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Hamburger Nachwuchs: „Jugend debattiert“-Landessiegerin Jessica Bonn

Jessica Bonn ist 19 Jahre alt, hat gerade ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,0 bestanden und war 2019 Landessiegerin des Wettbewerbs „Jugend debattiert“. Ein Gespräch rund um das Thema Debattenkultur

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Jessica, warst du schon vor deinem „Jugend debattiert“-Engagement jemand, der gern debattiert?

Jessica Bonn: Ja, sehr gerne, meine Familie kann ein Lied davon singen (lacht). Ich wollte immer beim Abendessen debattieren, aber meine Familie war davon nie so richtig begeistert. Deswegen war es gut, dass ich Leute gefunden habe, mit denen ich mich so richtig ausdiskutieren kann.

Was macht denn eine gute Debatte bei „Jugend debattiert“ aus? 

Eine gute Debatte ist nicht einseitig. Das Ziel bei „Jugend debattiert“ ist, eine Kontroverse möglichst konkret auszudiskutieren. Das heißt: Beide Seiten müssen beleuchtet werden und zu Wort kommen dürfen. Es wäre keine gute Debatte, wenn eine Person die ganze Zeit dominiert und die anderen nicht zu Wort kommen lässt oder sie unterbricht.

Im Idealfall kann sich das Publikum im Anschluss eine eigene, informierte Meinung bilden. Dafür ist es wichtig, dass die Debattierenden als Team arbeiten – auch wenn es ein Wettbewerb ist. Denn primär geht es darum, gemeinsam eine gute Debatte zu schaffen und dabei die eigenen Argumente bestenfalls am überzeugendsten vorzutragen.

Welche Debatte war für dich bisher am besten?

Im Landesfinale 2019 ging es um die Streitfrage, ob eine Frauenquote für die Landesliste bei der Wahl zur hamburgischen Bürgerschaft eingeführt werden sollte. Ich wurde dem Team zugeteilt, das dafür argumentieren sollte – obwohl ich persönlich tendenziell eher dagegen bin.

Ich musste mich also umstellen und meine private Meinung ein bisschen außen vor lassen. Das war eine ziemliche Herausforderung. Während dieser Debatte hatte ich dann das unfassbar schöne Gefühl, dass wir alle richtig stark waren. Bei jedem Argument, das die anderen vorgetragen haben, dachte ich nur: „Ja, richtig stark argumentiert! So muss eine Debatte aussehen!“ Ich hätte hinterher nicht sagen können, wer am besten war.

Die Jury fand dich am besten und lobte dich für deine „hohe Sachkenntnis und Argumentationskraft“. Wie hast du argumentiert?

Ganz knapp wiedergegeben: Ich habe der Kontra-Seite zwar in dem Punkt zugestimmt, dass alle Menschen gleich behandelt werden sollten und eine Quote dementsprechend nicht ideal ist.

Meine Hauptargumentationslinie war dann aber, dass wir momentan in einer Situation sind, in der Frauen strukturell benachteiligt werden. Es gehe bei dieser Quote also nicht darum, Frauen zu bevorzugen, sondern sie auf den gleichen Stand wie Männer zu bringen. Deswegen sei die Quote momentan notwendig, um die noch vorhandene Ungleichheit zu überwinden.

 

„Eine ziemlich langweilige Debatte“

 

Im Februar hast du im Rahmen einer „Jugend debattiert“-Veranstaltung in der Bürgerschaft mit Peter Tschentscher debattiert. Wie war das?

Es war natürlich spannend, im Rathaus zu stehen und mit dem Ersten Bürgermeister zu debattieren – das macht man nicht alle Tage. Peter Tschentscher hat das Thema ausgewählt, es ging darum, ob Hamburg zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine klimaneutrale Stadt werden sollte.

Das ist eine ziemlich langweilige Debatte, wenn wir ehrlich sind. Denn es gibt kaum jemanden, der ernsthaft dagegen ist, dass Hamburg klimaneutral wird. Deswegen habe ich mich darauf konzentriert, genauer hinzusehen, wie Herr Tschentscher das erreichen will. Er ist allerdings kaum auf meine Punkte eingegangen.

Er hat mich während der Debatte auch ein paar Mal unterbrochen – was ich nicht gewohnt war. Deswegen war das eher eine der schlechteren Debatten, die ich erlebt habe. Zwischendurch hat er mir vorgeworfen, dass ich gar keine richtige Kontra-Position vertrete. Aber eine Debatte muss nicht zwangsläufig aus konträren Positionen bestehen, sondern kann auch bedeuten, eine Maßnahme ganz genau zu überprüfen und zu hinterfragen.

