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„Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid“

In „Die Diplomatin“ schreibt Lucy Fricke, Autorin des Bestsellers „Töchter“, aus Sicht einer deutschen Konsulin, die an die Grenzen der Diplomatie stößt. Ein Gespräch über das Leben im politisch aufgeheizten Istanbul, den geringen Frauenanteil im Auswärtigen Amt und im Verborgenen organisierte Fluchten

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG:  Frau Fricke, die Handlung Ihres neuen Romans „Die Diplomatin“ spielt im zweiten Teil in Istanbul. Entstand die Idee zum Buch vor Ort?

Lucy Fricke: Ich war sehr lange in Istanbul, mehrere Monate, verteilt auf fast zwei Jahre. Zunächst hatte ich gar nicht den Plan, in der Form über Istanbul zu schreiben, sondern bin vollkommen „leer“, ohne Idee für einen neuen Roman, dort hingefahren. Durch mein vorheriges Buch „Töchter“ hatte ich ein turbulentes Jahr hinter mir mit fast 70 Lesungen – ich bin vollkommen erschöpft in der Türkei angekommen. Das, was ich dort gesehen habe, hat mich dann so sehr beschäftigt, dass ich darüber schreiben wollte. Mich haben die Geschichten hinter den Nachrichten interessiert.

Was genau hat Sie interessiert?

Die Schicksale der Menschen in autoritären Verhältnissen, wie etwa unter Anklage stehende oder inhaftierte Türken und Deutsch-Türken oder deutsche Staatsangehörige, die mit einer Ausreisesperre in der Türkei festsaßen. Aus einer türkischen Perspektive habe ich es nicht erzählen können, deswegen habe ich aus der Sicht der deutschen Diplomatin Fred geschrieben. Sie stößt auf die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit, auf staatliche Willkür und Machtlosigkeit.

„Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte“

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„Die Diplomatin“ von Lucy Fricke erzählt von schwieriger Diplomatie und einer Frau in eine Männerwelt

Ihre Protagonistin, Fred, wollte mit ihrem Job als Botschafterin die Welt ein Stück verbessern. Wusste sie, auf was für ein Leben sie sich einlässt?

Sie ist nicht naiv, sie wusste schon zu Beginn ihrer Karriere, dass sie in ihrem Job einen sehr engen Handlungsspielraum hat und begrenzte Möglichkeiten. Die Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte, des Miteinanderredens und Verhandelns. Daran glaubt sie. Wenn allerdings auf der anderen Seite niemand mehr den Hörer abhebt, wird es schwierig mit dem Reden.

Die Arbeit in der Welt der Diplomatie bestimmt Freds Leben, auch blieb sie deswegen kinder- und partnerlos. Hat sie ihren Lebensweg bereut?

Na ja, es ist sicherlich ein Roman der Ernüchterung. In dieser Generation musste vieles für den Job aufgeben werden, besonders als Frau. Fred kommt eines Tages an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob es das wert war. Als sie an ihren Beruf den Glauben verliert, bricht im Prinzip ihr Leben zusammen, weil alles darauf aufbaut.

Würden Sie sagen, dass Karriere und Einsamkeit unweigerlich einhergehen?

Unweigerlich sicherlich nicht. Aber ich glaube schon, dass Einsamkeit und Erfolg oft zusammenhängen. Besonders, wenn der Beruf das Einzige im Leben ist und das Leben bestimmt. Männer in solchen Positionen haben öfter begleitende Ehefrauen, die den eigenen Beruf erst mal ruhen lassen. Fred ist gezwungen, alle paar Jahre den Ort zu wechseln, sie ist rund um die Uhr in dieser Funktion als Botschafterin, sie repräsentiert Deutschland im Ausland und das permanent. Als öffentliche Figur hat sie so gut wie keine Privatsphäre, sie lebt hinter ihrer Fassade und weiß nicht, wem sie überhaupt vertrauen kann. Das macht einsam.

Nur 20 Prozent Diplomatinnen

Sie schreiben, Fred sei weder eine gescheiterte Frau noch eine egoistische Karrieristin. Was ist sie dann?

Nun ja, sie hatte zwei Fehlgeburten. Sie wurde von ihrem Mann verlassen. Kinderlosen Frauen wird immer unterstellt, sie hätten sich explizit dafür entschieden, um ihre Freiheit zu genießen oder Karriere zu machen. Es ist aber nicht unbedingt eine bewusste oder freiwillige Entscheidung. Manchmal klappt es nicht oder es ergibt sich einfach nicht. Darum ging es mir an der Stelle. Zu sagen, dass Fred nicht diese Karrierefrau ist, sondern dass sie einfach nicht das Glück hatte, schwanger zu werden. Aber das ist kein Scheitern. Es ist möglich, auch ohne eigene Familie und Kinder ein erfülltes Leben zu führen.

Es ist eher ungewöhnlich, mit Fred eine Frau in dieser Position zu sehen.

