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Fahrrad-Stadt: So baut Hamburg den Radverkehr aus

Velorouten, Stadtrad und mehr Stellplätze: Hamburg baut die Infrastruktur für Fahrradfahrer aus. Warum ein funktionierender Verkehr auch immer einen guten Mobilitätsmix braucht, erklärt Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue

Interview: Sophia Herzog
Foto (o.): Fahrrad.Hamburg

 

SZENE HAMBURG: Frau Pfaue, Hollandrad oder Fixie-Bike?

Kirsten Pfaue: Hollandrad.

Ist das Fahrrad Teil Ihres Alltags?

Ja, definitiv. Entweder ich bringe meine Tochter zur Kita, oder ich fahre zum Einkaufen oder zur Arbeit. Ein Leben ohne Rad könnte ich mir gar nicht vorstellen.

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Kirsten Pfaue macht Hamburg Stück für Stück zur Fahrradstadt / Foto: BWVI Hamburg

Verbinden Sie besondere Erinnerungen mit dem Fahrradfahren?

Für mich steht das Fahrrad für Unabhängigkeit und Freiheit. Früher habe ich mit dem Fahrrad viele Reisen durch Europa gemacht. Dabei konnte ich das Land immer ganz unmittelbar erleben. Es ist so schön, einfach an einem französischen Marktplatz anzuhalten und vor Ort Obst oder Käse einzukaufen. Das Lebendige am Radfahren hat mich schon immer begeistert.

Diese Leidenschaft ist 2015 schließlich Teil Ihres Jobs geworden – was genau macht eine Radverkehrskoordinatorin?

Meine Aufgabe ist es, Hamburg jeden Tag ein Stück fahrradfreundlicher zu machen. Das Wichtigste dabei ist, dass alle, die sich in der Verwaltung der Stadt Hamburg um dieses Thema kümmern, an einem Strang ziehen. Deshalb laufen bei mir alle Fäden zusammen. Jede Entscheidung, die ich treffe, soll den Radverkehr in Hamburg nach vorne bringen. Dazu spreche ich natürlich mit meinen Kollegen, mit Staatsräten, und auch mit Polizisten vor Ort oder den Hamburgern selbst.

Wie motivieren Sie die Hamburger dazu, öfter mal aufs Rad umzusteigen?

Erst einmal bauen wir natürlich stadtweit die Infrastruktur und die Services aus, wir wollen aber auch mit den Hamburgern ins Gespräch kommen. Deshalb haben wir die Kampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“ ins Leben gerufen. Mit dieser Kampagne wollen wir die Bereitschaft der Hamburger für das Radfahren steigern, das Engagement der Stadt sichtbar machen und über unsere Angebote informieren.

 

Hört hier den Song „Von Hamburg bis zum Meer“ zur Kampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“

 

Wie verändern sich Städte, wenn mehr Menschen das Fahrrad nutzen?

Ziel des Hamburger Senats ist es, bis Ende der 2020er Jahre einen Fahrradverkehrsanteil von 25 Prozent zu erreichen. Gerade sind wir bei rund 15 Prozent. Ein hoher Radverkehrsanteil steht für die Lebensqualität einer Stadt, weil Städte durch Radverkehr viel lebendiger werden. Und er löst auch viele Herausforderungen, vor denen wir heute stehen. Radverkehr bringt bessere Luft, weniger Lärm und weniger Stau. Daher ist es ganz wichtig, dass wir den Radverkehr in Hamburg fördern.

Grundlage für diese Förderung ist auch das „Bündnis für den Radverkehr“, das unter Olaf Scholz 2016 unterzeichnet wurde. Was hat sich seitdem konkret getan?

Sehr viel! Seit der Unterzeichnung des Bündnisses haben wir in Hamburg eine Radverkehrsförderung, wie es sie vorher noch nie gab. Wir haben seitdem vorangebracht, dass an allen U- und S-Bahnhöfen hochwertige Abstellanlagen gebaut werden. Unser Stadtrad-System ist erweitert worden, sogar um E-Lastenräder. Und natürlich wird auch das Velorouten-Netz ausgebaut. Das wird immer sichtbarer, an der Ecke Krugkoppelbrücke und Harvesterhuder Weg ist beispielsweise gerade ein Kreisel auf der Veloroute 4 fertig geworden.

