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Pride Award für #OutInChurch

Am 24. Januar 2022 wurde das Manifest der Initiative #OutInChurch öffentlich gemacht, jetzt erhält die Initiative den Pride Award des Hamburg Pride e.V.

Text: Felix Willeke

Eine „Kirche ohne Angst“, das war und ist die zentrale Forderung von #OutInChurch. Mehr als 100 queere Menschen äußerten sich damit am 24. Januar 2022 öffentlich – einige von ihnen auch in der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“. Mittlerweile haben über 120.000 Menschen die begleitende Petition auf change.org unterzeichnet. Jetzt erhält die Initiative den Pride Award des Hamburg Pride e.V.. Der Award wird im Rahmen der Pride Night, der offiziellen CSD-Eröffnung, am 30. Juli 2022 auf Kampnagel übergeben.

Ein wichtiges Signal

Jens Ehebrecht-Zumsande und Norbert Kiencke_©Therese Walther mi-klein
Jens Ehebrecht Zumsande (l.), Initiator von #outinchurch gemeinsam mit Norbert Kiencke, Wirtschaftsreferent im Erzbistum Hamburg (Foto: Therese Walther)

„Die Initiative hat der Öffentlichkeit die unhaltbaren und erschütternden Zustände in der Katholischen Kirche in Bezug auf die Diskriminierung queerer Mitarbeitenden offengelegt“, sagen Nicole Schaening und Christoph Kahrmann, die Co-Vorsitzenden von Hamburg Pride e.V.. „Von #OutInChurch geht das Signal für einen dringend erforderlichen Veränderungs- und Modernisierungsprozess in der Katholischen Kirche aus – mit dem Potenzial, den Alltag aller Homo-, Bi- und Trans*menschen in der Kirche zu verbessern.“ Mit dem Pride Award werden Personen des öffentlichen Lebens und bundesweite Kampagnen mit Vorbildcharakter für die LGBTIQ*-Community und die Gesellschaft in Deutschland ausgezeichnet. 2021 ging er an die WDR-Journalistin Georgine Kellermann.


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Lass uns mal…

Vielfalt ist en vogue – aber leider noch lange keine gelebte Praxis. Das zeigt nicht nur das Beispiel #OutInChurch. Besonders für dir Kirche gilt, besser damit umzugehen. Das kann man auch lernen

Text: Marco Arellano Gomes

Jens Ehebrecht-Zumsande hat im Januar ein Beben ausgelöst – ein Beben, dass die Kirchengemäuer von Rom bis St. Georg erzittern ließ. Der Leiter des Grundlagenreferates „Kirche in Beziehung“ des Erzbistum Hamburg und weitere 124 Mitarbeitende der katholischen Kirche outeten sich in der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ als queer und lösten damit ein massives, weltweites Medien-Echo aus.

Sie veröffentlichten unter #OutInChurch ein Manifest, in dem sie ihre zentralen Anliegen zusammenfassten. Die darin aufgezählten Forderungen sind klar und deutlich: So sollen unter anderem diffamierende und diskriminierende Aussagen zu Geschlechtlichkeit und Sexualität aus der kirchlichen Lehre gestrichen werden, der Zugang zu den Sakramenten und Berufsfeldern niemandem vorenthalten werden und vor allem soll die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität kein Kündigungsgrund mehr sein. Sie fordern ein Umdenken innerhalb der Kirche und berichten von einem jahrelangen Versteckspiel, Einschüchterungen, Denunziationen und Verletzungen. Es war ein mutiger, ein risikoreicher Schritt. Wer diese Menschen sieht und hört, spürt förmlich die Last, die diese all die Jahre wie ein zentnerschweres Kreuz mit sich trugen. Mit ihrem Outing riskierten die homo-, bi- und transsexuellen Priester, Gemeinde- und Pastoralreferenten und -referentinnen, Religionslehrer und -lehrerinnen sowie Verwaltungs-Mitarbeitende ihre Anstellung sowie die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche.

