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Kaffeeduft und Ed von Schleck

Mit einem Jahr Verspätung erhielt der Schriftsteller Klaus Modick im Hamburger Rathaus den Hannelore-Greve-Literaturpreis für das Jahr 2020. In seiner Dankrede „Meine Hamburger Jahre“ erzählt er, wie die Hansestadt – inklusive SZENE HAMBURG – sein Werk geprägt hat

Text: Klaus Modick

 

Erste Erinnerungen an Hamburg reichen in meine Kindheit zurück, und sie duften intensiv nach Kaffee. Der Freund meines Hamburger Onkels betrieb nämlich in der Speicherstadt ein Kaffee-Lagerhaus, hinter dessen pittoresker Klinkerfassade sich eine märchenhafte Welt auftat. Sie reichte bis zu den Luken, die sich am anderen Ende dieser geheimnisvollen Welt auf den Fleet öffneten, auf dem die Schuten lagen, aus denen die Kaffeesäcke mit Seilwinden zu den Böden gehievt und dort auf den Eichendielen gestapelt wurden. Die Säcke trugen Aufschriften ihrer Herkunft, Guatemala und Costa Rica, Kenia und Kolumbien, und mir kam es so vor, als träumten im Klang dieser exotischen Ländernamen abenteuerliche Geschichten von Reisen und Abenteuern in der großen, weiten Welt. So verband sich mir damals der Duft von Kaffee mit dem Klang der Namen ferner Länder und dem Wort Hamburg zu einer Atmosphäre, die meine Phantasie üppig gedeihen ließ. Vielleicht hat eine unbewusste Erinnerung an diese Eindrücke dazu beigetragen, dass ich nach dem Abitur zum Studium nach Hamburg zog. Wenn man aus der freundlichen Provinzialität einer ehemaligen Residenzstadt wie Oldenburg kommt, merkt man schnell, dass die Weltstadt Hamburg ein – norddeutsch gesagt – ganz anderer Schnack ist.

 

K-, K-, K-HSV

 

Statt „ganz anderer Schnack“ könnte man auch sagen, dass Hamburg immer schon in einer anderen Liga spielte als Oldenburg, auch wenn diese sportliche Metapher derzeit etwas bitter klingen mag. Als ich 1971 nach Hamburg kam, spielte der VFB Oldenburg in der dritten und der HSV in der ersten Liga; heute spielen die Oldenburger in der vierten und der HSV – nun ja, ich gehe hier lieber nicht weiter ins Detail, bekenne mich aber trotz alledem als treuer HSV-Fan, seitdem ich Uwe Seeler in seiner letzten Saison noch leibhaftig spielen sah. Staunend verfolgt habe ich dann den Aufstieg des K-, K- und K-HSV: K wie Krohn, K wie Kuno Klötzer, K wie Kevin Keagan, und begeistert miterlebt habe ich die goldene Ära der legendären Happel-Elf. 5:1 gegen Real Madrid! Das Volksparkstadium wackelte bedenklich.

Studiert habe ich übrigens auch, Campus Von-Melle-Park, in der herben Waschbetonschönheit des Philosophenturms, Germanistik und Geschichte. Ich studierte auf Lehramt, merkte jedoch während eines Schulpraktikums, dass die Aussicht auf eine lebenslange Lehrerexistenz alles andere als verlockend war. Das Erste Staatsexamen fürs Lehramt an Gymnasien absolvierte ich trotzdem, aber eigentlich nur, um besorgte Fragen aus meinem Elternhaus, was denn eigentlich aus mir werden solle, zu sedieren. Hätte ich die Antwort gegeben, die mir damals bereits vage durch den Kopf ging und auf der Zunge lag, hätte man mich vermutlich für spinnert gehalten, lautete sie doch: Schriftsteller.

