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Ottensen: Der Kiez der Filmschaffenden

Vor 28 Jahren wurden die Zeise Kinos in Ottensen eröffnet, ein kultureller Hotspot in dem Viertel und überhaupt von ganz Hamburg. Seit 2019 hat hier Matthias Elwardt das Sagen. Er spricht über berühmte Schauspieler als Nachbarn, neue Technologie in den Sälen und sein Haus in Zeiten der Pandemie

Text: Andreas Daebeler

 

Wenn Matthias Elwardt sein Büro in Richtung Friedensallee verlässt, kann es gut passieren, dass er Hamburgs Kult-Regisseur Fatih Akin in die Arme läuft. Oder dem Schauspieler Peter Lohmeyer. „Ottensen ist längst zu einem Kiez der Filmschaffenden geworden, Hans Löw wohnt um die Ecke, Andrew Bird auch, Sibel Kekilli sitzt hier vor unseren Hallen“, sagt Elwardt. Für ihn ist das eine ziemlich willkommene Nachbarschaft. Führt er doch die Geschäfte in den Zeise Kinos, in denen das kulturelle Herz des Stadtteil besonders laut schlägt.

„Die Filmförderung gehört ebenfalls zu unseren Nachbarn, das kannte ich früher am Grindelhof so nicht“, erinnert sich der 58-Jährige. „Früher“ – das meint die Zeit vor 2019, als er nach fast 30 Jahren als Programmchef des Abaton Kinos das wuselige Uni-Viertel verließ, um kurz darauf seine beruflichen Zelte in Ottensen aufzuschlagen. Eingelebt hat er sich schnell. Um dann, wie alle anderen in seiner Branche, voll von Corona und den Lockdowns erwischt zu werden. Schotten dicht, kein Betrieb, keine Zuschauer – schwierige Zeiten.

 

Neue Ideen in der Pandemie

 

Den Blues hat Matthias Elwardt deswegen nicht. „Ich bin ziemlich resilient, das Wort habe ich in den vergangenen Monaten erst kennengelernt“, sagt er. „Man kann aber auch wirklich nicht sagen, dass die Kultur von der Politik im Stich gelassen wurde, da waren andere Branchen schlechter dran“, ergänzt der Zeise-Chef. „Für Filmkunstkinos gab es gute Hilfen.“ In Ottensen sei aus der Not sogar eine Tugend gemacht worden. Etwa indem neu aufgelegte Fördertöpfe genutzt worden seien. „Wir konnten einen Geburtsfehler unseres Kinos beheben, haben jetzt endlich eine Klimaanlage. Und die Tontechnik war immer gut, aber ist jetzt top.“ Zudem seien während Corona auch Ideen entstanden, die nach der Pandemie weiter funktionierten.

„Das Wunschkino wird es sicher auch weiterhin geben“, sagt Elwardt. Das Konzept ermöglicht es, einen der drei Säle samt Film für private Vorstellungen zu mieten. „Das hat sich nach dem ersten Lockdown angeboten und wird sehr gut angenommen, die Leute lieben das.“ Auch der Kultursommer mit Lesungen und Konzerten vor den ohnehin beliebten Open-Air-Vorführungen des Zeise im Innenhof des Altonaer Rathauses habe funktioniert. „Das werden wir sicher weiter so machen.“ Ein akutes, von der Pandemie geschaffenes Problem hingegen sei, dass große Tageszeitungen in Hamburg in den vergangenen Monate ihre Berichterstattung über Kino und Filme sehr stark reduziert hätten. „Ich weiß nicht, ob das mal wiederkommt, aber ich hoffe es. Vor allem für die kleinen Filme wäre das unheimlich wichtig.“

 

Das Zeise: Ein Kino mitten im Leben

 

Poetry Slam im Zeise mit Michel Abdollahi in der ersten Reihe. Zwei Reihen dahinter sitzt der heutige Geschäftsführer Matthias Elwardt, damals noch als Gast (Foto: Zeise Hamburg/Jan Brandes)

Poetry Slam im Zeise mit Michel Abdollahi in der ersten Reihe. Zwei Reihen dahinter sitzt der heutige Geschäftsführer Matthias Elwardt, damals noch als Gast (Foto: Zeise Hamburg/Jan Brandes)

Der Umbau der früheren Schiffsschraubenfabrik zum Zentrum für Stadtteilkultur ist ein Leuchtturmprojekt für Hamburg. Die Geburtsstunde des Kinos liegt mittlerweile 28 Jahre zurück. Damals galt der Umbau der ehemaligen Schiffsschraubenfabrik in Ottensen sowohl architektonisch als auch in puncto Stadtteilkultur als Leuchtturmprojekt. Die 1869 von Theodor Zeise erbauten Hallen atmen noch heute Hamburger Wirtschaftsgeschichte. Mehr als hundert Jahre wurden dort Antriebsschrauben hergestellt und in alle Welt exportiert.

