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Bedrohte Räume #18: Abriss der HafenCity 2067?

Die Uhr tickt: Hat nach 37 Jahren des Hanseviertels letztes Stündchen geschlagen? Ein Hamburger Investor soll bereits Pläne für einen Abriss präsentiert haben.

Letzte Woche war ich bei unserem architektonischen Leckerbissen, der HafenCity, zu Kaffee und Kuchen an die Elbe geladen. Unsere HafenCiddy – der Nabel der Stadt zwischen Alster und Elbe, Heimat der Elbphilharmonie,  maritimes Denkmal, Loveletter und Streitaxt der Stadtplaner. Gab ja viel Gerummel vorab, doch jetzt, da ist sie richtig schön! Mit Speicherstadt, Baakenhafen, Magellan-Terrassen – herrlich. Und wie die Straßennamen tönen: Hongkongstraße, Osakaallee, Vasco–da-Gama-Platz. Klingt wie Herkunft und Zukunft zugleich. International, modern, eine Futureworld, die doch bodenständig nach Zimt und Pfeffer duftet und die HafenCity schon heute mit ihrer zukünftigen Bedeutung identifiziert.

Umso mehr freu ich mich auf schwarzen Saft und Zitronenkuchen mit ihr und ihren Spacekollegas Hanseviertel, Deutschlandhaus, City-Hof und Co, die eine Selbsthilfegruppe für gefährdete Räume gegründet haben, um frische Bisswunden zu verarzten und Präventionsdiagnostik zu betreiben. Unsere schöne neue Lady wird da wohl eher die tröstende Gastgeberin sein, mutmaße ich, doch weit gefehlt.

Als das junge Ding mich hereinbittet, sieht sie eher verheult als fresh aus. PMS? Ich blicke durch den Raum. Nein, auch die Menopause-Bauten starren verquollen aus der Wäsche. „Was ’n los, HafenCity?“ Ich rühre im Bohnenglück. „Wir diskutieren gerade meinen Abriss 2067!“ Sie zieht nicht gerade vornehm den Rotz hoch. „Von einigen Häusern platzt hier schon der Lack. Geschäfte und Gehwege sind empty, die Kunden im Netz. Die Uhr tickt gegen mich –wie beim Deutschlandhaus oder jetzt sogar beim Hanseviertel!“

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und erblicke das feine Hanseviertel in Hütchen und Pelz: „Ich bin erst 37 Jahre alt und soll nun zum Schafott!“ Daneben verschüttet das Deutschlandhaus vor Entrüstung ein bisschen Kaffee:„Ich habe in diverse Faceliftings und Bodytunes investiert, ich sehe besser aus denn je, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?“ Das Hanseviertel verliert die Contenance: „Sie wollen uns umbringen, öffentliche Hinrichtungen sind in Hamburg an der Tagesordnung!“

„Leute, das kann doch alles nicht wahr sein! Der Abriss des City-Hofs ist schon eine frevelhafte Tragödie. Aber ihr seid modern und wunderschön! Das frühmoderne Deutschlandhaus ist so geschichtsträchtig wie die Finanzdirektion am Gänsemarkt. Und du, Hanseviertel, bist doch erst 1980 geboren! Du bist vollkommen staubfrei, außerdem gelungen mit deinen konkaven Klinkerkurven. Allein dein Glockenspiel, die Glaskuppelfenster, der Rundbau mit schwimmender Weltkugel aus Granit.“ Die drei blicken mich aus hohlen Augen an.

Doch, es kann sein, denke ich später. Das hier ist Hamburg 2017. Rot-grüner Senat. Erst bauen sie den Elbtower, dann wird die Innenstadt sterben und sie werden anfangen, der HafenCity die Zähne aus dem Zahnfleischzu reißen. Vorher müssen aber eventuell noch die Finanzdirektion und lieber das Chilehaus dran glauben. Und die Politik leckt dann wieder den Speichel der Investoren auf, um daraus schöne neue Logistikzentren zu bauen. Deshalb: Geht doch mal wieder bummeln, Leute, und ruft vorm Rathaus: „Gut Holz,Herr Scholz!“ Oder schreibt ihm besser einen Brief. Mief!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Panoramio – HH Oldman


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Bedrohte Räume #17: Pfoten weg von Planten un Blomen!

3 Nappos, 6 Salinos und eine Tüte Pommes mit Mayo – das war meine sonntägliche Beute, wenn ich vom Kiosk zu meinen wilden Schwestern auf den Spielplatz an die Bullerberge zurückkehrte, während meine Arbeiterklasse-Hippie-Eltern sich in Latzhosen den Wasserlichtspielen hingaben.

Damals, als Familiensonntage in den Wallanlagen legendär waren, Horden von Kindern auf den Resten der IGA 1973 herumtobten und jeden zugänglichen Winkel der Wallanlagen nutzten, ganz wurst, ob sie auf den Gräbern des Dammtorfriedhofs tanzten oder nicht.

Jeden Sommer bauten wir matschige Sandlandschaften, stürmten die Töpferstube, hingen in den Seilen der Spielgeräte oder pennten vor der Musikmuschel in Decken gerollt ein. Im Winter hieß es Pinguinschieben auf der Eislaufbahn oder Riesenkakteen im Tropengewächshaus betrachten. Hier haben wir Fahrradfahren, Jonglieren und Reiten gelernt und den Gefangenen von der Parkbank aus zugewunken. Das alles für ganz umsonst. Fast erwachsen boten die Wallanlagen dann neue Perspektiven vom Blumenmopsen bis zum heimlichen Punkgelage, und bis heute muss ich sagen, wer nie im japanischen Garten der Teezeremonie beigewohnt hat, der weiß nicht, wie schmerzhaft nah unterdrückte Lachkrämpfe und die Inbrunst asiatischer Teebereitung einander stehen.

