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Die Stadt im Oktober: Gereon Klug und Peter Lau im Gespräch

Jeden Monat treffen sich der Künstler Gereon Klug und Brand eins-Redakteur Peter Lau zum Gespräch. Diese Mal ging es um die Bewohner der HafenCity, Kreuzfahrtschiffe auf der Binnenalster und einen neuen Zoo für Hamburg.

Foto: Michael Kohls

Hallo Peter, danke, dass du meine Blumen in meiner Abwesenheit über­gossen hast. 

P: Gereon, das mache ich doch gerne. War auch kein Problem, ich hatte sowieso gerade etwas Wasser über. Na, jedenfalls schön, dass du wieder in Hamburg bist.

G: Hab ich was verpasst? Schließlich waren das zwei Wochen. 

P: Zwei Wochen? Was redest du? In der geilsten Stadt Hamburg sind zwei Wochen wie zwei Stunden, die wie zwei Jahre sind! Die Ereignisse haben sich hier überschlagen! Vor allem in der HafenCity!!

G: Kannst du das bitte mal lassen mit den Ausrufezeichen. Ich bin Ästhet. 

P: Mich macht das alles ganz wuschig. Ich bin ja irgendwo auch Mensch. Und wenn es anderen Menschen schlecht geht, dann leide ich eben mit.

G: Wem geht es denn schlecht ausge­rechnet in der HafenCity? Wohnen da nicht nur Freaks? 

P: Ja, klar: Unternehmenserben, Internet-Milliardäre, Hacker, Akademikerkinder. Und, wusstest du das eigentlich: 12.000 italienische Clickworker.

G: Nee, wusste ich nicht. Aber was ist mit denen? 

P: Die haben einen Touri-Deckel gefordert. Slogan: „Unser Viertel ist keine Sehenswürdigkeit – hier leben Menschen!“ Und: „Rettet Hamburgs alten Kern der Zukunft.“ Erst haben sie einen SUV-Corso zum Rathaus geplant, aber am Ende haben sie die Elbphilharmonie besetzt.

G: Bizarr. Was hat die denn so auf­ geregt? 

P: Das Ganze fing an, als die Tiere kamen. Das muss kurz nach deiner Abreise gewesen sein …

 

„Hagenbeck hat in der HafenCity eine neue Dependance“


G: Ich war übrigens in Venedig. Mit dem Schiff. Welche Tiere denn bitte? Gab es wieder eine Spinnen­ plage im Hafen? 

P: Nein, Hagenbeck hat in der HafenCity eine neue Dependance aufgemacht: Hagenbeck2 – Animals for our Future. Der Zoo der Zukunft. Da gibt es ausschließlich Tiere mit Potenzial, die alles überleben werden. Keine bedrohten Arten, sondern starke, durchsetzungswillige Rassen. Ein Zoo mit einer positiven Botschaft: Du kannst das!

G: Wirklich? Irre. Und das soll sich jemand ansehen? 

P: Ansehen oder essen. Es geht auch um funktionsstarke Tiere. Eben Tiere mit Zukunft. Ob als Essen, zum Gucken oder als Vision eines Morgen ist ja letzten Endes egal. Hauptsache, sie sind zu was nütze und nicht nur animalische freie Wesen, die uns mehr kosten als sie einbringen.

G: So sehe ich Tiere auch am liebs­ten: als Zweckwesen. 

P: Du kannst dir vorstellen, es war ein Mega-Event. Hagenbeck2 war schon am ersten Tag total überlaufen. Tausende Besucher, die alles zuparkten, massig Youtubbies, bundesweites Aufsehen. Die Fischbrötchen waren alle sofort weg, die Pandamützen auch. Jeder hat geschnallt, wie wichtig Tiere für uns sind, wenn sie zu was gut sind. Ein Riesenerfolg, wirklich beeindruckend.

G: Das ist doch schön. Endlich ein neuer Magnet in Hamburg, eine neue Topadresse. Das wird unsere Stadt noch weiter voran bringen. Kann man eigentlich von den AI­DAS in den Hagenbeck2 reingu­cken? 

P: Den AIDAS? Warum willst du das wissen?

