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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Glauben im Urbanen – Die katholische Gemeinde in St. Georg

Sinkende Mitgliederzahlen, Kritik am Umgang mit den Missbrauchsskandalen und an der Einstellung zum Thema Sexualität – der katholischen Kirche droht der Bedeutungsverlust. Wie geht die Gemeinde in St. Georg mit den Herausforderungen um?

Text: Ulrich Thiele
Foto (0.): Sophia Herzog

Die Statistiken sind ernüchternd. Die Zahl der Austritte ist in Hamburg in den beiden großen christlichen Kirchen im vergangenen Jahr um 16 Prozent gestiegen – auf 13.525. Dem Erzbistum Hamburg der römisch-katholischen Kirche droht laut einer Mitgliederstudie der Universität Freiburg bis zum Jahr 2060 ein Rückgang seiner Kirchenmitglieder um 40 Prozent.

Zudem verschärft das hoch verschuldete Erzbistum seinen Sparkurs: Sechs der insgesamt 21 katholischen Schulen in Hamburg sollen sukzessive geschlossen werden – darunter auch die Domschule St. Marien in St. Georg zum 31. Juli 2023. Für drei katholische Kliniken in der Hansestadt und in Lübeck sucht das Erzbistum einen neuen Mehrheitseigner.

Klar: Religion und säkulare Großstadt, das ist ein Thema für sich. Doch auch in Hamburg dürfte zumindest indirekt der selbst verschuldete Verlust der moralischen Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche zu spüren sein – angesichts der weltweiten Missbrauchsfälle und der Kritik am Umgang des Vatikans mit diesen und den strukturellen Vertuschungspraktiken. Nicht zu vergessen, die Einstellung zum Thema Homosexualität.

 

„Es darf keine Tabus geben“

 

In Frankfurt am Main wurde letztes Jahr einem Jesuitenpater eine weitere Amtszeit als Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen vom Vatikan verwehrt, weil er sich positiv über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare äußerte. Hamburgs Erzbischof Stefan Heße scheint diesbezüglich eine Öffnung anzustreben. Letztes Jahr hat er sich auf einer Podiumsdiskussion dafür ausgesprochen, Missbrauchsopfer in die Aufarbeitung der Fälle stärker mit einzubeziehen.

Zudem forderte er einen offeneren Umgang in der katholischen Kirche mit dem Thema Sexualität, insbesondere das Thema Homosexualität müsse theologisch neu eingeordnet werden. „Es darf keine Tabuthemen geben. In den Priesterseminaren sollte offen über Sexualität gesprochen werden“, sagte er.

Herausfordernde Zeiten für Peter Mies. Der gebürtige Hamburger war über 20 Jahre Pfarrer der Gemeinde Maria Grün in Blankenese, dazu Verwaltungsratsvorsitzender des katholischen Schulverbands. Seit 2013 ist er Dompfarrer in St. Georg. Ein Umstieg, raus aus dem wohlhabenden Blankenese mit familiären Gemeindestrukturen, rein ins fluktuierende, anonymere St. Georg.

Der St.-Marien-Dom ist die Kathedralkirche des Erzbistums Hamburg und das Zentrum für Katholiken in Hamburg. Das Gemeindeleben hier ist weniger klassisch. Zum einen, weil die meisten Kirchgänger aus anderen Stadtteilen kommen. Zum anderen, weil die Zahl der Umzüge in St. Georg jährlich steigt und eine weniger feste Einwohnerstruktur als in anderen Stadtteilen besteht.

 

Offen sein, ohne beliebig zu werden

 

Daneben spielt ein überall erkennbare Umwälzung eine zentrale Rolle für das katholische Leben auch in St. Georg: die veränderte Gesellschaftsstruktur im Allgemeinen. Neue Vorstellungen von Ehe und Familie, veränderte weltanschauliche Zusammenhänge, die Auflösung der Volksparteien und die Zersplitterung in Milieus – „da ist viel aufgebrochen seit den 60er Jahren“, sagt Mies.

