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Ring & Wrestling – Göttersoap in der Staatsoper

Eine Telenovela auf der Opernbühne nennt sich, logisch, „operanovela“. Das neue Serien-Format der Staatsoper „Ring & Wrestling“ startet mit fünf Folgen. SZENE HAMBURG sprach mit dem Regisseur Dominik Günther, selbst ehemaliger Wrestler.

SZENE HAMBURG: Dominik Günther, „Der Ring des Nibelungen“ mit jenem Ring zusammenzubringen, in den die Wrestler steigen, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Ist der Begriff Ausgangspunkt für Gemeinsamkeiten?

Dominik Günther: Nein, da gibt es andere. Beides ist martialisch, kraftvoll und nutzt Pathos. Eine Soap dreht sich meist um eine Familie, in diesem Fall sind es die Götter aus Wagners Opern: Wotan, seine Ehefrau Fricka, Wotans Tochter Brünnhilde, die er allerdings mit Erda zeugte, und Donner, ein Security-Mann, der in Brünnhilde verliebt ist. Zu dieser Riege stoßen in jeder Folge neue Gäste, wie man das aus Telenovelas kennt. Freya, zum Beispiel, Frickas Schwester.

“die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden”

Inhaltlich geht es ja da weiter, wo Wagner aufhört: Den Göttern dämmert’s, dass sie nicht mehr gebraucht werden, doch das wollen sie nicht hinnehmen…

Walhall ist abgebrannt, die Götter sind auf der Flucht, wollen aber ihre Macht unbedingt zurückgewinnen. Dabei soll ihnen ein Held, ein neuer Siegfried helfen. Hier kommen die Wrestler aus der Kultveranstaltung „Rock & Wrestling“ von St. Pauli ins Spiel. Kandidaten wie The One and Only und Pinkzilla bewerben sich, aber auch Haidi Hitler, die große Wagner-Kennerin.

Wird es eine Persiflage auf Wagner-Opern?

Nein, wir nehmen die Arbeit sehr ernst, das Genre wird keineswegs niedergemacht. Mich als Regisseur interessieren dabei verschiedene theatralische Ausdrucksformen. Wrestling hat viel von einer griechischen Tragödie, vom Kampf Gut gegen Böse. Es sind Haltungen, die gegeneinander antreten. Ich wollte die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden.

“Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt”

Was passiert musikalisch oder: Wie viel Wagner bleibt?

Anteilig kann ich das nicht benennen. Der musikalische Leiter Leo Schmidthals, bekannt als Bassist der Band Selig, nimmt Puzzleteile aus Wagner-Kompositionen. Die spielt ein fünfköpfiges Orchester live, verfremdet durch elektronische Musik. Ich bin sicher, auch Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt, wenn er die Chance gehabt hätte – er war Künstler. Außerdem ist Punkrock aus der Westling-Szene zu hören sowie Rezitative aus den Opern, also in beiden Fällen extreme Musik.

Die einen singen göttergleich, die anderen bewegen sich in ihrem Metier, wie verbinden sie sich?

Die Opernsänger entwickelten während der Proben eine Affinität zum Wrestling, sie wollten wissen, wie es möglich ist, jemanden auf den Kopf zu knallen, ohne ihm das Genick zu brechen. Dahinter stecken ja Tricks, eine bestimmte Technik und choreografierte Bewegungsabläufe, wie beim Ballett. Darsteller aus beiden Metiers erzählen Geschichten auf der Bühne, spielen Theater.

Haben Zuschauer ohne Kenntnisse des Wagner-Kosmos den gleichen Genuss?

Ganz sicher, jeder Abend wird spektakulär. Wir erzäh­len keine Story à la Nibelun­gen. Vielleicht haben Wagner­-Kenner manchmal mehr da­ von, weil sie in Pinkzilla den Drachen Fafner oder Facetten von Alberich in Wotan er­kennen, aber andererseits gibt es auch Anspielungen auf die Wrestling­-Szene.

Für seinen „Ring des Nibelungen“ sah Wagner vier Abende vor, Sie planen fünf Folgen von „Ring & Wrestling“ an aufeinander folgenden Samstagabenden; wird erwartet, dass das Publikum dranbleibt?

Zu Beginn erzählt immer jemand, was bisher geschah, man kann also jederzeit ein­steigen.

“Das Publikum ist eingeladen, Position zu beziehen”

Wrestling hat eine große Fangemeinde, und Wagner-Musik Legionen von Anhängern – aber gibt es eine Schnittmenge im Publikum?

Vielleicht jetzt noch nicht. Aber das Publikum über­nimmt bei „Ring & Wrestling“ ja ebenfalls eine Rolle, es spielt die Fans der jeweiligen Helden und ist eingeladen, Position zu beziehen, seine Favoriten anzufeuern. Ich hoffe sehr, dass sich Zuschauer aus beiden Bereichen treffen.

Wird schließlich ein Siegfried-Nachfolger gefunden?

Ich will nicht zu viel ver­raten. Aber: Am Ende ist ein neues Walhall in Sicht!

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Beitragsfoto: Frank Egel

Opera stabile, Premiere am 7.9., 15., 22., 29.9. www.staatsoper-hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Mehr Hamburger Theater?


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Kolonialismus – Spuren der Ausbeutung

Hamburg als Hafenstadt gilt als „Tor zur Welt“. Früher war es das Tor zur Unmenschlichkeit. Die der Stadt viel Reichtum brachte. Ein düsteres Kapitel, das gerne vergessen wird.

Die Donnerstraße im schicken Ottensen, das Straßenschild um­geben von Altbaufassaden. Da­runter das Hinweisschild: „Fa­milie D. (18. bis 20. Jh.) – För­derer gemeinnütziger Einrich­tungen“. Das klingt erst einmal gut. Nach einer Familie, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht hat. Und in der Tat: Die wohlhabende Kaufmannsfami­lie um Conrad Hinrich Donner (1774–1854) ging großzügig mit ihrem Vermögen um und un­terstützte unter anderem die Altonaer Sonntagsschule zur fachlichen Weiterbildung von Handwerkern und Künstlern, ließ für das Kirchspiel Othmarschen die Christuskirche errich­ten und das Erholungsheim in Döse an der Nordsee erbauen und anschließend dem Altonaer Kinderhospital übereignen. Was nicht auf dem Schild steht: Die Familie erwirtschaftete ihren Reichtum zum Teil mit fragwür­digen Mitteln. Die Firma C.H. Donner handelte intensiv mit Waren wie Tabak, Zucker und Kaffee, die unter Ausbeutung der einheimischen Bevölke­rungen aus fernen Ländern nach Hamburg gebracht wurden. 1899 gründete Conrad Hinrich Donners gleichnamiger Enkel in La Paz die Vereinigung zur Aus­beutung der Gummivorkom­men in Bolivien.

