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Hamburger des Monats – Jana und Petja von Move the North

Hamburg, Kopenhagen, Malmö – drei Städte, ein Festival. Mit „Move the North“ bringen die Initiatoren Jana und Petja Pulkrabek die Menschen grenzübergreifend zusammen – was nicht nur der Kunst guttut.

Interview: Hedda Bültmann

SZENE HAMBURG: Jana und Petja, ihr betreibt gemeinsam die Produktionsfirma Manusart. Was steckt dahinter?

Petja: Wir produzieren Filme, Theaterstücke und Kultur. Jana kümmert sich etwas mehr um den Theaterbereich und meine Leidenschaft liegt vorrangig beim Film.

Und ihr habt eine internationale Plattform initiiert, die im Januar startet …

Jana: Genau, das „Move the North“-Festival. 2019 starten wir mit unserem ersten Cross-Border-Jahresprogramm. Neben Manusarts-Produktionen werden wir viele internationale Kulturprojekte zwischen Hamburg, Kopenhagen und Malmö hin und her schicken.

Petja: Das Festival beinhaltet aber nicht nur Veranstaltungen, sondern ist auch eine Plattform, auf der wir Leute aus den drei Ländern zusammen bringen und schauen, welche Möglichkeiten sich auftun. Wir hoffen, dass über internationale Kooperationen neue Impulse gesetzt werden wie beispielsweise länderübergreifende Trilogien. Sodass sich nicht nur die Kunst zwischen Ländern bewegt, sondern sich auch das Publikum mit uns bewegt, um die einzelnen Teile in den unterschiedlichen Städten zu sehen.

 

Eine Kultur-Achse über die Ostsee

 

Funktioniert Kultur als Brücke zwischen den Ländern?

Petja: Die Idee ist, dass sich Norddeutschland mit Skandinavien kulturell stärker vernetzt. Es finden ja bereits in der Wirtschaft, bei Studiengängen, in der Forschung viele Kooperationen statt. Ein nordeuropäisches Zentrum dynamischen Wachstums wird zwischen den großen Wirtschaftsräumen um Hamburg, Kopenhagen und Malmö kreiert. Aber der Bürger bekommt das gar nicht mit und für mich ist die Kultur ein Weg, das sichtbar zu machen, indem wir eine bewegte Kulturachse über die Ostsee schaffen.

Jana: Dass man zueinanderfindet, neugierig aufeinander ist, über Grenzen hinaus miteinander arbeitet. Aber auch, dass gemeinsame Werte wie zum Beispiel Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit kommuniziert werden. Gerade die nordischen Regionen vereint eine ähnliche Haltung, die über Kultur gut vermittelt werden kann.

Jana, du leitest in Kopenhagen auch das House of International Theatre

Jana: HIT haben wir Anfang 2017 in Kooperation mit dem Kopenhagener Jeremy Thomas-Poulsen gegründet und das ist auch ein Grund, warum dieses Festival entstanden ist. Mit fünf deutsch-dänischen Koproduktionen im ersten Jahr haben wir in Kopenhagen eine feste Adresse für Kultur aus Hamburg etabliert und Manusarts wurde vom The Copenhagen Post für dieses Engagement mit dem dritten Platz als Trailblazer für internationales Theater gekürt. Das Festival ist jetzt der nächste Schritt, um größer zu denken und den Austausch in beide Richtungen zu generieren.

Petja: Es gibt viele Hamburger Künstler, die großes Interesse haben, in Kopenhagen aufzutreten und vice versa. Und von Kopenhagen ist es nur über eine Brücke rüber bis nach Malmö und so ist die Koppelung der drei Länder zustande gekommen. Mit dem geplanten Bau des Fehmarnbelttunnels sollen Hamburg und Kopenhagen zusammengeführt werden, Kultur kann dafür bereits im Vorfeld eine Weiche stellen.

Unterscheidet sich die Kulturszene in Kopenhagen von der in Hamburg?

Jana: In Kopenhagen scheint es so, als wenn Kultur ein Bürgerrecht wäre. Gerade im Sommer findet an allen Ecken Kultur statt, die für alle frei zugängig ist. Wie das Opera und das Jazz Festival, das Filmfestival. Kultur begegnet einem überall, nur wenn man durch die Straßen geht. Hamburg hat viele tolle große internationale Produktionen vom Thalia Theater oder dem Schauspielhaus. Aber dieses einladende, gemütliche zeichnet Kopenhagen aus.

