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Harry Potter: „Das ist eine emotionale Explosion!“

Im zweiteiligen Theaterspektakel „Harry Potter und das verwunschene Kind“ spielt Vincent Lang den Sohn des berühmten Zauberers. Ein Gespräch über ungeklärte Geschichten und die Magie des Theaters

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Vincent, wie fühlt es sich an, als Harry Potters Sohn Albus Serverus Potter auf der Bühne zu stehen?

Ich spüre da eine große Verantwortung, weil es eine so riesige Fanbase gibt. Der Charakter trat bisher ja nur ganz kurz im letzten Harry-Potter-Buch beziehungsweise im letzten Teil der Verfilmung auf. Deshalb habe ich auch eine gewisse Freiheit, meine eigene Figur zu kreieren.

Wann und wie bist du das erste Mal mit dem Harry-Potter-Stoff in Berührung gekommen?

Als ich sechs war, ist der erste Harry-Potter-Film erschienen. Das war der erste Kinofilm, den ich in meinem Leben gesehen habe. Die Bücher habe ich auch bis zum dritten Teil gelesen. Dann kam ich in die Pubertät und Lesen war nicht mehr so cool – leider. Aber ich habe die Lektüre jetzt nachgeholt und merke, was ich alles verpasst habe. Das ist einfach ein krasser literarischer Stoff mit wunderschönen Figuren. Eine wunderbare Beschreibung unserer Welt, übertragen ins Magische.

 

Harrys Traumata werden aufgearbeitet

 

Du hast ja 2019 am St. Pauli Theater den SiouX in Klaus Pohls Stück „Lasst mich in Ruhe!“ gespielt. Hat dir dieses Engagement irgendwie den Weg zum Potter-Stück geebnet?

Die Einladung zum Casting hat wohl eher mit meinem Abschluss-Vorsprechen von der Schauspielschule zu tun. Beim AVO (Absolvierendenvorsprechen, Anm. d. Red) präsentiert man die Monologe, die man sich an seiner Schauspielschule erarbeitet hat, in drei unterschiedlichen deutschen Städten. Dabei haben auch Mitarbeiter des Harry-Potter-Teams zugeschaut und mir diese Rolle angeboten. Die Zeit am St. Pauli Theater war aber maßgeblich für meinen Entschluss, in Hamburg wohnen zu wollen, weil ich mich in diese Stadt verliebt habe.

Am Ende des siebten und letzten Harry-Potter-Bandes „Die Heiligtümer des Todes“ wurde der schwarzer Magier Lord Voldemort endgültig besiegt. Ist die Geschichte um Harry Potter damit nicht eigentlich auserzählt?

Es gibt einige Dinge, die in den Büchern noch nicht geklärt wurden, zum Beispiel die Beziehung zwischen Harry und Draco, die Feinde waren, ohne dass man je erfahren hat, warum. Harry Potters Sohn Albus wird dann in diese Geschichte hineingeboren und hat schon am Gleis 9¾ vor dem ersten Tag in der Hogwarts-Schule Angst, dass er ins Haus Slytherin kommen könnte, obwohl der Rest seiner Familie zu Gryffindor gehört, dass also bei ihm irgendetwas anders ist. Das passiert dann auch, und der Sohn von Draco Malfoy wird sein bester Freund. Damit werden die ganzen Traumata, die ja auch schon Harry Potter mit sich herumträgt, aufgearbeitet, und es wird eine Art Heilungsprozess erzählt. Die Figur Albus Potter zeigt uns, dass jeder Mensch ein eigenständiges Leben führen kann, egal in welche Familie er hineingeboren wird.

 

Eine einmalige Produktion

 

Welche Rolle spielen die bekannten Figuren Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasley bei euch?

Sie müssen als ältere Generation rettend eingreifen, denn die Teenager, die in den Harry-Potter-Büchern immer die Helden waren, sind in unserem Stück eher die Troublemaker.

Was führt ihr eigentlich auf? Ein Theaterstück? Ein Musical? Eine Show?