Heute verbindet sich das rustikale, ziegelrote Industrie-Hallen-Flair gekonnt mit moderner Glas-Stahl-Architektur. Umgeben von Kneipen, Cafés und jeder Menge Leben werden im Zeise häufig Filme jenseits des Mainstreams gezeigt. Arthouse hat hier ein Zuhause, der deutsche Film findet seine Bühne. Und eben auch die Akteure von vor und hinter der Kamera. Nur zu gern lädt Matthias Elwardt Regisseure, Schauspieler und Produzenten zu Werkstattgesprächen und Diskussionen ein. Hark Bohm, Lars Eidinger und Tom Schilling etwa waren schon da. Auch Campino, Wim Wenders, Roland Klick, Burhan Qurbani und Nora Fingscheidt kennen den großen Saal, den der Zeise-Chef als einen der schönsten seiner Art in Deutschland beschreibt. Auch und gerade weil er Platz für Veranstaltungen und Begegnungen bietet.

 

Von Detlev Buck zum Poerty Slam

 

Die am 3. März 1993 mit Detlev Bucks Film „Wir können auch anders“ eröffneten Zeise Kinos verfügen heute über drei Vorführsäle mit insgesamt 523 Sitzplätzen. Im großen Saal finden 367 Menschen vor der knapp 60 Quadratmeter großen Leinwand Platz. Aber Zeise ist mehr als nur Kino. Slams haben hier ihre eigene Geschichte. Warum das so ist, weiß Jan-Oliver Lange, der heute das Kultur-Unternehmen „Kampf der Künste“ leitet.

Lange erinnert sich an seine Anfänge als Veranstalter: „Die Idee entstand im Frühjahr 2005. Damals war das Kino in einer wirtschaftlichen Krise und die Geschäftsführerin hatte den Plan, die Spätvorstellung abzuschaffen.“ Er selbst habe damals an der Kino­kasse gejobbt und sich gedacht, das Kino sei so schön, es müsse doch möglich sein, ein Programm auf die Beine zu stellen, dass die Leute auch in die Spätvorstellung lockt. Er habe sich an ein Konzept gesetzt, den Titel „Zeise Latenight“ erfunden und zu seiner eigenen Überraschung das Go bekommen.

Slams sind von Anfang zentraler Bestandteil des Programms. „Ich wusste, dass Michel Abdollahi, mein alter Schulfreund aus der Grundschule Heidacker, eine Zeit lang immer als Bühnenautor zu Poetry Slams gegangen war und dachte, das könnte der richtige Moderator für diese Reihe sein“, erinnert Jan-Oliver sich heute. „Michel hatte zu der Zeit noch nie moderiert – aber er fand die Sache interessant und folgte meiner Einladung, als Moderator bei den Slams einzusteigen.“

 

Die Slams brachten den Aufschwung

 

Das Zeise erlebt vor 15 Jahren turbulente Zeiten, als parallel zur Startphase des Veranstaltungsprogramms eine Insolvenz droht, was die Gesellschafter aber letztlich dann doch abwenden. Es geht also weiter in den Hallen an der Friedensallee. Und ab April 2006 sind die Singer und Songwriter am Start, gleich mit 150 Besuchern. Der Modus für die Veranstaltungen im Zeise ist seitdem annähernd unverändert.

Am ersten Freitag im Monat gibt’s den Singer Slam, am zweiten Freitag sie die Poeten am Start. Der dritte Freitag im Monat gehört den Kurzfilm-Cracks, die sich im Shortfilm Slam messen. „Das Besondere daran ist, dass die Filme nur gezeigt werden, wenn die Filmemacher auch dabei sind“, sagt Elwardt. Anfangs wurden auch die kleinen Säle genutzt, seit Januar 2007 nur noch der große. Und das Zeise hat schon eine Menge Künstler gesehen, die mittlerweile zu Stars wurden. So waren etwa Marc-Uwe Kling, Julia Engelmann, Gisbert zu Knyphausen Torsten Sträter und Hazel Brugger zu Gast.

