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Lichthof Theater: Probebühne Internet

Der Vorhang bleibt zu, die Webcam geht an: Wie viele andere Häuser stellt auch das Lichthof Theater gerade auf digitale Formate um. Im Interview spricht künstlerischer Leiter Matthias Schulze-Kraft über erste Schritte im Netz, die Chance, nicht perfekt sein zu müssen und die neue Reihe „Lichthof Lab“

Interview: Sophia Herzog

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Probiert gerne digitale Tools aus: Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, wie alle anderen Veranstaltungsorte des Landes hat auch das Lichthof Theater geschlossen. Wie sieht Ihr Arbeitstag unter diesen neuen Umständen aus?

Matthias Schulze-Kraft: Ich arbeite, wie viele gerade, mehr oder weniger von zu Hause. Interessanterweise habe ich mehr zu tun denn je. Das hätte ich nicht gedacht. Zum einen müssen wir uns um die Finanzierung und Organisation des Theaters kümmern. Wir haben zum Beispiel die Renovierungen vorgezogen, die sonst während der Sommerpause gemacht würden. Zum anderen müssen wir die ganzen Verschiebungen und Absagen koordinieren, also schauen, welche Premieren zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden können oder für welche wir vielleicht ein Online-Format entwickeln können.

Die Online-Angebote des Lichthof Theaters sammeln Sie in der neuen Reihe „Lichthof Lab“. Worum geht es dabei?

Wir haben einen Aufruf an die Künstlerinnen und Künstler gestartet, die eng mit dem Lichthof Theater verbunden sind, und gefragt, ob sie Ideen haben, die sie als Online-Formate entwickeln möchten. Da kamen viele Ideen zurück.

Ende April haben wir zum Beispiel die interaktive Serie „Boy H. Werner gibt Instruktionen am Montag“ eingeführt. Boy H. Werner ist Literaturkritiker und eine Kunstfigur der Hamburger Theatermacherin Charlotte Pfeifer. Er stellt jeden Montag Aufgaben an Künstler und Künstlerinnen, aber auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Die Ergebnisse bewertet und diskutiert er dann immer in der nächsten Woche.

Außerdem stellen einige der Künstler, die in dieser Zeit Premiere gehabt hätten, im Livestream ihre Arbeit vor. So bleiben wir sichtbar und können den Künstlerinnen und Künstlern immerhin eine virtuelle Bühne bieten.

 

„Beim Theater über Video geht viel verloren“

 

Viele Theater stellen gerade außerdem Livestreams online. Lässt sich denn Theater so einfach eins zu eins ins Netz übertragen?

Nein. Man kann natürlich Mitschnitte von Theaterstücken streamen, dafür braucht es aber eine qualitativ hochwertige Aufnahme. Wir streamen gerade nur zwei Produktionen, die bei uns Premiere gefeiert haben, das Musiktheater „Strandrecht“ und „Cum-Ex Papers“. Beide Stücke wurden aufwendig aufgenommen, mit mehreren Kameras und Schnitten, wurden also filmisch aufbereitet. Trotzdem finde ich Theater über Video nur mäßig spannend, dabei geht einfach viel verloren. Bei Streaming-Angeboten sieht man vor allem, was uns entgeht. Wenn wir wirklich Produkte wollen, die einen Mehrwert haben, dann muss man neue Formate für das Web erfinden.

Eine große Frage ist dabei aber auch: Wie sieht das aus mit der Entlohnung?

Ja, das stimmt. Die Künstler haben in ihre Arbeiten natürlich viel Arbeit gesteckt, aber eben nicht dafür, dass die Werke dann noch wochenlang kostenlos gestreamt werden. Man sieht ja, wie schwer sich schon Verlage tun, sich hinter Bezahlschranken zu stellen, schon rein technisch. Dafür finden wir so ad hoc auch keine Lösung.

Die Hamburger können das Lichthof Theater im Moment mit einem freiwilligen Ticketkauf für die Streams unterstützen. Wie lange kann so ein Modell funktionieren?

Das kann ich konkret gar nicht beantworten. Online-Angebote ersetzen natürlich nicht das, was wir sonst machen, langfristig kann es nur ergänzen. Ich glaube aber, dass so eine Schiene auch in Zukunft bestehen bleiben wird, wenn die Theater wieder öffnen. Mit diesem Ziel haben wir auch das „Lichthof Lab“ gestartet, und wir wollen in diesem Gebiet weiterhin Erfahrungen sammeln.

