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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hotels for Homeless: Es reicht (nicht)!

Seit Monaten setzen sich Hamburger Sozialprojekte für die Unterbringung von Obdachlosen in leer stehenden Hotels ein. Die zivilgesellschaftlichen Aktionen haben Vorbildcharakter, trotzdem verweigert sich der Senat dem Konzept

Text: Ulrich Thiele

 

Fünf tote Menschen, das muss ein Fanal sein. Das Jahr hat gerade erst angefangen, und seit Silvester sind binnen einer Woche fünf Obdachlose auf der Straße gestorben. „Es reicht!“-Stimmung liegt in der Luft, als sich Sozialarbeiter von „Hinz&Kunzt“ und der Diakonie an diesem Mittwoch Anfang Januar am Jungfernstieg versammeln, um mit einer Mahnwache an die Verstorbenen zu erinnern.

Es ist kalt, eben hat es noch gehagelt. Eingepackt in dicke Jacken, Schals und Mützen stehen sie in Sichtweite zum Rathaus, in dem gerade die Hamburgische Bürgerschaft tagt. Die Botschaft der Demonstranten steht auf einem Banner: „Open The Hotels“. „Hinz&Kunzt“-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer spricht eindringliche Worte in die Mikrofone der Journalisten. Wütend sei ein falscher Ausdruck für seine Stimmung, sagt er, er sei sprachlos, „weil das nicht mehr beschreibbar ist, wie dramatisch die Situation der Wohnungslosen ist. Wir sehen das Elend auf der Straße und dass mehr getan werden muss. Wenn die Sozialbehörde das einfach verneint, dann verstehe ich das nicht.“ Das Ergebnis habe man seit Silvester gesehen, dabei war es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal richtig kalt. „Ich habe große Befürchtungen, dass noch weitaus mehr Menschen auf der Straße sterben, wenn die Temperaturen weiter sinken.“

Karrenbauer fordert schnelle Unterstützung. Die wäre möglich, da fast alle Hotels in Hamburg leer stehen. Die Zivilgesellschaft hat es vorgemacht: Für 120 Obdachlose wurden diesen Winter Hotelzimmer organisiert. Bei 2.000 Obdachlosen in Hamburg plus einer Dunkelziffer von ungefähr 1.000 ist das zwar nur ein Bruchteil, aber die Aktion hat Vorbildcharakter. „Wer erlebt, wie schnell die Menschen sich dort erholen, wie wichtig es für sie ist, zur Ruhe kommen zu können und dadurch auch eine Genesung zu erfahren – der kann das nur unterstützen.“ Warum die Stadt dies nicht tue, sei ihm unverständlich.

 

Projekt mit Modellcharakter

 

Die fundamentale Wirkung der Hotelunterbringung kann Nikolas Migut von StrassenBLUES e. V. nur bestätigen. Er ist der Initiator des Bündnisses „Hotels für Homeless“. Zusammen mit anderen gemeinnützigen Organisationen will StrassenBLUES 20 Menschen sicher durch den Winter bringen. Seit dem 9. November läuft die Aktion, die am 30. April endet. „Wir spüren, hören und sehen eine große Dankbarkeit bei den Menschen. Für sie ist die Aktion ein Sprungbrett, um in ihrem Leben neu anzufangen“, sagt Migut im Zoom-Interview.

Die Menschen sind in einem Hotel oder Hostel in Einzelzimmern untergebracht, werden mit Essen, Hygieneartikeln, Wäschegeld versorgt und sowohl medizinisch als auch persönlich betreut. Zudem bekommen sie Handys, um in Zeiten des Lockdowns Kontakt zur Außenwelt halten zu können. Das Hilfsangebot zielt darauf ab, die Menschen aus der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft zu führen. Viele haben keinen Personalausweis oder sind nie zur Behörde gegangen, um ALG II zu beantragen. Das wird nun nachgeholt.

Die ersten Monate wurden zum Zur-Ruhe-Kommen und zum Anschieben des Prozedere genutzt. Es galt, zu prüfen, wer überhaupt arbeitsfähig ist. Im Januar ist dann die Arbeits- und Wohnungssuche losgegangen. Nach zwei Monaten im Hotel hat kürzlich einer von ihnen eine eigene Mietwohnung gefunden. „Das ist ein absoluter Erfolg für uns“, freut sich Migut. Ein Erfolgserlebnis anderer Art gab es auch: Paddys Einzug ins Hotel wurde filmisch begleitet und ist auf der StrassenBLUES-Homepage zu sehen. Seine Ex-Freundin hat das Video gesehen und ihn kontaktiert – inzwischen sind sie wieder ein Paar.