Dass heute homosexuelle Paare in der Gemeinde aktiv sind, sei vor einem halben Jahrhundert undenkbar gewesen. Die Herausforderung bestehe darin, eine Offenheit zu finden, ohne beliebig zu werden: „Diese Offenheit muss mit dem christlichen Kern spirituell zusammengebracht werden“, so Mies. Er habe fünf Schlagworte erarbeitet, erzählt der Pfarrer, die das katholische Leben und die katholische Darstellungsform in St. Georg prägen sollen: Internationalität, offene Kirchen, situative Seelsorge, Vernetzung, ein besonderer Blick auf die Armut.

Drogen, Prostitution, prekäre Lebenslagen: St. Georg gilt seit jeher als Stadtteil der Armen und Verdrängten. Sein Name entspringt dem nach dem heiligen Georg benannten Lepra-Hospital, das um 1200 außerhalb von Hamburgs Stadtmauern entstand.

In den Berichten der Evangelien wird bekanntlich immer wieder Jesu Hinwendung zu den Armen, Schwachen und Ausgestoßenen betont. Eine von vielen Umsetzungen dieser Botschaft im konkreten Alltag ist das Krankenmobil des Caritas-Verbandes, das auf Hamburgs Straßen armen und wohnungslosen Menschen medizinische und pflegerische Versorgung anbietet.

 

Krankenmobil (c) Caritasverband

Zuverlässig: Annette Antkowiak ist bei jedem Wetter im Einsatz / Foto: Caritas Hamburg

 

So auch an diesem Mittwoch um 11 Uhr. Das Krankenmobil steht an der Steinstraße vor dem Eingang des Hinz & Kunzt-Verlages. Der Verkehr tobt, die Sonne glüht. Pavel ist unzufrieden. Er will eine Schmerztablette. „Sonst muss ich Wodka trinken“, sagt er trotzig. Das lässt Annette Antkowiak nicht durchgehen: „Jetzt soll ich auch noch schuld daran sein, dass du deine Termine nicht wahrnimmst?“, entgegnet die Krankenschwester.

Pavel ist Alkoholiker. Neulich hat er sich mit zitternden Händen die Fußnägel geschnitten und dabei verletzt. Annette Antkowiak empfahl ihm deswegen schon mehrmals, am Donnerstag zur medizinischen Fußpflege der Caritas zu kommen. Doch Pavel ist nie aufgetaucht, ihm sei jedes Mal etwas dazwischengekommen, sagt er. „Komm morgen zur Fußwäsche“, sagt Antkowiak mahnend.

Gerade bei diesem Wetter ist mangelnde Hygiene ein Infektionsbeschleuniger, eine Schmerztablette würde daran nichts ändern. „Ich kann nur Empfehlungen aussprechen“, sagt Antkowiak gelassen. Die gelernte Kinderkrankenschwester fing ihre Arbeit im Krankenmobil vor bald 20 Jahren an, seit 2014 ist sie die Leiterin.

Das Team besteht neben ihr aus zwei weiteren Krankenschwestern, die für eine Aufwandsentschädigung arbeiten, und rund 20 ehrenamtlichen Ärzten. Die mobile Arztpraxis fährt wochentags nach einem festen Tourenplan zu Treffpunkten der Obdachlosenhilfe. Am heutigen Mittwoch ist Antkowiak mit der Ärztin Golda Gebauer im Duo unterwegs.

Um 10 Uhr waren sie bereits am Haus Betlehem in der Budapester Straße. Um Viertel vor zwölf fahren sie die wenigen hundert Meter von der Steinstraße bis zur Bahnhofsmission, ihrem letzten Halt für heute. „Man muss sich unsere Arbeit wie eine hausärztliche Sprechstunde vorstellen“, sagt Antkowiak, die während einer gewöhnlichen Tour 20 bis 30 Patienten versorgt.