 

Die gedruckte Legende

 

Geschrieben hatte ich bislang aber nur ein paar Texte für Songs, die bis zum heutigen Tag auf ihre Entdeckung als hitverdächtig warten, sowie einige hemmungslos sentimentale Gedichte, von denen eins sogar den herrlichen Titel „Hamburg“ trägt – aber keine Bange, ich habe nicht die Absicht, Ihnen diesen juvenilen Geniestreich jetzt vorzutragen. Mein Frühwerk war jedenfalls für ein Leben als Schriftsteller nicht wirklich tragfähig, weshalb ich erst einmal weiter studierte und eine Doktorarbeit über Lion Feuchtwanger schrieb. Diese Entscheidung erwies sich dann allerdings sehr wohl als tragfähig, weil die Dissertation als Buch erschien und damit den Beginn meiner Schriftstellerei markierte; und dreißig Jahre später sollte sie sich als ergiebiger Steinbruch für meinen Roman „Sunset“ erweisen: Auch dies also ein Kreis, dessen Linie in Hamburg begann, um sich Jahrzehnte später zu schließen.

 

SZENE HAMBURG

 

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Zuletzt erschienen von Klaus Modick die Erzählung „Leonard Cohen“ in der KiWi-Musikbibliothek (2020) und der Roman „Fahrtwind“ (2021) (Foto: Stephan Meyer Bergfeld)

Um das karge Bafög aufzubessern, jobbte ich während des Studiums in einer Souterrain-Kneipe in der Hegestraße. Das Lokal nannte sich in schöner Schlichtheit „Schröder“ und war ein Hotspot dessen, was in den siebziger Jahren in Kneipen und Kellern, Musikclubs und Cafés als so genannte Hamburger Szene laut und bunt und munter getrieben wurde. Der vage Begriff wurde zur gedruckten Legende, als sich das 1973 gegründete Stadtmagazin knapp und schlau „Szene Hamburg“ nannte. In den achtziger Jahren habe ich in dem Blatt zahlreiche Texte publiziert. Mein erster Beitrag war eine küchenpsychologisch grundierte Charakterstudie mit dem Titel „Genie der cholerischen Wut“, und dies Genie war kein Geringerer als Donald Duck.

 

Von der Theke zum Werbetexter

 

Und auch einige meiner Erlebnisse im nicht nur von Nikotinschwaden durchwaberten Rauch und Schall von „Schröder“ sollten schon bald in meinem Roman „Ins Blaue“ ins literarisch rechte Licht gerückt werden. Damals wohnte ich im Karolinenviertel, wie es sich gehörte in einer Wohngemeinschaft. Einer meiner Mitbewohner hatte einen Schwager, der als Kundenberater in der Werbebranche arbeitete und eines Tages erzählte, dass man dort nach Textern suche, ein Job, für den ich garantiert geeignet sei, und besser bezahlt als Bierzapfen im „Schröder“ sei er allemal. Werbetexter? Auf die Idee wäre ich selbst nie gekommen, allein schon wegen Konsumterror und Bedürfnismanipulation und überhaupt irgendwie unseriös, wenn nicht gar halbseiden – aber mal anhören, was man von mir haben und was man mir dafür bieten wollte, konnte ja nicht schaden. Und also erschien ich im hanseatisch-prächtigen Backsteinexpressionismus des Sprinkenhofs im Kontorhausviertel, wo die Werbeagentur Lintas zwei weitläufige Etagen belegte. Die Eignungsprüfung bestand darin, dass der verblüffend seriös wirkende Kreativdirektor durch diverse Zeitschriften blätterte und mich aufforderte, zu den Werbeanzeigen spontan meine Meinung zu sagen. Nach einem knappen Dutzend frech-forscher Bemerkungen meinerseits sagte er: „Sie können hier morgen anfangen.“

 

Mach keinen Heckmeck!

 

Um weiter an meiner Doktorarbeit schreiben zu können, bot er mir einen Halbtagsjob an, der so gut bezahlt war, dass ich auf der Stelle vergaß, was unter einem Begriff wie Konsumterror überhaupt zu verstehen wäre. Ich blieb vier Jahre in der Lintas, zwei Jahre halbtags und dann noch einmal zwei Jahre in Vollzeit. Da verfasste ich dann Lobeshymnen auf Suppen nach Gutsherrn-Art, auf vierundzwanzig Stunden wirksame Deosprays oder auch auf die fast schon hanseatische Solidität einer schwedischen Automobilmarke sowie das Kleingedruckte auf einer Margarinepackungsrückseite. Literarische Höchstleistungen waren das eher nicht, aber manchmal hat es auch Spaß gemacht, zum Beispiel mit Ed von Schleck: „Mach doch keinen Heckmeck, sonst schleck ich dich vom Fleck weg.“