Nur etwa 20 Prozent dieser Positionen sind von deutscher Seite mit Frauen besetzt. Die Frauenquote soll nun angehoben werden auf 50 Prozent, langsam ändert sich etwas – das Problem ist, dass es noch nicht genügend Frauen auf dieser Ebene gibt. Man muss schon 20, 25 Jahre beim Auswärtigen Amt sein, um überhaupt Botschafterin werden zu können, die Veränderungen kommen also sehr zeitversetzt an. Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.

Im Laufe des Buchs verliert sie den Glauben an die Diplomatie und findet andere Wege am Rande der Legalität. Was müsste Ihres Erachtens geändert werden?

Die Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Darum geht es aktuell in den Beziehungen zu Russland, aber auch die Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind immens. Wirtschaftliche oder geopolitische Abhängigkeiten schränken den Handlungsspielraum eines Landes enorm ein. In Krisen- und Kriegszeiten fliegt einem das um die Ohren. Ich wünsche mir außerdem, dass noch stärker, immer und überall, die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte verhandelt wird.

„Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.“

Lucy Fricke

Politik als offenes Buch

Dass Diplomaten verurteilten Menschen zur Flucht verhelfen, basiert auf wahren Fällen?

Wenn sie verurteilt sind, ist es meistens zu spät. Oftmals steht eine Anklage im Raum, ein nahender Prozess, in dieser Zeit kann man noch handeln. Das, was Fred tut, haben auch Diplomaten in der Vergangenheit getan und die sind auch noch alle im Beruf. Nur wird das nicht öffentlich gemacht, damit Kontakte und Fluchtrouten nicht verraten werden und die Wege weiterhin offengehalten werden können. Es ist absolut nötig, im Verborgenen zu arbeiten. Heiko Maas hat „Die Diplomatin“ auch besprochen und bestätigt die Realitätsnähe. Ich glaube nicht, dass er das als amtierender Außenminister hätte sagen dürfen.

Die Politik ist eine verschlossene Welt für sich. Wie haben Sie Zugang dazu erhalten?

Erstaunlicherweise war sie gar nicht so verschlossen, wie man immer denkt. Ich stellte mich als Schriftstellerin vor und bat direkt um ein Gespräch. Ich bekam relativ schnell Termine mit Diplomaten, Botschaftern, aber auch mit Journalisten und Anwälten. Zu meinem Erstaunen haben sie ziemlich offen erzählt.

Woran liegt das?

Vielleicht, weil ich Schriftstellerin bin und keine Journalistin. Ich glaube, viele waren froh, dass jemand Interesse daran zeigt, wie das Ganze funktioniert und nicht bloß aus der Ferne einen Roman darüber schreiben will. Ich habe mich für die ganzen Details interessiert. Diese Offenheit hatte allerdings die klare Grenze, dass ich die Gespräche nicht aufzeichnen und keine Namen nenne durfte. Zudem war ich lange dort, die Gespräche zogen sich teilweise über Monate, in denen wir uns immer wieder trafen, sodass Vertrauensverhältnisse entstanden.

Türkei-Depression

Haben Sie diese politisch angespannte Atmosphäre, die Sie in Ihrem Roman beschreiben, auch in Ihrem dortigen Alltag wahrgenommen?

Sie war für mich allgegenwärtig. Ich hatte dort ein Stipendium der Kulturakademie Tarabya, die sich auf dem Gelände der Sommerresidenz des deutschen Botschafters befindet. Dieses Grundstück grenzt direkt an eine andere Residenz, und zwar an die von Erdoğan. Wenn ich das Apartment verließ, sah ich seine Soldaten, die das Gelände sicherten. Im Café gegenüber saß immer wieder der Geheimdienst. In den Gesprächen mit Türken wurde der Name des Präsidenten so gut wie nie ausgesprochen. Ich lernte Menschen kennen, die Freunde bei sich zu Hause versteckten, die untergetaucht waren, um dem Gefängnis zu entgehen. Viele wussten, dass sie überwacht wurden. Es wurde normal, dass wir gewisse Textnachrichten sofort nach dem Lesen löschten. Bei manchen Gesprächen schalteten wir die Handys aus, legten sie nebenan ins Schlafzimmer. Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid. Nach zwei Monaten hatte ich meine erste Türkei-Depression. So ging es hin und her. Ich liebe Istanbul, es ist die schönste Stadt, die ich kenne und es wimmelt dort von wunderbaren Leuten. Es war schön und beängstigend zugleich. Erst als ich wieder in Berlin war, habe ich gemerkt, wie sehr mir das alles in die Knochen gegangen ist.

Dann war die Recherche wohl sehr intensiv?

Sehr. Zugleich war sie aber sehr befriedigend. Ich habe unglaublich viel gelernt und erfahren. Ich habe bewundernswerte Menschen getroffen, die ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Humor nicht verloren haben, die nicht aufhören, zu kämpfen. Das Schreiben an diesem Roman hat mich definitiv klüger und demütiger gemacht.