So waren damals eben die Verhältnisse und kein Mensch ist moralisch vollkommen, wen­det so mancher ein. Deswegen die Straßennamen zu ändern, sei der überzogene Versuch, die Geschichte moralisch zu reini­gen, sagen Kritiker. Die immer noch stattfindende Reduzierung kolonialer Eroberer und Aus­beuter auf ihre positiven Seiten sei eine nostalgische Verklärung der Kolonialzeit, wenden Post­kolonialismus­-Forscher ein. So viel ist sicher: Deutsch­lands Rolle in der Kolonial­zeit fand in der Vergangenheit kaum ein öffentliches Bewusst­sein, die von Deutschen began­genen Verbrechen wurden bis heute nur ungenügend aufge­arbeitet. Dazu gehört beson­ders der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch­Südwestafrika (heute Namibia) von 1904 bis 1908, in Folge dessen schät zungsweise 70.000 bis 80.000 Herero und ungefähr 10.000 Nama umgebracht wurden.

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zim­merer verfolgt den mühseligen und von der deutschen Bun­desregierung halbherzig be­gegneten Versuch der Nach­fahren um Anerkennung und Entschädigung. Für ihn ist der Völkermord „der erste deut­sche Genozid“ des 20. Jahr­hunderts. In seinen Büchern arbeitet Zimmerer gegen das falsche Bild an, deutsche Ero­berer seien gute und harmlose Missionare gewesen. Seit 2014 ist er der Leiter der Forschungsstel­le „Hamburgs (post­)koloniales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ an der Univer­sität Hamburg, wo er und seine Mitarbeiter die Rolle der Hafen­stadt Hamburg in der Koloni­alisierung und die heute noch sichtbaren Folgen erforscht.

Jürgen Zimmerer im Interview über den Kolonialismus in Hamburg

Prof. Dr. Jürgen Zimmerer beschäftigt sich als Historiker mit dem Kolonialismus in Hamburg. Foto: UHH/Dingler

SZENE HAMBURG: Herr Zimmerer, welche Bedeutung hatte Hamburg für den Kolonialismus?

Prof. Dr. Jürgen Zim­merer: Die spannendere Frage ist… welche Rolle hatte der Kolonialismus für Hamburg? Dazu muss man sagen: Hamburg, das sich gerne als Tor zur Welt preist, war Deutsch­lands Tor zur kolonialen Welt. Das betrifft nicht nur den Umgang mit den deutschen Kolonien – also die Jahre 1884 bis 1918, denn auch die übrige Welt, mit der man als Hafen­ stadt Handel trieb, war eine koloniale Welt. Ökonomisch ist Hamburg also eng mit dem Kolonialismus verbunden. Auch kulturell. Denken Sie etwa an das Völkerkundemu­seum, das jetzt umbenannt wird. Völkerkundemuseen stellten damals fremde „Kulturen“ aus. Das Bürgertum wollte Exotik sehen, und diese Exotik wurde ausgestellt. Die zur Schau gestellte „Primiti­vität“ und die Andersartig­keit verstärkten wieder das Überlegenheitsgefühl der Europäer und dienten auch als Rechtfertigung kolonialen Ausgreifens; es herrschte ein symbiotisches Verhältnis zum Kolonialismus.

Welche Spuren sind heute noch sichtbar?

Nehmen Sie Hagenbecks Tierpark. Hagenbeck wird ge­feiert für die Erfindung des Freigeheges für Tiere. Um die Jahrhundertwende perfek­tionierte er aber auch die Völ­kerschauen, also die Menschenzoos. Darüber wurde er weltbekannt. Man stellte Menschen in ihrem „natür­lichen“ Umfeld aus – was bis heute nicht wirklich aufgear­beitet ist.

Was noch?

Zum Beispiel die Spei­cherstadt, ein Weltkulturerbe. Was wurde da eigentlich ge­speichert? Da sind wir auch wieder bei den Kolonialwa­ren. Oder ein anderes Bei­spiel: Ein Vorläufer der Uni­versität Hamburg wurde 1908 als Kolonialinstitut gegrün­det. Lange Zeit hat sich auch die junge Universität über die Kolonialwissenschaften de­finiert. Im Dritten Reich gab es sogar den Plan, ein zweites Kolonialinstitut zu schaffen.

Durch die 68er gab es dann den ikonischen Sturz des Wissmann­-Denkmals, das vor dem Hauptgebäude der Uni­versität stand – eine erste Auf­lehnung gegen die kollektive Amnesie. Da zeichnete sich der Wandel vom Kolonial­institut zu einer Institution der Dekolonisierung ab – ein Prozess, der 2014 durch die Einrichtung der Forschungs­ stelle „Hamburgs (post­)kolo­niales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ in ge­wisser Weise fortgesetzt wird.

“Hamburg ist tief mit dem Kolonialismus verbunden”

Sie kritisieren die Bundesrepublik häufig für ihre Trägheit in der Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit; besonders im Umgang mit dem Genozid an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Wie sieht es mit der Aufarbeitung in Hamburg aus? Die Einrich- tung der Forschungsstelle ist doch ein positives Beispiel.

Ja! Die Einrichtung die­ser Forschungsstelle ist ein deutliches Signal und wirk­lich avantgardistisch – und die Politik hat dafür die Rah­menbedingungen geschaf­fen. Eine Forschungsstelle als Grundlagenforschung, die für die Kolonialgeschichte Ham­burgs die Faktenlage erarbei­tet, auf deren Grundlage dann gesamtgesellschaftlich ein Erinnerungskonzept disku­tiert werden kann – das ist der richtige Weg. Es ist die einzige Forschungsstelle dieser Art in Europa, sie ist also ein veri­tables Alleinstellungsmerkmal und findet trotz geringer Mittel internationale Beach­tung. Hamburg ist als Ort da­ für auch richtig, eben weil es als Hafenstadt so tief mit dem Kolonialismus verbunden ist. Mittlerweile, ist nicht zu­ letzt auf Drängen Hamburgs das Thema Kolonialismus auch mit in den Koalitions­vertrag der Großen Koalition in Berlin aufgenommen wor­den. Da bewegt sich langsam etwas, aber die Bundespoli­tik ist nun einmal träge. Wenn Berlin klug ist, nutzt es, was in Hamburg schon da ist.

