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Film in Hamburg – gedreht wird immer

In Hamburg wird gedreht – oft und gerne. Welche Ecken in der Stadt zu welcher Geschichte passen und wo es sich filmisch durch die Zeit reisen lässt, das weiß Alexandra Luetkens. Sie ist Film Commissionerin bei der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und berät Filmemacher aus aller Welt

Text: Hedda Bültmann 

 

Hollywood zu Besuch auf St. Pauli: Philip Seymour Hoffman trifft sich auf einen Drink mit Robin Wright in der Rooftopbar 20up des Empire Riverside Hotels. Das kann passieren, wie hier für den Film „A Most Wanted Man“. Auch in „Der Morgen stirbt nie“ hat Hamburg einen Auftritt, bekannt ist vor allem die Szene, in der James Bond (Pierce Brosnan) auf das Dach des Atlantic Hotel flüchtet. Und auch die Landungsbrücken und der Blick auf den Hafen schaffen es als Kulisse immer wieder in große internationale Produktionen, aber auch Arthouse Filme.

 

Von langer Hand vorbereitet

 

Die Liste der Streifen, die zumindest teilweise hier gedreht wurden, ist lang. Seit 2000 kümmert sich Alexandra Luetkens gemeinsam mit ihrer Kollegin Christiane Dopp als Film Commissionerin bei der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unter anderem um Anfragen, Drehorte und Beratung. Sie hat schon einige Kreative vom Filmstandort Hamburg überzeugen können.

Wie die von „The Story of My Wife“, auf Deutsch „Die Geschichte meiner Frau“ – ein Liebesdrama, das in den 1920er-Jahren in Hamburg und Paris spielt. Der Film feierte im Juli dieses Jahres auf den Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere. Doch bereits Anfang 2018 hat Alexandra Luetkens die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, den Kameramann, die Szenenbildnerin und die Berliner Produktionsfirma Komplizen Film im Namen der Filmförderung nach Hamburg eingeladen, und ist mit ihnen in einem Kleinbus durch die Stadt gefahren – an all die Plätze, die von einem Hamburg in den 1920ern erzählen könnten. Am Ende haben Enyedi die vielfältigen Möglichkeiten überzeugt, sodass sie dann 2019 elf Tage hier gedreht hat, unter anderem natürlich in der Speicherstadt. Aber auch an der Trostbrücke, im Atlantic Hotel, im Museumshafen und auf den Fleeten, wo im Film historische Barkassen fahren.

Setfoto TSOMW Speicherstadtfleete_Copyright Hanna Csata-klein

Zeitreise: Die Speicherstadt wurde für die Dreharbeiten von „The Story of My Wife“ in die 1920er verlegt (Foto: Hanna Csata)

 

„Die historischen Aufnahmen waren sehr aufwendig“

 

Die MOIN Filmförderung hat die Film Produktion in Hamburg mit 450.000 Euro unterstützt, wobei diese wiederum rund eine Million Euro in Hamburg ausgegeben hat. In der Vorbereitung arbeitete Luetkens eng mit dem Motivaufnahmeleiter zusammen: von ersten Motiv-Vorschlägen über logistische Organisation bis zu den notwendigen Behördengängen.

„Die historischen Aufnahmen waren sehr aufwendig. Die öffentlichen Bereiche mussten weiträumig abgesperrt werden, damit zum Beispiel die Pferdekarren durch die Speicherstadt fahren konnten, ohne dass moderne Autos das Bild durchkreuzten“, erzählt sie. „Wir haben weit im Voraus angefangen alles vorzubereiten, Termine mit den städtischen Behörden vereinbart und auch mit der Port Authority, um die Motivaufnahmeleitung zu unterstützen, dann die Drehgenehmigungen einzuholen.“ Doch es habe sich gelohnt. „Hamburg sieht in dem Film so fantastisch aus, es macht einfach Freude, das zu sehen“, schwärmt die Commissionerin, „und für uns von der Filmförderung ist es eine schöne Bestätigung, dass von hier, aus diesem Projekt heraus, solch großartige Bilder um die Welt gehen.“

 

Hamburgs Plus: die Vielseitigkeit

 