 

Schauspieler und Regisseure sind gern zu Gast

 

Matthias Elwardt ist seit 2019 Chef der Zeise Kinos. Zuvor war er 29 Jahre lang Programmchef und Geschäftsführer vom Abaton am Grindelhof (Foto: Zeise Hamburg/Heike Blenk)

Matthias Elwardt ist seit 2019 Chef der Zeise Kinos. Zuvor war er Programmchef und Geschäftsführer vom Abaton (Foto: Zeise Hamburg/Heike Blenk)

Doch zurück in die Gegenwart. Und zu Matthias Elwardt, der eine klare Vorstellung von Kino hat, das über das Zeigen von Filmen hinausgeht: „Es sollte ein Ort des Gesprächs und der Diskussion sein und es macht mir selbst großen Spaß, immer wieder neue Schauspieler und Regisseure kennenzulernen.“ Er bekomme oft zu hören, dass die Akteure nur zu gern im Zeise zu Gast seien.

„Lars Eidinger zum Beispiel hat bei uns sein einziges Publikumsgespräch in Deutschland für den Film ‚Persischstunden‘ geführt.“ Viele solcher Begegnungen blieben noch lange in Erinnerung, so Elwardt. „Kürzlich war Jella Haase für eine Vorführung ihres Films ‚Lieber Thomas‘ hier bei uns zu Gast, wir waren ausverkauft, eine junge Frau aus dem Publikum fragte die Schauspielerin, was sie aus der Arbeit an dem Film mitgenommen habe.“ Jella Haase habe spontan mit einer Gegenfrage geantwortet: „Hast du mich nicht letztes Jahr bei der Premiere von ‚Berlin Alexanderplatz‘ hier im Zeise gefragt, was Glück ist?“ Dass sich die Schauspielerin an ein Publikumsgespräch von vor einem Jahr so gut erinnern könne, sei doch „ein wirklich schönes Kompliment für uns und unser Publikum“, findet Elwardt.

 

„Ich glaube ans Kino und bin guter Dinge“

 

Hat er angesichts des Trends zu Streaming zunehmend Angst vor der Zukunft, wenn es um seine Branche geht? „Es ist nur schwer zu beurteilen, wie sich die Situation entwickeln wird. Dafür brauchen wir wieder normale Zeiten“, sagt Elwardt. Aber auch: „Kino wird die Lokomotive bleiben, es ist der unkomplizierteste Ort, wenn es um den Genuss von Kultur geht.“ Abgesehen davon seien Produktionen wie „James Bond“ nur mittels des Kinos überhaupt zu refinanzieren.

„Netflix bekommt eine Serie für 20 Millionen, aber eine Marvel-Verfilmung kostet eine Viertelmilliarde.“ Auch gehe er nicht davon aus, dass die Streamingdienste alle überleben. „Der neue ,James Bond‘ ist trotz Corona jetzt schon der dritterfolgreichste ,Bond‘ aller Zeiten, trotz aller Hindernisse und Beschränkungen, die wir aktuell haben. Ich glaube ans Kino und bin guter Dinge.“ Wo sieht er die besonderen Herausforderungen für das Zeise? Es müsse darum gehen, auch bei der Programmgestaltung die Balance zu halten. „Wir haben einen großen, sehr schönen Saal und zwei kleinere, um die Kosten zu decken, müssen wir sehen, dass wir den großen Saal immer halbwegs voll kriegen.“

 

Mehr Aufmerksamkeit für den deutschen Film

 

Und wo sieht ein Kinobetreiber und Fan wie Matthias Elwardt den deutschen Film im internationalen Vergleich? „Der hätte ganz klar mehr Aufmerksamkeit verdient“, antwortet er. „Es gibt viele tolle Filmemacher, wir haben etwa Andreas Dresen und Fatih, aber in Deutschland auch noch so ein althergebrachtes Verständnis von Kultur mit Ballett, Oper und Theater im Zentrum.“ Im Feuilleton werde der Film immer noch etwas stiefmütterlich behandelt.

zeise.de


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Billbrook: ein Stadtteil zwischen Industrie und Natur

Etwas ab vom Schuss, aber weltweit vernetzt liegt das Industriegebiet im zentralen Osten der Stadt. Ein Gespräch mit Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, über Billbrook als Riesenchance für Hamburg.