Gerade ist das teilweise alles noch ein bisschen unperfekt. Den ersten „Friday Online Talk“, ein festes Format des Lichthof Labs, haben wir zum Beispiel über Zoom abgewickelt. Dabei haben ungebetene Gäste den Talk torpediert und wir mussten die Übertragung abbrechen. Jetzt streamen wir über Youtube.

Trial and Error also …

Genau, und das ist auch total spannend. Es macht Spaß, sich das Technische anzueignen, aber auch zu schauen, wie wir Inhalte online präsentieren können.

 

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Das leere Foyer im Lichthof Theater (Foto: Sabrina Twele)

 

Sie haben gerade das Wort „unperfekt“ genannt. Sind die Zuschauer bei kleinen Fehlern gerade nachsichtiger?

Komplett. Wir hätten das Format unter anderen Umständen so nicht einführen können. Das Lichthof Lab hatten wir eigentlich als großes Projekt geplant, waren aber in Planungs- und Finanzierungsfragen noch gar nicht so weit. Online-Formate wie dieses hätten wir immer erst in einem perfekten Zustand veröffentlicht.

Jetzt ist es aber gerade jeder gewohnt, unperfekte Dinge zu sehen. Alleine in den Zoom-Konferenzen, in denen sich das Private und das Berufliche so extrem überlagern. Wir können das jetzt nutzen, um gemeinsam zu lernen. Nicht nur wir als Theatermacher, sondern auch mit den Zuschauern, für die das ja ebenso neu ist.

Das passt zur „Krise als Chance“, die gerade häufig genannt wird. Welche Chancen sehen Sie denn für Privat- und Off-Theater?

Erst einmal eignen wir uns natürlich gerade bestimmte Tools an, die wir langfristig für begleitende Angebote zum regulären Theaterprogramm einsetzen können. Wir werden Online-Formate selbstverständlicher mit ins Portfolio aufnehmen können, das sehe ich schon als große Chance.

Und dann ist es so, dass man Künstler und Künstlerinnen, gerade freischaffende, sowieso nicht stoppen kann. Die sind es gewohnt, selbstbeauftragt zu arbeiten. Die warten nicht, bis jemand kommt und Ansagen macht, sondern fangen jetzt an zu experimentieren. Da werden ganz neue Dinge entstehen. Ich denke, das wird das Theater nachhaltig verändern.

 

„Es kann sein, dass Theater das nicht überleben“

 

Verstärkt die Krise außerdem das Bewusstsein für die meist prekären Arbeitsverhältnisse von Künstlern?

Die Krise trifft natürlich gerade Menschen, die überhaupt keinen Cent auf der hohen Kante haben. Dass jetzt ein Blick auf uns gerichtet wurde, auf die Verletzlichkeit von Künstlern, das denke ich schon. Ob wir als Gesellschaft aber von der Krise lernen und die Effekte anhalten, da bin ich eher skeptisch.

Wird die Theaterbranche in Hamburg nachhaltig strukturelle Schäden erhalten?

Das hängt davon ab, wie lange diese Situation noch anhält. So unterschiedlich die Hamburger Theaterlandschaft ist, so unterschiedlich werden auch die Auswirkungen sein. Das hängt davon ab, wie abhängig Theater von den Abendeinnahmen oder wie hoch die institutionelle Förderung ist.

Die Kulturbehörde ist super kulant und war sehr schnell mit den Hilfsmaßnahmen, zumindest was uns betrifft. Aber es kann auch sein, dass Theater das nicht überleben. Und dann entstehen natürlich empfindliche Lücken in der Hamburger Theaterlandschaft.

lichthof-theater.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Killing in the name of“: Theater für den höheren Zweck

2019 gewann Alicia Geugelin den Start Off-Wettbewerb für junge Regisseure – ihr Stück „Killing in the name of“ feiert jetzt seine Premiere. Und stellt die Frage: Wie weit kann man gehen für seine Überzeugung?

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Alicia Geugelin, Sie sind die zwölfte Gewinnerin des Start Off-Wettbewerbs. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Alicia Geugelin: Eine Wertschätzung unseres Konzepts, weiter inszenieren zu dürfen. Und meine Form weiterentwickeln zu können: auf der Suche, wie eine Art der Verbindung zwischen Schauspiel und Musik aussehen kann.

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Ein Theaterstück über Überzeugungen: „Killing in the name of“ (Foto: MorelSo ET ROT)

Ihr Stück heißt „Killing in the name of “. Jenseits der zahlreichen Nachrichten von Attentaten weltweit, gab es ein spezielles Ereignis, das Sie letztlich motivierte, sich dieses Themas als Inszenierung anzunehmen?