Lucy Fricke: „Die Diplomatin“, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.


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Shirana Shahbazi – Von lichten Räumen und tintiger Nacht

Das Kunsthaus Hamburg zeigt Shirana Shahbazis Lichtkunst  im Rahmen der Photo-Triennale.

Shirana Shahbazi liebt die klare Kante. In ihrer Kunst bezeugen das die klaren Konturen ihrer fotografischen Konstruktionen. Sie selbst bezeugte es beim Presserundgang am Tag der Eröffnung. Da stand die iranisch-deutsch-schweizerische Künstlerin recht entschieden vor ihren Arbeiten im Kunsthaus und korrigierte, was ihr falsch oder auch nur ungenau erschien: Nein, meinte sie. Das, was viele als abstrakt bezeichnen, die im Studio fotografierten Arbeiten seien nicht abstrakt.

Foto: Shirana Shahbazi, Raum-Gelb-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich

Und tatsächlich. Man kann das so sehen: Denn diese hier eleganten, leuchtend monochromen, manchmal aber auch vielfarbigen geometrischen Strukturen sind in ihrem Züricher Atelier entstandene Fotografien von realen, sorgfältig austarierten Arrangements lackierter Podeste, Stellwände und Objekte. Sie sind also Bilder realer Szenerien – insofern sind sie geometrisierend und konstruiert, aber nicht abstrakt.

Und umgekehrt mögen, so betonte Shahbazi, ihre großformatigen Siebdrucke, bei denen sich Naturfragmente, Innenräume und Menschen in unterschiedlich farbigen Schichten überlagern, zwar auf den ersten Blick wie Abbilder der Wirklichkeit scheinen, tatsächlich aber seien es Konstruktionen hybrider, sich in der Wirklichkeit nicht eröffnender Kombinationen. Und ja: Diese Arbeiten überlagern Ansichten des kalifornischen L.A. mit solchen des japanischen Kirishima. Sie verblenden das subtropische Ishigaki mit dem türkischen Istanbul und rücken das kroatische Plitvica optisch an das ostanatolische Erzurum heran.

Shirana Shahbazi, Raum-Rot-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Ähnlich wie die Arbeiten Wolfgang Tillmans’ kreisen Shahbazis Arbeiten im Kern um das Verhältnis Abstraktion und Repräsentation in der Fotografie. Und auch ihre Einzelarbeiten tauchen in Büchern wie in Ausstellungen in immer neuen Konstellationen auf und aktivieren so das Nebeneinander von dokumentarisch scheinenden Wirklichkeitsansichten und Studiokonstruktionen immer wieder neu.

Die 1974 in Teheran geborene Künstlerin kam im Alter von elf Jahren nach Deutschland, sie studierte in Dortmund, später in Zürich, wo sie heute lebt. Zu den eindringlichsten der in Hamburg gezeigten Arbeiten gehören die als Lithografien auf Büttenpapier gedruckten nächtlichen Ansichten ihrer Geburtsstadt. Ihr Titel „Tehran North“ verweist auf den wohlhabenderen und westlicher anmutenden Teil der Stadt.

In ihnen scheinen aber nicht deren charakteristischen Orte und Sehenswürdigkeiten auf, vielmehr die Spuren des Lichts im tintigen Dunkel der Nacht, wie erhascht im Vorüberfahren: die Lichterbänder der Autos auf den Schnellstraßen, die Reflexionen in den Scheiben der Wohnblöcke, der Lichtkegel eines Verkaufstandes. So zeichnen die Blicke ins Dunkle eine Annäherung an eine Stadt nach, die sich nur zögernd preisgibt – zumindest, so kann man vielleicht ergänzen, dem fragenden Kamerablick einer Frau, die schon lange in Mitteleuropa lebt und nicht mehr recht zu Hause ist in der Stadt ihrer Kindheit.

Shirana Shahbazi, Raum-Blau-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besonders wichtig ist Shahbazi die Materialität, die Objekthaftigkeit ihrer Bilder. Ihre Publikationen erscheinen nicht als Kataloge, sondern als eigenständige Präsentationsformen. Sie entstehen, wie sie selbst sagt, „in symbiotischer Zusammenarbeit“ mit ihrem Partner, dem Grafikdesigner Manuel Krebs. Gemäß ihrem genauen Gespür für Präsentationsweisen hat sie auch im Kunsthaus ihre Arbeiten nicht einfach nebeneinander gehängt, sondern zusammen mit starkfarbigen getönten Wandflächen in eine Wandmalerei einfügt, so dass der Raum den Betrachter – trotz und entlang der vielen klaren Kanten – in einen poetisch-zarten Bilderstrom hineinzieht.

Text: Karin Schulze
Beitragsbild: Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Shirana Shahbazi: Objects in Mirror Are Closer than They Appear. Bis 26.8.2018, Kunsthaus Hamburg


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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