Jährlich entstehen rund 30 bis 40 Kilometer Radverkehrsanlagen. Das findet auch bundesweit Anerkennung, wir werden 2021 den Nationalen Radverkehrskongress mit dem Bund hier in Hamburg als Gastgeber durchführen. Dies ist ein großes Kompliment an das, was wir in den letzten Jahren geschafft haben.

 

„Wir müssen den Stadtraum völlig neu aufteilen“

 

Es wird oft kritisiert, dass Radfahren auf Hamburgs Straßen nicht sehr sicher ist, was vielerorts auch an den Konflikten zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern liegt. Wie lässt sich dieses Konfliktpotential verringern?

Gute Radverkehrsförderung bedeutet auch immer Förderung für den Fußverkehr. Hamburg wächst, wir werden bald die Zwei-Millionen-Marke knacken. Das heißt, dass wir auf den Fußwegen mehr Platz brauchen, die aber gerade häufig von schmalen Radwegen besetzt sind. Der Radverkehr muss also von dort auf die Straße gelenkt werden, wo es wiederum sichere und breite Fahrradspuren braucht. Wir müssen den Straßenraum also völlig neu aufteilen.

Deshalb der Ausbau des Velorouten-Netzes in der Stadt…

Genau, beim Veloroutenausbau setzen wir auf mehr Platz für die Radfahrer. Wir wollen loskommen von diesen hubbeligen, handtuchbreiten Wegen. Stattdessen wollen wir breite Radrouten, auf denen die Fahrradfahrer sicher, zügig und komfortabel fahren können. Platz schafft Sicherheit. Wie das aussieht, können die Hamburger zum Beispiel schon an den Fahrradstraßen Chemnitzstraße oder Leinpfad sehen. Ab August wird der Ballindamm umgebaut, Radfahrer bekommen dort bis zu 2,75 Meter breite Radstreifen.

Ab wann kann die Stadt denn auf dem fertigen Velorouten-Netz erkundet werden?

Als ich meinen Job als Radverkehrskoordinatorin angefangen habe, war das Thema Velorouten ein unbeackertes Feld. Der Plan lag zwar in der Schublade, wurde aber nicht umgesetzt. Inzwischen haben wir 253 Maßnahmen über das ganze Stadtgebiet angestoßen, die gerade in Planung oder im Bau sind. Bis Ende 2020 werden wir dafür 30 Millionen Euro Bundesmittel verbaut haben. Dann wird auch das Streckennetz überwiegend fertig sein. Allerdings gibt es auch Maßnahmen, die erst danach umgesetzt werden, was einfach daran liegt, dass manche Planungen länger brauchen, weil beispielsweise Grundstücke gekauft oder Bauzeitfenster gefunden werden müssen.

 

„Bis 2025 bauen wir an S- und U-Bahnhöfen rund 25.000 Abstellplätze für Fahrräder“

 

Nicht jede Strecke lässt sich mit dem Rad fahren. Wie bringen sie Menschen dazu, die beispielsweise mit dem Auto zur Arbeit in die Innenstadt pendeln?

Da arbeiten wir an zwei Strängen. Zum einen sind das die Velorouten, die sternförmig aus dem Hamburger Umland in die Stadt hineinführen. Durch E-unterstütze Räder kann man inzwischen auch ganz andere Strecken zurücklegen als mit dem herkömmlichen Rad. Und zum anderen brauchen wir wirklich gute Mobilitätsketten. Das heißt, ein Pendler muss wissen, dass es beim nächsten Bahnhof sichere Abstellanlagen gibt, bei denen das Rad tagsüber gut aufgehoben ist.

Deshalb bauen wir bis 2025 an allen S- und U-Bahnhöfen rund 25.000 Abstellplätze in einem hohen, einheitlichen Standard. Und in der Stadt angekommen, können sich die Pendler dann ein Stadtrad schnappen und damit in die Nähe des Arbeitsplatzes fahren.