Kultur des Todes

Jens Ehebrecht-Zumsande und Norbert Kiencke_©Therese Walther mi-klein
Jens Ehebrecht Zumsande (l.), Initiator von #outinchurch gemeinsam mit Norbert Kiencke, Wirtschaftsreferent im Erzbistum Hamburg (Foto: Therese Walther)

Das katholische Arbeitsrecht sieht eine Kündigung vor, wenn die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität von der akzeptierten katholischen Norm abweichen. Und die Norm wird laut ARD-Doku in diversen katholischen Quellen (unter anderem im Katechismus) ebenso klar formuliert: Demnach ist Homosexualität eine „schlimme Abirrung“, „gegen das natürliche Gesetz“, eine „pathologische Veranlagung“, „geistige Verwirrung“, „traurige Folge einer Zurückweisung Gottes“, „in keinem Fall zu billigen“ und eine „Kultur des Todes“.

„Das brauchen wir auch in der Kirche!“

Jens Ehebrecht-Zumsande

„Inspiriert wurde die Aktion durch die #actout-Kampagne im ,SZ Magazin‘“, so Ehebrecht-Zumsande. 185 Schauspielerinnen und Schauspieler wiesen darin Anfang 2021 auf ihre Situation und die damit einhergehenden Benachteiligungen hin. Sie forderten mehr Sichtbarkeit und Gleichberechtigung in Film, Fernsehen und Theater. Ehebrecht-Zumsande fotografierte das Cover und sagte sich: „Das brauchen wir auch in der Kirche!“ Es folgten erste Zoom-Konferenzen. Schnell wurde klar, wie komplex das Thema und wie groß die Befürchtungen sind. Er und Mitstreitende entwickelten eine Strategie, schrieben das Manifest, entwarfen eine Kampagne. Ziel war es, noch vor der nächsten Versammlung des „Synodalen Wegs“ (einer Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche), zu veröffentlichen.

„Wir können die Kirche nur von innen heraus verändern“

Ehebrecht-Zumsande hatte sich vor rund 20 Jahren im persönlichen Umfeld als homosexuell geoutet. Unter dem damaligen Erzbischof Werner Thissen gab es allerdings ein Sprechverbot. Man durfte „schwul sein, aber es durfte nichts öffentlich werden“, so EhebrechtZumsande. Erst Thissens Nachfolger Stefan Heße fuhr einen neuen Kurs, unterstützte die Gründung der Projektgruppe und sprach sich auf dem „Synodalen Weg“ für Reformen aus: „Eine Kirche, in der man sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken muss, kann nach meinem Dafürhalten nicht im Sinne Jesu sein“, so Heße. Er erhoffe sich eine „Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral und auch des kirchlichen Arbeitsrechts“.

Die katholische Kirche zu verlassen, kam für Ehebrecht-Zumsande nicht infrage: „Wir können die Kirche nur von innen heraus verändern. Es braucht laute und mutige Stimmen für die Veränderung“, sagte er gegenüber der „taz“. Eine erste Welle der Unterstützung folgte prompt: Hamburgs Dragqueen Olivia Jones postete bei Facebook: „großartige Initiative von homosexuellen Mitarbeitern der kath. #Kirche“, die Hamburger Reforminitiative Maria 2.0 schloss sich dem Anliegen an, ebenso wie über 300 weitere Personen (Stand: 15. Februar), die in der katholischen Kirche angestellt sind und zu LGBTIQ+ gezählt werden.

Je bunter und diverser, desto mehr zerfällt die Macht der Kirche

Ob die katholische Kirche über ihren Schatten springen kann, ist offen. Immerhin: Rund 20 katholische Verbände und Organisationen solidarisierten sich. Doch noch im vergangenen März hatte der Vatikan klargestellt, dass homosexuelle Partnerschaften nicht den Plänen Gottes entsprächen. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße sprach sich auf der Synodalversammlung in Frankfurt allerdings für Veränderungen aus: „Im Grunde genommen geht es darum, das Recht an die Wirklichkeit anzupassen.“

Die katholische Kirche ist, nach den Missbrauchsskandalen um Kinder, nun zusätzlich mit der Frage konfrontiert, die die modernen Gesellschaften neben der Pandemie und dem Klimawandel auch in den kommenden Jahren verstärkt beschäftigen dürfte: Wie viel Vielfalt wollen wir?

