Beiträge

Soulcial Kitchen

Social Eatery: Ein Restaurant-im-Restaurant-Konzept serviert gehobenen Mittagstisch zu fairen Preisen und gibt Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive

Text: Laura Lück

 

Die Käsespätzle sind leider aus. Die letzten beiden Portionen trägt Jean-Pascal durch den Mittelgang der Social Eatery. Zwei Geschäftsmänner grinsen zufrieden beim Anblick ihrer dampfenden Teller. Einer reibt sich voll Vorfreude die Hände. Das Rezept für den Mittagstisch-Liebling stammt aus der Feder von Dirk Parchow, der in der Social Eatery die Pfannen schwingt. Seine Spätzle (8 Euro) sind handgeschabt und werden mit Husumer Deichkäse und Röstzwiebeln serviert.

Der Neid ist groß, verfliegt aber, als Küchenchef Peco eine kleine Portion Steckrüben-Kartoffeleintopf zum Probieren auftischt. Der vegane Appetitmacher wärmt auf und überrascht mit Aromenvielfalt: Er ist orientalisch gewürzt und mit kräftigem Möhrengrün-Pesto verfeinert; Majoran bringt milde Schärfe ins Spiel. Pecos Vita zählt genauso Stationen in der bodenständigen als auch der gehobenen Gastronomie, sein Herz schlägt aber für gutbürgerliche Hausmannskost. Die kommt hier nun handwerklich gekonnt mit modernem Twist auf den Tisch.

 

Das Besondere liegt im Einfachen

 

Auch beim Interieur liegt das Besondere im Einfachen: Das schlauchförmige kleine Restaurant mit dem großen Bogenfenster zählt nur wenige Tische mit langen weißen Tischdecken, frischen Blumen und Kerzen. Fast ein bisschen oldschool, aber irgendwie angenehm entschleunigend. Kein Bowl-Food, keine Loungemusik, keine hippen Design-Lampen – nur gutes Essen und ein entspanntes Team.

Das mit dem Teamgeist hat Koch Dirk Parchow bei seinen bisherigen Jobs nicht immer so erfahren. Der harte Gastro-Alltag mit 14-Stunden-Schichten, psychischem Druck und ohne Wertschätzung wurde zur unzumutbaren Belastung für den gebürtigen Rügener. 2012 kam der Zusammenbruch. Diagnose: Burn-out. Einige Jahre hangelte er sich von Beschäftigungs- zu Integrationsmaßnahme, denn „arbeitslos zu sein heißt ja nicht, dass man sich nicht sinnvoll beschäftigen kann“, so Parchow. „Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder Freude am Kochberuf finden würde.“

 

Jobs für Langzeitarbeitslose

 

Dass er die Leidenschaft für sein Handwerk wieder neu entdecken darf, verdankt er dem Anfang 2019 verabschiedeten Teilhabechancengesetz. Seitdem ist es erstmals möglich, reguläre, nach Tarif bezahlte Jobs mit staatlichem Geld zu fördern, um so Langzeitarbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. An Menschen, die mindestens sechs Jahre arbeitslos waren, vermittelt das Jobcenter passende Arbeitsplätze und zahlt bis zu fünf Jahre lang einen Lohnkostenzuschuss. Der beläuft sich in den ersten beiden Jahren auf 100, im dritten auf 90, im vierten auf 80 und auf 70 Prozent im fünften Jahr. Die Bundesregierung hat für diese Maßnahme vier Milliarden Euro bereitgestellt und will so in den nächsten vier Jahren 150.000 Langzeitarbeitslosen sozialversicherte Beschäftigungsverhältnisse vermitteln.

Team Social Eatery: Jean-Pascal, Dirk und Peco

Andrea Franke, Geschäftsführerin der SBB Kompetenz GmbH, bietet unter anderem Umschulungen, Fortbildungen und Coachings für Arbeitslose an und sah das Potenzial eines gastronomischen Betriebs nach dem neuen Teilhabe-Modell: Quereinsteiger haben die Möglichkeit, sich schnell einzuarbeiten, außerdem herrscht Personalmangel in der Branche.

Dass Arno Müller, Inhaber des Café Central in St. Georg einen Untermieter suchte, der den Restaurantbetrieb am Mittag übernehmen könnte, ergab sich genau zum richtigen Zeitpunkt. Nun teilt man sich die Räumlichkeiten in der Langen Reihe, die jeden Morgen und am Nachmittag mit Ende des Mittagstischs ab 14.30 Uhr wieder umdekoriert werden. Das Konzept ging im vergangenen Oktober an den Start und kommt gut an, mittlerweile bildet sich erste Stammkundschaft. Andrea Franke schließt nicht aus, weitere Restaurants nach dem Social Eatery-Prinzip zu eröffnen. Außerdem ist in Altona ein Lebensmittelrettungs-Supermarkt geplant, der Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums anbieten und acht Langzeitarbeitslosen Jobs und neue Perspektiven geben soll.

 

Ein wohliges Gefühl im Magen

 

Dirk Parchow kann sich gut vorstellen, die nächsten Jahre Teil der Social Eatery zu bleiben. „Ich hab mich an einem Arbeitsplatz noch nie so wohl gefühlt. Mit den Kollegen verstehe ich mich ohne Worte.“ Das Miteinander beschreibt er als verständnis- und respektvoll. Die gute Stimmung schwappt auch in den Gastraum über.

Jean-Pascal serviert die Trost-Pasta. Die ist perfekt al dente gekocht und mit frischem Petersilien-Zitronen-Pesto, Feta und Tomaten angemacht. Vielleicht doch ein Glücksfall, dass die letzten Spätzle schon über den Küchenpass gegangen sind. Was macht schon zufriedener, als ein großer Teller Pasta? Dass man mit den investierten acht Euro auch noch ein tolles soziales Projekt unterstützt, hinterlässt zusätzlich ein wohliges Gefühl im Magen.

