Beiträge

Hamburg Umland: Echt schön

Wer heute in die Pfingstferien startet, entdeckt sie jetzt schon: Die schönsten Ziele im Hamburger Umland. Für alle anderen gibt es das 9-Euro-Ticket. Mit diesem kann man von 1. Juni bis 31. August 2022 in ganz Deutschland Regionalbahn und Nahverkehr nutzen, so viel man will. Also auf geht’s ins Hamburger Umland. Wir zeigen die zehn schönsten Ziele, die in zwei Stunden vom Hamburger Hauptbahnhof erreichbar sind

Text: Felix Willeke

Lüneburger Heide: Landschaft mit Schaf

Heidschnucke-vor-Herde-c-www.lueneburger-heide.de-klein
Die Heidschnucken sind typisch für die Lüneburger Heide (Foto: www.lueneburger-heide.de)

Die Lüneburger Heide kennen vermutlich die meisten, doch ihre Größe überblicken nur die wenigsten. Über 200 Quadratkilometer ist die Naturlandschaft groß und erstreckt sich dabei vom Hamburger Süden bis nach Celle. Wer sie komplett und möglichst naturnah erleben möchte, für den eignet sich der Heidschnuckenweg. Der Wanderweg erstreckt sich über 13 Etappen und 223 Kilometer von Hamburg bis nach Celle. Für diejenigen, die nur einzelnen Abschnitte laufen wollen empfehlen sich die ersten beiden Etappen über insgesamt 41 Kilometer. Mit Start in der Fischbeker Heide (S-Bahn bis Neugraben) geht es über Buchholz in der Nordheide bis nach Handeloh – hier empfiehlt sich eine Rast im „Der Schafstall“ im Büsenbachtal, nur eine Bahnstation vor Handeloh. 

Hin mit der S-Bahn und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Neugraben rund 30 Minuten und zurück von Handeloh rund eine Stunde

Lüneburg: Auf Salz gebaut

LG_Stint_C-Lüneburg Marketing GmbH-klein
Hier riecht es förmlich noch nach Hanse, am Stint in Lüneburg (Foto: Lüneburg Marketing GmbH)

Es war einmal ein Jäger, der erschoss eine Wildsau, in ihrem Fell entdeckte er Salzkristalle und so begann die Geschichte. Welche Geschichte? Die Geschichte der Stadt Lüneburg als Salzstadt in Norddeutschland. Das „weiße Gold“ verschaffte der Stadt Reichtum und durch die Mitgliedschaft in der Hanse profitierte sie umso mehr. Diesem Umstand verdankt Lüneburg auch seine Altstadt. Die Häuser rund um „Am Sande“ und das Rathaus zeugen von der ruhmreichen Zeit in der Hanse. Besonders vom naheliegenden Kalkberg lässt sich die Altstadt gut überblicken. Auch sonst gibt es in Lüneburg – angetrieben von einer lebhaften Studierendenszene – einiges zu sehen. Sei es per Kanu oder Kayak von der Ilmenau aus, zu Fuß auf den Spuren der Geschichte und bekannter Fernsehserien oder mit dem Rad auf dem Weg zum Schiffshebewerk Lüneburg-Scharnebeck.

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Lüneburg rund 40 Minuten

Lübeck: Die echte Hanse

Lübeck_Malerwinkel © LTM-Olaf Malzahn (1)-klein
Der Malerwinkel: Einer der schönsten Orte in Lübeck (Foto: LTM/Olaf Malzahn)

Was hat die kleine Stadt an der Trave dem großen Nachbarn Hamburg voraus? Eine richtige Altstadt. Wurde Hamburg im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört und nur zum Teil wieder aufgebaut – ja, der Große Brand spielt hier auch eine Rolle –, sieht es in Lübeck noch aus wie im 13. und 14. Jahrhundert, zur Blütezeit der Hanse. Lübeck war damals als Hauptort der Hanse die wichtigste Handelsstadt in Nordeuropa. Die übrig gebliebenen Gebäude kann man auf der kleinen Insel in der Trave bis heute bewundern. Dazu gibt es bestes Marzipan und eine Brise Meeresluft von der Ostsee. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Lübeck rund 45 Minuten