Hast du ein Beispiel?

Ich habe Herrn Tschentscher gefragt, wie er neben der Emissionsreduktion einen Emissionsausgleich schaffen möchte, der für Klimaneutralität notwendig ist. Ich habe ihm gesagt, dass Hamburg als Stadtstaat nicht genug Bäume pflanzen kann. Wie genau er den Ausgleich bewerkstelligen will, hat er aber nicht gesagt. Ich fand das schade, denn so kurz vor der Bürgerschaftswahl wäre eine konkrete Antwort für mich auch insofern interessant gewesen, als ich mehr Klarheit darüber bekommen hätte, ob die SPD für mich wählbar ist.

 

„In politischen Debatten bilden sich sehr schnell Lager heraus“

 

Stichwort Umweltschutz: Du hast auch bei Fridays for Future teilgenommen – und in einem Interview vor zu viel Selbstgerechtigkeit gewarnt. Was meintest du damit genau?

Meiner Meinung nach sind die Forderungen von Fridays for Future (FFF) genau richtig. Ich habe aber die Wahrnehmung, dass viele Leute dadurch abgeschreckt werden, dass sie sich verurteilt fühlen. Manche bei FFF agieren nach dem Motto: Wir sind die Guten und ihr seid die Bösen, die alles kaputtmachen. Eine solche Einstellung schließt eine richtige Diskussion von vornherein aus. Davor warne ich auch weiterhin.

Ich muss dazu aber sagen, dass das sehr personenabhängig ist und nicht alle so sind. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass FFF einen richtig guten Job macht.

Ganz allgemein gefragt: Findest du, dass die Debattenkultur in Deutschland gut ist?

Nee. Es ist natürlich schwierig, die Debattenkultur so allgemein zu beurteilen. Ich habe aber zumindest den Eindruck, dass sich in politischen Debatten sehr schnell Lager herausbilden, die nicht wirklich über die Position der anderen Seite nachdenken, sondern nur ihre feststehende Meinung bestätigen wollen.

Wenn ich in meinem privaten Umfeld diskutiere, finde ich es wichtig, die andere Seite anzuhören und in Erwägung zu ziehen, dass sie gute Argumente haben könnte. Das sehe ich in der Politik und auch in meinem privaten Umfeld leider selten. Ich würde mir wünschen, dass mehr junge Menschen sich bei Wettbewerben wie „Jugend debattiert“ engagieren und lernen, dass es immer zwei Seiten gibt, über die man nachgedacht haben sollte.

jugend-debattiert.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ein Plädoyer für die Presse

Ein Essay: Der Journalismus befindet sich in der Krise. Ob Spiegel, Stern, Abendblatt, Mopo oder SZENE HAMBURG – der Einfluss der einstigen Hamburger Flaggschiffe sinkt und das Vertrauen der Leser schwindet, während Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter Milliardengewinne feiern. Was bedeutet das für die Stadt, das Land und die Welt? Und vor allem: Was ist zu tun?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Jeder Enttäuschung geht notwendigerweise eine Täuschung voraus. Rückblickend lässt sich sagen, dass kaum ein Berufsstand mit so vielen Erwartungen und Ansprüchen überhäuft wird wie der des Journalisten. Vielleicht lag hierin bereits von Beginn an die Täuschung, die Selbsttäuschung wohlgemerkt. Auf den ersten Blick ist es kein Zufall, dass der Comic-Held Superman in seinem bürgerlichen Leben, unter dem Decknamen Clark Kent, den Beruf des Journalisten ausübt. Denn kein Beruf kommt der Ambition, die Welt zu verbessern, sie gar zu retten, wohl näher.