 

Im Büro der Sozialsenatorin

 

Nikolas Migut und sein Team kümmern sich auf unterschiedlichen Ebenen. In der Vergangenheit haben sie zum Beispiel Geburtstags- und Weihnachtsfeiern organisiert und bringen so immer wieder Menschen mit und ohne Obdach auf Augenhöhe zusammen. Als Corona anfing, um sich zu greifen, war der Verein sehr schnell mit immer neuen Ideen am Start, um die Menschen auf der Straße zu unterstützen. Als der erste Lockdown im März kam, den Obdachlosen die Spenden von Passanten und die Pfandflaschen fehlten, startete StrassenBLUES spontan die Aktion StrassenSPENDE – Ehrenamtliche verteilten über 25.000 Euro Bargeld in 20-Euro-Scheinen sowie Supermarktgutscheine an Obdachlose auf der Straße. Gleichzeitig startete ein Crowdfunding, mit dem sie in kurzer Zeit 150.000 Euro sammelten und direkt für obdachlose Menschen auf der Straße einsetzten. Unter anderem verwendeten sie die Spenden für die Aktion StrassenSUPPE, die eine Woche später, am 24. März, folgte: TV-Koch Tarik Rose vom Restaurant Engel kochte und die Kollegen von recyclehero lieferten die Suppen mit ihren Lastenrädern direkt an Obdachlose aus. „Die Obdachlosen hatten Tränen in den Augen“, sagt Migut.

Bereits im April erkannte Migut, dass „Hotels for Homeless“ eine kurzfristige Lösung sei. Um das dafür notwendige Geld zu bekommen, initiierte Strassen- BLUES eine Forderungsaktion: Sie listeten auf ihrer Homepage Städte auf, die im Bereich der Hotelunterbringung aktiv waren, nannten die verantwortlichen Politiker unter anderem aus Hamburg mit dem Appell, sie zu kontaktieren und auf die Hotelunterbringung hinzuweisen. Und sie fertigten Papp-Plakate für die Obdachlosen an – die daraus entstandenen Schwarz-Weiß-Fotos gingen viral.

Nur: Die Stadt reagierte nicht. „Die Sozialbehörde hat die Hotelunterbringung von Anfang an als nicht nötig empfunden“, sagt Migut. Dabei sei sie nicht nur sinnig, sondern auch günstiger als das Winternotprogramm: Zwischen 20 und 30 Euro pro Zimmer koste eine Hotelunterbringung. „Die Argumentation der Sozialbehörde, dass man sich zuerst um den Erfrierungsschutz kümmern muss, ist falsch. Dass Erfrierungsschutz und Infektionsschutz zusammengehören, haben die bis heute nicht verstanden.“

Obwohl der Senat im April nicht auf Miguts Forderungen einging, zeichnete er StrassenBLUES im August mit dem Annemarie Dose Preis für innovative Engagement- Projekte aus. Dadurch hatte Migut die Gelegenheit, eine Stunde lang mit Sozialsenatorin Melanie Leonhard in ihrem Büro zu sprechen. Volker, ein Obdachloser (lesen Sie das Porträt auf S. 36), war mit dabei und brachte die UN-Menschenrechtscharta mit, die ein Recht auf Wohnen festlegt. Er schob sie zu Leonhard rüber und sagte: „Hier, lies das mal.“ Was folgte, war, laut Migut, eine harte, leidenschaftliche, aber auch lösungsorientierte Diskussion. Auch die Wahlversprechen der rot-grünen Koalition im Januar sprach Migut an. Dazu gehört „Housing First“, das aber „in der Finanzplanung der Stadt für 2021 und 2022 überhaupt nicht mitgedacht ist“. Leonhard sei nicht darauf eingegangen, habe nur betont, dass der Senat nun etwas für psychisch erkrankte Obdachlose tue.

 

Langfristige Planung

 

Das Prinzip „Housing First“ ist eine Alternative zum Programm der Notunterkünfte und setzt auf eine bedingungslose Unterbringung von obdachlosen Menschen. Die EU will damit bis 2030 Obdachlosigkeit gänzlich abschaffen. Trotzdem käme von den Städten nichts, so Migut, sie sagten nur, es bräuchte ein Modellprojekt. „Wir gehen das jetzt an, denn mir reicht es!“ Zusammen mit ausgewählten Experten will StrassenBLUES ein langfristiges Konzept erarbeiten, das auf drei Säulen aufbaut: Wohnen, Arbeit, Integration.

Der erste Schritt ist getan: Eine Projektstelle konnte durch Spenden finanziert werden. Jetzt sucht Migut Experten, die bei der Konzepterarbeitung mithelfen. „Mein Wunsch ist, dass wir Wohnungen nicht anmieten, sondern kaufen oder bauen und die Menschen in unseren eigenen Wohnungen unterbringen“, sagt Migut. In großem Maße dürfte das schwierig werden, aber man könne ja klein anfangen. Dafür vernetzt er sich deutschlandund weltweit mit Akteuren – auch mit dem schottischen Sozialunternehmer und „Social Bite“-Gründer Josh Littlejohn will er Kontakt aufnehmen. Littlejohn hat bereits ein Konzept in die Wege geleitet, dass obdachlose Menschen für 18 Monate unterbringt und in den Arbeitsmarkt überführt. „Hotels for Homeless“ ist eine kurzfristige Aktion für fünf Monate, „Housing First“ ist ein Projekt über Jahre.