Doch nun rückt die wachsende Stadt dem 47 Hektar großen Naherholungsprachtkerl von allen Seiten auf die Pelle und die Wallanlagen müssen ihre historisch attestierte Wehrhaftigkeit erneut unter Beweis stellen. Anstatt der grünen Lunge der Stadt noch ein paar Hotels für Insekten zu spendieren und sie zu einem zeitgemäßen Mekka für Botaniker, ökologischem Schmuckstück und Natursteinoase zu entwickeln, genehmigt die SCHOLZ-Brigade Neubauten: geplant sind die Erweiterung des CCH, der irre Neubau der Bucerius Law School, der überdimensionierte  Neubaukomplex am Stintfang oder die Streckenführung der U5, die eine offene Baugrube vorsieht – genau da, wo denkmalgeschützte Wallgräben und wertvoller Baumbestand des Botanischen Gartens stehen.  Stück für Stück, Zug um Zug wird hier an unserem urbanen Gedächtnis genagt, werden historische Anlagen unwiederbringlich zerstört.

Denkmalpfleger, Botanik- und Naturschutzverbände, Architekten, Ingenieure und Gartenkünstler gehen deshalb jetzt auf die Barrikaden und nehmen Olaf Scholz & seine Freunde in die Zange. Sie fordern einen Senatsbeschluss, der verhindert, dass Planten un Blomen von Bauvorhaben zerstört, beeinträchtigt oder sogar überbaut wird.

Deshalb noch mal zum Mitschreiben, die Herren Scholz & Kerstan: Denkmalschutz heißt immer, noch die Substanz im Original zu erhalten und bedeutet nicht Wiederaufbau oder Neuanpflanzung. Wir sind hier ja nicht im Miniaturwunderland und wir hätten unser kollektives Gedächtnis gern im Original. Danke!l


Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Holger Ellgaard


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #7. Eine Mütze voll Schlaf

Andrea Rothaug sagt JA zum Schlaf

Sind Sie auch so eine Aktions-Salafistin wie ich es bin? Eine Scanner-Persönlichkeit? Glühen Ihre Zündkerzen schon vorm Weckerklingeln? Dann haben wir etwas gemeinsam. Bei mir geht’s um 6.20h los: laufen. Dann Kinder. Brote. Putzen. RockCity (So’ne Arbeit). Einkauf. Wäsche. Abendbrot, Konzert, wahlweise Sex oder Alkohol oder beides, Party oder keine. Dazu ein Portiönchen WhatsApp und ne Schippe Blinkist, damit ich morgen über Duhiggs Smarter Faster Better sabbeln kann. FB. Licht aus. Halb eins. Halb tot. Mein Dancefloor ist die Drehtür und ich bin Hulk.

Auch den soziokulturellen Kniff habe ich in der Tagesplanung längst raus: Freundinnen treffen, Tante Lydia besuchen. Opa anrufen. Klamotten ins Camp bringen. Demos anmelden. Urlaub planen oder, hoppla, wieder mal was mit den Händen machen, Teller aus Blättern basteln, und so … Sie wissen schon, was ich meine. Jede Minute Thrill! Ich bin brutal erfüllt.

Ganz ehrlich, ich bin eben so’n Typ. Ich kriege vom Nichtstun Blasen an den Füßen und Beine hoch, ist für mich wie Beine ab. Ich schreibe lieber starfighterlike mein Buch, mache zackizacki meinen Doktor, gründe flugs ein Label, werde Yogalehrerin, pflege mein Ehrenamt und trenne den Müll. Ich habe mittlerweile mehr zärtliche Stunden mit meinem Müll als mit meinen Lieben. Ist zwar nicht modern, aber ich glaub dran: gleich wird’s geil.

Ja, ich habe viel vor mit meinem Leben. Lieber short & dirty als öde, puh und naja. Schluss mit den strukturschwachen Regionen meines Hirns. Ich will ja auch noch in den Untergrund gehen und ein paar marode Regierungen stürzen, eventuell eine Revolution anzetteln. Euch retten. Mich retten. Alle retten. Am liebsten sofort, denn die Welt brennt ab. Alta, ja, das ist mein Motto.

Fehler. Das war mein Motto. Es ist 2017. Overnight reset. Endlich kann ich, gemeinsam mit einer Armada an Helikoptermuttis, Angeber X Typies, Multitaskerinnen, Gernegroßels und Kontrollfreaks, zugeben: ich habe gelogen. Das Einzige, was mir zu meinem Glück fehlt, ist mein Schlafzimmer und eine Mütze voll Schlaf. Einfach mal pennen. Faul und bräsig im Bett abgammeln bis die Laken miefen. Comics lesen bis mir das Pflaumenmusbrot aus der Hand plumpst. Flecken machen. Fehler machen. Dösen. Dann hätte ich auch mehr Zeit für mich. Ach, was könnte ich alles machen. Ich könnte Schlaflabore eröffnen, Schlafmützen stricken, Schlafsäcke nähen … ich hätte da schon so einige Ideen …

Ihre Raumsonde Andrea Rothaug

Foto oben: Fotolia


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

 

 

 


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