Meine Erlebnisse im windigen Reich der Werbung haben dann später meinen Roman „September Song“ nachhaltig aromatisiert, eine Art Fortsetzung von „Ins Blaue“. Da hatte ich den süßen Most, den ich Bartel mir bei der Lintas geholt hatte, längst getrunken und trank nur mehr den trockenen Wein der freien Schriftstellerei. Dies Gewächs erwies sich allerdings als anregend genug, um weitere Romane zu inspirieren, die ganz oder zumindest teilweise in Hamburg spielen, als da wären „Das Grau der Karolinen“, der mir 1986 einen Hamburger Literaturförderpreis einbrachte, „Der kretische Gast“ sowie „Die Schatten der Ideen“, in dem ein Hamburger Historiker vor den Nazis ins amerikanische Exil flieht. Und schließlich habe ich mir in dem vom Hamburger Künstler Dieter Wiesmüller illustrierten Bilderbuch „Wo die Sonne schlafen geht“ allerlei Reime darauf gemacht, wie es wohl in einem im Meer versunkenen Hamburg aussehen würde. Wollen wir hoffen, dass dergleichen Bild und Vers bleibt und nie Wirklichkeit werden wird.

 

Der Kreis schließt sich

 

Ich könnte noch viel mehr und viel detaillierter von meinen zwei Hamburger Jahrzehnten erzählen, und vielleicht tue ich das irgendwann auch auf andere Weise. Für heute will ich nur noch anfügen, dass ich im Standesamt Hamburg-Mitte meine amerikanische Frau geheiratet habe und auch unsere beiden Töchter in Hamburg geboren wurden, wofür natürlich nicht der Stadt zu danken ist, sondern meiner Frau. Unsere Töchter sind übrigens auch der Grund, warum wir Hamburg verlassen haben – nicht etwa, weil es uns hier nicht mehr gefiel, sondern weil wir mit den Kindern ein ländliches Umfeld erproben wollten und dann auch in einer Art norddeutschem Bullerbü fanden. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.

Und so schließt sich dann für mich hier und heute noch ein weiterer Kreis. Denn ohne meine Hamburger Jahre wäre ich nicht geworden, was ich heute bin und würde hier und jetzt nicht vor Ihnen stehen und Ihnen danken – für die Ehre dieses von einer Hamburger Ehrenbürgerin gestifteten Preises, für das mit dem Preis verbundene schöne gute Bare und nicht zuletzt für das freundliche Interesse, das Sie in all den Jahren meinem Werk entgegen gebracht haben.

Der Text ist eine gekürzte Fassung von Klaus Modicks Dankesrede bei der Verleihung des Hannelore-Greve-Literaturpreis am 15. November 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Märchenhafter Roadtrip: Klaus Modicks „Fahrtwind“

Klaus Modicks „Fahrtwind“ ist eine heitere Ode an die Ehrgeizverweigerung. Ein Gespräch über Leistungs- zwänge im Kapitalismus, bewusstseinserweiternde Substanzen und über den Soundtrack der 1970er

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Über diese Interviewanfrage habe er sich besonders gefreut, sagt Klaus Modick. Denn in den 1980ern hat er selbst regelmäßig für die SZENE geschrieben. Im März 1984 erschien sein erster Beitrag – und zwar über Donald Duck. Titel: „Genie der cholerischen Wut“.

Ein Kritiker des Deutschlandfunk schrieb einmal treffend über Modick: „Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“

Das gilt auch für „Fahrt­wind“, seinen unbeschwerten Sommer­roman über einen jungen Mann in den 1970ern, der Musiker werden will. Auf seiner Reise nach Österreich und Italien verliebt er sich, gerät in ein geschickt ein­ gefädeltes Verwirrspiel und findet psyche­delische Pilze. Er hat einen berühmten Vorgänger: „Fahrtwind“ ist eine Aktuali­sierung von Joseph von Eichendorffs 1826 erschienener Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

 

SZENE HAMBURG: Klaus Modick, findet man solche Pilze wirklich einfach so in Österreich auf einer Wiese?