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Philipp Schmidt

Aus der Luft erscheint Billbrook als Stadtoase – aber nicht als grüne. Grün ist nur der Oasenrahmen, der sich durch die angrenzenden Viertel Moorfleet, Billwerder, Veddel, Hamm und Billstedt ergibt. Billbrook wird farblich von Grautönen bestimmt. Ein großer grauer Fleck. Der kommt von der Industrie. Speditionen, Lager- und Produktionshallen, Logistikzentren, Werkstätten, Verbrennungsanlagen, Paletten- und Recyclinghöfe stehen dicht an dich. Dazwischen bewegen sich allerhand Lkw, Schaufelbagger und andere Großmaschinen.

Hier, im mittleren Hamburger Osten, wird nicht gelebt, hier wird malocht und die Wirtschaft in Gang gehalten. Auf einer Fläche von rund 770 Hektar lenken über 1.000 Unternehmen mit zusammen mehr als 20.000 Mitarbeitern ihre weltweiten Geschäfte, machen Milliarden. Und es soll noch viel mehr werden.

Das Entwicklungskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sieht eine Modernisierung dieses größten norddeutschen Industriegebiets (außerhalb des Hamburger Hafens) vor. Etwa sollen neue, zukunftsorientierte Unternehmen hinzukommen und die Straßen, die unter der jahrelangen intensiven Nutzung gelitten haben, saniert werden. Die großen Pläne der Politiker bringen aber auch Probleme mit sich.

 

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Wohnen geht hier nur für wenige: Schaufelbagger und Schornsteine bestimmen Norddeutschlands größtes Industrie-gebiet. Foto: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Falko Droßmann, können Sie Ihre aktuellen Aufgaben in Billbrook mit einem Adjektiv beschreiben?

Falko Droßmann: Herausfordernd.

Was ist besonders herausfordernd?

Wir haben in Billbrook das größte Industriegebiet Norddeutschlands. In Hamburg-Mitte sitzen rund 46.500 Unternehmen, wovon sehr viele Industriebetriebe in Billbrook sind. Meine Aufgabe ist es, Produktionsmöglichkeiten für diese Unternehmen zu erhalten und Erweiterungsmöglichkeiten zu schaffen. Außerdem gilt es, den Klimaschutz voranzutreiben.

Erweiterung der Industrie und mehr Klimaschutz – wie geht das zusammen?

Durch neue Technologien. Was die Firmen in Billbrook in den letzten Jahren allein in Filteranlagen und komplett neue Produktionswege investiert haben, ist enorm. Wir als Stadt können zusätzlich beraten und erklären, welche Förderprogramme es gibt. Kurz: Industrie und Klimaschutz sind überhaupt kein Widerspruch.

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Falko Droßmann sieht den
Stadtteil nicht als „abgehängt“ – im Gegenteil. Foto: privat.

Wenn in Billbrook so viel Gutes passiert, wie kommt es, dass der Stadtteil immer noch als „abgehängt“ gilt?

Ich kenne die Ansicht einiger, dass nicht nur Billbrook, sondern der gesamte Osten Hamburgs vom Rest der Stadt abgehängt ist. Teilweise wird da gar von „vergessenen Stadtteilen“ gesprochen. Aber mal zu den Fakten: In Billbrook arbeiten Tausende von Menschen, die Milliarden erwirtschaften. Dort befinden sich hochagile Wirtschaftsunternehmen, die weltweit agieren. Ich würde also absolut nicht von „abgehängt“ sprechen.

Als Industriegebiet nicht, aber als Wohngebiet. Das war es einmal, bevor es in den 1950er Jahren umfunktioniert wurde.

Damals war es eine Generationenentscheidung für die Industrie, die Bestand hat und immer haben wird. Niemand verfolgt das Ziel, in Billbrook Wohnraum zu schaffen. Billbrook ist kein Wohngebiet und wird es auch nie werden.

Rund 2.000 Hamburger wohnen dort allerdings noch.

Ja. Ein Großteil von ihnen, 650 Menschen, leben in einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft, weitere 600 in einer Flüchtlingsunterkunft.

Wie würden Sie die Lebensbedingungen dieser Billbrooker beschreiben?

Es handelt sich um eine besondere Lebenssituation. Das Umfeld ist geprägt von Industriebetrieben und großen Verkehrsachsen. Aber Billstedt mit seinen vielen Tausend Einwohnern und dementsprechend vielen Angeboten sowie die Elbe sind ja nicht weit. Es gibt für diese Billbrooker also eine exotische Mischung aus alltäglichen Eindrücken und Möglichkeiten.