„Es geht darum, das Recht an die Wirklichkeit anzupassen“

Erzbischof Stefan Heße

Je bunter und diverser die Welt wird, desto mehr zerfällt zumindest die Macht der Kirche, was sich auch an der Mitgliederzahl dieser Glaubensrichtung ablesen lässt: Seit Jahren treten die Menschen aus der Kirche aus. Lag die Mitgliederzahl für das Erzbistum Hamburg 2000 noch bei 389.880, sind es 2020 nur noch 386.009 – der niedrigste Stand seit 25 Jahren. Tendenz: sinkend. Hier – so der Eindruck – wird kein Fortschritt gewagt, sondern Stillstand gelebt. Die Reaktionen der katholischen Kirche lassen selbst die STIKO aussehen, als handele es sich um ein von Agilität beseeltes Start-up. In der Debatte liegt möglicherweise aber auch eine Chance. Überfällig ist sie allemal.

Diversitätsdiskussionsorgien

Allzu lange ist es nicht her, dass sich auch hierzulande in Unternehmen, Institutionen und Politik dasselbe Bild zeigte, wie bei den Glaubensbrüdern und -schwestern: Fast ausschließlich weiße Männer hatten das Sagen – alle anderen das Nachsehen. Inzwischen hat sich zumindest etwas getan: Selten wurde so penibel geschaut, gezählt und gerechnet, ob verpflichtende oder freiwillige Quoten erfüllt sind. Vielfalt ist zu einer Zielvorgabe geworden, die – nicht zuletzt aufgrund von Image- und Marketinggründen – zunehmend angenommen wird: Frauen, Migranten, People of Color und queere Menschen spielen in Unterhaltung und Beruf eine Rolle.

Auch in Politik und Wirtschaft wird verstärkt nach Vielfalt geschaut und gesucht: So präsentierten die Grünen mit der bisexuellen Ricarda Lang und dem in Teheran geborenen Omid Nouripur diverse Parteichefs und stellten mit Cem Özdemir den ersten Minister mit türkischem Migrationshintergrund. Die Ampel-Regierung weist einen Frauenanteil von 47 Prozent aus – der höchste jemals in einer Bundesregierung. Für liberale Freigeister sind das positive Beispiele. Doch noch immer haben Frauen, Ausländer, Arme und von der heterosexuellen Norm Abweichende gesamtgesellschaftlich geringere Chancen und werden schlechter bezahlt. Die Erkenntnis, dass Vielfalt etwas Positives, etwas Normales und Notwendiges ist, hat sich längst nicht durchgesetzt.

Dass die Welt im Zuge der Globalisierung bunter geworden ist, dürfte hingegen niemand ernsthaft bezweifeln. Kein Symbol bringt dies mehr zum Ausdruck, als die Regenbogenflagge. Das Symbol geht auf den amerikanischen Menschenrechtsaktivisten Gilbert Baker zurück, der die Flagge im Jahr 1978 entwarf, um sie auf Demonstrationen für die Rechte Homosexueller zu schwingen.

Braucht es Quoten?

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Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße plädiert für Reformen (Foto: Guiliani von Giese)

Die Farben des Regenbogens stehen für Leben (Rot), Heilung (Orange), Sonne (Gelb), Natur (Grün), Klarheit (Dunkelblau) und Seele (Lila). Später wurde die Flagge um Pink (Sex) und Blau (Frieden) ergänzt. Eine so farbenfrohe Botschaft erinnert fast an das Osterfest. Friede, Freude, Eierkuchen? Pustekuchen: „Tagtäglich werden in Deutschland Menschen aufgrund ihrer sexuellen Neigung angepöbelt, bedroht und angegriffen“, berichtet der Lesben- und Schwulenverband (LSVD). Laut Bundesinnenministerium wurden 782 Straftaten von Hasskriminalität gegen LSBTI registriert, darunter 154 Gewalttaten. Ein Anstieg von 36 Prozent gegenüber 2019. Auch die fremdenfeindlichen Straftaten nahmen im Vergleich zum Vorjahr um 19,1 Prozent zu. Was provoziert diesen Widerstand? Angst? Befremden? Unwissen? Das Tempo der Entwicklung? Der Mangel an Anpassungsfähigkeit?