 

A Change is gonna come

 

Auf die fünf auf der Straße verstorbenen Menschen angesprochen, macht Migut eine Pause. „Es ist schade, dass obdachlose Menschen keine Lobby haben. Und es scheint, dass die Gesellschaft einfach akzeptiert, dass Menschen im Winter auf der Straße sterben.“ Auch bei ihm: „Es reicht!“-Stimmung. „Ich bin es leid, mir anzusehen, dass für obdachlose Menschen in Hamburg zu wenig gemacht wird. Man fühlt sich ein bisschen ohnmächtig. Aber um es positiv zu formulieren: Es gibt Lösungen. Die kosten Zeit, Geld und Energie, aber es gibt sie.“ Dazu gehöre, das Winternotprogramm neu zu denken, in dem Gewalt herrscht, die Menschen ständig andere Zimmer haben und perspektivlos bleiben. „Wir als Gesellschaft müssen uns daran messen lassen, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Und da hat Hamburg bisher ganz klar versagt.“

Was sich bisher zum Guten verändert hat, weiß Stephan Karrenbauer, der seit 30 Jahren als Sozialarbeiter in der Stadt unterwegs ist. „Als ich damals anfing, hatten wir noch die Bibby Altona unten am Hafen. Ein Schiff, das die Stadt mit Obdachlosen vollgestopft habe. Ich kenne noch die Unterbringung in einem Bunker unter dem Hauptbahnhof, ohne Fenster und Türen, mit Vorhängen vor den Toiletten. Ich kenne noch Winternotprogramme, da haben sie in den Wänden Lüftungslöcher durchgebohrt, damit Frischluft reinkommt. Das alles wurde skandalisiert und kam nie wieder. Es verändert sich jedes Jahr etwas. Man muss den Finger immer wieder in die Wunde stecken – sonst hat man aufgegeben und das tue ich nicht.“

strassenblues.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hotels for Homeless: Kollektiv bringt Obdachlose im Hotel unter

Hotels for Homeless: Ein Bündnis gemeinnütziger Organisationen bringt obdachlose Menschen bis einschließlich März in einem Hotel unter, um sie vor dem Coronavirus und der Winterkälte zu schützen.

Insgesamt acht Organisationen haben sich zusammengetan, um 20 Menschen in Hamburg sicher durch den Winter zu begleiten. Neben der Unterbringung in einem Einzelzimmer ist auch die Versorgung mit Essen, Hygieneartikeln, Wäschegeld und persönlicher Betreuung Teil des Hilfsangebots, das darauf abzielt, die Menschen aus der Obdachlosigkeit und zurück ins System zu führen.

„Wir haben aus der ersten Corona-Welle im März diesen Jahres gelernt. Daher warten wir nicht mehr, bis sich Verantwortliche in Hamburg um den angemessenen Schutz für Obdachlose kümmern und handeln selbst“, so Nikolas Migut, Initiator der Aktion „Hotels for Homeless“ und Gründer von StrassenBLUES e.V..

Unterstützt wird Migut von den Organisationen CaFée mit Herz, GoBanyo, Hamburger Gabenzaun, Hanseatic Help, JesusCenter, Leben im Abseits und Pfand gehört daneben.

 

„Hotels for Homeless“ benötigt noch Spenden

 

Zur Finanzierung der Aktion hat StrassenBLUES e.V. 50.000 Euro in die Hand genommen, die seit Beginn der Corona-Pandemie in die Vereinskasse von StrassenBLUES geflossen sind, um schnell und unkompliziert zu helfen. Die ersten nun nicht mehr obdachlosen Gäste können vom 9. November 2020 bis einschließlich 31. März 2021 sicher wohnen.

Jeweils etwa 4.000 Euro werden benötigt, um eine obdachlose Person für fünf Monate vor Corona und Kälte zu schützen und in einem Hotel-Einzelzimmer unterzubringen. Nach offiziellen Zählungen der Stadt gibt es rund 2.000 Obdachlose auf Hamburgs Straßen (Stand 2019), die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.

Da die Massenunterkünfte der Stadt weder ausreichend Schutz bieten noch in genügender Anzahl verfügbar sind, werden Spendengelder dringend benötigt. Wer helfen will, kann dies mit einer Geldspende über die Crowdfunding-Seite www.hotelsforhomeless.de tun.

 

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