Welchen Fragen gehen Sie in der Forschungsstelle nach?

Dem Kolonialismus und seinen Folgen in seiner gan­zen Bandbreite, und zwar wo immer möglich in Kollabo­ration mit Kollegen und Kol­leginnen aus den ehemaligen Kolonien. So haben wir dieses Jahr etwa drei Künstler aus Namibia hier, die an einem Projekt über historische Fotos aus der Zeit des Genozids an den Herero und Nama arbei­ten.

Ein anderer Kollege aus Dar es Salaam, der Partner­stadt Hamburgs, sitzt an einer Studie über die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in Tansania. Ein großes Pro­jekt befasst sich mit der Insze­nierung des Kolonialismus in Hamburg, in der Gesellschaft, ebenso wie in den Theater­ und Opernhäusern in Ham­burg. So konnten wir bereits zeigen, dass eben auch das Thalia Theater wie auch alle anderen Bühnen genauso pro­ kolonial waren wie etwa Ha­genbeck. Es gibt auch ein Aus­stellungsprojekt über Hagen­beck, aber leider nicht mit den Vertretern von Hagenbecks Tierpark. Sie konnten bisher nicht für eine Zusammenar­beit gewonnen werden.

“Die Handelskammer hatte einen Anteil daran, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde”

Welche zukünftigen Projekte sind geplant?

Wir wollen uns vor allem der kolonialen Wirtschaft widmen, sowohl den koloni­alen Warenketten als auch der Beteiligung von Hamburge­rinnen und Hamburgern am transatlantischen Sklavenhan­del. Damit wollen wir auch unseren Beitrag zum Deutschen Hafenmuseum leisten, das ja in Hamburg gebaut wird. Derzeit sind wir auch in Gesprächen mit der Handelskammer, weil sie historisch einen ganz konkreten Anteil daran hatte, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde. Es gibt ein Schreiben an Bis­marck von 1883, in dem steht, Deutschland möge doch bitte Kolonien gründen. Es wäre wichtig, wenn wir sie als Part­ner gewinnen könnten.

Beim 2. Transnationalen Herero- und Nama-Kongress im April hat sich Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda für den Genozid in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika bei den Nachfahren der Opfer entschuldigt. Sie haben die Situation anschließend als „bewegenden Moment“ bezeichnet.

Das war auch ein bewe­gender Moment. Als jemand, der sich sein Berufsleben lang der Erforschung dieses Genozids widmet und auch des Rassenstaates, der dort errich­tet wurde, hat mich Brosdas Rede beeindruckt. Und dann auch noch hier im Rathaus, ausgerechnet im Kaisersaal, der nach dem Kaiser benannt ist, der den Genozid mitzu­verantworten hat. Dass ein Politiker in diesem Rahmen den Nachfahren gegenüber die richtigen Worte findet, ist begrüßenswert, gerade auch weil sich die Bundesregierung hiermit so schwertut. Und für die Nachfahren der Opfer war es ungeheuer wichtig. Sonst wären sie wieder mit diesem Gefühl abgefahren, dass sich in Deutschland kein Mensch darum kümmert, wie es ihren Vorfahren erging.

Wussten die Hamburger damals eigentlich vom Genozid an den Herero und Nama?

Ja! Wir konnten etwa nachweisen, dass Hamburg als Hafenstadt im Herero­krieg eine zentrale Rolle ge­spielt hat. Die Woermann­ Linie besaß ein Monopol für Truppentransporte nach Süd­westafrika und folglich lief der gesamte Truppen­ und Nachschubtransport über Hamburg. Es wurden regel­rechte Abschiedsfeiern für die abfahrenden Truppen geschmissen. Dieser Krieg war also auch im städtischen Bewusstsein.

“Es gab kaum ein Unrechtsbewusstsein”

Gab es ein Unrechtsbewusstsein?

Ganz generell kann man sagen: Es gab kaum ein Un­rechtsbewusstsein. Man war allgemein der Meinung, dass die Verdrängung der einhei­mischen Bevölkerung durch die Weltgeschichte gerechtfertigt sei, weil die „zivilisa­torische Überlegenheit“ dazu berechtige. Eine Haltung, die sich als Muster durch die gan­ze Kolonialgeschichte zieht.

Das heißt, die Hamburger Bürger wussten konkret, dass Tausende Menschen ausgebeutet oder sogar umgebracht wurden?

Sie konnten es wissen. Auch wenn das im Einzelnen schwer zu messen ist. Aber Kolonialismus war präsent, und auch die damit verbun­denen Menschenrechts­verletzungen. Ich denke, es ist wie im Dritten Reich: Die Leute wussten viel mehr oder konnten zumindest viel mehr wissen.

Ein anderes Thema, das für viel Diskussionsstoff sorgt, sind die Straßennamen, die nach Personen aus der Kolonialzeit benannt sind oder auf die Kolonialzeit verweisen. Etwa in der HafenCity.

Die gibt es auch in Wands­bek und in anderen Vierteln. Der Dominikweg oder die Wissmannstraße zum Beispiel.

“Es wird nostalgisch verklärt”

Wie sollte man Ihrer Meinung damit umgehen?

Das ist eine ganz schwie­rige Frage. Man muss offen darüber diskutieren. Und an dieser Stelle kann auch die Forschungsstelle einen Bei­trag leisten, indem sie die Fakten zu den Personen lie­fert. Wir müssen ganz offen darlegen, wofür diese Na­men stehen. Denn meistens wird auch da noch nostal­gisch verklärt. Da wird in der Beschreibung des Straßen­ schildes schon mal aus einem Wissmann, der ein Eroberer und Kriegsverbrecher war, ein „Forschungsreisender“ oder „Afrikakenner“. Man kann sich auch nicht auf die Be­hauptung zurückziehen, dass es damals anders gemeint ge­wesen sei. Wenn Gruppen wie die „Initiative Schwarze Men­schen in Deutschland“ sich über die Namen beschweren und man sie trotzdem nicht umbenennt, dann ist das im Grunde ein Akt der Neuset­zung. Die Gesellschaft sagt: Nein, wir wollen den Kriegs­verbrecher ehren. Ob man das will, ist dann die Frage.