Nun gibt es auch Kontroversen, die sich im Rahmen des zivilen Miteinanders abspielen. Eine zentrale Frage dabei ist der Einsatz von Checklisten und Quoten. Als die MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein die Diversity Checklist einführte, um für mehr Diversität vor und hinter der Kamera zu sorgen, gab es viel Fürspruch, aber vereinzelt auch Kritik, die die Kunstfreiheit in Gefahr sah.

Den größten Streit entfachen aber verbindliche Quoten: Ist es notwendig und erstrebenswert, Positionen in Unternehmen und Institutionen paritätisch zu besetzen, um für Chancengleichheit zu sorgen? Oder führt dies nicht dazu, dass Bewerbern und Bewerberinnen besetzt werden, die möglicherweise schlechter geeignet sind? Anders formuliert: Untergräbt Diversität potenziell das Leistungsprinzip?

Charta der Vielfalt

Als die Diversity-Pioniere Lee Gardenswartz und Anita Rowe in den Neunzigerjahren versuchten, das Thema Vielfalt in seine einzelnen Dimensionen zu unterteilen, waren es zunächst vier, dann sechs, inzwischen sieben Dimensionen: Geschlecht, ethnische Herkunft, soziale Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung, Weltanschauung sowie körperliche und geistige Möglichkeiten.

Auf dieses Modell beruft sich auch die Charta der Vielfalt, der sich mittlerweile fast 4.500 deutsche Unternehmen mit insgesamt rund 14,6 Millionen Beschäftigten anschlossen. Sie alle haben sich Diversität auf die Fahne geschrieben. Darunter Big Player wie Daimler, Deutsche Bahn, Otto, SAP und VW. Auf der Website wird die Charta als „grundlegendes Bekenntnis zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen von Vielfalt und zu Toleranz, Fairness und Wertschätzung in der Arbeitswelt und Gesellschaft“ bezeichnet. Mit der Unterzeichnung verpflichten sich die Konzerne und Institutionen, alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gleichermaßen zu respektieren – unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft und Nationalität, Geschlecht und geschlechtlicher Identität, körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexueller Orientierung und sozialer Herkunft.

Nur Lippenbekenntnisse? Eine reine PR-Maßnahme? Folgt dem Greenwashing (also dem Bemühen sich einen grünen, umweltfreundlichen Anstrich zu geben) nun das Pinkwashing (also das Deklarieren als viel- statt einfältig)? Das zentrale Anliegen, Vielfalt in Wirtschaft und Gesellschaft zu verankern, ist eines, das viel Willen, Zeit und Geduld erfordern wird – sich aber lohnt: zur Image-Polierung, um neue nationale, internationale und globale Kunden zu gewinnen, um das Risiko von Schadensersatzklagen aufgrund des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes zu vermeiden, aber auch, um in Zeiten des Fachkräftemangels, fähige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu finden und zu binden. Das bedeutet nicht zwingend mehr Ruhe: Wer unterschiedliche Charaktere am Konferenztisch versammelt, sorgt durchaus für Kontroversen, Diskussionen, Debatten, Streit – doch genau daraus könnten auch produktive Ansätze, Ideen und Innovationen entstehen.

