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Auch ich ein Influenzer

Die internationale Gruppenschau Lo(l) im Kunsthaus Hamburg erforscht die Verbindung von Texten und Körpern im digitalen Zeitalter

Text: Karin Schulze

Können Künstler, was Cristiano, Ariana und Kylie können? Können sie Millionen beeinflussen, können sie Influencer sein? Der Schweizer Installationskünstler Thomas Hirschhorn jedenfalls möchte es: „Ich bin in den Sozialen Medien nicht selbst aktiv, aber ich folge mit Interesse deren wachsender Entwicklung und Bedeutung, ihrer kollektiven Relevanz und Ästhetik. Und ich möchte mein Verlangen ausdrücken, selbst ‚influence‘ zu haben – hoffentlich glaubwürdig selbstironisch, bescheiden und sogar etwas albern.“

Also malte er postergroße Instagram-Seiten, auf denen er durchaus ernsthaft mit Wort und Bild unter #equality für Gleichheit oder unter #engagement für vollen künstlerischen Einsatz plädiert – nicht ohne sich dafür ordentlich viele Likes zuzuteilen. In Alu gerahmt, hängen die Arbeiten wie groß gezogene Smartphone-Displays an der Wand. So trifft die imaginierte digitale Hunderttausender-Reichweite auf die überschaubare Zahl von Kunstbetrachtern.

Hirschhorns I-NFLUENCER-Serie

Hirschhorns I-NFLUENCER-Serie ist Teil der Kunsthaus-Gruppenschau Lo(l) – Embodied Language. Kuratorin Anna Nowak war aufgefallen, dass derzeit viele interessante Künstler:innen großformatige Texte in ihren Arbeiten verwenden. Anders aber als bei Lawrence Weiner, der ab den 70er-Jahren ausgefeilte, poetische Werkkonzepte in großen Lettern an Wände schrieb, greifen sie schnelle, alltägliche Texte auf. Häufig kommt als Reaktion auf die Digitalisierung auch der Körper ins Spiel: Verbindet uns Kommunikation, gibt sie Gefühlen und Empathie Raum? Oder sind wir nur immer umfassender und kälter vernetzt?

„Illiberal democracy“ & „authoritarianism“

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Thomas Hirschhorn: I-nfluencer-Poster (#Engagement), 2021

Der Ausstellungstitel nimmt diesen doppelten Bezug auf, indem er das emotionsbezogene „LOL“, die Abkürzung für „laughing out loud“, mit „LO“ kombiniert. Die beiden Buchstaben waren 1969 die ersten Zeichen, die über das Internet gesendet wurden. Die österreichische Künstlerin und Schriftstellerin Barbara Kapusta reflektiert die Durchlässigkeit von Körpern, die Vergiftung oder Vernichtung bedeuten kann, aber auch Empathie und Solidarität ermöglicht. In Hamburg wird ein Wandbild riesengroßer Hände mit zerfließenden Konturen zu sehen sein: die Hand als das Körperteil vielleicht, der immer mehr Schnittstelle zum Computer ist und immer weniger tastendes und fühlendes Organ?

Die Arbeit Synonyme der aus Moskau stammenden, in Hamburg arbeitenden Künstlerin Katja Pilipenko verbindet Begriffspaare durch Lentikulardruck. Wenn der Betrachter sich bewegt, scheint auf den Bildtafeln mal der euphemistische und mal der unverblümte Ausdruck auf: entweder schönfärberisch „illiberal democracy“ oder schlankweg „authoritarianism“.

Erschöpfung und Humor

Den Anteil mimischen Ausdrucks bei der Gebärdensprache untersuchen Christine Sun Kim & Thomas Mader. Die Pariser Künstlerin, Autorin und Choreografin Émilie Pitoiset greift Captchas auf: verunklarte Schriftzüge, die zur Unterscheidung von Menschen und Bots dienen. Diese verbindet sie mit Fotos von Marathontänzen, bei denen sich seit den 1920er-Jahren Tanzende tagelang bis zur Erschöpfung verausgabten.

Den humorvollen Gestus Hirschhorns nehmen Arno Becks Zeichnungen auf. Sie scheinen digital, sind aber analog erstellt. Auch die Wortschöpfungen in ihnen spielen mit analogen und digitalen Bezügen: „Facebook“ wird zu „Faithbook“ und die „Greek Mythology“ zur „Geek Mythology“. Besonders gespannt kann man auf die Arbeit der derzeit viel gefragten Nora Turato sein, die kürzlich sogar eine kleine Schau im MoMA hatte. Sie liefert mit ihren rasend kraftvollen Sprach-Performances schroffe, spannungsgeladene Essenzen aktueller Ausdrucks- und Sprechweisen.

Lo(l) – Embodied Language, vom 12. März bis 1. Mai 2022 im Kunsthaus Hamburg


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