Mehr als 500 öffentliche Plätze in der Stadt sind als potentzielle Drehorte in der Datenbank der MOIN Filmförderung erfasst. Hamburg selbst ist wie eine Leinwand, auf die vieles projiziert werden kann. Zuletzt verlegte Alexandra Luetkens kurzerhand Duisburg nach Hamburg. Die Firma Weydemann Bros, die 2019 den erfolgreichsten Arthouse Film „Systemsprenger“ verantwortet hat, hat für einen im nächsten Jahr geplanten Film eine Förderungszusage bekommen. Und da sie zwar gerne in Hamburg drehen möchten, aber die Geschichte in Duisburg spielt, hat Alexandra Luetkens alle passenden Ecken, wie zum Beispiel das südliche Wilhelmsburg, rausgesucht. Denn was Hamburg als Filmstandort besonders auszeichnet, ist die Vielseitigkeit. „In Deutschland ist es die Stadt mit den meisten Grünflächen einerseits, andererseits gibt es hier viel Industrie. Dann ist da die urbane HafenCity mit ihrer modernen Architektur, dem alteingesessenen Reichtum entlang der Elbchaussee oder rund um die Alster. Und durch den Hafen hat Hamburg ein internationales Flair“, erklärt sie.

Setfoto The Story of My Wife_Copyright Hanna Csata-klein

Damit keine Filmfehler passieren, wird bei Drehs oft weiträumig abgesperrt (Foto: Hannah Csata)

 

Der Kiez ist nicht mehr das, was er einmal war

 

Nach wie vor ist aber vor allem auch die Reeperbahn mit ihrem Rotlichtviertel weltweit bekannt und Anziehungspunkt. „Die Nachfrage nach St. Pauli verläuft im Hinblick auf die letzten Jahre immer in Wellen“, meint Luetkens, „aber gerade in diesem Jahr war der Kiez wieder sehr gefragt.“ Aktuell drehe Amazon die (nicht geförderte) Serie „Luden“, die auf dem St. Pauli der 1980er-Jahre spielt. Eine weitere hier ansässige Geschichte, die gerade in Arbeit sei und die von der Filmförderung unterstützt werde, sei die Amazon Miniserie „German Crime Story: Gefesselt“ über den Säurefassmörder Lutz Reinstrom. Historische Stoffe, die ein vergangenes St. Pauli zeigen. „Auch wenn es immer noch viele ursprüngliche Ecken gibt, hat sich der Kiez stark verändert im Vergleich zu dem klassischen Rotlicht- und Prostitutionsviertel der 90er-Jahre“, so Luetkens, „Er ist viel mehr eventisiert, aber auch das kann für andere Projekte passen und wird gebraucht.“

 

Soul Kitchen – ein Zeitzeugnis

 

Alexandra Luetkens_2021_(c) A. Luetkens-klein

Alexandra Luetkens ist seit 2000 Film Commissionerin für Hamburg (Foto: Alexandra Luetkens)

Als Film Commissionerin verfolgt sie sehr aufmerksam die städtische Entwicklung: „Die Stadt verändert sich ja ständig, es entstehen neue Stadtteile wie zwischen HafenCity und den Elbbrücken oder alte Hafenindustrie wie in Steinwerder verschwindet und wird durch andere Bauten ersetzt.“ Die Gentrifizierung und der Verdichtungsprozess haben auch Auswirkungen auf Hamburg als Filmstadt: „Es wird auch aus filmischer Sicht zu viel abgerissen. Alte Bausubstanz geht verloren, vieles, was interessant ist.“ Das thematisierte Hamburgs Kult-Regisseur Fatih Akin bereits 2009 in „Soul Kitchen“, in dem ein Restaurantbesitzer sich in schlechten wirtschaftlichen Zeiten gegen einen Immobilienhai wehren muss.

Der Film ist mittlerweile auch ein Zeitzeugnis, denn die Soul Kitchen-Halle, in der ursprünglich Kulturveranstaltungen stattfanden, wurde aus Sicherheitsgründen geschlossen und verfällt. Auch die Astra Stube unter der Sternbrücke, in der sich Zinos (Adam Bousdoukos) und Lucia (Anna Bederke) betrinken, ist akut vom Abriss bedroht, da die Brücke erneuert werden soll. Doch: „Wir brauchen auch die abgerockten Ecken, subkulturelle Räume, um die Inhalte von Krimis oder gesellschaftliche Randgruppen darzustellen“, erklärt Alexandra Luetkens. „Ein Drehort muss nicht immer glatt und schön sein.“ So sei auch eine vermeintlich hässlich wirkende Location ein attraktives Motiv und: „Ein Ort braucht nur gewisse logistische Voraussetzungen, ansonsten kann alles, was sich mit Fantasie umgestalten lässt, ein tolles Filmmotiv sein.“

 

Wahrzeichen locken Stars

 