Diversity Management

Die gesellschaftliche Vielfalt ist real. Es gilt nun, diese Vielfalt anzuerkennen und damit umzugehen. Der Schlüssel dazu liegt im Diversity Management. Genau „das kann man lernen“, sagt Prof. Dr. Daniela Rastetter, Professorin für Personal und Gender und Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 15 Jahren bietet die Uni entsprechende Kurse in den Wirtschaftswissenschaften an, seit Herbst 2021 auch im Rahmen des Zentrums für Weiterbildung. „Diversity Management zielt darauf ab, die Vielfalt in einer Organisation anzuerkennen, wertzuschätzen und die sich daraus ergebenen Potenziale zu fördern“, erklärt Prof. Rastetter. „Barrieren sollen mittels Diversity-Maßnahmen abgebaut und Studien- und Arbeitsbedingungen verbessert werden, um eine offene Kultur zu ermöglichen.“ Es geht um Anerkennung und Wertschätzung aller Mitarbeitenden – unabhängig von Persönlichkeitsmerkmalen, Lebensstilen oder -entwürfen.

Gelehrt werden Strategien, Maßnahmen und Instrumente, um die Vielfalt in der Organisation zu fördern und zu gestalten. Ziel sei es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das inklusiv und frei von Vorurteilen ist. Das Angebot richtet sich vor allem an Führungs- und Personalverantwortliche, Gleichstellungsbeauftragte, Coaches, Beratende und Referierende. „Das ist ein schöner Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis, da Praktiker und Praktikerinnen ganz viel Erfahrung aus ihren Unternehmen mitbringen.“

In Vielfalt geeint

Der Frühling steht vor der Tür. Draußen wird es wieder bunter und lebendiger. Speziell der Mai wird im Zeichen der Vielfalt stehen: Wie im vergangenen Jahr, ist er der „European Diversity Month“, bei dem alle 26 europäischen Charta-Initiativen teilnehmen. Am 31. Mai zelebriert auch der „Deutsche Diversity Tag“ seinen mittlerweile 10. Geburtstag. Es ist die Gelegenheit, Flagge für Vielfalt zu zeigen – als Einzelner, als Unternehmen, als Gesellschaft. Ob auch die katholische Kirche mitmacht?

Das Erzbistum Hamburg zeigte sich zum Jahreswechsel jedenfalls äußerst kreativ und schickte ihren Mitgliedern einen Brief, unterschrieben vom Erzbischof Stefan Heße. Darin heißt es: „Was mich in diesen Tagen besonders umtreibt, ist, wie sehr wir als Einzelne und Gesellschaft herausgefordert sind, nie geahnte Spannungen und scheinbar unüberbrückbare Gräben zu überwinden. Und das gilt – in den Augen nicht weniger – auch für die Kirche.“ Beigefügt war dem Brief eine Postkarte, die Teil einer Marketingstrategie ist, bei der es darum geht, für gemeinsame Erlebnisse zu sorgen. Darauf stehen drei einfache Worte: „Lass uns mal…“

outinchurch.de


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Glauben im Urbanen – Die katholische Gemeinde in St. Georg

Sinkende Mitgliederzahlen, Kritik am Umgang mit den Missbrauchsskandalen und an der Einstellung zum Thema Sexualität – der katholischen Kirche droht der Bedeutungsverlust. Wie geht die Gemeinde in St. Georg mit den Herausforderungen um?

Text: Ulrich Thiele
Foto (0.): Sophia Herzog

Die Statistiken sind ernüchternd. Die Zahl der Austritte ist in Hamburg in den beiden großen christlichen Kirchen im vergangenen Jahr um 16 Prozent gestiegen – auf 13.525. Dem Erzbistum Hamburg der römisch-katholischen Kirche droht laut einer Mitgliederstudie der Universität Freiburg bis zum Jahr 2060 ein Rückgang seiner Kirchenmitglieder um 40 Prozent.

Zudem verschärft das hoch verschuldete Erzbistum seinen Sparkurs: Sechs der insgesamt 21 katholischen Schulen in Hamburg sollen sukzessive geschlossen werden – darunter auch die Domschule St. Marien in St. Georg zum 31. Juli 2023. Für drei katholische Kliniken in der Hansestadt und in Lübeck sucht das Erzbistum einen neuen Mehrheitseigner.

Klar: Religion und säkulare Großstadt, das ist ein Thema für sich. Doch auch in Hamburg dürfte zumindest indirekt der selbst verschuldete Verlust der moralischen Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche zu spüren sein – angesichts der weltweiten Missbrauchsfälle und der Kritik am Umgang des Vatikans mit diesen und den strukturellen Vertuschungspraktiken. Nicht zu vergessen, die Einstellung zum Thema Homosexualität.

