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Rick McPhail über sein Musikprojekt Mint Mind

Rick McPhail, bekannt als Tocotronic-Gitarrist und -Keyboarder, setzt mit seinem Musikprojekt Mint Mind auf simple Riffs und deutliche Botschaften

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Verstärker, Pedale, Platten, Kabel und, vor allem: Gitarren, in jeder Ecke Gitarren. Rick McPhails Proberaum, den er sich in seinem Altonaer Zuhause eingerichtet hat, ist ein regenbogenbuntes, pickepackevolles Musiklabor. Hier hat der gebürtige US-Amerikaner auch die Songs für „Thoughtsicles“ ausgetüftelt, das neue Album seines Drei-Mann- Projekts Mint Mind. Geradliniger Garage-Rock ist die Basis für McPhails Texte, in denen es auch um aktuelle Politik geht.

 

SZENE HAMBURG: Rick, es heißt, deine Ziele für das neue Mint-Mind-Album wären gewesen: wenig Ambition, viel Spaß. Geht das so leicht?

Rick McPhail: Eigentlich schon. Ich glaube, ich kann einfache Songs eh besser schreiben, als welche für, zum Beispiel, mein vorheriges Projekt Glacier. Die Texte für Glacier waren immer sehr ernst, die Musik auch, und das hat wahnsinnig viel Arbeit gemacht.

Klar, einige Texte für Mint Mind sind schon auch ernst, aber doch mit einem Augenzwinkern zu nehmen.

Du sagst, du kannst einfache Songs besser schreiben. Bedeutet das auch schneller?

Auf jeden Fall. Wir haben „Thoughtsicles“ innerhalb von nur einem Monat fertig gemacht. Einerseits sind die Texte sehr schnell gekommen, und dann haben wir die Stücke auch noch sehr Riff-basiert arrangiert, in einer Dreierbesetzung ohne Bassist, das hat es uns zusätzlich vereinfacht.

 

„Ich habe ganz klare Vorstellungen“

Rick McPhail

 

Die Dreierbesetzung machen Schlagzeuger Tim Wenzlick und Gitarrist Christian Klindworth komplett. Gibt es in der Band eine klare Hierarchie?

Ja, leider (lacht).

Wieso leider?

Na ja, ich hätte die Rollen schon gerne gleichmäßiger verteilt, vielleicht kommt das auch noch. Aber wenn ich momentan Lieder schreibe, habe ich schon alles im Kopf. Ich habe ganz klare Vorstellungen, wie die Songs am Ende klingen sollen. Also nehme ich Demos auf, verschicke sie an die anderen, und die müssen das dann lernen (lacht).

Womöglich schauen die beiden anderen ja auch zu dir auf, also zu dem Rockstar, der auf den ganz großen Bühnen steht?

Ach, das weiß ich nicht. Tim zum Beispiel ist, glaube ich, nicht unbedingt ein Tocotronic-Fan (lacht). Außerdem haben wir uns als ganz normale Menschen kennengelernt, nicht als Rockstars oder Nicht-Rockstars.

Wie habt ihr euch denn gefunden?

Diese Band hatte schon viele Besetzungen, und ich wollte irgendwann etwas Festes, also eine Gruppe von Leuten, mit denen man aufnehmen und auf Tour gehen kann, wenn es denn soweit ist. Und ich wollte eine Band, bei der die Aufgaben klar verteilt sind. Das halten wir bei Tocotronic auch so, wo Dirk die Lieder schreibt und ich mich um das Equipment und die Roadies kümmere.

Gibt es einen Austausch zwischen Tocotronic-Autor Dirk von Lowtzow und Mint Mind-Autor Rick McPhail?

Nein, ich zeige Dirk meine Texte nicht. Er bekommt immer eine fertige Platte von mir – wobei ich gar nicht genau weiß, ob er sie auch hört (lacht).

 

 

Zurück zu „Thoughtsicles“. Nicht durchgängig sind die Lyrics leicht und locker, es gibt auch eine politische Ebene, etwa im Song „The Hassle From The Man“, in dem „Man“ offensichtlich für eine Regierung steht. Gab es etwas Politisches, was du unbedingt ausdrücken wolltest?

„The Hassle From The Man“ handelt tatsächlich von politischen Protesten und Polizeibrutalität. Es geht dabei um vieles: die „Black Lives Matter“-Bewegung ebenso wie G20 und Greta Thunberg. Ich habe gesehen, welche heftigen Reaktionen es zuletzt in Amerika auf Greta gab, wo Leute mit SUVs durch die Gegend fuhren, aus deren Kofferräumen Zöpfe hingen und auf deren Scheiben stand: „The solution to the problem with Greta.“ Und dann habe ich angefangen, etwas dazu zu schreiben.