Klaus Modick: Klar, Psilocybin-Pilze sind weltweit verbreitet, die findet man sogar in Hamburg – man muss nur wissen, wie sie aussehen. Falls Sie interessiert, was man damit so alles erleben kann, dann gucken Sie mal im Netz nach, wie die aussehen. Und wenn Sie das nächste Mal im Stadtpark sind, dann halten Sie die Augen offen. So eine kleine Pilzmahlzeit kann ich nur empfehlen, ist auch nicht so gefährlich wie LSD, wo Leute bei der falschen Dosis schon durchgedreht sind.

Bewusstseinserweiternde Substanzen, Musik, Reisen, Liebe, die 1970er – die Geschichte ähnelt stark Ihrem Leonard-Cohen-Buch, das letztes Jahr in der KiWi-Musikbibliothek erschien.

Das stimmt, die Bücher gehören irgendwie zusammen. Als ich bereits mit „Fahrtwind“ angefangen hatte, kam die Anfrage für das Leonard-Cohen-Büchlein. Damals hatte ich mich schon so in den Stoff vertieft, dass mir das parallel geriet. Sogar einer der selbst geschriebenen Songs kommt in beiden Geschichten vor.

 

Ironische Neuinterpretation

 

Und beide Erzähler begeben sich auf einen Roadtrip. Das Motiv hat es Ihnen angetan, oder?

Das würde ich so nicht sagen. „Fahrtwind“ ist ja eine ironische Neuinterpretation des Taugenichts. Eichendorffs Novelle ist sozusagen ein Roadtrip aus dem frühen 19. Jahrhundert, der wie gemacht ist für eine Übertragung in das Lebensgefühl der 1970er. Dass da einer sein Instrument nimmt und sagt: Ich haue ab, streife planlos durch die Welt und singe ein Lied drauf. Eichendorffs Protagonist zieht mit einer Geige durch die Welt, bei mir ist es eben eine Gitarre.

Alles in allem ist das für mich ein Märchen und wenn man will, auch ein Trip im psychedelischen Sinn. Es bleibt ja offen, ob alles, was er erlebt, nicht innerhalb der Rauschvorstellung durch die Pilze passiert.

Was gefällt Ihnen am „Taugenichts“? Die Ehrgeizverweigerung?

Auf jeden Fall, diese Grundhaltung ist mir sehr sympathisch. Ich habe das Motiv zugespitzt, aber schon Eichendorffs Taugenichts ist ein Prosperitätsverweigerer, der keine Lust hat mit zumachen. Der interessiert sich nur für Musik, Frauen und Poesie. Er will ein möglichst müheloses Leben haben, und arbeiten sollen die anderen.

Das ist eine freche, aber nicht ganz ungesunde Einstellung. Zu Eichendorffs Zeit war das eigentlich eine totale Provokation gegen den Leistungszwang im Frühkapitalismus, es wurde nur nie so wahrgenommen.

Könnte die Geschichte auch in unsere Gegenwart verlegt werden?

Ich bin mir sicher, dass ein junger Zeitgenosse das könnte. Aber ich bin 70, ich könnte nicht aufschreiben, wie eine jugendliche Ausbruchsfantasie verbunden mit der Atmosphäre dieser Zeit aussehen würde. In den 1970ern war ich so alt wie der Protagonist in „Fahrtwind“, deswegen konnte ich mich gut in ihn hineinversetzen.

Die Grundkonstellation ist aber nach wie vor da. Mein Lektor, der 30 ist, meinte gleich, dass das ein ganz aktueller Text sei. Weil der Leistungsdruck in seiner Generation mindestens genauso groß sei und er sich darin wiederfinden könne.

Ihr Roman ist gegenwärtig und gleichzeitg nostalgisch, woraus er keinen Hehl macht. Nostalgie ist ja eher verpönt, Sie scheint das nicht zu stören. Wie kommt’s?