 

„Es darf keine Tabus geben“

 

In Frankfurt am Main wurde letztes Jahr einem Jesuitenpater eine weitere Amtszeit als Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen vom Vatikan verwehrt, weil er sich positiv über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare äußerte. Hamburgs Erzbischof Stefan Heße scheint diesbezüglich eine Öffnung anzustreben. Letztes Jahr hat er sich auf einer Podiumsdiskussion dafür ausgesprochen, Missbrauchsopfer in die Aufarbeitung der Fälle stärker mit einzubeziehen.

Zudem forderte er einen offeneren Umgang in der katholischen Kirche mit dem Thema Sexualität, insbesondere das Thema Homosexualität müsse theologisch neu eingeordnet werden. „Es darf keine Tabuthemen geben. In den Priesterseminaren sollte offen über Sexualität gesprochen werden“, sagte er.

Herausfordernde Zeiten für Peter Mies. Der gebürtige Hamburger war über 20 Jahre Pfarrer der Gemeinde Maria Grün in Blankenese, dazu Verwaltungsratsvorsitzender des katholischen Schulverbands. Seit 2013 ist er Dompfarrer in St. Georg. Ein Umstieg, raus aus dem wohlhabenden Blankenese mit familiären Gemeindestrukturen, rein ins fluktuierende, anonymere St. Georg.

Der St.-Marien-Dom ist die Kathedralkirche des Erzbistums Hamburg und das Zentrum für Katholiken in Hamburg. Das Gemeindeleben hier ist weniger klassisch. Zum einen, weil die meisten Kirchgänger aus anderen Stadtteilen kommen. Zum anderen, weil die Zahl der Umzüge in St. Georg jährlich steigt und eine weniger feste Einwohnerstruktur als in anderen Stadtteilen besteht.

 

Offen sein, ohne beliebig zu werden

 

Daneben spielt ein überall erkennbare Umwälzung eine zentrale Rolle für das katholische Leben auch in St. Georg: die veränderte Gesellschaftsstruktur im Allgemeinen. Neue Vorstellungen von Ehe und Familie, veränderte weltanschauliche Zusammenhänge, die Auflösung der Volksparteien und die Zersplitterung in Milieus – „da ist viel aufgebrochen seit den 60er Jahren“, sagt Mies.

Dass heute homosexuelle Paare in der Gemeinde aktiv sind, sei vor einem halben Jahrhundert undenkbar gewesen. Die Herausforderung bestehe darin, eine Offenheit zu finden, ohne beliebig zu werden: „Diese Offenheit muss mit dem christlichen Kern spirituell zusammengebracht werden“, so Mies. Er habe fünf Schlagworte erarbeitet, erzählt der Pfarrer, die das katholische Leben und die katholische Darstellungsform in St. Georg prägen sollen: Internationalität, offene Kirchen, situative Seelsorge, Vernetzung, ein besonderer Blick auf die Armut.

Drogen, Prostitution, prekäre Lebenslagen: St. Georg gilt seit jeher als Stadtteil der Armen und Verdrängten. Sein Name entspringt dem nach dem heiligen Georg benannten Lepra-Hospital, das um 1200 außerhalb von Hamburgs Stadtmauern entstand.

In den Berichten der Evangelien wird bekanntlich immer wieder Jesu Hinwendung zu den Armen, Schwachen und Ausgestoßenen betont. Eine von vielen Umsetzungen dieser Botschaft im konkreten Alltag ist das Krankenmobil des Caritas-Verbandes, das auf Hamburgs Straßen armen und wohnungslosen Menschen medizinische und pflegerische Versorgung anbietet.