Dabei könnte die enttäuschende Wahrheit sein, dass Superman aus ganz pragmatischen Gründen diesen Beruf erwählt hat: Erstens, weil er dadurch am schnellsten mit den wichtigsten Nachrichten versorgt wird und zweitens, weil niemand wirklich davon ausgeht, dass ein Journalist ein Superheld sein könnte. In der Gegenwart jedenfalls wird in immer größeren Teilen der Bevölkerung zunehmend ein Urteil zum Journalismus gefällt, das nicht gerade gnädig ausfällt: „Lügenpresse“ und „Fake News“ sind die unschönen Kampfbegriffe, die den passiven Wortschatz vieler längst verlassen haben und nicht nur in Straßenaufmärschen und an Stammtischen skandiert werden, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Laut einer Eurobarometer-Umfrage von 2019 glaubt mehr als die Hälfte der Befragten in Deutschland, dass sie verfälschten Nachrichten ausgesetzt werde. In Großbritannien sind es 75 Prozent, in Frankreich gar 80 Prozent. Irgendetwas ist schiefgelaufen im Verhältnis von Journalisten und Bürgern. Es ist eine Entfremdung eingetreten, deren Folgen noch nicht abschätzbar sind. Wie konnte das passieren? Und was kann getan werden, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern?

 

Sturmgeschütz der Demokratie

 

„Ich glaube, dass ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen“, hat Spiegel- Gründer Rudolf Augstein einst gesagt. Vielen galt die mit seinem Namen verbundene Spiegel-Affäre von 1962 als die Geburtsstunde des demokratischen Bewusstseins in Deutschland. Damals, als der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Teile der Spiegel-Redaktion mit dem Vorwurf des Landesverrats verhaften ließ, weil diese einen kritischen Artikel zur Rüstungspolitik der Bundesrepublik veröffentlicht hatte, stellte sich die Bevölkerung, im Namen der Pressefreiheit, auf die Seite der Journalisten.

Damals war etwas entstanden, was mittlerweile verloren gegangen ist: eine Bindung zwischen den Bürgern und Bürgerinnen und den Medien, die den Mächtigen in ihrem Auftrag auf die Finger schauen sollten. Augstein nannte sein Blatt nicht ohne Grund das „Sturmgeschütz der Demokratie“. Es galt, etwas zu verteidigen – gegen die Gefahren von rechts und links, von oben und unten.

 

Skandale made in Hamburg

 

Seither ist unzweifelhaft viel passiert. Die gefälschten Hitler-Tagebücher des Stern und die Relotius-Affäre des Spiegel sind die schillerndsten Beispiele dafür, wie sehr Sensation, Kommerz und Prestige dazu führen können, gravierende Fehler zu machen oder zu übersehen, nur um einen Scoop zu landen. Beide Skandale sind made in Hamburg. Zugleich wird hier die Elite des Journalismus ausgebildet. Die Henri-Nannen-Schule ist das Traumziel eines jeden angehenden Journalisten, der etwas auf sich hält. Der Einstellungstest ist legendär, das Programm in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Spitzenjournalismus und journalistische Abgründe – nirgends liegen Schein und Sein so eng beieinander wie in Hamburg, dieser Stadt der Extreme, der Vielfalt, der Widersprüchlichkeit. Hier ist die Zeit ebenso zu Hause wie die Bauer Media Group.

Der Journalismus ist in eine massive Finanzierungs- und Misstrauenskrise geraten – und das mitten in einer historisch ungünstigen Situation der multiplen Transformationsprozesse: internationale Krisen, wirtschaftlicher Strukturwandel, Digitalisierung der Lebenswelt – um nur einige zu nennen.

 

Medien-Hamburg-kiosk

 

Medienevolution

 

Was den Journalismus wohl am stärksten verändert und herausfordert, ist der Siegeszug des Internets und die damit einhergehende Medienevolution. Texte, Bilder und Videos sind dank der Neuen Medien permanent und in Sekundenschnelle verfügbar. Nie war es leichter, an Wissen zu gelangen, Informationen zu teilen, mitzureden. Spätestens seit Auftauchen der sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter und Youtube ist jeder Nutzer zum Nachrichtenproduzenten geworden, ohne dafür ausgebildet zu sein.

 

„Es wird zunehmend geklickt, gewischt und geliked, statt gelesen, gesprochen und gedacht“

 

Die Kommunikation und Informationsbeschaffung der Menschen hat sich grundlegend verändert: Es wird zunehmend geklickt, gewischt und geliked, statt gelesen, gesprochen und gedacht. Follower ersetzen Freundschaften. Ein eigentümlicher Narzissmus und Exhibitionismus ist an die Stelle des Gemeinsinns und der Vernunft getreten. Das trifft nicht auf alle und jeden zu. Natürlich gibt es unzählige Ausnahmen. Die Tendenz ist aber da – und sie ist real. Die Welt droht eine zu werden, in der das Ich mehr zählt als das Wir. Statt Wissen werden Meinungen publiziert und konsumiert, die das eigene Denken bestätigen. Der Politaktivist Eli Pariser prägte hierfür den Begriff der Filterblasen.

