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Open-Air-Küche: Festivalfood kann mehr als Dosenravioli

Kochbuchautor Stevan Paul beweist, dass Essen auf Festivals mehr sein kann als Dosenravioli und ruft zur Rettung der Camping-Kochkultur auf. Eine Ode an die Draußen-Küche

Text: Stevan Paul
Fotos: Daniela Haug

Dieser Moment: die Nacht noch kühl in Königsblau, am Ende der Straße kündet ein Streifen in Rot und Orange vom kommenden Sommertag, die letzten Taschen, Kisten und Boxen sind im Bus verstaut, alle da und Türen zu, die Musik geht an und los! Rauf auf die Straße, raus aus dem Alltag und rein ins Abenteuer. Unterwegs sein, auf Reisen.

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Stevan Paul kocht gegen die kulinarische Verwahrlosung unter freiem Himmel

Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist die Freiheit für ein paar Tage ein anderes Leben zu leben, ein Leben unter freiem Himmel, draußen feiern, kochen, entspannen, mit Zelt und Rucksack, mit dem Bulli, dem Camper. Die Ruhe am See genießen, in den Bergen, am Strand – oder die Musik, den Lärm und die Lebensfreude auf einem Musikfestival. Egal wo und wie, einfach mal: rauskommen.

Ich bin süchtig danach. Ich liebe Kochen und am liebsten koche ich draußen. Schon als Kind war ich mit den Eltern und Geschwistern auf großer Fahrt mit unserem Campingbus, ein orangefarbener Dehler Profi, T3 Baujahr 1979. Es ist der Geschmack meiner Kindheit, auf französischen Campingplätzen: sonnenwarme Tomaten mit Olivenöl, ein knusprig splitterndes Baguette, dick bestrichen mit La vache qui rit-Frischkäse, „die Kuh die lacht“, wir Kinder haben es geliebt.

Und Abends, sonnenwarm-saftige Pfirsiche, fettschwitzende korsische Wildschweinwürste vom Grill (hat uns keiner gesagt, dass das Wildschwein war!), Mama und Papa in Rotweinseligkeit knutschend (schlimmer als Wildschwein-Bratwurst!). Und schon damals die Erkenntnis: Wie einfach Draußen-Küche ist, es braucht nicht viel.

 

Ins Gespräch kommen, teilen und probieren

 

Irgendwann hab ich das alles mal kurz vergessen, ich bin nach Berlin gezogen, weil man das damals so gemacht hat, weil das früher mal zum gelungenen Lebenslauf gehörte, in Berlin gewohnt zu haben. Zumindest wenn man, wie ich, aus einer kleinen Kreisstadt kam. Alles war wichtiger in Berlin, der Job, der Look, die Nacht … Ich habe es in vier Jahren kein einziges Mal an den Wannsee geschafft, die brandenburgische Seenplatte und den Spreewald erst entdeckt, als ich endlich in Hamburg lebte.

Wissen Sie eigentlich wie schön der Sommer im Norden ist? Campen am Stocksee, Ausflug an den Hohwachter Strand, Picknick im Jenisch-Park, sandige Sandwiches vor der Strandperle mümmeln, Grillparty am Falkensteiner Ufer.

Und gern auch mit Musik: Früh entdeckte ich Open-Air-Festivals als ideale Auszeit zwischen Arbeitsalltag und Urlaub, kleine Fluchten, mit Lieblingsmenschen, Zelt und Campingkocher. Nur ein Umstand trübte anfangs die gute Stimmung: das schlechte Essen.

Ich habs nicht verstanden: Wir arbeiten alle so viel und verbringen dann aber die knappe Freizeit mit Freunden bei zumindest diskutabler Grundversorgung: Dosenfutter, Tütensuppen, verbrannte Würstchen vom Einweggrill.

Aus Notwehr, ich bin schließlich gelernter Koch, entwickelte ich im Laufe der Jahre eine Festival- und Campingküche, die bewies, dass es gerade auch unterwegs, nicht zur kulinarischen Komplettverwahrlosung kommen muss. Bis heute glaube ich, dass ich der Erfinder der trinkbaren Kühlelemente bin, ich entwickelte ein Drei-Tage-Festival-Grill-Programm, schrieb detailreiche Pack- und Einkaufslisten.