Apropos Stadtrad: Im letzten Jahr wurden neue Stationen gebaut, und die Flotte wurde erweitert. Wie geht es weiter?

Vor einem Jahr hatten wir noch 214 Leihstationen mit 2.450 Fahrrädern. Heute gibt es bereits 224 Stationen, diese werden in den kommenden Jahren schrittweise auf 350 Stationen mit 4.500 Leihrädern ausgebaut. So erreichen wir eine Vollabdeckung in der Stadt. Unser Ziel ist es, dass die Hamburger im ganzen Stadtgebiet an allen S- und U-Bahnhöfen und in allen Stadtteilzentren eine Station finden. Die erste halbe Stunde der Nutzung ist kostenlos, und per App kann man vorher prüfen, an welcher Station noch Fahrräder verfügbar sind. Das Stadtrad ist damit ein sehr komfortables Verkehrsmittel, das viele Hamburger schätzen und lieben.

Das Stadtrad scheint ein elementarer Teil des Mobilitätskonzepts der Stadt zu sein. Aber sind 4.500 Stadträder wirklich genug, um ganz Hamburg zu versorgen?

Ja, das Stadtrad erfreut sich großer Beliebtheit. Es ist sogar das meist genutzte Fahrradverleihsystem Deutschlands. Unser Ziel ist eine große Stationsdichte, die an Orten mit hohem Kundenpotenzial sowie mit hoher Einwohnerzahl im Umkreis von 500 Metern liegt. Wichtig ist uns dabei stets auch ein qualitativ hochwertiges und gepflegtes Erscheinungsbild des Stadtrad-Systems. Deshalb wachsen wir lieber im guten Tempo als zu rasant.

Gibt es andere Fahrradstädte, Kopenhagen zum Beispiel, die Hamburg sich als Vorbild nehmen könnte?

Ganz bestimmt. In diesen Städten wird schon viel weitergedacht, das merkt man oft an den Feinheiten. In Groningen zum Beispiel gibt es Radfahr-Ampeln, die bei Regen längere Grünphasen haben. So werden die Radler bei Rot nicht so lange im Regen stehen gelassen. Schöne Sache. Das sind Kleinigkeiten, die zeigen: Wir nehmen den Radfahrer ernst und geben ihm eine hohe Priorität im Straßenverkehr.

Können Sie sich vorstellen, dass in Hamburg irgendwann nur noch Radfahrer unterwegs sind?

Nein, das ist auch nicht unser Ziel. Es gibt auch gute Gründe, in einer so großen Stadt den öffentlichen Nahverkehr stark auszubauen und dem Fußverkehr einen großen Stellenwert einzuräumen. Und natürlich wird es weiter Autos und Lieferwagen geben. Das ist doch selbstverständlich, gerade in einer Wirtschafts- und Logistikmetropole wie Hamburg. Es muss uns aber nur allen klar sein, dass es so, wie es jetzt ist, nicht weitergeht. Wir brauchen neue Angebote, um gerade den individuellen Autoverkehr zu reduzieren. Sonst steht der Verkehr. In einem zukunftsfähigen Mobilitätsmix wird das Fahrrad eine zentrale Rolle spielen, aber sicher bleibt auch: Die Mischung macht’s.

Fahrrad.hamburg


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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SZENE HAMBURG im September 2019: Titelthema Mobilität

Lest in unserem Editorial, auf welche Geschichten ihr euch im September freuen könnt

Foto: Kevin Grieve via Unsplash (Symbolbild)

Aufreger des Monats: die überall rumliegenden E-Roller. Quer über den Bürgersteig, auf Verkehrsinseln, vor Eingängen und Ausfahrten. Und in den Sperrzonen. Unabhängig von deren Sinnhaftigkeit, sollte es erkennbar sein, dass ein irgendwo fix hingeschmissener Roller für andere Menschen nervig bis gefährlich sein könnte. Den momentanen ökologischen Wert der Roller mal ganz beiseite. Aber: Die E-Roller sind ein weiterer Versuch die Mobilität in der Stadt zu verändern, zu erweitern – und das ist gut.