Das Alte Land: Der Apfel ruft

AltesLand5-c-AndreasGarbrecht-klein
Im Alten Land stehen noch viele traditionelle Höfe, die modernen Obstanbau betreiben (Foto: Andreas Garbrecht)

Im Frühjahr blüht es von Buxtehude bis Stade und im Herbst wird geerntet. Dazwischen lässt sich der Sommer im Alten Land genießen. Die weiten Apfelbaumreihen reichen hier bis zum Horizont. Dazwischen immer wieder kleine Höfe, die zum Einkehren und Übernachten einladen. Dazu gibt es das Ganze direkt vor der Haustür Hamburgs. Zwischen Buxtehude und Stade ist es fast egal, wo man aussteigt, oft sind es nur wenige Meter bis zu den ersten Apfelbäumen. Und wer ein bisschen mehr Zeit mitbringt, schwingt sich aufs Rad. Es gibt kaum eine bessere Variante, als das Alte Land auf zwei Rädern zu erfahren. So sind es vom S-Bahnhof Neukloster nur knappe 30 Minuten bis nach Jork, der heimlichen kleinen Hauptstadt des Alten Landes.

Hin und weg mit der S-Bahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Neukloster rund 45 Minuten

Bremen: gemütlich

BTZ_6054_Schnoor-c-BTZ Bremer Touristik-Zentrale_IngridKrause-klein
In Bremen gibt es viele schön kühle Gassen zu entdecken (Foto: Ingrid Krause/BTZ Bremer Touristik-Zentrale)

Warum Bremen? Ganz einfach: Weil es sich lohnt! Bremen ist zwar das kleinste Bundesland und wird häufig übersehen, allerdings völlig zu Unrecht. Von Hamburg aus eignet sich die Stadt an der Weser perfekt für einen Tagesausflug. Vom Bahnhof geht es durch die Parkanlagen am Wall schnurstracks an die Weserpromenade. Wer diesen Weg zwischen dem 13. und 17. Juli 2022 wählt, landet direkt im Trubel, denn dann ist Breminale, das fünftägige Open-Air-Kulturfestival am Osterdeich. Eben diesen Osterdeich geht es jetzt gen Süden. Nur ein paar hundert Meter flussaufwärts an der Weser entlang und man erreicht „Das Viertel“, Bremens wohl schönstes und ursprünglichstes Quartier. Hier lässt es sich bestens beim Kaffee entspannen oder durch die kühlen Gassen schlendern und wer dann noch einen Absacker braucht, lässt sich im „Wohnzimmer“ direkt um die Ecke in eines der gemütlichen Sofas fallen. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Bremen rund 70 Minuten

Kiel: Die Unterschätzte

Leuchtturm Friedrichsort Flackensteiner Strand (c)Kiel-Marketing
Die Füße im Sand am Falckensteiner Strand in Kiel (Foto: Marketing/Jens Koenig)

Kiel, das ist Waschbeton und einmal im Jahr die Kieler Woche. Damit wären die Klischees abgehakt, kommen wir zur Wahrheit: Kiel ist eine Großstadt direkt am Meer und wirklich schön. Selbstverständlich ist die Kieler Woche (18. bis 26. Juni 2022) ein großes Highlight im Jahr, doch auch sonst gibt es viel zu erleben und zu sehen. Sei es ein Konzert in der Freilichtbühne Krusenkoppel oder die Fahrt mit der Hafenfähre an die Strände von Laboe und Friedrichsort – die Fährfahrt ist im 9-Euro-Ticket enthalten. Besonders empfehlenswert ist ein Spaziergang an der östlichen Fördeseite. Mit der Fähre geht es nach Mönkeberg, die Sonne im Gesicht und das Wasser im Blick führt der Weg bis nach Laboe. Auf den knapp zehn Kilometern lässt es sich auch bestens einkehren, wie im Strandrestaurant „Kiek ut“ und zum Schluss gibt es bei der Mobilen Fischräucherei in Laboe die wohl besten Fischbrötchen der Region. Aber Vorsicht, den Möwen schmecken sie auch! 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Kiel rund 75 Minuten