 

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Mit dem Campingkocher gekocht: Quesadillas und Salsiccia Bohneneintopf

 

Ich ließ mich auslachen, wenn ich zum frisch gebrühten Kaffee, Milchschaum aufschlug – am nächsten Tag standen auch die Zeltnachbarn Schlange. Auch darum geht es beim Draußen-Kochen: Mit anderen ins Gespräch kommen, teilen und probieren, sich überraschen lassen! Essen verbindet und bringt die Leute zusammen, gerade auch unterwegs. Unvergessen: der „Rolling Stone“-Redakteur, dem ich auf dem Melt-Festival ein Steak mitgrillte, worauf der in sein Zelt griff und für uns eine mitgebrachte Flasche Châteauneuf-du-Pape entkorkte. Haben wir dann aus den offiziellen Festivalpfandbechern getrunken – schmeckte himmlisch!

Dabei ist es nicht entscheidend, was man einpackt, auspackt, kocht oder grillt, keep it simple, zumindest am Anfang: ein Stück guter Käse, reife Tomaten, Salz und Olivenöl sind ein wunderbares Essen und die Welt ist schön.

Es ist wie so oft im Leben, es macht Spaß mit seinen Aufgaben zu wachsen. Und mit etwas Vorbereitung, einfachen Rezepten, Tricks und Kniffen, ist Open-Air-Küche ein müheloses Vergnügen. Feiern wir doch diesen Sommer miteinander und mit ein paar köstlichen Kleinigkeiten! Einfach loslegen und dann: alle mal raus jetzt!

 

Festival-Food zum Nachkochen

 

In seinem Kochbuch „Open Air“ präsentiert Stevan Paul über 100 Outdoor-Rezepte jenseits von Dosenravioli und Tütensuppe und gibt Tipps zu Ausstattung, Transport und dem richtigen Umgang mit Gaskocher und Grill.

 

Tomaten-Avocado-Quesadilla

 

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  • Für 4 bis 6 Quesadillas:
  • 1 bis 2 Tomaten
  • Salz, 1 Prise Zucker
  • 1 Avocado
  • etwas Zitronensaft
  • 8 bis 12 Tortilla-Fladen (16 cm ø)
  • 150 bis 200 g geriebener Cheddar
  • (wahlweise Bergkäse oder Gouda)
  • Pfeffer und Olivenöl

 

Zubereitung

Tomaten in Scheiben schneiden und mit Salz und Zucker würzen. Avocado halbieren, Stein entfernen, Fruchtfleisch aus der Schale lösen und in Streifen schneiden. Mit Salz würzen, mit Zitronensaft beträufeln.

Die Hälfte der Tortilla-Fladen mit der Hälfte des Käses bestreuen. Tomaten und Avocado drauf verteilen, pfeffern. Mit dem übrigen Käse bestreuen, mit den übrigen Tortilla-Fladen deckeln, leicht andrücken.

Die Quesadillas nacheinander in einer dünn mit Olivenöl ausgestrichenen Pfanne auf dem Gaskocher bei milder Hitze von jeder Seite 4 bis 6 Minuten „braten“. Dabei ab und zu leicht rütteln, damit nichts ansetzt. Zum Wenden Quesadilla auf einen Teller stürzen und auf der ungebräunten Seite wieder in die Pfanne gleiten lassen. Vierteln und sofort servieren.


OpenAir-kochbuchStevan Paul ist Kochbuchautor und freier Foodjournalist. „Open Air – das Festival- & Camping-Kochbuch“ ist im Brandstätter Verlag erschienen. Sein Online-Magazin NutriCulinary gehört zu den meistgelesenen im Netz.


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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FoodSZENE – Mediterranes Flair in der Kleinen Brunnenstraße

Nachbarschaftstreff und Institution in Ottensen: das Restaurant Kleine Brunnenstraße. Warum es jetzt Zeit ist, den beliebten Mittagstisch aufzugeben, erklärt Inhaber Andreas Steinwandt.

Interview: Jasmin Shamsi

SZENE HAMBURG: Aus wirtschaftlichen Gründen geben immer mehr Gastronomen ihren Mittagstisch auf. Warum?