Denn die bisherigen Maßnahmen scheinen sich auszuzahlen. Statistiken zeigen, dass die Leute seit 2002 immer weniger Strecken in Hamburg mit dem Auto zurücklegen. Wir sind zwar noch weit entfernt von einer Fahrradstadt wie Kopenhagen, aber es tut sich eine Menge. Immer mehr Velorouten durchziehen die Stadt, mehr Stadtrad-Stationen sollen kommen und die Bike+Ride-Stationen werden ausgebaut. So erzählt es die Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue im Interview.

 

Das Umdenken ist im Gange – der Verkehr im Wandel

 

Das kommt (nicht nur) den Bewohnern in Altona entgegen. Diese haben sich mit der Initiative Cities4People zusammengesetzt und Ideen für die Umgestaltung des Verkehrs gesammelt. Einstimmig war der Wunsch nach mehr Raum für Fahrräder. Dem würde bestimmt auch Alex zustimmen. Unser Redakteur war einen Tag lang mit dem Fahrradkurier unterwegs und hat unterwegs zwischen Autos und Fußgängern einiges erlebt.

Das Umdenken ist im Gange, der Stadtverkehr im Wandel – noch ist alles natürlich nicht optimal, an einigen Stellen, wie bei den Kosten für die Nutzung von alternativen Verkehrsmitteln, muss geschraubt werden und sich zurechtruckeln – aber es wird!

Text: Hedda Bültmann, Redaktionsleitung SZENE HAMBURG


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Foto: Sophia Herzog

Hedda Bültmann, unsere Redaktionsleiterin, hat den Kopf voller Ideen und bei der SZENE HAMBURG das Ruder in der Hand. Mit ihrem Spirit, Tatendrang und ihren Ideen prägt sie unser Stadtmagazin. Lust auf Austausch? Ihr erreicht sie unter hedda.bueltmann@vkfmi.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburg zur Fahrradstadt – Interview mit Kirsten Pfaue

Vom Fahrradfreak zur Radverkehrskoordinatorin: Kirsten Pfaue (43) hat eine atemberaubende Strecke hinter sich. Und noch lange nicht genug. Hamburgs Radler sollen sich bald so wohl fühlen wie in anderen Millionenstädten.

SZENE HAMBURG: Frau Pfaue, welche emotionale Verbindung haben Sie zum Fahrrad?
Kirsten Pfaue: Ich liebe Fahrradfahren! Für mich steht es für Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Rad den Wind in den Haaren zu spüren und die Stadt unmittelbar zu erleben. Als Jugendliche spielte ich viel Handball. (lacht) Ich kenne heute noch jede Halle in Hamburg und den dazugehörigen Radweg. Meine erste Radtour an die Mosel unternahm ich als 16-Jährige. Später ging es nach Korsika, England und Norwegen. Durch all diese Erfahrungen begann meine bis heute andauernde leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Radverkehr.

Sie sind Mitgründern der Radreisemesse des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), wurden 2008 in den ADFC-Vorstand gewählt. Was machen Sie als Radverkehrskoordinatorin? Und welche Entscheidungsbefugnisse besitzen Sie?
Meine Aufgabe ist es, dazu beizutragen, dass Hamburg in den drei Bereichen Infrastrukturausbau, Serviceausbau und Kommunikation gut vorankommt. Ich spreche mit allen relevanten Akteuren in der Stadt, bin sehr agil und flexibel in der Hamburger Verwaltung unterwegs. Natürlich existieren weiter Verwaltungszuständigkeiten. Für Hauptverkehrsstraßen ist der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer zuständig, für das Bezirksstraßennetz die sieben Hamburger Bezirke. Doch ich habe umfassende Informations- und Beteiligungsrechte, kann Hierarchien überspringen. Der Ideenaustausch mit Entscheidungsträgern gehört ebenso dazu wie Gespräche mit den Menschen, die vor Ort Maßnahmen planen und durchführen. Den Austausch mit den Bürgern suche ich auf vielen öffentlichen Veranstaltungen, beispielsweise der Radreisemesse oder der Velo Hamburg. Oftmals werde ich direkt angesprochen.