Petja: Stichwort Hygge. Kopenhagen hat einen anderen Zugang zur Kultur.

Petja, du bist Filmemacher. Wie sind dafür die Bedingungen in Hamburg?

Petja: Es ist toll in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit der Filmförderung ist immer sehr angenehm, es gibt viele gute Filmleute in Hamburg, es gibt hier viele tolle Teams, eine gute Ausbildung in dem Bereich, die HMS ist eine wirklich sehr gute Filmschule. Hamburg ist schon die Filmstadt. Besser als Berlin (lacht). Es ist hier nicht so überlaufen.

 

Filmtage in Hamburg und Kopenhagen

 

Und was magst du am dänischen Film?

Petja: Das dänische Kino ist sehr besonders mit einer ganz eigenen Filmsprache und einem eigenwilligen, sehr guten Humor. Beim Filmfest in Hamburg werden jedes Jahr dänische Filme gezeigt, aber es gibt noch so viel mehr, die es zu schauen lohnt. Deshalb wollen wir im Rahmen von Move the North Filmtage in Hamburg und Kopenhagen etablieren, in Kooperation mit dem Metropolis Kino und dem Husets Biograf. Es wäre schön, wenn sie regelmäßig stattfinden würden, um das bisherige Angebot zu ergänzen.

Habt ihr Themen, die ihr künstlerisch umsetzen wollt?

Petja: Ich lass mich immer gerne überraschen, was so auf mich zukommt. Generell mag ich Geschichten, die verbinden, die das Menschliche zeigen. Wir haben zum Beispiel den preisgekrönten Kurzfilm „Occasus“ gemacht, der die Geschichte eines afrikanischen Flüchtlings auf seiner tragischen Odyssee nach Europa zeigt. Momentan arbeite ich an einem Stoff, der sich mit den unfairen Arbeitsbedingungen in der Modeproduktion in Indien auseinandersetzt.

 

Seht hier den Trailer zu „Occasus“

 

Jana: Die Art unserer Produktionen geht tendenziell in Richtung Arthouse. Künstlerisch hochwertig, etwas experimentell, aber unsere Geschichten haben immer eine Struktur. Man muss aufpassen, dass man in der eigenen kreativen Umsetzung das Publikum nicht aus den Augen verliert. Es sollte schon Entertainment bleiben, aber das schließt eine hochwertige Qualität und tiefgründige Themen nicht aus. Mit Move the North wollen wir Kultur transportieren, die bewegt.

Ihr seid ja Geschwister, wie klappt die Zusammenarbeit?

Petja: Jetzt gerade gut (lacht). Wir sind sehr unterschiedlich, aber gerade deshalb ergänzen wir uns auch total gut. Mittlerweile weiß ich ganz genau, was Janas Stärken sind, sie kennt meine und deshalb können wir auch die Arbeitsbereiche bestmöglich aufteilen. Das funktioniert und wir sind auf einem guten Weg unsere Manusarts-Projekte zu etablieren.

Jana: Petja ist der Strategische von uns beiden, ich sehr impulsiv, manchmal eigensinnig. Ich bin eben auch eine Schauspielerin, die auf der Bühne steht, während Petja lieber inszeniert. Manchmal auch mich (lacht).

www.manusarts.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburg zur Fahrradstadt – Interview mit Kirsten Pfaue

Vom Fahrradfreak zur Radverkehrskoordinatorin: Kirsten Pfaue (43) hat eine atemberaubende Strecke hinter sich. Und noch lange nicht genug. Hamburgs Radler sollen sich bald so wohl fühlen wie in anderen Millionenstädten.

SZENE HAMBURG: Frau Pfaue, welche emotionale Verbindung haben Sie zum Fahrrad?
Kirsten Pfaue: Ich liebe Fahrradfahren! Für mich steht es für Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Rad den Wind in den Haaren zu spüren und die Stadt unmittelbar zu erleben. Als Jugendliche spielte ich viel Handball. (lacht) Ich kenne heute noch jede Halle in Hamburg und den dazugehörigen Radweg. Meine erste Radtour an die Mosel unternahm ich als 16-Jährige. Später ging es nach Korsika, England und Norwegen. Durch all diese Erfahrungen begann meine bis heute andauernde leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Radverkehr.