Brodtner Ufer: Meer sehen

BrodtnerUfer_oben-c-FelixWilleke-klein
Vom Brodtner Ufer schaut man in die Weite der Lübecker Bucht (Foto: Felix Willeke) 

Lübeck-Travemünde und Timmendorfer Strand kennen vermutlich viele. Zwei Orte an der Ostsee, die in der Sommerzeit von Touristen überlaufen sind. Dazwischen liegt jedoch eine echte Ruheoase: das Brodtner Ufer. Natürlich sind hier, besonders am Wochenende, auch viele Menschen unterwegs. Wer aber die Steilküste erst mal erklommen hat, wird vom Blick entschädigt. Vor einem liegt die weiter der Lübecker Bucht. Bei gutem Wetter kann man problemlos Grömitz und den Hansa-Park im Westen und das Schlossgut Gross Schwansee im Osten sehen. Mit ein bisschen Glück lässt sich sogar die Fehmarnsundbrücke erahnen. Wer vom Bahnhof Timmendorf Strand startet, läuft bis zur Haltestelle in Travemünde Strand rund zwölf Kilometer. Auf der gesamten Strecke laden Cafés und Buden zur Pause ein. 

Hin und weg mit der Regionalbahn über Lübeck, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof rund 80 Minuten

Schwerin: Geschichte und Gegenwart

SchlossSchlossgartenSchwerin-c-Volker Koehn_erlebnis-mv.de-klein
Der Schweriner Schlossgarten ist eine wahre Oase (Foto: Volker Koehn/erlebnis-mv.de)

Die zweitgrößte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern ist zugleich die Landeshauptstadt. In Schwerin sitzt der Landtag nämlich nicht irgendwo, sondern im „Neuschwanstein des Nordens“, dem Schweriner Schloss. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert – in der heutigen Form existiert es seit 1857 und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es umfassend restauriert – ist das wohl bekannteste in Schwerin. Im Sommer finden hier direkt am See die Schlossfestspiele statt und nicht weit entfernt gibt es auf der Freilichtbühne im Schlossgarten Jahr für Jahr große Konzerte. Auch darüber hinaus zeigt Schwerin sich im Sommer von der besten Seite. Von Wasser umgeben lässt es sich herrlich durch Gassen schlendern und das Residenzensemble Schwerin bewundern, dass sich um den Status als UNESCO-Welterbe bewirbt. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Schwerin rund 90 Minuten

Plöner See: Ein bisschen Kanada

PloenerSee-c-unsplash_lisa-fecker (1)-klein
Fast wie in Kanada: der Plöner See (Foto: unsplash/Lisa Fecker)

Wasser kann der Norden und mit dem Schweriner See, Ratzeburger See oder Lütjensee gibt es auch im Inland viel kühles Nass. Aber wohl nirgendwo ist es so schön wie am Plöner See. Der sechstgrößte See Deutschlands liegt in der Mitte der Holsteinischen Schweiz und umgeben von Hügelland und Wald wird diese Region auch von einigen Klein-Kanada genannt. Das mag vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen sein, doch hat der Plöner See für jeden etwas zu bieten: Vom Paddeln, über Angeln, Segeln, Schwimmen und Tauchen ist hier fast alles möglich. Außerdem ist Plön einer der Spielstätten des Schleswig-Holstein Musik Festival. Wen es hingegen mehr in die Natur zieht, für den sind die Campingplätze rund um den See ein ideales Ziel. Oft kann man hier auch Boote mieten und damit auf Erkundungstour gehen. Wer sich dann in der Mitte des Sees in Richtung eines Waldstücks dreht und die Augen schließt hört nur das Wasser, den Wind und fühlt sich vielleicht sogar ein bisschen wie in Kanada. 