War Wut der Antrieb beim Schreiben?

Ja, schon. Ich hatte auch schnell die Musik aus alten Biker-Filmen im Ohr, aus „Die wilden Engel“ zum Beispiel, mit Peter Fonda. Und da ich schon immer einen Bongo-Song machen wollte, kam mir das Instrument auch gerade recht.

Hattest du eigentlich Schreibroutinen?

Ich muss mich beim Schreiben grundsätzlich sehr zusammenreißen, weil ich dazu neige, es vor mir herzuschieben.

Woher kommt das?

Vielleicht, weil ich oft Angst davor habe, dass ein Songtext nicht gut genug wird, und dann fange ich gar nicht erst an (lacht). Ich kann ewig in meinem Musikzimmer herumdaddeln, weil es Spaß macht. Liederschreiben sehe ich eher als Arbeit an, und dafür brauche ich den Druck, den eine Deadline mit sich bringt. Dann kann ich auch jeden Tag einen Song schreiben, so war es auch bei „Thoughtsicles“.

Und wenn so ein Album herauskommt: Hoffst du, der sehr erfolgsverwöhnt ist, dass der kommerzielle Durchbruch schnell passiert?

Natürlich wünsche ich mir, dass wir mit Mint Mind auch außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden können. Aber ich bin kein Snob, der nur vor Tausenden von Leuten auftreten will. Jede Publikumsgröße ist gut, ich freue mich auch sehr über 150 Menschen vor der der Bühne.

Komet: Erichstraße 11 (St. Pauli), 27.+28.2., 22 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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E-Sports: Der neue Komet am Sporthimmel

E-Sports: In Hamburg startet im Juli die erste eFootball-Liga, organisiert vom Hamburger Fußball Verband. Ein Club aus Blankenese ist einer der Pioniere

Text: Mirko Schneider
Fotos: Volker Tausend

Das folgende Zitat ordnet man unbesehen eher einem Teenager zu: „Geil, kenne ich aus den USA. Das ma­chen wir!“ Gesagt hat es der 75-­jährige Erich Talke auf ei­ner Sitzung des Fußball­ Abteilungsvorstandes des Amateur­fußballvereins Komet Blanke­nese zum Thema eFootball. Ge­meint hatte der stellvertretende Abteilungsleiter die Umrüstung eines Clubraums des Vereins mit dem Sternenschweif im Banner zu einer Players Lounge.

20.000 Euro investierte Komet also, um einen vier mal fünf Meter großen Raum mit Playstations, vier Monitoren, acht Plätzen für die Spieler sowie Beamer und Lein­wand auszustatten, damit die Wettkämpfe live im Klubheim übertragen werden können. Ge­zockt wird FIFA 19. Ein Spiel, so genial animiert und gestaltet, dass es fast realer wirkt als echte Spiele auf dem Fußballfeld. „Ich kenne die FIFA ­Serie durch meine Söhne, sie sind begeisterte Spieler. Felix ist 24, Philip 21“, sagt Komets Fußball­ Abtei­lungsleiter Volker Tausend (70). Auch er war sofort Feuer und Flamme für die Idee.

Aber warum? Dogmatisch betrachtet gehen alte, weiße Männer ja nie mit der Zeit und überhaupt: Sollten Amateur­fußballvereine nicht andere Pionierleistungen vollbringen als den virtuellen Fußball zu fördern?

 

„Hier kann auch der HSV Paris St. Germain schlagen“

 

Bastian Buß sieht es wie Talke und Tausend anders. Anfang des Jahres stellte ihn Ko­met als eSoccer­ Coach an. Seit vielen Jahren spielt Buß leiden­schaftlich die FIFA ­Serie, nahm an diversen Turnieren teil. Wenn er von seinen Schlachten erzählt wie der 3:4­ Niederlage nach Golden Goal beim Kicker­ E­ Sport ­Cup gegen den Top ­Spie­ler Niklas Raseck, ist er in sei­nem Element.

Außerdem sind beim eFootball Dinge möglich, von denen mancher Fußballfan nur wird träumen können. „Alle Spieler der Mannschaften ha­ben bei Turnieren die gleichen Stärkeeinstellungen, damit nie­mand einen Vorteil hat“, sagt Buß und lacht. „Das bedeutet: Hier kann auch der HSV Paris St. Germain schlagen.“ Wie ein Couch­-Potato, der sonst nichts im Leben kennt, wirkt der Stu­dent der Lebensmitteltechnologie allerdings nicht.