Beim Radfahren?
Ja. Von Leuten, die ich nicht kenne. „Sind Sie nicht…?“ beginnen sie oft – und sagen mir dann, was sie auf dem Herzen haben. Oft beginnt der Austausch leidenschaftlich und mündet in ein herzliches und konstruktives Gespräch. Das ist immer wieder aufs Neue eine schöne Erfahrung.

Was sind Ihre Ziele und Visionen?
Mir geht es stets um die bestmögliche Lösung für alle Verkehrsteilnehmer, denn jeder von uns ist mal Radfahrer, mal Fußgänger, mal Autofahrer. Hamburg ist eine wachsende Stadt. Der Straßenraum ist eng, der Interessenausgleich daher umso wichtiger. Unser ganz großes Ziel ist die Steigerung des Radverkehrs am Verkehrsaufkommen von 12 auf 25 Prozent im nächsten Jahrzehnt. Wir wollen den Menschen Lust machen, sich gerade für kurze Wege vermehrt aufs Rad zu setzen. Für einen quirligen, lebendigen Straßenraum, in dem der Radverkehr für Lebensqualität steht und selbstverständlicher Teil des Stadtbildes ist.

Das klingt sehr ambitioniert. Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie das schaffen?
Besonders wichtig ist das Veloroutennetz. Das gesamte Netz von 280 Kilometern haben wir im Blick, Handlungsbedarfe sind bei rund 150 Kilometern festgestellt worden, die in Planungen überführt werden. Über 245 Maßnahmen sind dazu hamburgweit angeschoben worden. Mehr als 30 Planungsbüros unterstützen die Verwaltung. Erste Maßnahmen sind bereits umgesetzt. Für den Ausbau des Veloroutennetzes benötigen wir ca. 100 Millionen Euro. Eine solche intensive Radverkehrsförderung gab es in Hamburg noch nie. Daneben soll unser herausragendes Fahrrad-Leihsystem StadtRAD in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Von 213 StadtRAD-Stationen mit 2450 Rädern auf 350 Stationen mit 4500 Rädern. Integriert werden zunächst 20, später bis zu 70 elektrisch unterstützte Leih-Lastenräder, damit zum Beispiel Eltern auch ihre Kinder mitfahren lassen können. Die Hamburger Bevölkerung wird über eine Online-Beteiligung in die Standortsuche für die Radstationen miteinbezogen. Bis 2025 wollen wir zudem 28.000 Abstellplätze des Bike & Ride-Systems anbieten können. Hier denken wir wie so oft in Mobilitätsketten, verknüpfen Fahrrad- und öffentlichen Nahverkehr, bauen also an U- und S-Bahnstationen. Alleine 2018 werden wir rund 1.500 neue Abstellplätze schaffen. Und wir bauen ein Zählnetz zur systematischen Erfassung des Radverkehrs auf, denn momentan wird in Hamburg noch händisch gezählt.

Wie viele Räder fahren denn eigentlich auf Hamburgs Straßen?
Die letzten validen Zahlen stammen aus dem Jahr 2008. Danach sind es 1,64 Millionen Fahrräder.

Orientieren Sie sich bei Ihren Maßnahmen auch an internationalen Vorbildern?
Ja. Wir schauen immer: Wo können wir Honig saugen? Der Blick geht natürlich nach Kopenhagen, auch nach Brüssel, London, München oder Berlin. Besonders angetan hat es mir Amsterdam.

Weil die Stadt mit knapp einer Millionen Einwohnern ungefähr mit Hamburg vergleichbar ist?
Genau. Wir müssen uns die Maßnahmen von Städten anschauen, die von der Größe und Infrastruktur in der gleichen Liga spielen wie Hamburg – also vor allem Millionenstädte. Was die Niederlande hervorragend hinbekommen, das sind unterbrechungsfreie Radverkehrsstrecken. Durch Brückenbauwerke zum Beispiel oder durch gut geführte Fahrradstraßen mit Vorrangregelungen für Radfahrer. Radfahren ist nun einmal muskelgetrieben, soll flüssig ohne große Unterbrechungen möglich sein.