Andreas Steinwandt: In Zeiten von Fachkräftemangel ist gutes und verlässliches Personal rar. Um gute Mitarbeiter langfristig zu halten, muss man ein attraktiver Arbeitgeber sein. 12-Stunden-Schichten mehrmals die Woche kann man seinen Leuten auf Dauer nicht zumuten. Da es aber mein Anspruch ist, alle Gerichte frisch zuzubereiten, auch mittags, musste ich mir langfristig etwas einfallen lassen. Ich möchte in Zukunft den Druck rausnehmen und meinen Köchen wieder mehr Spielraum für Kreativität bieten.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigst du?

Ich habe ein stabiles Team, das sich aus fünf Köchen, drei festangestellten Servicekräften und zwei Aushilfen zusammensetzt. Wenn ich die Putz- und Bürokraft, den Spüler und die Springer mit einrechne, komme ich auf rund 15 Mitarbeiter – und das merke ich auch am Monatsende. Was die Platzkapazitäten betrifft, können wir drinnen 42 Gäste und im Sommer, wenn wir die Terrasse eröffnen, noch mal 40 weitere unterbringen.

 

Unter Zeitdruck kann keine Kreativität aufkommen

 

Worauf möchtest du dich jetzt wieder mehr konzentrieren?

Auf meine Work-Life-Balance sowie die meiner Mitarbeiter. Ich liebe es, mir schöne Gerichte auszudenken und tolle Aromen miteinander zu kombinieren. Das geht nur, wenn man dabei einigermaßen relaxt ist. Steht man hingegen unter Zeitdruck, hat man keinen freien Kopf für neue Impulse. Mein Küchenchef und ich unternehmen beispielsweise hin und wieder kulinarische Reisen. Nach Neapel etwa, um echte neapolitanische Pizza zu kosten. Oder wir fliegen nach San Sebastian, um die besten Sardinen ausfindig zu machen. Dafür muss jetzt wieder mehr Zeit sein.

 

Restaurant Kleine Brunnenstraße_Andreas Steinwandt_Szene Hamburg

Andreas Steinwandt: „In Zeiten von Fachkräftemangel ist gutes und verlässliches Personal rar“

 

Der Mittagstisch fällt weg, dafür öffnet ihr früher. Noch mehr Neuigkeiten, die anstehen?

Ab dem 1. Juni wird mediterranes Flair durch unsere Räume wehen. Die Aperitivo-Kultur gefällt mir so gut, dass ich das auch bei uns ausprobieren möchte. Ab 17 Uhr gibt es die besten italienischen und spanischen Appetithäppchen, begleitet von sommerlichen Weinen, die unser Sommelier gerade zusammenstellt. Wir werden Nüsse in der Küche frisch rösten, kantabrische Sardellen aus der Dose bereitstellen und dazu hausgebackenes Brot und ein paar Dips anbieten.

Verlockend! Eine andere Frage zum Schluss: Welche Erfahrungen hast du mit No-Shows gemacht?

Der Großteil unserer Reservierungen findet telefonisch statt. No-Shows sind durchaus ein Thema bei uns, aber das Gute an der Location ist, dass wir viel Laufkundschaft haben. Richtig ärgerlich wird es an Tagen wie Silvester oder bei lange im Voraus geplanten Verkostungsveranstaltungen. Wenn allein vier Leute bei einer Kapazität von 40 Plätzen absagen, bedeutet das 10 Prozent Einbußen für mich.

Im alltäglichen Tagesgeschäft habe ich aber glücklicherweise kein Problem mit No-Shows. Wir haben viele treue Stammgäste, darunter sogar einige, die seit 13 Jahren zwei bis drei Mal die Woche kommen. Ich habe Verständnis dafür, dass mal was dazwischenkommt oder man spontan doch lieber den Grill anschmeißt. Wenn die Absage ein bis zwei Stunden vorher erfolgt, ist das für mich vertretbar. Dann rücken die nächsten auf der Warteliste nach.

 

 

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Restaurant Kleine Brunnenstraße: Kleine Brunnenstraße 1 (Ottensen)


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


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