„Das Kli­schee vom ständig Cola trinkenden und übergewichtigen Zocker ist eben ein Klischee“, sagt Buß. „Wir versuchen, die Jugendlichen von daheim in den Club zu bekommen. Es geht darum, sich in Teams miteinander im Wettbewerb zu behaupten. Da findet viel sozialer Austausch statt.“ Zum Beispiel, wie im großen Fußball, per Videoanalyse oder bei der Taktikbesprechung. „Außerdem“, so Buß, „heißt es ja nicht real oder virtuell. Viele eFootball­-Spieler sind auch auf dem Feld aktiv.“

 

E-Sport-Komet-Blankenese-c-Volker-Tausend

Ein Spieltag in der eFootball-Liga / Foto: Volker Tausend

 

Acht Spieler organisieren sich bei Komet aktuell in drei Teams. Wer jedoch mag, kann im Clubraum spielen. Voraussetzung: Er muss 16 Jahre alt sein. Das Mindestalter ist eine Vorbeugungsmaßnahme gegen die vom Club ernst genommene und von Experten (unter anderem bei einer Anhö­rung in der Hamburger Bürgerschaft am 7. November 2017) immer wieder angemahnte Suchtgefahr.

Weiterhin schwelt nach wie vor die Debatte, ob eSport – und damit auch eFootball – wirklich als Sport gelten kann. Buß hat auch dazu eine klare Meinung: „Schach ist ja auch ein Sport. Hand­Auge­Koordination, Spielverständnis, analytische Fähigkeiten – es benötigt eine Menge, um gut zu spielen. Nicht nur mental, viele Spieler fangen nach wenigen Minuten an zu schwitzen. Körperliche Fitness ist wichtig und hilfreich.“

 

Auf zur Meisterschaft

 

Das Potenzial des eFootball längst erkannt hat der Hambur­ger Fußball ­Verband (HFV). Er belohnte das innovative Projekt von Komet Blankenese mit dem Ehrenamtspreis, den der HFV mit der Brauerei Holsten ver­gibt. Und nicht nur das. Im Juli startet die erste offizielle Ham­burger eFootball­-Liga. Proberunden fanden bereits statt, als Favoriten auf den Hamburger Titel gelten Komet Blankenese und der Eimsbütteler TV. Bei den Proberunden nahmen bis zu 30 Mannschaften teil. Tendenz steigend.

Seit 2017 organisierte der Hamburger Fußball­ Verband drei Hamburger Meisterschaften. In der Hamburger Liga soll im Abstand von ein bis zwei Wochen an den Wochenenden gespielt werden. Möglichst bei Vereinen wie Komet, die ent­sprechende Rahmenbedingungen bieten können.

Zuständig für das Thema im HFV ist Maximilian von Wolff (23), Beisitzer im Verbands­ Jugendausschuss. In den Jahren 2008 bis 2013 gehörte er zu den Top ­10 ­Spielern der Weltrangliste, heute ist der Student Hobbyspieler. Zusammen mit HFV­ Schatzmeister Christian Okun (39), auf dem Feld als Schiedsrichter für den Bahrenfelder SV aktiv, schob Wolff die Idee an. „Der Hamburger Fuß­ball­ Verband versteht sich hier als Dienstleister für seine Vereine. Mit der Infrastruktur des HFV können wir die Rahmenbedingungen gut schaffen und so die Organisation zentral vornehmen, genauso wie auf dem Feld oder in der Halle“, sagt Wolff.

 

Beeindruckende Fairness

 

Allerdings gehe es dabei nicht um finanzielle Absichten. Turniere, auf denen es Millionen zu verdienen gibt und neue Stars geboren werden, sind nicht das Ziel. „Wir haben gemerkt, dass das Thema eFootball sich immer mehr zunehmender Beliebtheit erfreut und der Hamburger Fußball ­Verband sich dafür einsetzen muss, einen Ligaspielbetrieb für unsere Vereine zu organisieren. Wir wollen dieses Angebot für die Vereine schaffen, um in der sonst von Kommerz geprägten eSports ­Szene die Bedeutung der Vereine und ihrer Mitglieder zu stärken. Gleichzeitig erhoffen wir uns davon auch eine Belebung der Clubhäuser“, erklärt Wolff.

Eine weitere Facette des eFootball fasziniert ihn zudem: „Mein persönliches Highlight ist immer wieder die Fairness bei den Aufeinander­ treffen. Ich erinnere mich gerne an ein K.o.­-Spiel bei einer Hamburger Meisterschaft, in dem durch einen Spielfehler ein Tor fiel und die Mannschaft, die das Tor gutgeschrieben bekam, postwendend ein Eigentor erzielte, um das vorherige Ergebnis wieder herzustellen. Das finde ich bis heute sehr beeindruckend.“ In diesem Sinne: Mögen die Spiele beginnen!

Komet-Blankenese.org


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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