Ich würde sagen, ein Sprechtheaterstück mit Tanzeinlagen oder das, was man in England und am Broadway ein „commercial play“ nennt. So etwas gibt es in Deutschland nicht, wo die Staats- und Privattheater ihre festen Spielpläne haben. Von daher ist unsere Produktion wirklich etwas Einmaliges, denn so hohe Budgets wie für „Harry Potter und das verwunschene Kind“ gibt es normalerweise im Sprechtheater nicht. Oft kann man deshalb die Möglichkeiten der Bühne gar nicht ausschöpfen. Wir haben dieses Privileg und können das Stück mit Magie füllen, was die Geschichte auf eine ganz neue Ebene hebt.

Das Mehr! Theater wurde für eure Produktion, die insgesamt 42 Millionen Euro gekostet hat, aufwendig umgebaut. Welche Änderungen waren für die Aufführung nötig?

Erst einmal ist der Hamburger Großmarkt einer der ungewöhnlichsten Orte für ein Theater. Dort, wo nachts und frühmorgens mit Obst, Gemüse und Blumen gehandelt wird, taucht unser Publikum in die magische Welt von Harry Potter ein: Da sind Teppiche mit Hogwarts-Initialen, Wandleuchten in Form von Drachen oder Patronus-Motive in den Foyers. All das hat eine unglaubliche Magie.

 

„Die Inszenierung ist durch die Verschiebung gewachsen“

 

Die Premiere von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ musste wegen Corona dreimal verschoben werden. Hat das nicht an den Nerven gezehrt?

Bei uns war das extrem knapp. Zwei Tage vor der Premiere, am Freitag, den 13. März, wurden sämtliche Aufführungen gestrichen. Wir hatten vier Monate zwölf Stunden täglich geprobt, da entwickelt man sich zum Workaholic – und plötzlich ist mit allem Schluss. Erst als eine Frau aus unserem Cast zu weinen anfing, habe ich die volle Bedeutung dieser Absage emotional erfasst. Ich bin dann nach Hause gefahren und habe drei Monate bei meinen Eltern auf dem Land verbracht. In ein richtiges Corona-Loch bin ich aber erst bei der zweiten und dritten Verschiebung gefallen. Dabei habe ich aber auch gelernt, dass man noch Mensch ist und eine eigene Persönlichkeit hat, was man als Schauspieler oft vergisst. Letztendlich glaube ich sogar, dass die Inszenierung durch die Verschiebungen gewachsen ist. Wir hatten Zeit zum Nachdenken, kennen uns alle inzwischen viel besser und vertrauen uns noch mehr.

Wie viele Darsteller stehen bei euch auf der Bühne?

Wir sind 35 Leute im Cast.

Du erwähntest vorhin die Tanzeinlagen. Welche Rolle spielt die Musik in eurer Inszenierung?

Die Musik wurde von der britischen Sängerin Imogen Heap geschrieben. Ihren Hit „Hide and Seek“ habe ich vor einigen Jahren sehr gern gehört. Für das Theaterstück hat sie diesen Song auch verwendet, in einem Moment, in dem Albus und Scorpius sich zum ersten Mal eingestehen, dass sie die besten Freunde sind. Das ist eine emotionale Explosion!

 

„Am liebsten würde ich so einen ‚Expecto Patronum‘ raushauen“

 

Inwieweit ähnelt oder unterscheidet sich John Tiffanys deutsche „Harry Potter“-Inszenierung von denen, die er 2016 in London und 2018 am Broadway zur Aufführung gebracht hat?

Unser Cast hatte da Glück, noch vor Probenbeginn nach London fahren zu dürfen, um dort die Show zu sehen. Danach hatte ich die Befürchtung, dass alles genau so nach Deutschland übertragen werden sollte, was mir schwergefallen wäre, weil mir beigebracht wurde, in meinem Beruf immer meine eigene Freiheit zu suchen. Zum Glück wird uns diese Freiheit in der Arbeit aber auch gegeben.