Dass die Geschichte etwas Nostalgisches hat, finde ich tatsächlich absolut in Ordnung. Ich sehe diese Zeit positiv, trotz der Probleme, die es damals natürlich gab. Man könnte auch völlig anders über die 1970er schreiben, es war ja nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen und Blumen im Haar. Ich wollte aber ein positives Märchen schreiben über dieses Lebensgefühl und den dazugehörigen Soundtrack. Mein Buch ist noch viel stärker als bei Eichendorff durchtränkt von Musik: Leonard Cohen, die Beatles, der Soundtrack von „Easy Rider“.

Was macht die Musik dieser Zeit so besonders, dass Sie noch heute gehört wird und vermutlich noch in 100 Jahren gehört wird?

Gute Frage, die ich nicht genau beantworten kann: Was macht sie so haltbar? Es gab viel Musik aus der Zeit, die heute peinlich ist. Aber vieles ist stabil geblieben, als wäre es eine Blaupause für das Kommende gewesen.

Die Beatles waren eine musikalische Revolution, oder denken Sie an Gestalten wie Bob Dylan, der es ja nicht zu Unrecht bis zum Literaturnobelpreis geschafft hat. Da hat eine kreative Eruption der Gegenkultur stattgefunden, für die es viele Gründe gibt, einer davon ist sicher die Befreiung vom Muff der Nachkriegszeit.

Sie wollten selbst Musiker werden, ein Leonard Cohen auf deutsch. Was kam dazwischen?

Ach, ich habe schnell gemerkt, dass meine musikalischen Fähigkeiten nicht dem entsprechen, was ich selbst von guter Musik erwarte. Über gehobenes Amateurniveau wäre ich nicht hinausgekommen. Als Romanautor konnte ich mich besser entwickeln und bin in Dimensionen angekommen, von denen ich sagen würde, sie halten meinen Ansprüchen stand. Das konnte ich von der Art und Weise, wie ich Musik gemacht habe, nicht sagen. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.

 

„Mein Widerstand drückte sich in Hedonismus, Musik und Poesie aus“

 

Wenn wir schon beim Autobiografischen sind: Im Vorwort erinnert sich der Erzähler an eine Seminar-Sprengung durch K-Gruppen im Philo-Turm der Uni Hamburg. Ging Ihnen das auch so, als Sie in Hamburg studiert haben?

Diese Eingangsszene hat so, wie ich sie beschreibe, nicht stattgefunden, aber sie hätte so stattfinden können. Ich habe diese sogenannten Seminarsprengungen bis zum Erbrechen erlebt, das war absolut ätzend.

Und ich habe auch wirklich ein Romantikseminar im Laufe meines Studiums absolviert. Deswegen entspricht die Szene ziemlich genau der Art und Weise, wie ich mich während des Studiums politisch eingenordet habe.

Mit diesen ganzen K-Gruppen und ihrer Weltrevolution konnte ich überhaupt nichts anfangen. Das heißt nicht, dass ich mit der herrschenden Gesellschaftsordnung einverstanden gewesen wäre. Mein Widerstand drückte sich eher in Hedonismus, Musik und Poesie aus.

Ihren Roman durchzieht auch eine ironische Lust am Klischee, die einerseits auf Distanz geht, aber auch sichtlich Sympathien hat. Was mögen Sie am Klischee?

Klischees sind undialektische Wahrheiten. In jedem Klischee steckt ein wahrer Kern, der peinlich wird, wenn er verabsolutiert wird. Deswegen muss man ihm immer etwas entgegenhalten, entweder einen Widerspruch oder eine Distanz. Denn wenn man sich dialektisch dazu verhält, dann funktioniert es eben doch. Dann ist die Wahrheit dieses Klischees ausgesprochen, aber nicht verabsolutiert.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt ja diese Hippie-Parole, die auch von den Beatles hochgehalten wurde: „Love and Peace“. Im Grunde ist das natürlich ein fürchterliches Hippie-Klischee. Aber wenn ich innehalte und nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass das eigentlich doch genau das ist, was wir alle wollen. Ich halte das für eine existenziellere Parole als „Weniger Arbeit, mehr Geld“. Wenn man an zum Klischee gewordenen Aussagen kratzt und den Kern freilegt, dann geben sie noch immer sehr viel her.

Klaus Modick: „Fahrtwind“, Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, 20 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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