutsche Flagge, weil ich hier geboren bin. Die ghanaische Flagge habe ich, weil das zu meiner Kultur gehört. Ich habe die deutsche Kultur angenommen, weil ich in Hamburg geboren bin. Die ghanaische ist meine Herkunft. Das ist wichtig für mich, dass ich beide repräsentiere.

instagram.com/peterkadiru/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Saša Stanišić im Interview: “Heimat ist ein Fantasiekonstrukt”

In „Herkunft“ setzt sich der Wahlhamburger Saša Stanišić mit seinem jugoslawischen Geburtsort und seinen Erfahrungen als Geflüchteter auseinander. Der Roman begeistert mit Sprachwitz und berührt mit traurigen Tönen – und wurde dafür mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet.


Text & Interview: Ulrich Thiele
Foto: Katja Sämann 

 

SZENE HAMBURG: Herr Stanišić, viele Ihrer Texte beginnen mit „Liebe Ausländerbehörde“. Wie würden Sie Ihr Verhält­nis zu ihr beschreiben?

Saša Stanišić: Die Texte fangen wohl so an, weil mich die liebe Ausländerbe­hörde mal zwingen wollte, einen hand­schriftlichen Lebenslauf zu schreiben. Meine Eltern und ich wurden deshalb beinahe abgeschoben – „Herkunft“ ist damit vielleicht eine ironische Liebes­erklärung an die Ausländerbehörde.

Was ist das Problem?

Dass es eine Frage des guten Wil­lens ist. Über Umstände, an denen Schicksale hängen, sollte nicht die Güte eines Mitarbeiters der Behörde ent­scheiden. Ich hatte zwar mit meinem Sachbearbeiter Glück, viele andere Aus­länder aber geraten an Beamte, die bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen. Schlimmstenfalls aber sind sie nicht mal im Ansatz am Schicksal ihrer Klienten interessiert.

Es braucht also mehr Objektivität?

Ja. Es braucht eine objektive hu­mane Rechtsprechung und den allge­meinen Willen zur Schaffung fairer Verhältnisse. Nur so kann eine Gleich­behandlung und der Schutz jener, die Schutz bedürfen, gewährleistet sein. Und das sind in Deutschland nach wie vor viele. Auch davon handelt das Buch.

Viele reden davon, dass Deutschland für diese Menschen zur zweiten Heimat werden muss. Wie stehen Sie dem Be­griff gegenüber?

Heimat ist ein strukturell regres­siver, meist repressiver und antieman­zipatorischer Begriff, da er sich über die Abgrenzung eines äußeren Ihr von einem inneren Wir definiert. Es ist
nur die Illusion von einem Gefühl – oder, um es mit den Worten von Ger­hard Winter zu sagen: „Heimat ist ein Fantasie-­ und Wertkonstrukt, mehr Erinnerung, Imagination und Magie als wahrgenommene Gegenwart, mehr Sehnsucht, Hoffnung und Utopie als erfahrene Wirklichkeit und berechen­bare Zukunft.“

Es gibt eine Szene, in der Sie Wasser aus einem Brunnen trinken, den Ihr Urgroßvater gebaut hat. Es sei zwar das beste Wasser gewesen, was Sie je getrunken hätten, doch all das sei gleich­zeitig auch „Zugehörigkeitskitsch“. Erwischen Sie sich trotzdem manchmal dabei, wie Sie diesem Kitsch verfallen?

Manchmal sind solche Impulse wenig kontrollierbar. Meist betrifft dies grundlegende, banale Dinge wie den Geschmack einer typischen Speise aus der Heimatregion, den Klang der Sprache oder auch das Aussehen einer Landschaft. Dann erwische auch ich mich manchmal beim Gedanken, dass das meins sei. Solange man dann nicht exklusive Ansprüche auf diese Dinge stellt, ist das aber auch in Ordnung.

Wie kamen sie zur literarischen Ver­mengung biografischer Erzählung mit fiktionalen Einschüben?

Die Fiktion war einerseits prag­matischer Füller für die Erinnerungs­lücken meiner dementen Großmutter. Die ausgedachten Geschichten waren meine Methode, ihre Frustrationen kleinzuhalten, die sich einstellten, wenn ihr Dinge nicht mehr einfielen oder sie verwirrt war.

Und andererseits?

Fiktion war für mich schon immer auch ein unerschütterliches Zuhause in der Krise. In diesen Geschichten war alles gut und wenn nicht, ließ es sich zumindest gut erzählen, verstehen und besser akzeptieren. Fiktionen haben mein Leben geprägt, und zwar der­art, dass ich sie als eine der wichtigsten Säulen meiner Herkunft ansehe.

Noch mal zu Ihrer an Demenz erkrank­ten Großmutter: Sie ist hier ein zentra­les Motiv, denn während Sie Erinnerun­gen sammelten, verlor sie ihre. Warum ist das Erinnern für Sie so wichtig?

„Herkunft“ ist ein Erinnerungs­projekt, in dem ich mich an erzähle­rischen Diagnosen der Gegenwart ver­suche. Die Geschichte wiederholt sich ja und es ist interessant, ihre Parallelen zu betrachten. Wenn ich von meinen Erinnerungen an die 90er Jahre spre­che, in denen ich als Geflüchteter in Deutschland angekommen war, spreche ich auch über die Erfahrungen der Ge­flüchteten heute.

Erinnerungen haben immer auch etwas mit Vergänglichkeit zu tun. Auch der des Lebens. Was macht der Gedanke daran mit Ihnen?

Ich spiele sehr viel mit meinem Sohn, unternehme fantastische Dinge mit ihm, lerne Sachen, die er lernt. Zum Beispiel, wie ein Bagger wirklich funktioniert. Und heute hat er mich gefragt: „Papa, ist Spielen eigentlich auch Arbeit?“ Ich sehe ihn an, und ich denke: Die nächsten Jahre neben diesem Wesen: nichts lieber als das. Und das fühlt sich alles andere als ver­gänglich an.

Saša Stanišić: „Herkunft“, Luchterhand, 360 Seiten, 22 Euro