Social Eatery: Lange Reihe 50, (St. Georg) im Café Central


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

St. Georg – Faszinierendes Chaos

Die Sinne für die eigene Stadt schärfen. Und Hamburgs Viertel (wieder-)entdecken. Was es mit frischem Blick zu entdecken gibt, erzählt unsere Autorin, die gerne mal verloren geht.

Es ist in St. Georg bestimmt sechs Grad wärmer als im Rest der Stadt. Ich laufe über den Hansaplatz, die renovierten Fassaden der Altbauten reflektieren das Sonnenlicht. Ein Streifenwagen fährt vorbei. Zwei junge Männer drehen ihre Musikbox laut und es tönt: „Nicht Hurensohn, Polizistensohn mein Schatz!“ Hier, zwischen Jan Böhmermann und Drogendealern, zwischen Steintordamm und der Langen Reihe, beschließe ich, dass ich St. Georg mag.

Ich verlaufe mich gern. Auf Städtereisen plane ich mindestens einen Tag für gezieltes Verlaufen ein. Ziehe ich an einen neuen Ort, setze ich mich selbst an verschiedenen Enden der Stadt aus, um sie ziellos zu erkunden. Und bin überrascht, was ich entdecke: ein Café, eine Mauer mit Blick über die Dächer, einen Innenhof in der Speicherstadt. Immer wieder kehre ich zurück an diese Plätze.

Das faszinierende, chaotische Treiben

Unser Alltag wird von den gleichen Abläufen bestimmt, den gleichen Wegen, die uns an die gleichen Ecken der Stadt führen. Das Viertel in dem wir leben; das, in dem wir arbeiten. Dazwischen: Niemandsland. Obwohl ich seit einem Jahr in Hamburg wohne, sind viele Teile der Stadt für mich noch schwarze Flecken. Einer davon ist St. Georg: Weiter als bis zum Fernbusbahnhof gegenüber des Steindamms bin ich noch nie vorgedrungen. Deshalb will ich dort verloren gehen.


Wo fängt man an sich zu verlaufen? Ich beginne am Hauptbahnhof und treibe mit den Menschenmassen in Richtung Steindamm. Hier ist es bunt und laut. Gemüseverkäufer brüllen mir ihre Preise ins Ohr, die Hitze verstärkt den Geruch arabischer Gewürze, der aus den Falafelläden drängt. Am Straßenrand bieten die Zeugen Jehovas neben der deutschen auch eine türkische und arabische Ausgabe des „Wachturms“ an. Ein Mann fragt mich nach Kleingeld. Er zittert stark.

Das Viertel ist bestimmt nicht schön, aber in seiner chaotischen Triebsamkeit faszinierend. Multikulturell, schmutzig, kriminell: Dafür stand und steht St. Georg immer noch. Hagere Prostituierte rauchen in den Seitenstraßen; wollte ich Drogen kaufen, hier könnte ich es.

Anders ist es auf dem Hansaplatz: Ich setze ich mich an den Brunnen in der Mitte des Platzes und beobachte das Treiben. Vor teuer renovierten Altbaufassaden patrouillieren Polizisten, Touristen sitzen in Cafés ohne Charme. Kleine Gruppen nachlässig gekleideter Menschen trinken hochprozentigen Alkohol auf den Stufen des Hansabrunnens. Hier prallt das arme gegen das teure St. Georg. Der Platz ist ein Lehrstück für Gentrifizierung: Noch gehört er zur Welt des Steindamms, doch die Stadt hat bereits begonnen ihn herauszuputzen.

Schwule Szene, Junggesellenabschiede und Instagram-Girls

Dahinter beginnt die Lange Reihe und mit ihr das wohlhabende St. Georg: Seit sich in den1990er Jahren vor allem die homosexuelle Szene in dem Stadtteil einmietete, wurde das Viertel immer teurer. Am unteren Ende der Langen Reihe stehen Menschen vor einer Eisdiele Schlange. Hier kostet die Kugel 1,60 Euro. Ich ziehe das Café Gnosa vor: Dort setze ich mich, um einen Kaffee zu trinken. Im Eingang hängt ein Zettel: „PositHIV welcome“. Ich betrachte die Passanten. Eine junge Frau in „Moschino“-Hose läuft immer wieder vorbei und nimmt Instagram-Storys auf. Ein Junggesellenabschied wirbelt in die angrenzende Kneipe – die Männer tragen pinke Poloshirts und Regenbogen-Socken. Mehrere meiner Sitznachbarn bestellen Erdbeertorte, die fantastisch aussieht, für die es mir am heutigen Tag aber reichlich warm erscheint.

In den Seitenstraßen der Langen Reihe finden sich alte Klinkervillen mit grünen Innenhöfen. Ich verliere mich beim Anblick einer roten Flügeltür in der Vorstellung, selbst einmal in einem dieser Häuser zu wohnen. Plötzlich ist da schon die Alster. Hier ist St. Georg vorbei. So richtig verlaufen habe ich mich auf meinem Spaziergang nicht, dafür ist der Stadtteil zu klein.

Aber darum geht es auch nicht. Sondern darum, sich hin und wieder Zeit zu nehmen für die Stadt in der man lebt; sie zu besuchen wie eine Fremde. Vielleicht entdeckt man dabei etwas, was man später nicht mehr missen will.

Ins Gnosa gehe ich bestimmt mal wieder – allein um die Erdbeertorte zu probieren.

Text & Fotos: Muriel Kalisch


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Noch mehr Lust, die Stadt zu erkunden?


Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.