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Kaufhaus Hillmer: Geht nicht, gibt’s nicht

Susanne Wischhöfer führt das Kaufhaus Hillmer in der dritten Generation. Ein Besuch in dieser Bergstedter Institution ist wie eine kleine Zeitreise

Text: Sirany Schümann

 

An einer der zahlreichen Backsteinfassaden am Volksdorfer Damm in Hamburg-Bergstedt hängt ein Ladenschild. Die hier angepriesenen Lebensmittel und Spirituosen gibt es schon lange nicht mehr. Das Geschäft, das sich hinter dem Schild verbirgt, existiert allerdings noch immer. Seit 1929 ist das Kaufhaus Hillmer eine Institution. Heute stapeln sich auf den rund 63 Quadratmetern 3.000 bis 4.000 Produkte in unzähligen Regalen. Darunter Hausrat, Porzellan, Geschenkartikel und Spielwaren.

„Ich verlasse selten den Laden, ohne etwas gekauft zu haben“, sagt eine Kundin, die gerade zwei schlichte Blechdosen und ein Gerät zum Mahlen von Parmesan und Nüssen gekauft hat. Letzteres „war ein Spontankauf “, sagt sie. Von diesen nicht alltäglichen Küchengeräten gibt es viele im Kaufhaus Hillmer. Die ganz besonders alten Exemplare, etwa ein Butterrührgefäß mit Kurbel und eine Emailleflasche, sind in einem gläsernen Verkaufstresen zur Ansicht ausgestellt. Hinter dem Tresen steht Susanne Wischhöfer, die Enkelin von Anna Hillmer, die das Kaufhaus 1929 eröffnet hat. Ihre Eltern Rolf und Gerda Hillmer haben das Geschäft Anfang der 1960er-Jahre übernommen. Seit 26 Jahren führt Susanne Wischhöfer das Kaufhaus, ihr Bruder ist stiller Inhaber.

Zwischen Tropfenfängern und Bohnenlangschneidern

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Heute gibt es im Kaufhaus Hillmer immernoch die Dinge, die man sonst fast nirgendwo findet (©Sirany Schümann)

Unterstützung im Verkauf bekommt sie von Kamila und Tine, ihren beiden festen Mitarbeiterinnen. Kamila steht gerade am Ende eines schmalen Ganges. Vor ihr eine Wand voller Weckgläser, Flaschen, Gummiringe und weiterem Einmachzubehör und neben ihr eine etwas überforderte Kundin: „Bei der Auswahl kann ich mich ja gar nicht entscheiden.“ Diese Überforderung scheint verständlich, bei der Enge und der Vielfalt an Produkten. Hier gibt es wirklich alles: vom Bohnenlangschneider über die Besteckablage für den gedeckten Tisch – eine bierdeckelgroße Scheibe aus Edelstahl, die an einer Seite nach oben gebogen ist und dort einen Schlitz für das Messer bereithält – und den zusammenklappbaren Kartoffelstampfer bis hin zum Tropfenfänger für Teekannen. „Der verkauft sich richtig gut“, sagt Kamila, die ihre zufriedene Kundin mittlerweile zur Kasse geschickt hat.

Doch wie kommt so ein ungewöhnliches Sortiment an Ware zusammen? „Manchmal sehe ich was und denke mir: Das passt hierher! Und dann bestell ich’s“, sagt Susanne Wischhöfer. Dabei ist ihr eines besonders wichtig: eine gute Qualität. Ihre Produkte bezieht sie aus Schweden, Nordirland, Österreich und Schottland. Einige mechanische Küchengeräte haben 20 Jahre Garantie. „Ich kann schlecht Dinge wegschmeißen“, sagt sie und stellt sich mit ihrem zum Teil fast antik anmutenden Sortiment gegen die Wegwerfmentalität. „Wer zufällig noch einen Staubsaugerbeutel für alte Modelle braucht, könnte bei uns fündig werden“, sagt sie.

„Wer zufällig noch einen Staubsaugerbeutel für alte Modelle braucht, könnte bei uns fündig werden“
Susanne Wischhöfer vom Kaufhaus Hillmer

Mit der Zeit gehen

Trotz des alten Charmes geht das Kaufhaus Hillmer mit der Zeit. Seitdem Susanne Wischhöfer Geschäftsführerin ist, hat sich das Sortiment verändert und verjüngt. So war die Erweiterung des Sortiments an Einmachutensilien eine Idee der 64-Jährigen und das hat sich spätestens seit der Pandemie voll ausgezahlt. Überhaupt konnte das Kaufhaus Hillmer viele Corona-Beschäftigungen mit den passenden Materialien bedienen: Wer Brot backen, etwas fermentieren, alte Hosen nähen oder neue Socken stricken wollte, wurde hier fündig. Dazu denkt die Inhaberin auch immer an saisonale Trends: Noch vor Weihnachten erwartet sie eine große Lieferung an Wolle, „falls die Leute mehr Pullover stricken wollen wegen der Energiekrise“. Außerdem würden Campingkocher, Petrollampen und Handmixer mit Kurbel, die ohne Strom funktionieren, derzeit ebenfalls gut laufen.