Sehr viele Menschen werden sich „Harry Potter und das verwunschene Kind“ ansehen. Zum Premierentermin wurden bereits mehr als 300.000 Tickets verkauft. Hast du Angst, auch späterhin auf die Rolle des Albus Serverus Potter festgelegt zu werden?

Daniel Radcliffe konnte sich anfangs auch schwer von seiner Rolle lösen. Aber ich habe ihn in dem Film „Swiss Army Man“ gesehen, da spielt er so überzeugend eine lebende Leiche, dass man den Harry Potter ganz schnell vergisst. Das ist das Schöne an dem Beruf.

In welcher persönlichen Lebenssituation würdest du dir am ehesten einen gut funktionierenden Zauberstab wünschen?

Am liebsten würde ich kurz vor einer Premiere mal so einen „Expecto Patronum“ raushauen und die Angst und alles Schlechte mit meinem Patronus verscheuchen. Aber da habe ich dann ja auch wirklich meinen Zauberstab in der Hand. Zum Glück.

„Harry Potter und das verwunschene Kind“, Mehr! Theater am Großmarkt, 5. Dezember (Premiere), 8.–12., 15.–19., 21., 22., 25., 26., 29.–31. Dezember und weitere Termine; aktuell finden alle Vorstellungen unter 2G+ statt. Alle Gäste müssen zum Impf- oder Genesenennachweis einen negativen Coronatest vorweisen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Harry Potter in Hamburg: Ein magisches Spektakel

Für die Deutschlandpremiere des Musicals „Harry Potter und das verwunschene Kind“ wurde das Mehr! Theater am Großmarkt aufwendig umgebaut

Text: Sören Ingwersen

 

Für  Millionen von Fans war es Höhepunkt und Trauerfest zugleich, als im Jahr 2007 mit „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ der siebte und letzte Band der alle Verkaufsrekorde sprengenden Jugendbuchreihe erschien. Zehn Jahre lang hatte man mitgefiebert, wenn Zauberschüler Harry gegen die dunklen Mächte rund um Lord Voldemort antrat, bis er beim finalen Kräftemessen der Zauberstäbe dem schwarzen Magier den Garaus machte. Die Verfilmung fand dafür im Nachhinein noch einmal spektakuläre Bilder – und das sollte es jetzt ein für alle Mal gewesen sein? Die Zauberschule Hogwarts schließt ihre Türen und die Potter-Fans bleiben für immer in der entzauberten Welt der Muggels zurück? Eine Schreckensvision, die Autorin Joanne K. Rowling schon im Jahr 2015 zu bedeutungslosem Staub zerfallen ließ, als sie verkündete, sie schreibe an einem Theaterstück mit dem Titel „Harry Potter und das verwunschene Kind“, das inhaltlich dort ansetze, wo der letzte „Harry Potter“-Band nach einem 19-jährigen Zeitsprung ende.

 

Harry Potter ist erwachsen geworden

 

Inzwischen ist Harry Angestellter im Zauberei-Ministerium und Vater von drei Kindern. Als sein Sohn Albus Severus Potter Schüler von Hogwarts wird, rufen er und sein neuer Freund Scorpius Malfoy erneut die dunklen Mächte auf den Plan. Klar, dass die drei Freunde Harry, Ron und Hermine ihnen sofort zu Hilfe eilen. Uraufgeführt 2016 am Londoner Palace-Theatre, feierte das Stück auch am New Yorker Broadway, in Melbourne und San Francisco Erfolge. Wegen Corona mehrmals verschoben, findet die Deutschlandpremiere des an Bühneneffekten reichen magischen Spektakels am 5. Dezember im Mehr! Theater am Großmarkt statt – und ist natürlich nicht nur etwas für Harry Potter-Anhänger, sondern für alle.

harry-potter-theater.de


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Franz Ferdinand: „Wir wollten aufnehmen wie Elvis“

Die schottischen Indie-Popstars haben sich gezielt auf links gedreht. Ein Gespräch mit Sänger Alex Kapranos über die Neuerfindung und den Sound von „Always Ascending“, dem aktuellen Album der Band.