G: Ich sagte doch, ich war in Venedig. Ich bin Kreuzfahrer, Peter! Da will ich natürlich wissen, ob ich freie Sicht auf das Neue habe. Ich will nicht im­ mer nur alte Sachen sehen. Ich will nah ran an die Zukunft. Die Fahrten nach Kuba oder an Inseln vorbei, auf denen alles aus Palmblättern herge­stellt wird, langweilen mich. Ich will in die Stadt rein, ran an die Hotspots. 

P: Gereon, du bist in der Stadt.

G: Aber noch nicht, wenn ich kreuz­fahre. In Venedig kommen wir mit unserem Schiff recht nah ran, aber sonst werden wir Kreuzfahrer eher auf Abstand gehalten. 

P: Das ist doch das Wesen dieser Reisen: Weit wegfahren, ohne es zu merken.

G: Mir ist das zu langweilig. Ich bin froh, dass es bei uns demnächst richtig rein geht in die City. 

P: Ja?

 

„Wir Kreuzfahrer kommen nämlich bald in die Hambur­ger Innenstadt!“


G: Ja! Wir Kreuzfahrer kommen nämlich bald in die Hambur­ger Innenstadt! Aus dem Hafen in die Fleete: Ab November gibt es die ganze Aida -Flotte und auch die Queen­-Mary-­Flotte als kleine Schwesterschiffe. Mit etwas weniger Tiefgang, etwas weniger Bruttore­gistertonnen, aber – und das ist das Coole – mit vollem Komfort. 

P: Auch mit Pool und so?

G: Logisch! Es ist alles genau wie bei den Großen – nur etwas kleiner. Die Handtücher sind DIN A 4, die Pools haben Tischtennisplattengrö­ße. Es ist einfach süß. Dann sind wir mit unseren Aidaletten auch in der Binnenalster unterwegs, schön nah am Jungfernstieg. Und weil man nicht so weit fahren muss, ist der ökologische Fußabdruck kein Thema mehr. Eine Win-­win­-Situation. 

P: Toll! Davon hatte ich noch nie gehört!

G: Verstehe ich, verstehe ich, wenn hier so viel los war. Aber was war denn jetzt mit den HafenCitlern? 

P: Die haben richtig Alarm gemacht. Haben totale Horrorszenarien entwickelt: Wenn da jetzt jeder, der nicht persönlich kommen kann, seine Drohne schickt, um bei Hagenbeck2 die Tiere zu sehen, wäre der Luftraum gefährlich voll, vom Funkraum ganz zu schweigen. Und wenn die Magellan-Terrassen zum Galaostrich würden, könnten die Kinder nirgends mehr spielen. Da wurde die Apokalypse heraufbeschworen: In einer komplett überlaufenen HafenCity pinkeln die Leute in die Hafenbecken auf die rein geworfenen E-Bikes, und alles wird so schmuddelig wie früher die Schanze oder Berlin heute.

G: Wär wohl so. 

P: Eben. Und das sah die Politik auch ein. Der Bürgermeister, wie heißt der noch? Ich kann mir den Namen nicht merken und jetzt lohnt es sich nicht mehr, nächstes Jahr werden ja schon Wahlen gewesen sein – jedenfalls hat der Bürgermeister dann per Eilverfahren beschlossen, dass es in der gesamten HafenCity keine neuen Projekte mehr gibt. Keinen Hagenbeck3, mit Tieren, aus denen man noch was machen kann, wenn die sich ein bisschen Mühe geben, kein Kleinflughafen und auch keine neuen Hotels auf die alten Hotels drauf.

G: Oha! Das war alles geplant? 

P: Ja, sicher. Aber vergiss es! Stattdessen ist nun Wellness angesagt – Entspannung pur für Leistungsträger, egal ob Tier oder Mensch. Deshalb ist die HafenCity jetzt ein schallarmes Barfußrevier.

G: Du meinst Flüsterasphalt und so? 

P: Ach was, das war gestern. Nein, das ganze Viertel ist mit Teppichboden ausgelegt. Da kannst du überall auf der Straße liegen und knutschen, weil der immer sauber ist – der wird Tag und Nacht von Saugrobotern abgesaugt.

G: Das ist doch wunderbar. Auf unseren Kreuzfahrtschiffen sind Saugroboter nicht erlaubt. Die fal­len immer runter und machen die Meere dreckig. Es gibt Gebiete, da gibt’s schon richtige Saugroboter­strudel, das sieht nicht aus. Wenn ich jetzt in der HafenCity anlande, dann falle ich direkt auf einen roten Teppich? 