Ich finde, dass man einen Teil der Namen umbenennen kann. Wichtig ist nur, dass man sie in Übereinstimmung mit dem historischen Kontext umben­ ennt. Man sollte einen Wiss­mann nicht durch irgendje­manden ersetzen, sondern vielleicht durch jemandem, der im Widerstand gegen ihn oder gegen den deutschen Kolonialismus in Ostafrika war. So bliebe der historische Bezug, das historische Ge­dächtnis erhalten.

Aber Wissmann würde aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

Man kann den Straßen­namen umbenennen und ein Schild hinzufügen: „Vormals Wissmannstraße“ und dann begründen, warum Wiss­manns Bild sich geändert hat und er kein Vorbild mehr für die deutsche Gesellschaft im 21. Jahrhundert sein kann. Vielleicht würde das mehr Aufmerksamkeit auf seine Taten lenken. Aber diese Ent­scheidung muss die Zivilge­sellschaft treffen, unter Ein­bindung der vom Kolonialis­mus und Rassismus am un­mittelbarsten Betroffenen.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Beitragsfoto: Jérome Gerull

Online: Kolonialismus.Uni-Hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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Privattheatertage – “Einfach mal mehr Mut haben”

Die Privattheatertage sind in Hamburg mittlerweile eine feste Größe. Zwölf ausgesuchte Produktionen aus ganz Deutschland sind im Juni zu Gast. Jurymitglied und Schauspielerin Marion Elskis erzählt, warum es in diesem Jahr ein Festival der starken Frauen ist – obwohl nur zwei der Stücke von Regisseurinnen inszeniert wurden.

SZENE HAMBURG: Marion Elskis, Sie stehen bei den Privattheatertagen nicht selber auf der Bühne, sondern saßen in der reisenden Jury. Wie ist das, einmal selbst in die Rolle des Kritikers zu schlüpfen?

Marion Elskis: Wunderbar. Es hat wirklich großen Spaß gemacht, einmal nicht beurteilt zu werden, sondern selber zu beurteilen.

Wie viel Stücke haben Sie sich angesehen?

Ich war in einer von insgesamt drei Jurys, wir haben uns Klassiker beziehungsweise moderne Klassiker angesehen. Das waren insgesamt 24, verteilt in ganz Deutschland. Und wir durften nur vier davon einladen! Da waren wir uns nicht immer in allem einig.

Welche Klassiker haben es zum Festival in Hamburg geschafft?

„Buten vör de Döör“ von Borchert, eine Produktion vom Ohnsorg Theater Hamburg. Außerdem wird „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller aufgeführt, ein Einpersonenstück aus Dresden. Und „Die Liebe der kleinen Mouche“ ist zu Gast, vom Theater Waidspeicher aus Erfurt. Die Hauptrollen sind zwei Puppen, die von Schauspielern gespielt und gesprochen werden – eine ganz zarte, liebevolle Inszenierung. Puppentheater kommt hier immer gut an, letztes Jahr hat ein Stück mit Puppen auch den Publikumspreis gewonnen. Außerdem „Hamlet“ von Shakespeare in einer sehr besonderen Inszenierung vom Forum Theater Stuttgart.

Puppentheater verzaubert, vielleicht weil es die Menschen zurück in die Kindheit versetzt…

Das ist das richtige Wort. Ich war zwei Stunden lang verzaubert, versunken in dieser Geschichte. Ich freue mich aber auf alle Stücke sehr, es ist wirklich ein toller Spielplan geworden.

Warum sind die Privattheatertage so wichtig für Privattheater?

Um darauf aufmerksam weil es in vielen Städten und vor allem in Hamburg Privat­theater mit sehr guten Stü­cken gibt. Für die ist unser Festival natürlich eine wahn­sinnig gute Plattform.

Axel Schneider, der Initiator der Privattheatertage, sagte letztes Jahr bei der Eröffnung, die Theaterhäuser in Hamburg hätten sehr unter der Eröffnung der Elbphilharmonie gelitten. Hat sich daran etwas geändert?

Die Eröffnung der Elb­philharmonie war natürlich ein Publikumsmagnet. Und auch verständlicherweise. Das ist etwas Neues, das macht die Leute neugierig. Und wenn man den Preis für eine Karte in der Elbphilhar­monie bezahlt, bleibt erstmal nicht so viel Geld für andere Kultureinrichtungen. Das ha­ben wir natürlich zu spüren bekommen, aber sicherlich war das bei allen Theater­häusern so, auch bei den staat­lichen. Da gab es denke ich gar keinen Unterschied.

“Es gibt wenig Rollen für ältere Frauen zwischen 40 und 60”

Dieses Jahr wird der Monica-Bleibtreu-Preis zum siebten Mal verliehen. Warum fiel die Wahl bei der Benennung auf Frau Bleibtreu?

Um ihr ein Denkmal zu setzen. Sie war eine tolle Schauspielerin, die leider viel zu früh gestorben ist. Ihr Va­ter hatte ein Theater in Wien, sie war dem Privattheater auch immer sehr verbunden. Das war wahrscheinlich auch ein Grund für diese Wahl.

Braucht es mehr starke Schauspielerinnen wie Monica Bleibtreu?

Es gibt natürlich einige starke Frauen. Es kann aber nie genug geben!

Ihre Jurykollegin Tanja Müller sagte, dass die Privattheatertage dieses Jahr ein Festival der starken Frauen sei. Welche Stücke sind unter diesem Aspekt besonders hervorgestochen?

Das Stück „7 Minuten“. Der Chef einer Firma will in darin die Pause um sieben Mi­nuten verkürzen. Die Frauen des Betriebsrates diskutieren dann darüber, jede mit ihrer eigenen Motivation und Ar­gumentation. Ein sehr gutes Theaterstück mit starken Frauen. Auch interessant ist die Produktion von „Ham­let“. Die Hauptrolle wird von einem Mann gespielt, alle an­deren Rollen von fünf Frauen. Klassische Werke sind ja nicht immer so leicht verständ­lich, aber dieses Stück hat sich sehr modern und aktuell an­ gefühlt. Es ist natürlich auch spannend zu beobachten, wie diese Frauen in verschiedene Rollen schlüpfen, aber das hatte wahrscheinlich auch ei­nen Kostenspargrund. Womit wir wieder bei den Problemen des Privattheaters wären.

Klassische Stücke sind nicht bekannt für ihre progressive Geschlechteraufteilung. Braucht es neues Material, um Frauen in der Theaterwelt zu stärken?

