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Hamburgerin des Monats: Hannah und der Schwer-in-Ordnung-Ausweis

Hannahs Gegenentwurf zum Schwerbehindertenausweis ist ein viraler Hit im Netz. Als sie und ihre Eltern die Chance erkennen und anderen mit dieser Botschaft helfen, wird aus der Idee der 14-Jährigen eine Tatsache. Die Hamburger Sozialbehörde will den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ jetzt offiziell ausstellen. Nicht als Ersatz. Aber als Zeichen. Ein Gespräch mit der Urheberin und ihren Eltern

„Alle sind besonders…“

SZENE HAMBURG: Hannah, du hast einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Dann hast du dir einen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ gemacht, weil du dachtest, der andere passt gar nicht zu dir. Warum?
Hannah Kiesbye: Na ja, weil eben alle schwer in Ordnung sind. Egal, was für Besonderheiten sie haben.

Du bist also mit 14 Jahren bereits eine „Ausweiserfinderin“ – weißt du schon, was du später machen möchtest?
Hannah: Ich bin noch am Überlegen. Ich hab schon viele Ideen, was ich mal werden könnte. Zum Beispiel Lehrer oder Arzt oder Friseur oder so. Oder vielleicht sogar Bäcker … dann muss ich zwar früh aufstehen, aber das stört mich nicht.

Vielleicht hast du ja ein Hobby, das du irgendwann mal gern den ganzen Tag machen würdest?
Hannah: Mein größtes Hobby ist Zirkus. Da mach ich Springseil und
Diabolo. Mit den zwei Stäben und in der Mitte das Diabolo, das wirft man dann hoch. Und mit Pois mache ich auch viel, das sind so Teile mit Tüchern dran, die man sich um die Hand legt und dann umherschwingt und Tricks macht.

„…normal ist man deswegen trotzdem“

Du hast also ganz schön viele Ideen und lässt dich auch gar nicht einschränken. Du weißt, was du willst. Welchen Tipp würdest du Menschen geben, die andere Menschen ausgrenzen, nur, weil diese anders sind?
Hannah: Meine Eltern und ich haben neulich einen Film geguckt, der heißt „ein Tick anders“. Das Mädchen, das diese Ticks hat, heißt Eva und jedes Mal, wenn sie aufgeregt ist oder sauer oder traurig oder nicht weiterweiß, dann spricht sie Wörter aus, die gar nicht zu dem Satz passen. Wie „Überfall“ oder so. Das ist ihre Besonderheit.

Inge Kiesbye, Hannahs Mutter: Ich hätte vielleicht noch ein Beispiel. Wenn ein Mädchen aus eurer Mädchengruppe geärgert wird, weil es anders ist als andere. Zum Beispiel, weil es immer Fragen stellt und dann kommt jemand, der sagt: „Oh, du nervst mit deinen Fragen“. Was würdest du zu der Person sagen?

Hannah: Ich würde sagen: Hey, hör mal auf, die zu ärgern. Die ist doch auch normal, es gibt doch eigentlich keinen Grund, die so zu belästigen. Und jetzt hör mal bitte auf damit. Oder wenn jetzt jemand diese Eva aus dem Film ärgern sollte, dann würd ich sagen: Hey, die Eva ist doch auch normal, auch wenn sie vielleicht ein bisschen irritiert – kann ja sein – aber normal ist man deswegen ja trotzdem.

Ich finde das Wort „normal“ ganz schön schwierig. Aber vielleicht hast du ja eine Idee, was normal ist …
Hannah: Mmmh … das fällt mir grad auch nicht ein …

Hast du schon mal mit jemandem darüber gesprochen, was normal ist und was nicht?
Hannah: Nicht so ausführlich.

Kai Bruhn, Hannahs Vater: Wir sprechen viel über Besonderheiten. Das ist ein Begriff, der interessanter ist als „normal“.

Hannah: Ja, zum Beispiel meine Freundin L. Die kann nicht immer vollständige Sätze machen. Wenn sie erzählt, was sie erlebt hat, dann sagt sie eher so einzelne Wörter.

Verstehst du sie trotzdem?
Hannah: L. kenn ich ganz gut und darum habe ich mich auch schon daran gewöhnt. Eine andere Klassenkameradin zum Beispiel macht oft laute Schluckgeräusche, wenn es ganz ruhig in der Klasse ist.

Inge: Und was ist deine Besonderheit? Hast du eine?

Hannah: Soll ich einfach mal den Namen dieser Besonderheit nennen? Trisomie 21.

Du bist in einer Mädchengruppe, in der alle eine Besonderheit haben – kommen da auch mal neue Mädchen dazu, oder ist die immer schon gewesen, wie sie jetzt ist?

Hannah: Die war von Anfang an so. Ich kannte meine Freundinnen aus der Gruppe schon vorher. Die sind auch auf meiner Schule. Aber S. und A. hab ich in der Gruppe neu kennengelernt.

„Das war schon ungewohnt und ein bisschen schwierig“

Musstest du dich an die Besonderheiten von den beiden erst gewöhnen?
Hannah: Da kann ich mich nicht mehr so richtig dran erinnern …

Inge: Die Gruppe gibt es jetzt auch schon drei Jahre. Aber wenn zum Beispiel jemand neu zum Zirkus dazukommt, wie zum Beispiel A., wie ist das für dich?