Hin und weg mit der Regionalbahn über Lübeck, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Plön rund 100 Minuten

Cuxhaven und Neuwerk: Watt? Nordsee!

Das Wattenmeer zwischen Cuxhaven und Neuwerk-c-MediaserverHamburg_Ingo Boelter-klein
Ein einzigartiges Erlebnis: eine Wattwanderung zwischen Cuxhaven und Neuwerk (Foto: Mediaserver Hamburg/Ingo Boelter)

Auch wenn das kleine Cuxhaven ein eher industriell geprägter Ort ist, kann man hier bestens verweilen. Vom Bahnhof gelangt man direkt zum Hafen, von wo aus die Fähren unter anderem nach Helgoland ablegen. Nur ein paar Kilometer weiter steht die Kugelbarke. Sie markiert die Mündung der Elbe in die Nordsee und ist zugleich der Beginn des kilometerlangen Sandstrandes der Stadt. Über fast fünf Kilometer gibt es hier Sand, Strandkörbe und vor allem Watt. Cuxhaven ist einer der Orte, an dem die Gezeiten am besten zu beobachten sind. Wenn das Meer sich einmal am Tag zurückzieht, legt es eine riesige Fläche Watt frei. Für die Sportlichen ist dies die Gelegenheit eine richtig lange Wattwanderung zu machen. In drei bis dreieinhalb Stunden erreicht man von hier aus die Nordseeinsel Neuwerk, die zu Hamburg gehört – zurück geht es dann nur noch mit der Fähre. Bei dieser Wanderung empfiehlt es sich allerdings, sie geführt zu machen und auf die Erfahrung eines Guides zu vertrauen, denn das Meer kommt manchmal schnell als man denkt

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Cuxhaven rund 1:45 Stunden

Sylt: Für die mit mehr Zeit (und Geld)

sylt-c-unsplash_michael-kleinjohann (1)-klein
Ein Morgen im Sommer in Sylt: Die Ruhe genießen (Foto: unsplash/Michael Kleinjohann)

Welch Panik: Mit dem 9-Euro-Ticket kommen die Billigurlauber nach Sylt und machen die schöne Insel kaputt! So hieß es eine Zeit lang, doch was soll man auf Sylt kaputt machen? Einer Insel, auf der es wegen der hohen Preise kaum noch einheimisches Leben gibt, die mit Sandaufspülungen am Leben gehalten werden muss und bei der man für die Anreise mit der Bahn traditionell fast immer Verspätungen einrechnen muss… Aber trotzdem ist Sylt wunderschön. Sei es das Rote Kliff in der Abendsonne, die Surfer die vor Westerland über die Wellen flitzen oder der Ausblick von der Uwe-Düne an einem Sonnentag, Sylt hat auch außerhalb der teuren Orte wie Kampen oder Keitum echt viel zu bieten. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Altona nach Sylt rund 3,5 Stunden

Das 9-Euro-Ticket

Das 9-Euro-Ticket ist ab dem 23. Mai 2022 in ganz Deutschland erhältlich. Für neun Euro pro Monat kann man damit vom 1. Juni bis 31. August 2022 den gesamten Nahverkehr sowie die Regionalbahnen nutzen. Ausgenommen sind Fernzüge und einige Privatbahnen. Erhältlich ist das 9-Euro-Ticket an allen Automaten und in der HVV-App. Menschen, die eine Monatskarte oder ein Semesterticket haben, brauchen sich jedoch nicht um das Ticket bemühen. So gelten beispielsweise Semestertickets automatisch als 9-Euro-Ticket und kosten in diesem Zeitraum auch nur 9 Euro pro Monat – der Differenzbetrag soll später erstattet werden. Damit steht einem Sommer im Hamburger Umland nichts mehr im Wege (außer Verspätungen natürlich).