Beides ist wichtig. Sowohl alte Stücke, die mutig neu in­szeniert werden, als auch neue Werke. Die könnten auch gerne frauenlastiger sein, das wäre schön. Ich habe in der Vergangenheit öfter gedacht: „Typisch, jetzt gibt es schon wieder fünf Männerrollen und nur eine Frau.“ Deswegen habe ich mit einer Kollegin zusam­men ein Zweipersonenstück, beide weiblich, geschrieben und in Hamburg und Berlin aufgeführt. Es braucht mehr Stücke dieser Art. Außerdem fällt mir immer wieder auf, wie wenig Rollen es für äl­tere Frauen gibt. Bis zu einem bestimmten Alter ist die Geschlechteraufteilung meistens sehr ausgewogen, aber das An­gebot für Schauspielerinnen zwischen ungefähr 40 und 60 ist sehr dünn.

Wie kann man Frauen in der Theaterbranche noch weiter stärken?

Frauen sollten auch mal öfter den Mut haben, Regie zu führen. Dann würde sich das vielleicht von alleine ergeben, dass es mehr Rollen für Frauen gibt. Ich meine auch, wir haben jetzt bei den Privattheatertagen kaum Re­gisseurinnen. Ich zähle eben mal im Programm nach … Ja, es sind zwei von zwölf Stü­cken. Das ist schon bezeich­nend. Wir Frauen sind außer­ dem immer so selbstkritisch. Dabei sollten wir einfach mal Mut haben und breitbeiniger auftreten!

Interview: Sophia Herzog
Beitragsfoto: Bo Lahola

Privattheatertage, 19.6.-1.7.18, www.privattheatertage.de


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Madsen – “Es begann mit einer Krise”

Frontmann Sebastian Madsen sah sich plötzlich mit Ängsten konfrontiert – und erzählt im Gespräch zum neuen Madsen-Album „Lichtjahre“ (VÖ 15.6.18), wie er sie überwinden konnte.

SZENE HAMBURG: Sebastian, hast du die diesjährige ECHO-Prozedur verfolgt?

Sebastian Madsen: Ja, zuerst die Show im Fernsehen, und dann war ich noch auf der Aftershow-Party. Allerdings nicht lange – die Stimmung war echt schlecht.

Grund dafür war der Eklat um Farid Bang und Kollegah. Hast du mit Branchenkollegen darüber sprechen können?

Auf der Party war das noch etwas schwer, die Leute waren wie paralysiert. Viele waren sich auch nicht sicher, was sie über die Geschehnisse denken sollten und fragten sich wahrscheinlich: Dürfen die das? Ich hingegen habe mich gefragt: Warum unterstützt denn da keiner Campino…

…der als einziger anwesender Künstler schon auf der Bühne das Werk der Rapper kritisiert hatte. Hättest du es genauso gemacht?

Ja. Ich hatte sofort eine klare Haltung zu all dem und fand es sehr mutig, was Campino gemacht hat, gerade in seiner Position als alter Punk, der vielen Jugendlichen wahrscheinlich wie ein Oberlehrer vorkommt.

“Alle in der Band haben eine politische Haltung”

Was politische Statements angeht, haltet ihr euch mit Madsen grundsätzlich nicht zurück, geht etwa gegen Nazis und Atomkraft offensiv vor. In euren Liedern hingegen geht es eher um das Innenleben des Individuums, politische Parolen werden ausgespart. Gab es denn etwas, das ihr auf eurem neuen Album „Lichtjahre“ textlich unbedingt behandeln wolltet?

Erst mal stimmt es, dass es sich bei Madsen songtextlich vor allem um das Du und das Ich dreht. Das liegt aber nicht daran, dass ich keine Lust hätte, etwas Politisches zu schreiben, heutzutage gibt es in dieser Hinsicht ja viel zu bereden. Aber ich kann das einfach nicht so gut. Feine Sahne Fisch Filet können das, haben da einen sehr direkten Bezug und sind zu Recht eine der derzeit wichtigsten Bands. Bei mir aber kommt Politisches immer komisch rüber, so liedermachermäßig.

Woran liegt das?

Vielleicht daran, dass ich Popmusik so sehr liebe. Ich und alle anderen in der Band haben eine klare politische Haltung, mögen auch grundsätzlich so eine Aufbruchstimmung. Aber textlich fühle ich mich in einem persönlichen Bereich eben wohler.

Wo fing dieser Bereich für „Lichtjahre“ an, wo hörte er auf ?

Er begann mit einer persönlichen Krise. Inwiefern? Bei mir kamen zum ersten Mal in meinem Leben Angststörungen und Panikattacken auf. Das war noch in der Zeit vom „Kompass“-Album (erschienen 2015). Ich weiß auch nicht, ob das alles einherging mit einer allgemeinen Erschöpfung – es war schließlich schon unser sechstes Album.

Wie haben sich Angst und Panik geäußert?

Ich hatte das Gefühl, nicht auf die Bühne gehen zu können. Es hat mich total überfordert, Konzerte zu spielen.

“Wir haben alle Zelte abgebrochen”

Und wie hast du und wie habt ihr als Band darauf reagiert?

Wir haben erst mal alle Zelte abgebrochen und einige Monate gefühlt gar nichts gemacht. Das ging soweit, dass ich im Bett lag und nicht mehr aufstehen konnte. Furchtbar. Irgendwann habe ich aber wieder Kontaktgesucht, vor allem zu anderen Musikern, und ich habe gemerkt, dass es ungefähr jedem zweiten schon so ging wie mir. Ich war also kein Außerirdischer, sondern hatte ein Problem, was in der Gesellschaft total angekommen war und ist. Ich habe mir dann sehr viele hilfreiche Tipps geholt.

Was waren das für Tipps?

Unter anderem wurde mir zum Sport machen geraten, also zu Bewegung allgemein. Fiel mir nicht immer leicht, aberes half. Außerdem bin ich mit meiner Freundin in den Urlaub gefahren, was mir gut tat – auch wenn ich plötzlich sogar Angst vorm Fliegen hatte. Und der Tipp, der am meisten geholfen hat und gleichzeitig am unangenehmsten in der Umsetzung war, war der, dass man in Phasen, in denen man viel zu tun hat, vielleicht nicht jeden Abend Bier trinken, sondern rausgehen und Sachen machen sollte, also Dinge anpacken sollte. Dazu zählte auch der Bühnengang. Und jedes Mal, wenn ich mit mir zu kämpfen hatte, raus und auf die Bühne zu gehen und es doch gemacht habe, es also geschafft habe, kam so ein Gefühl auf, gewonnen zu haben – gegen mich selbst.

Sicher auch nicht leicht, sich in den schwierigeren Phasen zu beruhigen und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut werden wird. Wie ist dir das gelungen?