„Man hilft, wo man kann!“

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Seit 26 Jahren führt Susanne Wischhöfer das Kaufhaus Hillmer in dritter Generation (©Sirany Schümann)

„Einem Kunden musste ich mal einen Knopf annähen, einem anderen habe ich das Stricken gezeigt“, sagt Susanne Wischhöfer schmunzelnd und fügt hinzu: „Man hilft eben, wo man kann.“ Für diese individuelle Beratung und die Freundlichkeit gibt es für sie und die Kollegen auch schon mal ein Dankeschön. „Die Leute bringen Kostproben ihrer selbst gemachten Sachen vorbei“, sagt Kamila. Eingeweckte Lebensmittel oder kleines, kugelförmiges Gebäck aus der neu erstandenen Pförtchen-Pfanne, die sich sicherlich auch gut für die Zubereitung des niederländischen Pendants Poffertjes eignet. Der norddeutsche und nicht jedem geläufige Begriff Pförtchen ist nicht die einzige Wortwahl, die im Kaufhaus Hillmer schon zu Verwirrung geführt hat. „Einmal kam ein Kunde und hat nach Eierbechern gefragt. Die hab ich ihm dann gezeigt. Daraufhin hat sich herausgestellt, dass er etwas ganz anderes meinte. Eierbecher nennt sich nämlich auch die Munition für Luftgewehre“, erzählt Susanne Wischhöfer, „da konnte ich ihm natürlich nicht weiterhelfen.“

„Wir haben schon alles Mögliche eingedost“

Eine neue Kundin betritt den Laden und wird, wie fast alle, von der Inhaberin wie selbstverständlich mit Namen begrüßt. „Haben Sie diese Gummis noch, die ich immer kaufe?“, fragt die ältere Dame. Susanne Wischhöfer weiß gleich, was gemeint ist und begibt sich auf die Suche. Das ist fast schon ein Motto im Kaufhaus Hillmer: Für die Kunden immer das Beste geben und möglichst alle Wünsche erfüllen. Egal ob eine 30-Liter-Obstpresse oder 20 Gärtöpfe für Sauerkraut, alles kein Problem! Mit genügend Vorlauf können auch größere und außergewöhnlichere Gerätschaften über die Lieferanten organisiert werden.

„Ich möchte, dass uns so was wie das Kaufhaus Hillmer erhalten bleibt“
Kundin im Kaufhaus Hillmer

Gerade zur Weihnachtszeit ist der wahrscheinlich einzigartige Verpackungsservice im Kaufhaus Hillmer besonders beliebt: Mit einem eigentümlichen roten Gerät mit Drehrad, einer Dosenverschlussmaschine, können die Kunden Geschenke für einen Euro (zuzüglich Dose) einpacken lassen. „Wir haben schon alles Mögliche eingedost: Golfbälle, Geld, Schmuck und Unterhosen“, sagt Susanne Wischhöfer. Die Geschenke bringt die Kundschaft entweder mit oder kauft sie direkt vor Ort. „Wir haben aber auch richtiges Geschenkpapier“, fügt sie hinzu.

Schneller als das Internet – und netter

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Besonders für Weihnachten interessant: Die große Auswahl an Ausstechformen (©Sirany Schümann)

Wer mit Plätzchen backen noch mehr in Weihnachtsstimmung kommen will, findet im Kaufhaus Hillmer eine große Auswahl an Ausstechförmchen. Die gibt es dort das ganze Jahr über zu kaufen – zum großen Glück für eine Kundin. „Ich brauche einen Osterhasen“, sagt sie. Susanne Wischhöfer öffnet eine Schublade und zieht die passende Ausstechform heraus. Geht nicht, gibt’s hier einfach nicht. Nur eine Kundin kann das Kaufhaus Hillmer an diesem Tag nicht glücklich machen. Für ihren Vater ist die Frau auf der Suche nach einer Öffnerhilfe für Flaschen mit Drehverschluss. Obwohl Kamila ihr mehrere Modelle präsentiert, ist sie nicht überzeugt. „Das kommt selten vor“, sagt Susanne Wischhöfer.

Während es den großen Kaufhäusern wirtschaftlich nicht gut geht, kann sich Susanne Wischhöfer nicht beklagen. Sie glaubt, dass es am Service und der Freundlichkeit liegt, was das Kaufhaus Hillmer von anderen abhebt. „Uns wurde mal gesagt: Ihr seid netter und schneller als das Internet“, sagt sie lächelnd. Warum die Menschen dort einkaufen? „Weil mir das ganze Drumherum gefällt, der Preis vernünftig ist und weil ich alles kriege, was ich brauche. Und weil ich möchte, dass uns so was wie das Kaufhaus Hillmer erhalten bleibt“, sagt eine Kundin. Eine Weile kann sie mit dem Fortbestehen der Bergstedter Institution noch rechnen. „Ich mach bis zum 100. Geburtstag vom Kaufhaus“, sagt Susanne Wischhöfer. Und eines steht fest: Bis 2029 wird sie noch viele Kunden glücklich machen.