Setzen Sie das in Hamburg bereits um?
Ja. Zum Beispiel ist der Leinpfad zur anliegerfreien Fahrradstraße umgebaut worden. Die Einfahrt von der Krugkoppelbrücke in den Harvestehuder Weg wird bislang durch eine Ampelschaltung geregelt, nun wird dort ein Kreisverkehr installiert, genauso wie beim Übergang von der Schanzenstraße in die Weidenallee. Vorteil für die Radfahrer: Sie können einfach weiterfahren. Aber alle Verkehrsteilnehmer haben etwas davon.

Inwiefern?
Jeder weiß, wo sein Platz ist. Fußgänger haben den ihren auf dem Fußweg, Radfahrer und Autos auf der Straße. Autofahrer werden keinesfalls ausgeschlossen, können rücksichtsvoll passieren. Am Leinpfad und an der Schanzenstraße profitieren die Fußgänger von deutlich komfortableren und breiteren Gehwegen. Ihr Raum ist durch die Veränderung aufgewertet worden.

Was gefällt Ihnen noch in den Niederlanden?
Die Radschnellwege außerhalb der Innenstadt. Wir haben zu dem Thema Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. In der Metropolregion Hamburg zügig unterwegs sein zu können, ist ein großes Plus. Die Räder werden ja auch immer schneller. Pedelecs und Lastenräder liegen im Trend. Durch Radschnellwege stelle ich sicher, dass überholt werden kann, ein flüssiger Verkehr gewährleistet wird.

Klingt, als laufe alles perfekt. Gibt es gar keine Stelle, wo es hakt?
Natürlich ist die Koordinierung der verschiedenen Beteiligten bis zur Umsetzung einer Maßnahme oftmals ein langwieriger Prozess (lacht). Als ungeduldiger Mensch denke ich manchmal: Hier muss doch sofort gebaut werden. Da zügele ich mich dann, übe mich in Langmut.

Gelingt Ihnen dies ebenfalls, wenn Sie selbst auf dem Rad unterwegs sind? Was ist da für Sie das größte Ärgernis?
Das sind die Momente, in denen ich merke, wie hoch der Stresslevel bei allen ist, wie emotional das Thema Radfahren manchmal immer noch gesehen wird. Besonders ärgere ich mich, wenn Radfahrstreifen beparkt werden. Weil ich weiß: Das lässt den Adrenalinpegel in jede Richtung extrem nach oben schießen.

Haben Sie jemals an der Critical Mass teilgenommen?
Ja, habe ich.

Wie sehen Sie diese Protestdemo der Radfahrer heute?
Ich finde sie nach wie vor wichtig. Sie dreht die Verhältnisse um, in dem sich Tausende Radfahrer Platz auf der Straße nehmen. Sie zeigen: Wir sind auch Verkehr! Ich verstehe durchaus, dass das Autofahrer wütend macht, weil sie sich ausgebremst fühlen. Ich glaube aber, dass durch diese Polarisierung viele Begegnungen stattfinden und dass diese Begegnungen wichtig sind für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Critical Mass befördert den Diskurs, den es braucht. Insgesamt finde ich übrigens, die Mentalität der Hamburger hat sich bei dem Thema sehr positiv entwickelt.

Hat sie?
Ja. Als ich Anfang der 90er das Radfahren für mich entdeckte, war das ein Nischenthema (lacht). Ein bisschen waren wir wie Freaks. Radfahren ist seitdem immer sichtbarer geworden. Gehen Sie mal durch die HafenCity. Jede Boutique, die was auf sich hält, hat im Schaufenster ein Fahrrad stehen. Radfahren ist Teil einer Lebensphilosophie, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das wollen wir weiter fördern. Und es geht immer weiter: Seit Neuestem sind in der Hamburg Tourismus App Radrouten und das StadtRAD integriert. Radfahren ist Teil Hamburger Lebensqualität.

Interview: Mirko Schneider

Foto: Jakob Börner


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!