In solchen Situationen habe ich mich an eine Zeit erinnert, in der man noch keine Karriere und Termine hatte und alles cool war. Da hat man das Leben ja auch einfach genießen können. Dieser Gedanke war ein gutes Back-up für mich, wenn die Angst wieder aufkam.

Und heute? Wie ist dein Bühnengefühl?

Ich habe meine Probleme in den Griff gekriegt. Sie sind zwar textlich noch sehr präsent auf der neuen Platte, aber das ändert nichts daran, dass mir und allen anderen von Madsen die Konzerte wieder richtig Spaß machen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Dennis Dirksen

22.-24.6.18, Hurricane, Scheeßel


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FoodSZENE – Filmreifer Genuss

Jasmin unterwegs #10 – Ein bisschen Glamour, ein bisschen italienische Lebensfreude, viele gute Geschichten: Hier kommen Moment­aufnahmen aus der Hamburger Gastroszene von unserer Food-Expertin Jasmin Shamsi.

 

 Frühstück für Anspruchsvolle – Atelier F

Atelier F Restaurant - Frühstück in Hamburg

Glück hat, wer am Wochenende ausschlafen kann. Ein tolles Gefühl, wenn man ohne störende Geräuschkulisse von selbst erwacht und den Tag frei planen kann. Urlaubsstimmung! Dazu gehören zwei Faktoren: gutes Wetter und gutes Essen, wobei auf die Schnelle leider nur letzterer beeinflussbar ist. In Hamburg gibt es ein paar tolle Lokale, die Langschläfern mehr bieten als schnöde Brötchenkörbe und lieblos angerichtete Aufschnittplatten. Das Atelier F ist ein solcher Ort mitten in der Hamburger Innenstadt: Bei Croissants, Croques, üppig gefüllten Bagels, Avocado-Toasts, Dinkel-Pancakes oder Eggs Benedict bietet das Bistro einen hübschen Blick auf die für Hamburg typischen Kontorhäuser und den Bleichenfleet. Für alle, die einen Rausch ausgeschlafen haben: Stilvoll kontern mit Cremant! Hier guckt niemand schief, wenn man den schon mittags bestellt. Schließlich wird im Atelier F französisch-amerikanisches Lebensgefühl gefeiert. Spätestens beim Anblick der Servicekräfte in weißen Hemden und schwarzen Hosenträgern fühlt man sich an „Frühstück bei Tiffany“ erinnert – und gleich gibt man sich ein bisschen generöser. Auf der Terrasse sitzt man unter Sonnenschirmen an kleinen Marmortischen eng an eng, drinnen hat man die Wahl zwischen massiven Bartischen aus Holz, gemütlichen Separées oder einem lichtdurchfluteten Salon. Die Melange aus Savoir-vivre und American Spirit gelingt hier wirklich perfekt.

Atelier F, Große Bleichen 31 (Neustadt), Telefon 350 152 15; www.atelierf.eu

Schwarzes Gold mit Amore – Benvenuto • Caffè per Favore •

Das Herz schlägt für italienischen Kaffee und heiße Maschinen: Marisa Benvenuto; Foto: Jasmin Shamsi

Café, Verkauf, Werkstatt, Schulungen: Früher befand sich in der Heinrich-Barth-Straße alles auf einer Fläche. Inzwischen ist das Familienunternehmen Benvenuto räumlich wie personell expandiert –wenn auch nur gering. Schließlich wollen die Benvenutos langsam und gesund wachsen, Papa Gian-Carlo hat von Anfang an auf Vertrauen und Beständigkeit gesetzt. Mit Maestro Clemente, einem in der Nähe von Mailand ansässigen Röster, arbeitet er seit 25 Jahren zusammen. Ein bisschen Veränderung durfte es trotzdem sein: Im September 2017 wurde das Kaffeesortiment in eine Räumlichkeit in der Hallerstraße ausgelagert und das „Laboratorio“, in dem regelmäßig Schulungen stattfinden und an imposanten Geräten geschraubt wird, zog ein Haus weiter. Das Benvenuto-Oberhaupt, gebürtig aus La Spezia, hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen und es vertrauensvoll in die Hände seiner beiden Töchter und deren Ehemänner übergeben. Wer A sagt muss auch B sagen: Der original italienisch geröstete Espresso darf natürlich nur durch hochwertige Maschinen laufen, im stylischen Ladenlokal im Grindel findet man große Siebträgermaschinen zum Verkauf für die Gastronomie und kleine Handhebler für den Hausgebrauch. Alte wie neue Geräte werden von Schwiegersohn (und Ex-Bro’Sis-Mitglied) Shaham Joyce restauriert und aufgemotzt. Für die schicke La Pavoni Professional pilgern Liebhaber nicht nur aus Hamburg ins „Laboratorio“ – schließlich hat es das Kultobjekt nicht nur in den James-Bond-Klassiker „Leben und sterben lassen“, sondern auch ins MoMa in New York geschafft.

Benvenuto • Caffè per Favore • Heinrich-Barth-Straße 13-15 (Rotherbaum), Telefon 410 29 20; www.benvenuto-hamburg.de


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. “Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch”, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online, in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG und auf Instagram unter @szenehamburg.essentrinken

jasmin.shamsi@vkfmi.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

FoodSZENE – Mut zum Rest

Jasmin unterwegs #9: Lebensmittelpreise rutschen in den Keller. Ein Überangebot nährt die Wegwerfgesellschaft. Wen juckt’s schon, wenn die Großpackung Rosenkohl für 50 Cent in der Tonne landet? Was vielen Verbrauchern nicht bewusst ist: Am Ende zahlen sie drauf. Über Wertschätzung, Regionalität und Resteverwertung sprachen wir mit der Spitzenköchin Cornelia Poletto.

SZENE HAMBURG: Wir zahlen zu wenig für Lebensmittel. Ist uns dadurch eine gewisse Wertschätzung abhanden gekommen?

Cornelia Poletto: Das Gefühl habe ich schon manchmal. Ich würde mir wünschen, dass wir Lebensmitteln mehr Respekt entgegenbringen. Dazu gehört auch, sich nicht immer nur die Rosinen herauszupicken und den Rest wegzuwerfen. Beim Rinderfilet etwa versuche ich immer, auch die weniger „attraktiven“ Stücke oder auch Innereien zu verwenden. Und wenn am Ende aus den Knochen eine leckere Suppe wird.

Wie kann man Erzeuger und Verbraucher näher zusammenbringen?