Sie sind Mitgründern der Radreisemesse des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), wurden 2008 in den ADFC-Vorstand gewählt. Was machen Sie als Radverkehrskoordinatorin? Und welche Entscheidungsbefugnisse besitzen Sie?
Meine Aufgabe ist es, dazu beizutragen, dass Hamburg in den drei Bereichen Infrastrukturausbau, Serviceausbau und Kommunikation gut vorankommt. Ich spreche mit allen relevanten Akteuren in der Stadt, bin sehr agil und flexibel in der Hamburger Verwaltung unterwegs. Natürlich existieren weiter Verwaltungszuständigkeiten. Für Hauptverkehrsstraßen ist der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer zuständig, für das Bezirksstraßennetz die sieben Hamburger Bezirke. Doch ich habe umfassende Informations- und Beteiligungsrechte, kann Hierarchien überspringen. Der Ideenaustausch mit Entscheidungsträgern gehört ebenso dazu wie Gespräche mit den Menschen, die vor Ort Maßnahmen planen und durchführen. Den Austausch mit den Bürgern suche ich auf vielen öffentlichen Veranstaltungen, beispielsweise der Radreisemesse oder der Velo Hamburg. Oftmals werde ich direkt angesprochen.

Beim Radfahren?
Ja. Von Leuten, die ich nicht kenne. „Sind Sie nicht…?“ beginnen sie oft – und sagen mir dann, was sie auf dem Herzen haben. Oft beginnt der Austausch leidenschaftlich und mündet in ein herzliches und konstruktives Gespräch. Das ist immer wieder aufs Neue eine schöne Erfahrung.

Was sind Ihre Ziele und Visionen?
Mir geht es stets um die bestmögliche Lösung für alle Verkehrsteilnehmer, denn jeder von uns ist mal Radfahrer, mal Fußgänger, mal Autofahrer. Hamburg ist eine wachsende Stadt. Der Straßenraum ist eng, der Interessenausgleich daher umso wichtiger. Unser ganz großes Ziel ist die Steigerung des Radverkehrs am Verkehrsaufkommen von 12 auf 25 Prozent im nächsten Jahrzehnt. Wir wollen den Menschen Lust machen, sich gerade für kurze Wege vermehrt aufs Rad zu setzen. Für einen quirligen, lebendigen Straßenraum, in dem der Radverkehr für Lebensqualität steht und selbstverständlicher Teil des Stadtbildes ist.

Das klingt sehr ambitioniert. Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie das schaffen?
Besonders wichtig ist das Veloroutennetz. Das gesamte Netz von 280 Kilometern haben wir im Blick, Handlungsbedarfe sind bei rund 150 Kilometern festgestellt worden, die in Planungen überführt werden. Über 245 Maßnahmen sind dazu hamburgweit angeschoben worden. Mehr als 30 Planungsbüros unterstützen die Verwaltung. Erste Maßnahmen sind bereits umgesetzt. Für den Ausbau des Veloroutennetzes benötigen wir ca. 100 Millionen Euro. Eine solche intensive Radverkehrsförderung gab es in Hamburg noch nie. Daneben soll unser herausragendes Fahrrad-Leihsystem StadtRAD in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Von 213 StadtRAD-Stationen mit 2450 Rädern auf 350 Stationen mit 4500 Rädern. Integriert werden zunächst 20, später bis zu 70 elektrisch unterstützte Leih-Lastenräder, damit zum Beispiel Eltern auch ihre Kinder mitfahren lassen können. Die Hamburger Bevölkerung wird über eine Online-Beteiligung in die Standortsuche für die Radstationen miteinbezogen. Bis 2025 wollen wir zudem 28.000 Abstellplätze des Bike & Ride-Systems anbieten können. Hier denken wir wie so oft in Mobilitätsketten, verknüpfen Fahrrad- und öffentlichen Nahverkehr, bauen also an U- und S-Bahnstationen. Alleine 2018 werden wir rund 1.500 neue Abstellplätze schaffen. Und wir bauen ein Zählnetz zur systematischen Erfassung des Radverkehrs auf, denn momentan wird in Hamburg noch händisch gezählt.

Wie viele Räder fahren denn eigentlich auf Hamburgs Straßen?
Die letzten validen Zahlen stammen aus dem Jahr 2008. Danach sind es 1,64 Millionen Fahrräder.

Orientieren Sie sich bei Ihren Maßnahmen auch an internationalen Vorbildern?
Ja. Wir schauen immer: Wo können wir Honig saugen? Der Blick geht natürlich nach Kopenhagen, auch nach Brüssel, London, München oder Berlin. Besonders angetan hat es mir Amsterdam.