 

Krankenmobil (c) Caritasverband

Zuverlässig: Annette Antkowiak ist bei jedem Wetter im Einsatz / Foto: Caritas Hamburg

 

So auch an diesem Mittwoch um 11 Uhr. Das Krankenmobil steht an der Steinstraße vor dem Eingang des Hinz & Kunzt-Verlages. Der Verkehr tobt, die Sonne glüht. Pavel ist unzufrieden. Er will eine Schmerztablette. „Sonst muss ich Wodka trinken“, sagt er trotzig. Das lässt Annette Antkowiak nicht durchgehen: „Jetzt soll ich auch noch schuld daran sein, dass du deine Termine nicht wahrnimmst?“, entgegnet die Krankenschwester.

Pavel ist Alkoholiker. Neulich hat er sich mit zitternden Händen die Fußnägel geschnitten und dabei verletzt. Annette Antkowiak empfahl ihm deswegen schon mehrmals, am Donnerstag zur medizinischen Fußpflege der Caritas zu kommen. Doch Pavel ist nie aufgetaucht, ihm sei jedes Mal etwas dazwischengekommen, sagt er. „Komm morgen zur Fußwäsche“, sagt Antkowiak mahnend.

Gerade bei diesem Wetter ist mangelnde Hygiene ein Infektionsbeschleuniger, eine Schmerztablette würde daran nichts ändern. „Ich kann nur Empfehlungen aussprechen“, sagt Antkowiak gelassen. Die gelernte Kinderkrankenschwester fing ihre Arbeit im Krankenmobil vor bald 20 Jahren an, seit 2014 ist sie die Leiterin.

Das Team besteht neben ihr aus zwei weiteren Krankenschwestern, die für eine Aufwandsentschädigung arbeiten, und rund 20 ehrenamtlichen Ärzten. Die mobile Arztpraxis fährt wochentags nach einem festen Tourenplan zu Treffpunkten der Obdachlosenhilfe. Am heutigen Mittwoch ist Antkowiak mit der Ärztin Golda Gebauer im Duo unterwegs.

Um 10 Uhr waren sie bereits am Haus Betlehem in der Budapester Straße. Um Viertel vor zwölf fahren sie die wenigen hundert Meter von der Steinstraße bis zur Bahnhofsmission, ihrem letzten Halt für heute. „Man muss sich unsere Arbeit wie eine hausärztliche Sprechstunde vorstellen“, sagt Antkowiak, die während einer gewöhnlichen Tour 20 bis 30 Patienten versorgt.

Medikamente verteilen, Ratschläge geben, oder vermitteln, wenn ein Krankheitsfall außerhalb ihrer Behandlungsmöglichkeiten liegt. Vorhin, erzählt die Frau mit dem Kurzhaarschnitt, sei ein Mann mit akuten Bauchschmerzen zu ihnen gekommen. Sie haben ihn direkt ins Krankenhaus weitergeleitet.

 

„Vertrauen ist ein wichtiger Grundstein“

 

Viele der Patienten kommen schon seit Jahren zum Krankenmobil. Pavel zum Beispiel: Annette Antkowiak kennt ihn seit über 15 Jahren. „Vertrauen ist ein wichtiger Grundstein für unsere Arbeit“, sagt die Krankenmobil-Leiterin. Beide Seiten sollen einhalten, was sie sagen. Die Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass die mobile Arztpraxis zur festgelegten Zeit vor Ort ist. Dass es andersherum nicht immer so gut klappt, sei kein Grund für Frustration. „Ich nehme es den Patienten nicht mehr übel, wenn sie Vorschläge nicht mehr annehmen“, sagt Antkowiak. „Das wäre der falsche Ansatz.“

Die größte Veränderung, die sie in den letzten 20 Jahren hier in St. Georg wahrgenommen hat, ist das Verhältnis von Armut und Migration. Lag der Ausländeranteil zu Beginn ihrer Tätigkeit noch bei 30 Prozent, liegt er mittlerweile bei 70 Prozent, zu einem Großteil osteuropäischer Herkunft. Die damit verbundenen Sprachhindernisse überwinden sie mit Piktogrammen, Wortfetzen, Händen und Füßen oder dem „Triaphon“, einer in diversen Sprachen verfügbaren telefonischen Soforthilfe.