Ich kaufe so häufig es geht auf dem Markt oder auch direkt beim Erzeuger ein. Natürlich ist das etwas aufwendiger, weil man seinen Einkauf vielleicht nicht jederzeit und nicht immer um die Ecke erledigen kann. Aber die Mühe lohnt sich. Denn in der Regel schmecken regionale, frische Lebensmittel einfach besser als das, was man beim Discounter in der Auslage findet.

Von welchen Betrieben in und um Hamburg kaufen Sie gerne direkt ein?

In Hamburg direkt gibt es natürlich wenig, aber auf den Wochenmärkten findet man regionale Produzenten – von Galloway-Rindern über Sylter Austern, Muscheln, Fisch und sogar Sylter Meersalz. Auch ein Besuch des Käsemarktes auf dem Kiekeberg ist ein Fest. Milchprodukte und Butter liebe ich von der Molkerei Horst.

Wir werfen viel zu viele Lebensmittel weg. Auch Obst und Gemüse, das einfach nur nicht mehr appetitlich aussieht. Wie kann man das vermeiden?

Die alte Regel: Niemals hungrig einkaufen gehen! Ein kleiner Wochenplan ist hilfreich, gerade beim Einkauf von Obst und Gemüse. So kann man vermeiden, zu viel einzukaufen. Häufig hapert
es bei der Haltbarkeit von Obst und Gemüse auch an der Lagerung. Tomaten zum Beispiel haben im Kühlschrank nichts verloren und Äpfel bewahrt man am besten separat auf, weil sie ein Reifegas abgeben, das umliegendes Obst schneller verderben lässt. Grundsätzlich müssen Lebensmittel keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, aber das Auge isst natürlich mit. Im Restaurant muss ich da selbstverständlich strenger aussortieren als zu Hause. Mich persönlich stört es aber nicht, wenn Obst und Gemüse kleine Macken haben.

Viele Reste wie Stiele von Kräutern oder Gemüse- und Obstschalen sind essbar. Besteht Auflärungsbedarf in Bezug auf die Verarbeitung von Lebensmitteln?

Ganz bestimmt sogar! Ich bin manchmal ganz erstaunt, wie wenig Produktwissen die Menschen haben. Aber das ändert sich. Kochsendungen tragen zum Beispiel dazu bei, indem sie Ideen liefern, wie man aus Resten und Abschnitten noch spannende Gerichte zaubern kann. Häufig braucht es auch einfach eine kleine Portion Mut: Wie schmecken Stiele, Schale und Co. eigentlich? In den meisten Fällen steckt in ihnen ganz viel Aroma. Schon mal eine Salatsuppe aus einem nicht ganz so knackigen Exemplar gekocht? Schmeckt großartig!

Wie gut klappt Resteverwertung in der Gastronomie?

Wir Gastronomen sind bereits beim Einkauf gefordert. Wer jede Woche Unmengen an Lebensmitteln wegwirft, plant schlichtweg falsch. Ich ordere lieber kleinere Mengen, dafür aber täglich. So kann ich auch viel besser auf die Wünsche meiner Gäste eingehen.

Sie unterstützen die Aktion „Zu gut für die Tonne“. Was kann man da lernen?

An der Initiative finde ich toll, dass sie ganz praktische Tipps gibt, was jeder Einzelne im Alltag tun kann, um den Umgang mit Lebensmitteln zu verbessern. Auf der Seite zugutfuerdietonne.de gibt es zum Beispiel einen Partyplaner, mit dem man ein Buffet für eine bestimmte Anzahl von Gästen planen kann, ohne dass Essen übrigbleibt. Ich habe auch ein Reste-Rezept beigesteuert, das Pasta vom Vortag und ein paar Überbleibsel aus dem Kühlschrank zu neuem Leben erwecken.

Interview: Jasmin Shamsi
Beitragsfoto: www.studiolassen.de

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Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. “Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch”, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lotto King Karl – Heimspiel auf der Freilichtbühne

Das Volksparkstadion ist sein Wohnzimmer, die Freilichtbühne im Stadtpark mindestens sein Esszimmer: Ein Gespräch mit Lotto King Karl über seine leidvolle HSV-Liebe, Konzerte als Mannschaftssport und Pfastersteine als Gelenkekiller.

SZENE Hamburg: Lotto, schon oft hast du über deinen HSV festgehalten: „Wenn es dem Verein schlecht geht, geht es mir auch schlecht.“ Wie schlecht geht es dir also nach dieser Saison?

Lotto King Karl: Ziemlich schlecht.

Bist du im Alltag anfällig für Neckereien, oder nimmst du Schadenfreude locker?

Ich kriege natürlich ohne Ende Schadenfreude ab, weil ich für viele Leute sehr greifbar bin, was den Fußball des HSV betrifft. Aber ich kann ja auch nichts dafür, wie es um den Verein steht.

Gut steht es hingegen um deine Konzerte im Stadtpark auf der Freilichtbühne…
…weil meine Band und ich dort keinen Gegner haben (lacht).

Allerdings gibt es schon Parallelen. Welche sind das deiner Ansicht nach?

Beide, Mannschaft wie Band, sollten immer mit großer Motivation rausgehen. Und beide haben große Anstrengungen zu bewältigen. Im Stadtpark sind das die Pfastersteine. Wenn man drei Stunden spielt, geht das echt auf die Gelenke.

Was könnt ihr Musiker denn besser als so manche Fußballmannschaft?

Wir vergessen nie, dass wir auf einer Bühne stehen, einige Sportler hingegen schon. Und das, obwohl sie Bühnen zur Verfügung haben, die viel besser gepflegt sind als die meisten auf dieser Welt (lacht).

Die Freilichtbühne ist eine legendäre Location

Lotto King Karl Foto: Ana Maria Arevalo

Lotto King Karl spürt langsam sein Alter. Foto: Ana Maria Arevalo

Größte Stärke eurer Band?

Unser gutes Verhältnis zueinander. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen und zusammen Musik machen können.

Und die größte Schwäche?

Unser Alter. Wir treffen uns mittlerweile eher morgens um sieben beim Sport, als nachts um drei an der Bar (lacht).

Alter bringt auch Routine mit sich. Sind die Auftritte auf der Freilichtbühne nach all den Jahren dennoch speziell für euch?