Festzuhalten ist also: Nicht mehr Wohnraum für Billbrook – dafür aber bald noch mehr Industrie, wie aus einem Entwicklungskonzept für den Stadtteil hervorgeht. Bevor wir dazu kommen: Kann man in Billbrook eigentlich von einer alten und einer neuen Industrie sprechen?

Nein. Es gibt einige Stadtplaner, die Debatten über solche Begriffe führen, und klar, in Billbrook stehen eingeschossige Bauten, die wir in der Form heute nicht mehr errichten würden, weil wir vorhandene Flächen besser nutzen können. Trotzdem sollte man hier nicht von „alt“ und „neu“ sprechen, allein weil es in den alten Gebäuden hochmoderne Industrieanlagen gibt. Erst kürzlich habe ich mehrere Unternehmen besucht und mir einen Eindruck verschafft.

 

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Ein bisschen Idylle spendet Billbrook die Bille, Hamburgs drittgrößte Flusslandschaft. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Mit welchem Fazit?

Dass es eine echte Standortsicherheit gibt und die Möglichkeit, noch zu expandieren.

Welche Unternehmen haben Sie denn besucht?

Zum Beispiel eine Müllverbrennungsanlage, einen Lebensmittelkonzern und ein Kunststoffunternehmen.

Haben die Unternehmer auch konkrete Wünsche an Sie gehabt?

Ein ganz eindeutiger Wunsch war die Sanierung bzw. der bedarfsgerechte Umbau des Straßennetzes, welches ja zum Teil aus den 50er Jahren stammt.

Die Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Circa 22.000 gibt es in Billbrook …

… und das nur direkt vor Ort. Manche Billbrooker Firmen haben weltweit 6.000 Beschäftigte.

Noch mehr Jobs könnten es durch das angesprochene Entwicklungskonzept namens „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ geben. Können Sie das auch in Zahlen ausdrücken?

Darüber zu reden, wäre Rechenschieberei.

Dann reden wir doch über das Konzept an sich. „Stromaufwärts“ sieht vor, ein Kreativzentrum in Billbrook aufzubauen. Was genau bedeutet das?

Zunächst mal: Industrie ist kreativ! Nehmen wir den Kunststoffhersteller. Der hat ein weltweites Patent auf Kunststoffe, welche die Eigenschaften von Metallen haben. Das ist möglich, weil in Billbrook Forschungsergebnisse und industrielle Bedürfnisse miteinander verbunden werden und schließlich etwas Neues produziert wird. Und ein Kreativzentrum soll bewirken, dass der Industriestandort in Billbroook neu geordnet wird. Wie das genau aussehen wird, haben wir auf hundert Seiten dargelegt.

Können Sie es kurz zusammenfassen?

Wir wollen, dass Billbrook ein noch modernerer Nutzungsstandort für Industrie wird, und zwar mit einem zeitgemäßen Logistikkonzept. Wir wollen kluge Flächennutzung und digitale Anbindungen.

Und? Läuft bisher alles nach Plan?

Na ja, es sind schon dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Haben Sie ein Beispiel für so ein dickes Brett?

Wir müssen einen nicht gerade geringen Teil der Straßen sanieren. Die Billbrooker Straßen waren bei der Erbauung nicht darauf ausgelegt, dass täglich Hunderte von Lkw drüber fahren. Wir hatten auch schon einen Sanierungsplan, haben dann aber feststellen müssen, dass die Wasserleitungen, die sich unten im Boden befinden, über 80 Jahre alt sind. Also müssen wir jetzt erst mal die Leitungen erneuern. Es wäre nicht schlau, wenn wir schnell neue Straßen bekämen, die für die Unternehmen natürlich eine Bereicherung wären, uns aber irgendwann die alten Leitungen aufbrechen.

 

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Billbrook: Norddeutschlands zweitgrößtes Industriegebiet nahe der schönen Flusslandschaft.

 

Haben Sie einen Zeitpunkt anvisiert, wann die industrielle Entwicklung in Billbrook bestenfalls abgeschlossen sein soll?

Nein, denn sie wird nie abgeschlossen sein. Wir machen uns jetzt mit den Firmen, den Grundeigentümern, den Bürgern und der Stadt gemein – sam auf den Weg. Dabei haben wir keinen Masterplan, der, sagen wir, 2030 geschafft sein soll. Es geht ja um nicht weniger als die Sicherung dieses riesigen Industriegebiets. Und das erfordert, dass wir alles, auch uns selbst kontinuierlich überprüfen.