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Kreativgesellschaft übernimmt ehemaliges Karstadt Sport Gebäude

Seit Oktober 2020 steht das ehemalige Karstadt Sport Gebäude am Anfang der Mönckebergstraße leer, jetzt bekommt es durch die Hamburger Kreativgesellschaft eine kreative Zwischennutzung

Text: Felix Willeke

Bis Ende 2022 gibt es in der Mönckebergstraße einen der größten kreativen Orte der Stadt: Die Hamburger Kreativgesellschaft übernimmt bis Jahresende die Nutzung des ehemaligen Karstadt Sport Gebäudes.

Über 8.000 Quadratmeter auf sechs Stockwerken stehen den Kreativen zur Verfügung. Der Raum soll durch Ateliers, Ausstellungsflächen, Co-Working-Spaces und Produktionsstätten bespielt werden. Möglich wird diese Zwischennutzung durch das Förderprogramm Frei_Fläche und den Fonds für kreative Zwischennutzung der Freien und Hansestadt Hamburg.

Eine neue Perspektive für die Innenstadt

Man wolle mit der Förderung durch das Programm Frei_Fläche und die Zwischennutzung des ehemaligen Karstadt Sport Gebäudes „die Transformation der City unterstützen“, sagt Finanzsenator Andreas Dressel.

Kultursenator Carsten Brosda ergänzt: „Die Menschen kommen nicht mehr nur wegen Shopping in die Stadt und deswegen ist es Zeit, anders zu denken als ausgehend von einer reinen Einzelhandelslogik.“ Genau hier setzt die Zwischennutzung an und soll einen Anstoß für diesen Transformationsprozess geben.

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Finanzsenator Andreas Dressel (l.), Katja Wolframm (m.) von der Kreativgesellschaft Hamburg und Kultursenator Carsten Brosda (r.) eröffneten den „Raum für kreative Zwischennutzung“ (Foto: Felix Willeke)

Bezahlbarer Raum für Künstler:innen

Von heute bis zum Jahresende steht das Haus den Kreativenzur Verfügung. Künstlerinnen und Galerien, die Raum anmieten wollen, zahlen nur 1,50 Euro Miete pro Quadratmeter. Die Leerstandskosten für das Gebäude übernimmt das Förderprogramm Frei_Fläche. Die Eigentümer des Hauses erhalten darüber hinaus keinerlei Mietzahlungen.

Viel Programm bis Dezember

Ab sofort ist der „Raum für kreative Zwischennutzung“ täglich ab 10 Uhr geöffnet. Mit „Artstadt“, einem Zusammenschluss aus Unverzollt, der K-OZ Galerie, Looks Rare und Weiteren, sind die ersten Nutzer:innen bereits im Erdgeschoss eingezogen. Es folgen unter anderem:

  • Kampnagel, die im August das Deutsche Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals im Erdgeschoss eröffnen werden;
  • das erste Obergeschoss teilen sich bis Dezember die Hamburger Kunstgalerie und die Hamburger Innovationsagentur Future Candy;
  • im zweiten Obergeschoss wird neben Freelens e.V., einem Verband von Fotograf:innen, auch das Department-Design der Hochschule für angewandte Wissenschaften zu Gast sein;
  • im dritten Obergeschoss finden unter anderem die Fotografen Bastian Funk und Marvin Darko Platz und bieten bis Dezember einen Raum für Fotografie;
  • das vierte Obergeschoss widmet sich den Themen Design sowie Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, hier entwickelt bis Dezember unter anderem ZRKULAR neue kreative Visionen;
  • und im fünften Obergeschoss wird es mit K:ART & Aaron Night Konzerte, Lesungen und ein Pop-up Café geben.
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Im Erdgeschoss ist bereits ARTSTADT eingezogen, das Haus ist täglich ab 10 Uhr geöffnet (Foto: Felix Willeke)

Die Türen für Kreative stehen offen

Die Zwischennnutzung in der Mönckebergstraße läuft noch bis Ende Dezember 2022, dann endet auch das Förderprogramm Frei_Fläche. Doch Andreas Dressel und Carsten Brosda betonen, dass die neun Millionen Euro Fördersumme erst zu einem Drittel abgerufen wurden. Für die kreative Zwischennutzung von Freiflächen stehen damit noch bis zum Jahresende rund sechs Millionen Euro zur Verfügung.

Diese Zwischennutzungg ist es auch, die viel „Atmosphäre, Energie und Innovationskraft mitbringt“, sagt Katja Wolframm von der Kreativ Gesellschaft Hamburg. Sie hofft, dass mit der Zwischennutzung in einer so prominenten Lage noch mehr Künstler:innen angelockt werden. Die Belebung der Mönckebergstraße durch die Kreativen im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude sei ein Anstoß, ganz nach dem Motto: „Schaut her, das alles ist Kreativwirtschaft und das passiert in der Innenstadt, wenn man Türen für Kreativwirtschaft öffnet.“


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