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Ich will dahin, wo ich früher im Sand gelegen habe“

Horst Hahn ist gelernter Seemann, Kaufmann und Bestatter. 1972 hat er die heute älteste Seebestattungsreederei Deutschlands gegründet. Ein Gespräch über die immer beliebter werdende Art der Bestattung, Hahns Weg auf See und den Wunsch für seine eigene Beerdigung

Interview: Felix Willeke

 

SZENE HAMBURG: Herr Hahn, wann waren Sie das letzte Mal auf See?

Horst Hahn: Vor ein paar Tagen habe ich eine Urne in die Lübecker Bucht rausgebracht.

Wie sind Sie Seebestatter geworden?

Ich bin schon fast 90 Jahre alt und im Krieg groß geworden. Mein Großvater und mein Onkel waren Seemänner, der Beruf wurde mir damit in die Wiege gelegt. Doch nach dem Krieg gab es in Flensburg, wo ich aufgewachsen bin, kaum Arbeit. Deswegen habe ich das Erstbeste gemacht und eine Lehre zum Kaufmann begonnen. Der Beruf hat mich aber schnell gelangweilt. Ich wollte zur See fahren und habe in Bremen bei der Hansa-Reederei als Lehrling angeheuert. In den freien Monaten habe ich Theorie gebüffelt und so wurde ich irgendwann Matrose und bekam mein Patent. Aber ich wollte auch eine Familie an Land gründen und deswegen kam mir das Angebot ganz recht, das Geschäft von meinem Onkel zu übernehmen. Mein Onkel Hans war Bestatter. Ich machte also in Hamburg-Ohlsdorf eine Lehre zum Bestatter und – ausgebildeter Kaufmann war ich ja schon – übernahm das Geschäft meines Onkels. Heute gehört das Unternehmen meinem Sohn, der es in Ammersbek vor den Toren der Stadt weiterführt.

Und wie ging es bei Ihnen weiter?

Nachdem ich ein Haus gekauft und eine Familie gegründet hatte, sprach mich Ende der 1960er-Jahre eine Familie an: Der Großvater war verstorben und sie wollten ihn gerne auf See bestatten lassen. Damals war eine Seebestattung ehemaligen Marinesoldaten und Wasserschutzpolizisten vorbehalten. Ich wollte den Wunsch des Verstorbenen trotzdem erfüllen und habe die Urne mit meinem privaten Segelboot in der Lübecker Bucht beigesetzt. Daraus entstand die Idee, die Seebestattung auszubauen und 1972 habe ich schließlich den Vorgänger der heutigen Seebestattungs-Reederei-Hamburg Kapitän Horst Hahn gegründet.

 

Von der Urne ins Wasser

 

Wie läuft eine Seebestattung denn heute ab?

Erst mal genauso wie eine Urnenbeisetzung: Der Tote wird im Krematorium bei 800 bis 1400 Grad verbrannt, die übrig gebliebenen Knochen werden in einer Mühle, die man sich wie eine überdimensionierte Kaffeemühle vorstellen kann, gemahlen und das Granulat wird in eine Blechurne gefüllt, in die Name und Lebensdaten des Verstorbenen eingraviert werden. Bei einer Urnenbeisetzung folgt dann die Trauerfeier. Wir lassen die Urne an die Ostsee nach Travemünde bringen. Hier findet sich dann die Trauergesellschaft für die Beisetzung ein und wir fahren mit ihnen für etwa anderthalb Stunden aufs Meer. Wenn wir nach ungefähr 30 Minuten den Ort der Beisetzung erreicht haben, stellt sich der Kapitän am Heck des Schiffes an eine Glocke, sagt ein paar Worte und läutet acht Mal. In der Seefahrt heißt das Glasen – acht Glasen für das Ende einer Wache gilt auch als Symbol des Übergangs vom Leben zum Tod, wir haben diese Tradition für die Seebestattung übernommen. Anschließend wird die Urne sanft ins Wasser gelassen und die Angehörigen werfen zum Abschied Blütenblätter. Das Schiff umkreist die Stelle der Beisetzung drei Mal und kehrt dann mit einem langen, lauten Abschiedston in den Hafen zurück.