Wenn Sie sich in zehn Jahren weiterhin um Billbrook kümmern, werden Sie Ihre Aufgaben also nach wie vor als „herausfordernd“ beschreiben?

Absolut. Ich meine: Wir sprechen hier von einem Weltmarkt, und deshalb brauchen wir bestmögliche Produktions- und Arbeitsbedingungen. Das alles zu schaffen, wird immer eine Herausforderung sein.

Auch für Hamburg im Ganzen? Welche Vor- und Nachteile hat „Stromaufwärts“ für die gesamte Stadt?

Ich sehe da ausschließlich Vorteile. Alle beteiligten Behörden der Freien und Hansestadt ziehen an einem Strang, um dieses Projektgebiet weiter zu entwickeln. Wir erschließen zum Beispiel neue Wohnareale wie die Osterbrook-Höfe, wo wir gemeinsam mit den verschiedenen Beteiligten zu ganz neuen Flächenumnutzungen kommen konnten. Das alles geschieht in Gebieten, die sonst eher unterwertig genutzt waren. Mehr und mehr Hamburgerinnen und Hamburger können in diesen Quartieren begrüßt werden, und die vielen Arbeitsplätze vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag für die gesamtstädtische Wirtschaftskraft.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Gegen den Strom“ – Öko-Thriller-Drama aus Island

Sehr artifiziell, völlig überhöht – und unbedingt sehenswert: Benedikt Erlingssons zweiter Film „Gegen den Strom“, in dem eine Chorleiterin den Kampf gegen einen mächtigen Industriekonzern aufnimmt.

Text & Interview: Maike Schade

Mit „Von Menschen und Tieren“ präsentierte der isländische Schauspieler und Regisseur Benedikt Erlingsson ein ebenso skurriles wie beachtenswertes Debüt. Sein neuer Film, „Gegen den Strom“, handelt wieder vom Missbrauch der Natur, ist aber wesentlich klassischer und stringenter erzählt – auch wenn Erlingsson sich einiger ungewöhnlicher Kniffe bedient (doch dazu später mehr). In Deutschland wird „Gegen den Strom“ als Komödie angepriesen. Das ist es nicht. Auch Erlingsson kann (und will) diese Einordnung nicht nachvollziehen. Es ist, so sagt er uns im Gespräch, ein „enviromental action arthouse thriller-drama with some jokes“. Das wiederum trifft es ziemlich gut.

Im Mittelpunkt dieser raffiniert gestrickten Heldengeschichte: Halla, Mitte 40, Chorleiterin (Halldóra Geirharðsdóttir). Eine angenehme, sympathische Frau – die aber ein Doppelleben als Umweltaktivistin führt. In warme Klamotten eingemummelt, schleicht sie sich wiederholt auf das Gebiet einer Aluminiumhütte, um durch Sabotage an Strommasten den Betrieb in der Fabrik lahmzulegen. Erst mit Pfeil und Bogen, um mit einem Stahlseil die Leitung kurzzuschließen, später mit Sprengstoff.

Tatsächlich gibt es in Island von Naturschützern starken Widerstand gegen die Aluminiumfabriken; auch Benedikt Erlingsson gehörte einer Aktivistengruppe an. Glücklicherweise beschloss er, seinen Protest statt auf handgreifliche auf künstlerische Weise kundzutun.

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„Gegen den Strom“ handelt vom Missbrauch an der Natur. Foto: Pandora Film

Dass er mit seinem Film keineswegs nur unterhalten, sondern auch eine Botschaft loswerden will, macht uns der Regisseur beständig deutlich: Der Soundtrack ist Teil der Szenerie, und zwar in Gestalt eines isländischen Instrumentaltrios und eines dreiköpfigen ukrainischen Chors. Beide sind nicht nur sichtbar, sondern greifen auch in die Handlung ein, fixieren gelegentlich den Zuschauer, zwinkern ihm zu – was man unterhaltsam, aber auch durchaus störend finden kann.

Das ist gewollt: Denn kaum hat man sich wieder in der Geschichte verloren, bangt um Halla, die, von einem Hubschrauber gejagt, durch die karge, doch betörende isländische Weite hetzt, dann kickt Erlingsson einen mit seinen Musikern wieder aus dem Geschehen. Hey, scheint er einem mit dem Finger gegen die Brust zu stupsen, wach auf, ich habe dir etwas zu sagen!