Wir kennen fast jeden, der im Stadtpark arbeitet, können uns auf die Gegebenheiten perfekt einstellen, was vieles einfacher macht. Ein echtes Heimspiel also. Schön ist auch, dass wir auf der Freilichtbühne verschiedene Lichtatmosphären haben. Wenn ich mir nach Stadtpark-Konzerten die Bilder davon ansehe, denke ich, es waren drei verschiedene Shows. Es ist einfach eine legendäre Location und für uns weiterhin eine Riesenehre, dort spielen zu dürfen.

Interview: Erik Brandt-Höge

Freilichtbühne im Stadtpark
25.5.2018 + 15.9.2018, 18 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Frankenstein – „Ohne Liebe existierst du nicht“

Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl ist in vielen Welten zu Hause. Er dreht Kinofilme, Musikvideos und bringt nun eine düstere Oper auf die Kampnagel-Bühne.  

SZENE HAMBURG: Philipp, du bringst deine Baseler Frankenstein-Theateraufführung nach Hamburg, und zwar als Oper. Was ist passiert? 

Philipp Stölzl: Das Baseler Schauspiel war glaube ich auf ein Art sehr musikalisch und – im guten Sinn – große Oper auf kleinen Raum. Liegt sicher auch daran, dass der Autor Jan Dvorak nicht nur Literat sondern eben auch Komponist ist und sehr musikalisch schreibt.  Als Georges Delnon von Basel nach Hamburg wechselte hat er uns dann gefragt, ob wir aus dem Abend nicht eine richtige Oper machen könnten. Jan hat dann das Video der Aufführung genommen und seinen eigenen Text vertont, quasi 1:1, eine Übermalung mit Musik.

Warum habt Ihr Euch für Kampnagel entschieden, nicht für die große Opernbühne?

Die Basler Aufführung hatte eine Art Arena-Bühne, man saß um einen großen Käfig herum, das war intensiv und irgendwie auch brutal. Das kann man auf Kampnagel genau so wieder herstellen. In dem Käftig ist eine überlebensgroße Puppe zu sehen, die von drei Spielern geführt wird, das Monster. Die Nähe zu diesem Wesen und das Mitleid mit ihr ist essentiell für die Inszenierung, das würde in einer großen Guckkastenbühne auf die Distanz so nicht funktionieren.

Ihr nennt das Stück eine „Gothic Oper“ – früher hast du unter anderem Musikvideos für Rammstein gedreht. Kommt da etwas von dieser Vergangenheit wieder zurück?

Kann sein. Man selber denkt ja da nicht so drüber nach. Tatsächlich habe ich meinen ersten Opernauftrag durch einen Freund bekommen, der Fan meiner Rammstein-Videos war. Das war Webers „Freischütz“, auch so ein Art deutscher „Goth“

Was hat dich am Frankenstein-Stoff gereizt?

Es ist ein starker Stoff, der mich tatsächlich schon lange beschäftigt. Ich hab als Bub die alte Verfilmung mit Karloff gesehen, viel zu früh, ich war ziemlich traumatisiert danach,  später dann den Roman gelesen. Das Buch ist ja ganz anders als die Genre-Verfilmungen, die auf Grusel und Horror abzielen, total psychedelisch, surreal, am ehesten mit E.T.A Hoffmann verwandt, entfesselte schwarze Romantik. Und eben auch politisch, was man so nicht vermuten würde. Mary Shelly hat ihn zwar als junge Frau geschrieben, aber sie behandelt darin sehr erwachsene Fragestellungen, es geht um ganz essentielle Bausteine des Menschseins. Was macht uns eigentlich aus?

Und? 

In einem Wort: Die Liebe. Ohne Liebe existieren wir nicht. Das Monster, oder die Kreatur, wacht am Anfang der Geschichte im Wald auf und weiß nichts über die Welt, kann sich selbst auch nicht einordnen. Dann lernt sie: Kälte, Hunger, Schmerz, die Sprache der Tiere. Dann trifft es auf Menschen, die sich fürchten, ihm gewaltsam begegnen. Dann begreift es: Jedes Lebenwesen hat Eltern. Und sucht seine Herkunft, seinen Schöpfer und erfährt, dass es das einzige Wesen seiner Art ist. Es kommt aus dem Nichts und geht ins Nichts. Darum bittet es seinen Schöpfer ihm eine Gefährtin zu bauen. Es will nicht allein sein. Es will auch Liebe erfahren. Als ihm sein Schöpfer das versagt, nimmt es fürchterliche Rache. Es bringt die Verlobte seines Schöpfers um. Wenn es auf ewig allein sein muss, soll es sein Schöpfer auch sein. Am Ende verfolgen sich das Monster und sein Schöpfer um den ganzen Erdball, es geht in die Arktis, an den Rand der Welt. Die Geschichte hat eine biblische Wucht, fängt auf eine Art bei Adam und Eva im Paradies an und endet mit Kain und Abel.

Du bist auch Regisseur von großen Kinofilmen wie „Nordwand“ und „Der Medicus“, verwendest du Film denn auch als Stilmittel auf der Bühne?

Manchmal schon, bei „Frankenstein“ nicht. Es ist trotzdem eine sehr filmische Aufführung. In dem Sinne, dass sie ein sehr schlüssiges und geschlossenes Narrativ hat und rasant-suggestiv, mit vielen Szenenwechseln erzählt. Außerdem ist die Inszenierung auch ein Stück weit Unterhaltung, es gibt jede Menge Nebel und einen Wald mit Bäumen, die Arktis, sogar ein bisschen Action, Sie ist,  wenn man so will, „breit“ verständlich, so wie Kino eben meistens ist. Ich bilde mir ein, dass man damit möglicherweise auch Theaterfremde begeistern könnte.

Eine letzte Frage, die dich vermutlich fast jeder fragt. Du hast in der Vergangenheit einmal ein Musikvideo für Madonna gedreht und sie hat dich angerufen. Wie war sie?  

Immer wieder diese Frage! Na gut: Sie war nett und sehr professionell. Aber das ist einfach schon sehr lange her. Eine Lebensstation unter vielen anderen. Für einen Künstler ist es glaube ich gut, nach vorne zu gucken. Ruhm ist etwas sehr Vergängliches. Mein älterer Sohn hat vor ein paar Jahren seinem kleineren Bruder von meinem Madonna-Moment erzählt. Der Kleine darauf hin: “Madonna, wer ist das?” Der Große darauf: „Naja, sie ist so eine Art Katy Perry der Vergangenheit“…

Interview: Stefanie Maeck 

Internationales Musikfest zeigt: „Frankenstein“ auf Kampnagel, 20.-21.5., 25.-27.5.2018


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!