Medikamente verteilen, Ratschläge geben, oder vermitteln, wenn ein Krankheitsfall außerhalb ihrer Behandlungsmöglichkeiten liegt. Vorhin, erzählt die Frau mit dem Kurzhaarschnitt, sei ein Mann mit akuten Bauchschmerzen zu ihnen gekommen. Sie haben ihn direkt ins Krankenhaus weitergeleitet.

 

„Vertrauen ist ein wichtiger Grundstein“

 

Viele der Patienten kommen schon seit Jahren zum Krankenmobil. Pavel zum Beispiel: Annette Antkowiak kennt ihn seit über 15 Jahren. „Vertrauen ist ein wichtiger Grundstein für unsere Arbeit“, sagt die Krankenmobil-Leiterin. Beide Seiten sollen einhalten, was sie sagen. Die Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass die mobile Arztpraxis zur festgelegten Zeit vor Ort ist. Dass es andersherum nicht immer so gut klappt, sei kein Grund für Frustration. „Ich nehme es den Patienten nicht mehr übel, wenn sie Vorschläge nicht mehr annehmen“, sagt Antkowiak. „Das wäre der falsche Ansatz.“

Die größte Veränderung, die sie in den letzten 20 Jahren hier in St. Georg wahrgenommen hat, ist das Verhältnis von Armut und Migration. Lag der Ausländeranteil zu Beginn ihrer Tätigkeit noch bei 30 Prozent, liegt er mittlerweile bei 70 Prozent, zu einem Großteil osteuropäischer Herkunft. Die damit verbundenen Sprachhindernisse überwinden sie mit Piktogrammen, Wortfetzen, Händen und Füßen oder dem „Triaphon“, einer in diversen Sprachen verfügbaren telefonischen Soforthilfe.

Auch Pfarrer Peter Mies sagt über seine Gemeinde: „Die Internationalität ist ein spezifisches Merkmal für die katholische Welt in der Hamburger Innenstadt.“ Um die 80 Sprachgruppen zähle die Gemeinde, es gibt Gottesdienste auf Kroatisch und Portugiesisch. „Wir fassen die Internationalität als Chance auf “, sagt er.

Auch wenn es nicht einfach sei, die unterschiedlichen Glaubensverständnisse zusammenzuführen. „Wenn man nur ein bisschen Folklore macht, ist das einfach. Aber sobald es um Konkretes geht wie eine Heirat, wenn einer der Partner aus der Kirche ausgetreten ist, dann merkt man schnell, dass das eine Riesenaufgabe ist“, so Mies.

 

Kirche-c-Ulrich-Thiele

Die portugiesische Messe ist besucherstark und leidenschaftlich / Foto: Ulrich Thiele

 

Am Sonntag um 12 Uhr versammelt sich die portugiesische Gemeinde zur Heiligen Messe im Mariendom. Die portugiesischsprachige Mission wurde 1974 von Pater Dr. Enrico José de Azevedo gegründet. Rund 10.000 Portugiesen in Hamburg gehören der Gemeinde von Padre Sérgio Santos Reis an.

Hunderte Gläubige kommen an diesem Sonntag. Im zum Großteil weiß gehaltenen Inneren liegt noch der Weihrauchgeruch vom letzten Gottesdienst, als Senioren, Jugendliche und Familien mit kleinen Kindern eintreten, ihre Finger in die Weihwasserbehälter tunken, sich zur Tauferneuerung bekreuzigen und vor dem gekreuzigten Jesus Christus, der vor dem goldverzierten Altar hängt, niederknien. Die meisten Plätze sind schnell besetzt, manche verfolgen den Gottesdienst im Stehen.

Wer kein Portugiesisch spricht, versteht bis auf einzelne Wörter nichts. Doch die Rituale, die Liturgie, all das ist bekannt: Glaubenskenntnis, Fürbitten, Kyrie, Gloria, Tagesgebet, Lesung, Eucharistie-Feier, nach der die Gläubigen nach vorne strömen, um Oblaten und Wein – im katholischen Glauben Leib und Blut Christi – zu sich zu nehmen.