Das heißt, es gibt keine Musik, keinen Kranz und keine Trauerrede?

Doch, theoretisch ist das alles möglich. Für die Beisetzung fahren wir mit maximal zwölf Gästen raus, zu denen auf Wunsch auch Trauerredner, Fotograf oder Akkordeonspieler gehören kann. Auf individuelle Musikwünsche gehen wir dabei auch ein. Einen Kranz können wir auch mitnehmen, dieser wird aber nicht wie früher ins Meer geworfen.

 

Nachhaltigkeit

 

Warum nicht?

Weil Kränze umweltschädlich sind und schwimmen. Vor 20 Jahren hat sich mal ein Bürgermeister beschwert, dass bei ihm die Menschen am Strand liegen und ständig Kränze von Seebestattungen angespült werden, das geht natürlich nicht. Deswegen setzen wir heute auf Blütenblätter.

Blütenblätter, aber Blechurnen?

Nein, wir setzen keine Blechurnen bei. Aus Umweltschutzgründen füllen wir das Granulat des Verstorbenen, das umgangssprachlich auch Asche genannt wird, vorher um. Die Urnen für die Seebestattung sind zumeist aus ungebranntem Ton, in unserem Fall aus umweltfreundlicher Pappe. Die 25 Zentimeter hohe Urne hinterlässt, nachdem sie sich aufgelöst hat, ein kleines Häufchen Granulat auf dem Meeresgrund. Dieses bleibt, da es deutlich schwerer ist als Wasser, an Ort und Stelle liegen und wird langsam vom Meer eingesandet.

Und was machen Sie bei Sturm?

Grundsätzlich fahren wir bis Windstärke sechs, das ist für die Gäste erträglich. Ob das Wetter eine Bestattung zulässt, wissen wir immer ungefähr drei Tage vorher. Wir sind da aber vorsichtig und verschieben die Beisetzung eher, als dass wir die Trauergesellschaft zu rauer See aussetzen.

 

„Wir haben auch schon in Chile bestattet“

 

Bestatten Sie nur von Travemünde aus?

Ja, da liegt die Farewell, unser Schiff. Eine Bestattung ist aber an der ganzen Küste, egal, ob Ost- oder Nordsee, möglich. Es gibt in Deutschland ungefähr 20 Reedereien mit der Erlaubnis, auf See zu bestatten. Wenn sie mit dem Wunsch an uns herantreten, einen Verstorbenen in der Nordsee beizusetzen, kontaktieren wir die Kollegen. Wir Seebestatter sind eine gute Gemeinschaft, eine große Konkurrenz gibt es eigentlich nicht.

Ist eine Seebestattung überall auf der Welt möglich?

Das hängt von den Gesetzen in den jeweiligen Ländern ab. Wir haben auch schon in Chile bestattet. Es gibt allerdings Länder, in denen die Praxis der Einäscherung eines Verstorbenen zum Beispiel aus religiösen Gründen abgelehnt wird. Da würden wir dann auch keine Seebestattung durchführen.

 

Aus Liebe zum Meer

 

Warum entscheiden sich Menschen für eine Seebestattung?