Hannah: Sie hat die Besonderheit, dass sie immer ganz offen auf andere zugeht. Wie bei mir. Direkt: „Moin, hallo, ich bin A.“ Das war schon ungewohnt und ein bisschen schwierig.

Du hast jetzt viele interessante Sachen über deine Hobbys erzählt. Magst du uns noch etwas über deine Schule erzählen?
Hannah: Ich geh auf die Schülerschule in Pinneberg. Da mag ich am liebsten die Fächer Mathe und Lebenspraktisches Projekt. Da lernt man was Praktisches für seinen Alltag später. Zum Beispiel kochen, auf den Markt gehen, bügeln und so.

Was macht dir daran so viel Spaß?
Hannah: Die Lehrerin, die das leitet, die mag ich gerne. Und die Kinder, die da mitmachen, sind meine Freunde.

Fast geschafft, Hannah. Eine letzte Frage: Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Hannah: Meine Hobbys sind Zirkus, die Mädchengruppe und reiten. An mir mag ich mein Lächeln, meine Klamotten und dass ich ’ne Brille aufhabe. Und wenn ich mein Kleid angezogen habe, finde ich auch, dass ich schick aussehe.

Interview: Jenny Wirschky / Foto: Jakob Börner

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special “Vielfalt leben”, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der ersten Ausgabe aus Juni 2017.

Zeit für Inklusion

Zeit für Inklusion: Am Rathaus weht die Inklusionsfahne, vier Wochen lang stehen Menschen mit Behinderungen im Mittelpunkt.

Hamburg ist inklusiv! Oder zumindest auf dem besten Weg dorthin. Seit die UN die Behindertenrechtskonvention 2006 auf den Weg gebracht hat, spielt das Thema eine immer größere Rolle in der Stadt. In Hamburg engagieren sich vor allem die Senatskoordinatorin Ingrid Körner und das Inklusionsbüro für ein gleichberechtigtes Miteinander aller Menschen. Doch obwohl die Gleichberechtigung bereits im Grundgesetz verankert ist, ist sie noch längst nicht Alltag. Vorurteile, Unsicherheiten, Unkenntnis, Ignoranz – es gibt viele Gründe, die ein gemeinschaftliches Miteinander immer noch erschweren.

Mit dem Hissen der Inklusionsfahne am Rathaus haben Carola Veit, Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, und Ingrid Körner, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, die Veranstaltungsreihe „Zeit für Inklusion“ eröffnet

Darum ist es “Zeit für Inklusion”: „Es ist wichtig, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das Thema Inklusion zu schärfen. Nach wie vor sehen wir an vielen Orten in der Stadt, dass noch viel zu tun ist etwa in Sachen Barrierefreiheit. Denn ohne sie ist Inklusion und Teilhabe für behinderte Menschen nicht möglich“, sagte denn auch Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, als sie am  1. November zusammen mit Senatskoordinatorin Ingrid Körner am Hamburger Rathaus die Inklusionsfahne hisste. Am 13. November beginnt  offiziell die “Woche der Inklusion”. Bis zum 4. Dezember 2017 bieten  im gesamten Stadtgebiet Sportvereine, Kultureinrichtungen, Stiftungen, Bücherhallen und Bürgervereine weit mehr als 100 unterschiedliche Veranstaltungen für Menschen mit Behinderungen an. Auch wir sind dabei: In unserer Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint unser zweites Inklusions-Special.

Tipp: Der NDR sendet am 14. November 2017  im Radio (NDR 90,3) und im Fernsehen (Hamburg Journal) einen „Thementag Inklusion“.

Den Abschluss bildet die Auszeichnung „Wegbereiter der Inklusion“ im Rathaus am 4. Dezember durch Senatskoordinatorin Körner. Gewürdigt werden Projekte, Personen oder Initiativen, die sich auf den Weg gemacht haben, ihre Angebote inklusiv zu gestalten. „Mit der ‚Zeit für Inklusion‘ möchten wir auf die große Bedeutung dieses Themas für Menschen mit Behinderung aber auch für unsere gesamte Gesellschaft hinweisen. Ich freue mich, dass sich so viele Menschen in Hamburg mit Aktivitäten und Aktionen daran beteiligen“, so Senatskoordinatorin Körner.

Alle Angebote sind in einer Broschüre zusammengefasst und online erhältlich unter www.hamburg.de/inklusion

/ ILO / FOTOS: JAKOB BÖRNER


 Die erste Inklusionsbeilage ist erschienen im Juni 2017 – mit viel Herzblut eines großartigen inklusiven Teams. Doch trotzdem sind wir längst nicht Weltmeister in dem Thema. So kapitulierten wir zum Beispiel an der Erstellung einer wirklich barrierefreien Ausgabe. Denn das würde bedeuten, dass dieses Magazin auch für Sehbehinderte problemlos zu lesen ist (große Schrift, wenig Text – siehe Beispiel Seite 16) und auch gleichzeitig noch in einfacher Sprache erscheint. Wir haben uns in diesem Fall dagegen entschieden. Denn vor allem wollen wir mit diesen Specials vor allem eines: Das Thema in der Welt der Menschen ohne Behinderung platzieren, sensibilisieren, Ängste nehmen, aufklären, denn so fängt Inklusion bereits an. Wichtig auch: Fragen stellen, sich trauen. Und verstehen: Wir sind alle Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierungen oder Behinderungen!