Um so erfreulicher ist es, dass auch neuere Wahrzeichen von Hamburg große internationale Stars nach Hamburg locken. In dem Film „Drei Engel für Charlie“ von Elizabeth Banks aus dem Jahre 2019 – unter anderem mit Kristen Stewart – ist die Elbphilharmonie als einer der zentralen Orte zu sehen. „Dass diese große US-Produktion in Hamburg gedreht hat, war ein persönliches Highlight“, erzählt Luetkens. „Dass das möglich war, haben viele tolle Leute erwirkt und auch wir haben uns dafür sehr reingehängt.“

Der Film habe eine enorme Wirtschaftskraft in die Stadt und weltweite Aufmerksamkeit gebracht. Auch wenn Blockbuster nicht für die Art der Filme stehen, für die die Filmförderung bekannt ist. Das sind eher Arthouse-Filme wie für viele der Hamburgfilm überhaupt, „Absolute Giganten“ von Sebastian Schipper. Diesen hat Alexandra Luetkens sofort vor Augen, wenn sie durch den Alten Elbtunnel schlendert: „Ich weiß, das ist ein Klassiker, aber für mich ist er einer der schönsten Drehorte in Hamburg.“ Und ihr Lieblings-Hamburgfilm? „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Der Film hat nach all den Jahren immer noch diese Power und einen enormen Druck“, sagt sie. „Sobald er losgeht – mit der Autofahrt durch den Elbtunnel zu dem Song ,I Feel You‘ von Depeche Mode – bekomme ich Gänsehaut.“


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Kristen Stewart als Lady Diana in „Spencer“

„Spencer“ ist ein fulminantes Psychogramm von Prinzessin Diana mit Kristen Stewart in der Hauptrolle – eine Kritik

Text: Anna Grillet

 

Sandringham, Dezember 1991. Ein Militärkonvoi hält vor dem königlichen Landsitz, Soldaten im Marschritt schleppen Richtung Küchentrakt, was in den nächsten drei Tage der Queen und ihrer Familie an Köstlichkeiten aufgetischt wird. Christmas bei den Royals verlangt maximale Disziplin, alle sind versammelt, nur Prinzessin Diana (grandios: Kristen Stewart) hat sich verspätet, und sie wird es immer wieder tun. Rebellion oder Angst? Ihre Ehe mit Charles ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Der Zuschauer spürt vom ersten Moment an die Kälte, das Misstrauen, die Lady Di umgeben: bewacht, gegän­gelt, isoliert, der Lächerlichkeit preisgegeben.

 

Von Spencer zu Lady Di

 

Spencer, ihr Mädchenname steht für Identität, Selbstbestim­mung. Unweit von hier ist sie aufgewachsen. Die Vogelscheu­che auf dem Feld trägt noch die Jacke ihres Vaters. Bilder einer glücklichen Kindheit verdrän­gen oft die Gegenwart. Die Ver­zweifelte will heim, doch das ver­lassene Elternhaus ist verbarri­kadiert mit Stacheldraht wie eine Sperrzone.

Die Paranoia wächst, Lady Di glaubt zu ersticken, reißt sich beim Dinner das Perlencol­lier vom Hals, die Perlen kullern in die Suppe, sie schluckt sie be­tont gleichmütig hinunter. Die Kette ist das Weihnachtspräsent des Gatten, die Geliebte bekam die Gleiche. Dianas Perspektive wird zu unserer. Der Geist von Anne Boleyn verfolgt sie, jene Königin, geköpft wegen angeb­licher Untreue.

 

Wahnsinn auf Großleinwand

 

Regisseur Pablo Larraín be­freit die Protagonistin von ihrer Rolle als Prinzessin, eine Frau sein aus Fleisch und Blut, muss nicht um Sympathie buhlen, kann stör­risch sein, zornig, un­gerecht, nahe dem Wahnsinn. Sie darf sich verlieren, um sich dann neu zu definieren.

„Spencer“ ist das Gegenstück zu „Jackie“ (2016), ein mitreißendes Drama zwischen Fiktion und Realität, Horror, Sehnsucht und Satire: poetisch, bizarr, ästhe­tisch, überbordend an Assozia­tionen. Wie ein Pfauengefieder umgibt das Abendkleid die Pro­tagonistin, wenn sie sich kniend über der Toilette erbricht. Die endlosen Korridore erinnern an Kubricks „Shining“, nur für die königliche Familie ist sie, Dia­na, das Monster. Larraín schenkt ihr und den beiden Söhnen ein wundervoll opti­mistisches Finale.

„Spencer“, Regie: Pablo Larraín. Mit Kristen Stewart, Sally Hawkins, Timothy Spall. 111 Min. Ab dem 13. Januar 2022 in den Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Spencer“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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