Häufig aus Liebe zum Meer, aber auch die Kosten sind ein Faktor. Deswegen waren die Kirchen auch zuerst sauer auf mich, denn wenn sich Menschen auf See bestatten lassen, kaufen sie nicht mehr für mehrere Tausend Euro ein Grab. Wir bestatten bis zu 50 Prozent günstiger, denn auf See gibt es keine Folgekosten, zum Beispiel für die Grabpflege. Für die individuelle Trauer bekommt die Trauergesellschaft immer einen Seegrabbrief mit den Koordinaten der Beisetzung. Dazu haben wir am Brodtener Ufer (zwischen Travemünde und Timmendorfer Strand, Anm. d. Red.) einen Gedenkstein aufgestellt und wir bieten regelmäßig Gedenkfahrten an. Denn die Trauernden können sich sicher sein: Der Verstorbene ist immer noch da.

Wollen Sie auch selbst auf See bestattet werden?

Ja, ich bin Seemann. Schon vor längerer Zeit habe ich genau die Position festgelegt, wo das sein soll. Ich will dahin, wo ich früher am Strand im Sand gelegen habe. Da habe ich dann das Gefühl, ich bin den schönsten Stellen in meinem Leben nah.

seebestattung.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Nach der Ebbe kommt die Flut

Die britische Economist-Gruppe hat nach einem Jahr Pause wieder eine Rangliste der lebenswertesten Städte der Welt veröffentlicht. Der größte Verlierer dabei ist Hamburg – zu Unrecht.

Text: Felix Willeke

 

Im aktuellen Ranking verliert die Hansestadt 34 Plätze und landet nach Platz 13 im Jahr 2019 jetzt nur noch auf Rang 47. Unter den Top Ten liegen mit Ausnahme von Zürich und Genf Städte aus Japan, Australien und Neuseeland. Die Top drei sind Auckland, Osaka und Adelaide. Doch Hamburg hat gerade gegenüber diesen drei Städten große Vorteile.

Zum einen das Wetter: In Osaka und Adelaide steigen die Temperaturen im Sommer gerne über die 40-Grad-Marke, für Norddeutsche wäre das ein massiver Verlust an Lebensqualität. Denn Hamburg ist nicht umsonst stolz auf das mit Abstand schönste Grau der Welt am Himmel. Und Regen formt schließlich den Charakter.

 

Die gute Lage macht’s

 

Zum anderen gilt für Hamburg das, was viele Immobilienmakler:innen propagieren: Lage, Lage, Lage. Die Hansestadt hat mit der Nord- und Ostsee das Meer vor der Tür und dazu den schönsten Hafen. Hafen und Meer haben die Top drei zwar auch, doch der große Vorteil für Hamburg: Wir leben nicht gefährlich. Während Adelaide abwechselnd von Dürre und Überschwemmungen heimgesucht wird, schwappt in Hamburg die Elbe ab und zu über den Fischmarkt. Das ist den Norddeutschen maximal ein Schulterzucken wert. Osaka und Auckland liegen zudem auf dem pazifischen Feuerring, sind also von Vulkanen umgeben. In Hamburg bricht dagegen nichts so schnell aus, schließlich ist im Norden „Jo“ schon ein vollständiger Satz mit Subjekt, Prädikat und Objekt.

 

Den Aufstieg im Visier

 

Für seine Rangliste bewertet die Economist-Gruppe jährlich 140 Städte anhand von Faktoren wie dem Gesundheitssystem, der Bildung, der Kultur und Infrastruktur. Hinzu kommen soziale Sicherheit, politische Stabilität oder die Kriminalitätsrate. Alles Punkte, bei denen Hamburg eine positive Bilanz hat, erst recht bei der Kultur. Während es in Auckland und Adelaide schon seit langem keine Corona-Einschränkungen mehr gibt und die Kultur in voller Blüte steht, hatte Hamburg nicht nur durch den kalten Mai einen langsamen Start in den Frühling. Der Hamburger Kultursommer bringt die Hansestadt aber jetzt wieder nach vorne. Dazu sorgen die Hamburg European Open am Rothenbaum und der Sommerdom für Bewegung in der Stadt. Die Hamburger:innen sind also bereit. Das Überholen von 46 Städten ist für sie kein Problem, denn Aufsteigen können wir.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.