Auch Pfarrer Peter Mies sagt über seine Gemeinde: „Die Internationalität ist ein spezifisches Merkmal für die katholische Welt in der Hamburger Innenstadt.“ Um die 80 Sprachgruppen zähle die Gemeinde, es gibt Gottesdienste auf Kroatisch und Portugiesisch. „Wir fassen die Internationalität als Chance auf “, sagt er.

Auch wenn es nicht einfach sei, die unterschiedlichen Glaubensverständnisse zusammenzuführen. „Wenn man nur ein bisschen Folklore macht, ist das einfach. Aber sobald es um Konkretes geht wie eine Heirat, wenn einer der Partner aus der Kirche ausgetreten ist, dann merkt man schnell, dass das eine Riesenaufgabe ist“, so Mies.

 

Kirche-c-Ulrich-Thiele

Die portugiesische Messe ist besucherstark und leidenschaftlich / Foto: Ulrich Thiele

 

Am Sonntag um 12 Uhr versammelt sich die portugiesische Gemeinde zur Heiligen Messe im Mariendom. Die portugiesischsprachige Mission wurde 1974 von Pater Dr. Enrico José de Azevedo gegründet. Rund 10.000 Portugiesen in Hamburg gehören der Gemeinde von Padre Sérgio Santos Reis an.

Hunderte Gläubige kommen an diesem Sonntag. Im zum Großteil weiß gehaltenen Inneren liegt noch der Weihrauchgeruch vom letzten Gottesdienst, als Senioren, Jugendliche und Familien mit kleinen Kindern eintreten, ihre Finger in die Weihwasserbehälter tunken, sich zur Tauferneuerung bekreuzigen und vor dem gekreuzigten Jesus Christus, der vor dem goldverzierten Altar hängt, niederknien. Die meisten Plätze sind schnell besetzt, manche verfolgen den Gottesdienst im Stehen.

Wer kein Portugiesisch spricht, versteht bis auf einzelne Wörter nichts. Doch die Rituale, die Liturgie, all das ist bekannt: Glaubenskenntnis, Fürbitten, Kyrie, Gloria, Tagesgebet, Lesung, Eucharistie-Feier, nach der die Gläubigen nach vorne strömen, um Oblaten und Wein – im katholischen Glauben Leib und Blut Christi – zu sich zu nehmen.

 

Ein lebendiger Gottesdienst

 

Eine Frau mittleren Alters mit rötlichem Haar tritt für die Lobgesänge nach vorne, singt mit hoher, glasklarer Stimme, die Gläubigen antworten zwischendurch im Chor, dass es durch den hohen Raum bis zur Kuppel und zurück hallt.

Der Gottesdienst ist lebendig, zumindest herrscht ein buntes Durcheinander: Manche sind versunken, singen inbrünstig, ein älterer Mann mit weißem Haar hat Tränen in den Augen, Kinder mit Schuhen, die beim Auftreten an den Seiten rot aufblinken, spielen hinter den Bänken, von ihren Eltern angemahnt, ruhiger zu sein. Andere wirken fast gelangweilt, tippen auf ihren Smartphones.

Nachdem der Pastor den Segen ausgesprochen hat, schallt Orgelspiel durch den Raum, die Masse löst sich auf und zerstreut sich, es wird wieder miteinander gesprochen, die Stimmung ist ausgelöst und freudig, als wäre eine Last von den Leuten gefallen.

Beim Rausgehen berühren manche noch andächtig die Madonna-Figur am Seiteneingang. Ein alter Mann hält sich an eine Bank fest und versucht, vor dem Altar niederzuknien, einmal, zweimal, doch seine Beine zittern und er kommt nicht auf den Boden, also verbeugt er sich. Dann geht er auf wackeligen Beinen zum von Kerzen beleuchteten Madonnengemälde, versucht wieder, niederzuknien, einmal, zweimal, wieder will es ihm nicht gelingen, also verbeugt er sich noch mal, fast entschuldigend, bekreuzigt sich und geht hinaus in die Mittagssonne.

St. Marien-Dom Hamburg: Am Mariendom 4 (St. Georg)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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