Die beiden Musikensembles repräsentieren – wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter – die zwei unterschiedlichen Bedürfnisse, die Halla antreiben: Soll sie ihren Kampf gegen die Aluminiumhütte vorantreiben oder ihn aufgeben, um die bevorstehende, lang ersehnte Adoption eines ukrainischen Mädchens nicht aufs Spiel zu setzen? Weitere personifizierte Manifestation dieses Gewissenskonflikts ist Hallas Zwillingsschwester Ása, eine esoterisch angehauchte Yoga-Lehrerin, ebenfalls gespielt von der überragenden Halldóra Geirharðsdóttir. Erlingsson inszeniert den inneren Kampf auf beeindruckend metaphorische Weise, verpackt philosophische Grundsatzfragen, einen moralischen Appell und deutliche politische Kritik mehr als gekonnt in einem äußerst spannenden, dabei humorvollen Gewand. Wir haben ihn und Halldóra Geirharðsdóttir zu einem Gespräch getroffen.

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Benedikt Erlingsson: Regisseur, Schauspieler, Aktivist.

SZENE HAMBURG: Benedikt, du zeigst uns Halla als eine starke Frau, die weder für ihren Kampf noch zum Kinderkriegen einen Mann braucht. Bist du ein Feminist?

Benedikt Erlingsson: Ja, vielleicht. Ich würde diese Bezeichnung als Ehre empfinden. Ich habe drei Töchter, das zwingt mich ja gerade dazu, einer zu sein. Und ich komme aus einer Familie von Matriarchinnen. Ich hatte eine sehr starke Mutter und zwei Großmütter, die die Oberhäupter der Familie waren.

Ist das in der isländischen Gesellschaft so üblich?

BE: Ja, dort gab es und gibt es viele starke Frauen, die führten und führen. Ich glaube, das kommt vielleicht von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Wir haben viele Feministen in ganz Nordeuropa, weil wir alle dieses Buch gelesen haben.

Eine sehr interessante Sichtweise … Halldóra, ist Pippi Langstrumpf für dich auch ein Vorbild?

Halldóra Geirharðsdóttir: Nicht bewusst. Sie ist natürlich Teil unseres Lebens. Bislang habe ich das nicht so gesehen wie Benedikt. Aber ich stimme ihm zu.

Hm, Pippi Langstrumpf als Blaupause für Halla? Darauf wäre ich nicht gekommen, ich dachte eher an eine Göttin. Vielleicht auch David und Goliath. Oder Robin Hood.

BE: Pippi Langstrumpf ist eine Göttin! Aber im Ernst, natürlich dachte auch ich an Artemis, die Göttin der Jagd und Beschützerin von Frauen und Kindern. Und, in gewisser Weise, auch an Athena, die Weise, die immer eine Lösung findet.

Warum hast du Halldóra für diese Rolle ausgesucht?

BE: Tatsächlich dachte ich schon beim Schreiben des Drehbuchs an Dóra, aber irgendwie bin ich unterwegs vom richtigen Weg abgekommen. Ich schäme mich sehr zuzugeben, dass ich Castings veranstaltet habe. Irgendwann fiel es mir aber wie Schuppen von den Augen: Ich brauchte eine starke Frau, eine Göttin – und das ist sie. Wir kennen uns schon aus unserer Kindheit, waren zusammen auf der Schauspielschule, haben bei unserem ersten Job und später an mehreren Theatern zusammen gearbeitet.

Halldóra, wenn ich das richtig verstanden habe, ist Halla eine Kurzform deines eigenen Namens. Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen dir und ihr?

BE: Darauf würde ich gerne antworten. Halldóra bezieht in der #MeToo- Debatte eine sehr klare Position. Sie ist wie Halla eine wirkliche Kämpferin, auch in feministischer Hinsicht. Sie ist eine Musikerin, spielt Saxofon. Sie ist eine Revolutionärin. Sie hat viel in sich, was auch die Filmfigur hat.

 

Seht hier den Trailer zu „Gegen den Strom“

 

Halldóra, stimmst du ihm zu?

HG: Och, ja, ja … Und ich war ja auch für sieben, acht Jahre alleinerziehende Mutter. Ich weiß sehr gut, wie es ist, wenn man alles alleine machen muss. Und wie es ist, Mutter zu sein. Ich hatte also einen sehr einfachen Zugang zu Halla und konnte gut verstehen, wie sie und warum sie so handelt.

Nun hat Halla ja aber eine Zwillingsschwester, eine andere Seite. Kannst du die auch verstehen?