Weil die Stadt mit knapp einer Millionen Einwohnern ungefähr mit Hamburg vergleichbar ist?
Genau. Wir müssen uns die Maßnahmen von Städten anschauen, die von der Größe und Infrastruktur in der gleichen Liga spielen wie Hamburg – also vor allem Millionenstädte. Was die Niederlande hervorragend hinbekommen, das sind unterbrechungsfreie Radverkehrsstrecken. Durch Brückenbauwerke zum Beispiel oder durch gut geführte Fahrradstraßen mit Vorrangregelungen für Radfahrer. Radfahren ist nun einmal muskelgetrieben, soll flüssig ohne große Unterbrechungen möglich sein.

Setzen Sie das in Hamburg bereits um?
Ja. Zum Beispiel ist der Leinpfad zur anliegerfreien Fahrradstraße umgebaut worden. Die Einfahrt von der Krugkoppelbrücke in den Harvestehuder Weg wird bislang durch eine Ampelschaltung geregelt, nun wird dort ein Kreisverkehr installiert, genauso wie beim Übergang von der Schanzenstraße in die Weidenallee. Vorteil für die Radfahrer: Sie können einfach weiterfahren. Aber alle Verkehrsteilnehmer haben etwas davon.

Inwiefern?
Jeder weiß, wo sein Platz ist. Fußgänger haben den ihren auf dem Fußweg, Radfahrer und Autos auf der Straße. Autofahrer werden keinesfalls ausgeschlossen, können rücksichtsvoll passieren. Am Leinpfad und an der Schanzenstraße profitieren die Fußgänger von deutlich komfortableren und breiteren Gehwegen. Ihr Raum ist durch die Veränderung aufgewertet worden.

Was gefällt Ihnen noch in den Niederlanden?
Die Radschnellwege außerhalb der Innenstadt. Wir haben zu dem Thema Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. In der Metropolregion Hamburg zügig unterwegs sein zu können, ist ein großes Plus. Die Räder werden ja auch immer schneller. Pedelecs und Lastenräder liegen im Trend. Durch Radschnellwege stelle ich sicher, dass überholt werden kann, ein flüssiger Verkehr gewährleistet wird.

Klingt, als laufe alles perfekt. Gibt es gar keine Stelle, wo es hakt?
Natürlich ist die Koordinierung der verschiedenen Beteiligten bis zur Umsetzung einer Maßnahme oftmals ein langwieriger Prozess (lacht). Als ungeduldiger Mensch denke ich manchmal: Hier muss doch sofort gebaut werden. Da zügele ich mich dann, übe mich in Langmut.

Gelingt Ihnen dies ebenfalls, wenn Sie selbst auf dem Rad unterwegs sind? Was ist da für Sie das größte Ärgernis?
Das sind die Momente, in denen ich merke, wie hoch der Stresslevel bei allen ist, wie emotional das Thema Radfahren manchmal immer noch gesehen wird. Besonders ärgere ich mich, wenn Radfahrstreifen beparkt werden. Weil ich weiß: Das lässt den Adrenalinpegel in jede Richtung extrem nach oben schießen.

Haben Sie jemals an der Critical Mass teilgenommen?
Ja, habe ich.

Wie sehen Sie diese Protestdemo der Radfahrer heute?
Ich finde sie nach wie vor wichtig. Sie dreht die Verhältnisse um, in dem sich Tausende Radfahrer Platz auf der Straße nehmen. Sie zeigen: Wir sind auch Verkehr! Ich verstehe durchaus, dass das Autofahrer wütend macht, weil sie sich ausgebremst fühlen. Ich glaube aber, dass durch diese Polarisierung viele Begegnungen stattfinden und dass diese Begegnungen wichtig sind für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Critical Mass befördert den Diskurs, den es braucht. Insgesamt finde ich übrigens, die Mentalität der Hamburger hat sich bei dem Thema sehr positiv entwickelt.

Hat sie?
Ja. Als ich Anfang der 90er das Radfahren für mich entdeckte, war das ein Nischenthema (lacht). Ein bisschen waren wir wie Freaks. Radfahren ist seitdem immer sichtbarer geworden. Gehen Sie mal durch die HafenCity. Jede Boutique, die was auf sich hält, hat im Schaufenster ein Fahrrad stehen. Radfahren ist Teil einer Lebensphilosophie, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das wollen wir weiter fördern. Und es geht immer weiter: Seit Neuestem sind in der Hamburg Tourismus App Radrouten und das StadtRAD integriert. Radfahren ist Teil Hamburger Lebensqualität.

Interview: Mirko Schneider

Foto: Jakob Börner


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!