P: Nein, kannst du nicht. Jedenfalls nicht, wenn du von einem Kreuzfahrtschiff kommst. Wegen des Touristendeckel – Teppichboden ist nur für Einheimische.

G: Ich hab immer meinen Ausweis dabei. 

P: Kann ich den mal sehen? Ich wollte schon immer wissen, wie du wirklich heißt.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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HafenCity: Neues Quartier in Planung

In der HafenCity entsteht ein neuer integrierter Stadtteil – mit eigenem Innovationsmanager. Was sich verändern wird, erzählt Joscha Domdey im Interview

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Herr Domdey, das neue Quartier trägt den Namen „Westfield Hamburg-Überseequartier“ – benannt nach Unibail-Rodamco-Westfield, einem Betreiber von Shopping-Zentren in aller Welt. Warum?

Joscha Domdey: Eine wichtige Info zum Anfang: Wir werden hier kein Shoppingcenter bauen. Es wird ein sogenanntes „Mixed-­Use­-Quartier“ mit verschiedenen Nutzungen. 650 Wohnungen, 4.000 Büroarbeitsplätze, drei Hotels, Kultur­ und Freizeitangebote, über 40 Restaurants, 200 Geschäfte und ein Kreuzfahrtterminal.

Die Marke Westfield ist in Europa und international ein Qualitätsversprechen. Wir verbinden die Marke immer mit dem lokalen Kontext. Denn wir sind natürlich Teil Hamburgs. So ist „Westfield Hamburg­-Übersee­quartier“ eine gute Symbiose aus international und lokal, und das ist auch die Idee.

Was sind Ihre Aufgaben als Innovationsmanager?

Kooperationsmöglichkeiten finden, Recherche und Trend­-Scouting, kreative Workshops organisieren, Kolleginnen und Kollegen inspirieren, innovative Ideen in umsetzungsfähige Piloten wandeln – kurz: Ich kümmere mich um den Aufbau eines Netzwerks rund um neue Ideen, Start-Ups, Thinktanks und Unternehmen. Unser Ziel: ein modernes, lebhaftes Quartier.

Wo liegen die Schwerpunkte der Innovation? Technisch, wirtschaftlich oder sozial?

Der Community-­Gedanke ist bei uns ganz groß. Es soll ein sozialer Treffpunkt werden. Wir wollen den Leuten in der Nachbarschaft Gastronomiekonzepte anbieten, wo sie tagtäglich hingehen können – und auch ganz besondere Orte an der Wasserkante mit Blick auf die Elbe schaffen.

Ein weiterer Fokus: die Ausstattung der Gebäude. Wir möchten, dass sie nachhaltig gebaut und innovativ vernetzt sind: Intelligente Gebäudetechnik steuert Sanitär­, Heizungs-­ und Beleuchtungsanlagen, senkt Energiekosten und sorgt für ein gutes Wohngefühl. Smarte Logistik­ und Verkehrsleitsysteme entspannen die Verkehrssituation.

Wir möchten die verschiedenen Services auf einer App bündeln, die informiert und alles einfach zu bedienen ist. Die Plattform kann dann von Besuchern genutzt werden.

 

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Büros, Hotels, Restaurants, Geschäfte, Wohnungen und Kultur- und Freizeitangebote sollen entstehen / Foto: Moka Studio

 

Was gibt es für konkrete Pläne?

Ein großes Thema ist die Mobilität. Da denken wir in alle Richtungen und wählen am Ende die besten Konzepte aus. Wir haben eine Partnerschaft mit den e­-floatern aus der Nachbarschaft. Ein super­ spannendes Konzept: e­-floater haben drei Räder und können – anders als E-­Scooter – nicht umfallen.

Das ist gut für das Stadtbild, denn die Roller liegen nicht mehr auf den Gehsteigen. Die Vision der e-floater: Dreiräder können irgendwann autonom fahren. Wenn sie falsch geparkt sind, kann man sie auf Knopfdruck richtig parken. Sie können ohne Stecker induktiv geladen werden, indem man nur noch auf eine Plattform fährt, die lädt.