HG: Ja. Das ist wohl etwas, das man lernt, wenn man älter wird. Dir wird klar, dass du geduldiger werden und in manche Dinge tiefer eintauchen musst. Das Äußerliche ist dir nicht mehr so wichtig. Ása ist bereit, ins Kloster zu gehen. Ich selbst habe da auch einmal einige Zeit verbracht. Ich konnte mich also auch gut in sie hineinfühlen.

Die beiden Schwestern symbolisieren, so verstehe ich es, eigentlich zwei Seiten einer Person, den äußeren und den inneren Kampf, den Halla ausficht. Benedikt, wie bist du darauf gekommen, das mit Zwillingen darzustellen?

BE: Na ja, das ist ja ein sehr altes Stilmittel. Außerdem habe ich selbst Zwillingstöchter, und ich kenne welche in Reykjavík, die für die Natur kämpfen. Ich habe schon in einer frühen Phase des Drehbuchschreibens darüber nachgedacht. Weil wir ja alle diese zwei Seiten in uns haben, diese Zerrissenheit – sollen wir für das große Ganze handeln oder zu unserem persönlichen Besten? Die Zwillinge konnten diesen Kampf auf metaphorische, cineastische Weise darstellen.

 

„Ich war ein frustrierter Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte“

 

Wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

BE: Ich war Mitglied einer Aktivistengruppe gegen die Aluminiumhütten, also war mir dieses Thema sehr nah. Wir hatten Bulldozer und Ähnliches, haben viele Male versucht, etwas gegen diese Strommasten auszurichten. Mehrmals haben Farmer versucht, sie in die Luft zu jagen und das Tal zu retten. Und da habe ich begonnen, darüber nachzudenken, ob das wirklich der richtige Weg ist. Ist das Sabotage? Und wenn ja, ist das in diesem Falle gerechtfertigt? Ich war also dieser frustrierte Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte, und entschied dann aber, stattdessen lieber einen Film darüber zu machen.

HG: Feigling. Aber na ja, er hat ja auch eine Familie …

Ah, deshalb diese kuriose Adoptions-Geschichte …

BE: Mhm ja, das ist wohl so. Aber das Kernproblem des Ganzen ist natürlich der Klimawandel. Und das paradoxe Verhalten der Regierungen, die ganz einfach und mal eben so Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklären. Menschen, die für die Natur und damit auch unsere langfristigen Interessen kämpfen! Die Schwachstelle unseres demokratischen Systems ist es, wie einfach Regierungen so manipuliert werden können, dass sie mit denjenigen zusammenarbeiten, die ihre eigenen, speziellen Interessen verfolgen – entgegen denen der Menschheit. Das ist eine Debatte, die überall, in allen Ländern und Gesellschaften geführt wird.

Es gibt diese Szene, bei der die Ministerialen unbewusst eine Art magischen Kreis bilden, und Halla spürt oft tief ins Moos hinein. Gibt es in Island den Glauben an die mystische Mutter Erde?

HG: Wir würden nie sagen, dass wir daran glauben. Aber wir würden auch nie sagen, dass es sie nicht gibt. Wir praktizieren aber keine Riten oder dergleichen.

BE: Das ist eher eine spirituelle Sache. Ich würde sagen, wir fühlen die Macht der Natur. Und wir respektieren sie. Dóra hatte da übrigens eine schöne Idee. Wir sprachen über Mutter Natur und ihren Missbrauch. Und sie sagte: Vielleicht sollten wir sie nicht Mutter Natur nennen, sondern unser Kind. Der Himmel, die Atmosphäre, die Ozeane, sie alle sind unsere Kinder. Kinder, die missbraucht werden. Vergiftet. Dann würden wir vielleicht viel eher losrennen und versuchen, sie zu retten. So wie Halla.

Als Sündenbock für Hallas Anschläge muss im Film ein Ausländer herhalten, der immer wieder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist. In Island spielt Immigration aber keine große Rolle, oder?

BE: Nein, nicht wirklich, zu uns kommen kaum Flüchtlinge. Es gibt auch keine Partei, die irgendwelchen Rassismus predigen würde, nur ein paar Einzelpersonen. Aber das ist ein universelles Thema. Es ist so einfach, dem Ausländer die Schuld zu geben. Das passiert überall derzeit.

Gegen den Strom“: Ab 13.12. im Kino; Regie: Benedikt Erlingsson. Mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Juan Camillo Roman Estrada.


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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