Mein Großvater war Klavierlehrer von Christian Klar, einem ehemaligen, führenden Mitglied der RAF. Klars wachsende Begeisterung für radikale Ansichten waren mit meinem pazifistisch denkenden Großvater unvereinbar, er warf Klar aus seinem Unterricht. Das beschäftigt meinen Großvater bis heute.

Mein Team und ich haben angefangen, uns mit der Geschichte Klars, seinen Ansichten, seiner Kritik an bestimmten Zuständen zu beschäftigen. In Kombination mit den zahlreicher werdenden Attentaten aus der rechten Szene haben wir gemerkt, dass wir uns intuitiv den Argumenten linker Gruppierungen näher fühlen. Wir fragten uns, ob das gerechtfertigt ist, wenn es um Menschenleben geht.

Nutzen Sie bei der Gegenüberstellung von Freiheitskämpfern und Terroristen bekannte konkrete Beispiele?

Ja. Und hier ist spannend, zunächst ideologiefrei heranzugehen und dann die jeweiligen Gründe, ob rechts oder links, religiös oder politisch, versuchsweise nachzuzeichnen. Interessant ist ja genau die Wertung als Freiheitskämpfer oder als Terrorist: Wann und warum nennen wir den einen so, den anderen so?

Zu welchen Teilen verwenden Sie Dokumentation einerseits und Fiktion andererseits?

Momentan würde ich sagen: zwei Drittel Fiktion, ein Drittel Dokumentation. Aber vielleicht wird es auch Hälfte- Hälfte …

Beziehen Sie in der Inszenierung Stellung zum Grundproblem: Darf man töten für einen „guten“ Zweck, oder muss man sogar mitunter drastisch eingreifen, wenn es von existenzieller Bedeutung ist?

Um diese Frage kreisen die Ethiker seit Jahrtausenden – es ist schwierig, zu einer eindeutigen Antwort zu kommen. Aber indirekt wird es natürlich permanent um dieses Thema gehen: Aus welcher Motivation wird gehandelt und wie weit gehen wir mit? Warum beurteilt die Gesellschaft das eine als legitim und das andere nicht?

Auch der Wert eines Menschenlebens wird ja scheinbar unterschiedlich beurteilt, wenn man über Ertrinkende im Mittelmeer, einstürzende Fabrikhäuser, Exekution von Terroristen nachdenkt – staatlich befohlenes Töten wird bagatellisiert oder die „erfolgreiche Operation“ gefeiert.

 

„Mich fordert am meisten heraus, wenn etwas unerreichbar erscheint.“

Alicia Geugelin

 

Wie gehen Sie konkret an die Umsetzung heran?

Aus literarischen Texten, Interviews und Sachtexten haben wir eine Fassung erstellt, mit der wir in die Proben starteten und die wir dann in der konkreten Arbeit, durch Improvisationen etc., ergänzen. Zusätzlich werden die Schauspieler Instrumente spielen und singen, es wird also einige musikalische Szenen geben.

Woher stammen die Texte, woher die musikalischen Anteile?

Es gibt Texte aus der Literatur sowie Sekundärtexte aus der Rechtswissenschaft, der Ethik, aber auch dokumentarische Interviews. Wir arbeiten mit (rechtefreien) Werken beziehungsweise Figuren daraus, wie beispielsweise Michael Kohlhaas oder Judith.

Bei der Musik will ich mich noch nicht festlegen, da hängt das Ergebnis von der konkreten Probenarbeit ab.

Sie haben in verschiedenen Bereichen gearbeitet: Musiktheater, Schauspiel, als Dirigentin, als Tänzerin, als Lehrende – wie lassen Sie sich am liebsten herausfordern?

Mir macht die Abwechslung Spaß. Inzwischen fühlt es sich so an, als habe ich mich in den vergangenen Jahren immer weiter vom rein musikalischen Weg verabschiedet. Aber auch hin und wieder als Dirigentin zu arbeiten, ist spannend, denn ich merke, wie sich Regie und musikalische Arbeit gegenseitig befruchten. Mich fordert am meisten heraus, wenn etwas unerreichbar erscheint.

Welche Erwartung haben Sie ans Publikum?

Ich habe ein Bild vor mir von einem Unterwasser- aquarium, in dem man das Gefühl hat, im Haifischbecken zu schwimmen und doch im Trockenen steht. So ungefähr möchte ich das Publikum in unsere Auseinandersetzung mitnehmen und zu einem Teil unserer Suche machen.

Lichthof Theater: Mendelssohnstraße 15 B (Bahrenfeld), „Killing in the name of“: 28.2. (Premiere), bis 8.3.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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