Ein anderer Partner ist Wunder Mobility. Die ent­wickeln Carpooling­-Lösungen, damit Mitarbeiter nicht alleine mit dem Auto kommen, sondern gemeinsam, also gepoolt. Oder Smart Parking Systeme: Sobald es der Datenschutz erlaubt, könnten wir Nummernschilder scannen. Der Kunde fährt dann mit einer Monatsmitgliedschaft einfach ins Parkhaus, ohne einen Papier-­Parkschein lösen zu müssen.

Haben Sie Kriterien, nach denen Sie Ihre Partner aussuchen?

Ich habe keine Checkliste. Aber wir arbeiten gerne mit jungen Start-ups und Projekten zusammen. Wir stehen mit dem Fraunhofer­-Institut in Kontakt. Dort wird an immer­siven Welten geforscht. Eine virtuelle Welt, in der es Gerüche oder Gefühle wie Wärme und Kälte gibt. Ein außergewöhnliches Erlebnis.

Wir arbeiten mit Studententeams zusammen wie von der Uni Köln: Die Studenten haben sich auf verschiedene Mobilitätsschwerpunkte fokussiert – zum einen aus der Quartiersperspektive: Wer könnten die richtigen Partner für das Quartier sein, zum Beispiel im Bereich Radverkehr? Welche Mobilitätsplattformen sind für die Kunden geeignet? Heute und in Zukunft?

Zum anderen wurde die Kundenperspektive analysiert: Bestimmte Besuchertypen wurden auf ihrem Weg zum Quartier simuliert und es wurde geschaut, welche Mobilitätsformen einfach und nachhaltig sind.

 

„Ein Ort für alle Hamburger“

 

Die HafenCity ist umringt von Stadtteilen mit hoher Diversität: Gibt es Überlegungen, wie hier ein Ort für Alt und Jung, Arm und Reich entstehen kann?

Wir möchten das Quartier für jeden erlebbar machen. Wir möchten niemanden speziell ansprechen und niemanden ausschließen. Es wird ein Ort für alle Hamburger, für Leute aus der HafenCity, für Berufstätige, für Besucher und für Jung und Alt.

Wir haben verschiedene Angebote für Familien mit Kinderspielecken. Wir machen Angebote für den Büroarbeiter, damit er sich auf dem Nachhauseweg etwas mitnehmen kann.

Unter anderem ist hier Hamburgs größtes Shoppingcenter geplant. Die Anwohnerinitative „Initiative Lebenswerte HafenCity“ kritisiert das Projekt als UFO, das den Elbblick versperrt, massiven Verkehr verursacht und zu Kommerz statt Lebenskultur führt.

Es handelt sich, wie gesagt, um kein klassisches Shopping­center. Es ist ein urbanes Quartier – ein Stück Ham­burg. Wir haben in verschie­denen Gesprächen die Sorgen aufgenommen. Da ist viel Aufklärarbeit dabei. Wir arbeiten mit dem HVV zu­sammen. Die U4­-Bahnstation Überseequartier ist direkt bei uns im Quartier. Wir sind im Gespräch mit der Hoch­bahn. Wir schauen uns neue Mobilitätskonzepte an. Neben den schon beschriebenen geht es uns um E­-Mobilität und autonome Autos.

 

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Der Blick von oben auf die Zukunft / Foto: Moka Studio

 

Gibt es neben e-floatern und Wunder Mobility weitere Projekte mit der Nachbarschaft?

Wir arbeiten eng mit dem Virtual Reality Headquarter aus der Speicherstadt zusammen. Durch die Kooperation mit der Hamburg Kreativgesellschaft unterstützen wir kreative Berufe. Man sieht heute schon drei Jahre vor Eröffnung, dass wir kein Ufo sind, sondern mit den Leuten vor Ort zusammenarbeiten.

Wir sind im Gespräch mit der Ausstellung „Märchen­ welten“, mit dem Sportsdome und anderen Konzepten. Wir überlegen mit dem Touris­musverband, wie man Kreuzfahrtgäste dazu bringt, einen Tag länger zu bleiben, um das Miniaturwunderland zu genießen, in die Speicherstadt zu gehen oder zu uns zu kommen. Wir versuchen, eine Symbiose zu schaffen.

Ueberseequartier.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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