SZENE HAMBURG: Alex Kapranos, fürs neue Album seid ihr in den einsamen Westen Schottlands gezogen. Es heißt, ihr hättet euch gezielt isoliert und nur auf die Gesellschaft von Bobs (Bassist; Anm. d. Red.) Hund gesetzt, als ihr an den Songs gearbeitet habt.
Alex Kapranos: Der Hund hat unser Leben gerettet (lacht). Kleiner Tipp an alle Musiker, die sich für ihre Arbeit mal abschotten wollen: Nehmt einen Hund mit! Er wird dafür sorgen, dass alle freundlich zueinander bleiben.

Wo und wie genau habt ihr gewohnt? Wie muss man sich euer Arbeitsleben in der Einöde vorstellen?
In einem Haus mit integriertem Studio, ungefähr eine Autostunde südlich von Glasgow. Anfänglich haben wir nur gesprochen, über Ideen und Ziele. Dann haben wir geschrieben, gespielt, vieles neu gelernt. Man kann es wirklich so sagen: Wir hatten uns vorgenommen, eine neue Band zu werden.

Was bedeutete das denn konkret?
Wir wollten Musik erschaffen, die nicht klingt wie so vieles andere gegenwärtige Zeug. Eher wie die Vergangenheit – natürlich nicht unsere eigene.

Das musst du erklären.
Es geht um die Aufnahmemethoden. Wir haben eine rohe Live-Band-Performance in den Vordergrund gestellt. Bei uns wurde nichts programmiert, auch nicht die Synthie-Sounds – das haben wir alles selbst gespielt. Wir waren alle in einem Raum, auch ich zum Singen. Hat schon Elvis Presley so gemacht. Wir wollten also aufnehmen wie Elvis, aber immer noch in 2018 passen.

Rund um die Aufnahmen von „Always Ascending“ habt ihr zudem viel Zeit mit Sam Potter (ehemals Sänger bei Late Of The Pier; Anm. d. Red.) verbracht und euch darüber ausgetauscht, was Drogen mit einem machen und wie man Musik produzieren könnte, die sich für den Hörer anfühlt wie ein Rausch. Welche Ergebnisse haben die Gespräche gebracht?
Sam ist ein guter Freund von uns. Worüber wir tatsächlich viel gesprochen haben, waren psychedelische Erfahrungen und die Zeit, in der man diese noch nicht gemacht hatte und sich nur vorstellen konnte, wie sie sich wohl anfühlen würden. Ich spreche da über die frühen Teenagerjahre. Da überlegte man ja oft: Wie fühlt sich Romantik an? Wie Sex? Wie Drogen? Wie der Sieg bei einem wichtigen Fußballspiel? Wie ein Rockstardasein? Mit Sam kamen wir zu dem Fazit, dass die Vorstellung dieser Erfahrungen viel intensiver waren, als die Erfahrungen selbst. Naivität und Vorstellungskraft sind zusammen extrem stark.

Woher kommt eigentlich der Hang zum Rauschhaften?
Ach, wir sind doch alle auf der Suche nach Stimulation. Wir wollen uns aus unserer Alltagsposition herausheben. Wir streben danach, etwas zu finden, das uns tief berührt. Es geht darum, einen anderen Bewusstseinszustand zu erreichen. Das kann u.a. durch ein Konzert gelingen. Speziell Musik mit seinen widerkehrenden Elementen kann in dieser Hinsicht viel bewirken.

Interview: Erik Brandt-Höge

„Always Ascending“ ist am 9.2. (Domino/Goodtogo) erschienen, Franz Ferdinand spielt am 1. März 2017, 20:00 Uhr im Mehr! Theater

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG, Februar 2018. In unserem Magazin finden Sie noch mehr interessante Beiträge über den Stadtteil. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!