 

Ein lebendiger Gottesdienst

 

Eine Frau mittleren Alters mit rötlichem Haar tritt für die Lobgesänge nach vorne, singt mit hoher, glasklarer Stimme, die Gläubigen antworten zwischendurch im Chor, dass es durch den hohen Raum bis zur Kuppel und zurück hallt.

Der Gottesdienst ist lebendig, zumindest herrscht ein buntes Durcheinander: Manche sind versunken, singen inbrünstig, ein älterer Mann mit weißem Haar hat Tränen in den Augen, Kinder mit Schuhen, die beim Auftreten an den Seiten rot aufblinken, spielen hinter den Bänken, von ihren Eltern angemahnt, ruhiger zu sein. Andere wirken fast gelangweilt, tippen auf ihren Smartphones.

Nachdem der Pastor den Segen ausgesprochen hat, schallt Orgelspiel durch den Raum, die Masse löst sich auf und zerstreut sich, es wird wieder miteinander gesprochen, die Stimmung ist ausgelöst und freudig, als wäre eine Last von den Leuten gefallen.

Beim Rausgehen berühren manche noch andächtig die Madonna-Figur am Seiteneingang. Ein alter Mann hält sich an eine Bank fest und versucht, vor dem Altar niederzuknien, einmal, zweimal, doch seine Beine zittern und er kommt nicht auf den Boden, also verbeugt er sich. Dann geht er auf wackeligen Beinen zum von Kerzen beleuchteten Madonnengemälde, versucht wieder, niederzuknien, einmal, zweimal, wieder will es ihm nicht gelingen, also verbeugt er sich noch mal, fast entschuldigend, bekreuzigt sich und geht hinaus in die Mittagssonne.

St. Marien-Dom Hamburg: Am Mariendom 4 (St. Georg)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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1 Frage, 1 Antwort – mit Nikolas Migut

Nikolas Migut ist Filmemacher beim NDR und der ARD. Aus einer seiner Reportagen ist der gemeinnützige Obdachlosen-­Verein StrassenBLUES e.V. entstanden, der auf kreative Weise Menschen mit und ohne Zuhause verbindet. Dafür gab es den „Alternativen Medienpreis“ und eine Nominierung für den SMART Hero Award. Nikolas Migut weiß, was wirklich zählt. Darum freuen wir uns, dass er Teil unserer Kolumne ist.

SZENE HAMBURG: Wofür würdest du Karmapunkte vergeben?
Nikolas Migut: Meine höchste Anerkennung haben jene, die anderen Menschen helfen. In meiner Familie hat gerade die fast 90-jährige Großmutter ihren Mann verloren. Sie kann sich alleine nicht mehr um sich selbst kümmern. Es ist die Familie meiner polnischen Frau. In Polen ist es in der Gesellschaft fest verankert, dass sich die Nächsten um ältere Menschen kümmern und nicht in ein Pflegeheim geben. Ich habe gro­ßen Res­pekt vor meiner Schwieger­mutter, die jetzt ihre Mutter bei sich auf­genommen hat und bis zum Lebensende pflegen möchte. Ebenso bin ich tief beeindruckt, was Pfleger in Pflegeheimen leisten, wenn sie sich angemessen und würdevoll um ältere Menschen kümmern. In unserer Wirtschaft finde ich es höchst ehrenwert, wenn Sozial­unternehmer ein gesellschaftliches Problem lösen wollen und dabei nicht primär den Gewinn vor Augen haben, sondern einen positiven Wandel in unserer Gesellschaft ­erreichen möchten. Es gibt einen Sozialunternehmer, Josh Littlejohn, der in Schottland die ­Obdachlosigkeit lösen will. Im Kern betreibt er die hochwertigen Restaurants „Social Bite“, die sowohl Obdachlose als auch Gäste versorgen. Dabei hat ­einer von vier Mitarbeitern mit Obdachlosigkeit zu kämpfen. Beide Hilfen für Mitmenschen verdienen für mich massig Karmapunkte.

www.strassenblues.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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