 

Gesetz der Enantiodromie

 

Die unbestreitbaren Vorteile des Internets stellt niemand in Frage, aber nie war es so leicht, Lügen, Falschmeldungen und Propaganda in die Welt hinauszuposaunen und gehört zu werden. In der Welt des Digitalen, mit seinen unendlichen Möglichkeiten, haben Hass, Hetze, Gerüchte und Falschmeldungen einen perfekten Nährboden gefunden. Das wird schamlos ausgenutzt und geht so weit, dass Staatsoberhäupter parallele Wirklichkeiten schaffen und die Journalisten zu „Feinden des Volkes“ erklären. Den alten Leitmedien wird zunehmend misstraut, da es, wenn nur noch Meinungen zählen, zu einer Entkopplung von Realität und Wahrheit kommt. Das Problem dabei ist, dass dann nur noch eine Kategorie bleibt: Macht – und sei es die bloße Deutungsmacht. Nur so ist überhaupt erklärbar, wie ein als ungebildet, unfähig und für das Amt ungeeignet erscheinender Mann wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte.

Es gibt diesen Moment der Überraschung, in dem das Gute und das eigentlich gut Gemeinte sich in das Gegenteil, die Lösung zum Problem, die Idee zur Ideologie verkehrt. Heraklit hat dies das Gesetz der Enantiodromie genannt: das Umschlagen der Dinge in ihr Gegenteil. Die Entwicklung der sozialen Medien ist von solch einem Wandel geprägt. Was so vermeintlich nett und unschuldig begann, als Möglichkeit, mit Freunden in Kontakt zu treten, zu bleiben und Erlebnisse miteinander zu teilen, wurde plötzlich zu einem Überwachungs-, Vermarktungs- und Manipulationssystem. Das Erschreckende daran ist, dass sich die Mehrheit der Nutzer daran nicht zu stören scheint.

 

Verlust der vierten Gewalt

 

Während also die sozialen Medien – vermeintlich kostenlos – die Aufmerksamkeit der Menschen absorbieren und einige der niederen Bedürfnisse erfolgreich penetrieren, verlieren die Presseerzeugnisse – insbesondere Zeitungen und Zeitschriften – an Lesern und Anzeigenkunden und somit an Einnahmen und Einfluss. Immer weniger Redakteure sind fest angestellt, während ehemalige Journalisten von Unternehmen angeheuert werden, um PR im journalistischen Stil zu betreiben. Content Marketing wird das dann genannt, da im Gegensatz zum klassischen Corporate Publishing mehrere Kanäle bedient und im Einklang mit der jeweiligen Markenweltund -vorstellung ausgespielt werden. Das alles ist nicht neu, aber es ist doch verblüffend, wie selten öffentlich thematisiert wird, welchen Einfluss auch diese Entwicklung letztlich auf den Verlust des Vertrauens in die Medien gehabt haben mag.

Das alles führt dazu, dass die Presse ihrer Aufgabe als vierte Gewalt im System der Gewaltenteilung nicht mehr in dem Maße nachkommen kann, wie es erforderlich wäre. Und genau das ist demokratietheoretisch höchst bedenklich. Denn ohne ein gemeinsames Werte- und Wahrheitsfundament zerfällt eine Gesellschaft, folgt Polarisierung und Destabilisierung. Wer hört überhaupt noch hin? Wer liest überhaupt noch diesen Text?

In der jüngsten Vergangenheit werden Zeitungen zudem von Investoren aufgekauft, die aus der Technologie-Branche kommen: Erst im vergangenen Jahr hat das Berliner Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich die Berliner Zeitung erworben, 2013 kaufte Jeff Bezos, Herrscher von Amazonien, die Washington Post. Seither prangt unter dem Titel-Schriftzug dieser ehrwürdigen Zeitung, die einst den Watergate-Skandal um US-Präsident Richard Nixon aufdeckte, der Zusatz „Democracy Dies in Darkness“, übersetzt: „Demokratie stirbt in der Dunkelheit“. Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass sich jemand findet, der an die Presse glaubt und diese finanziert. Auf der anderen Seite stellt sich die berechtigte Frage, aus welcher Motivation heraus das geschieht.

 

Utopie der redaktionellen Gesellschaft

 

Aber was heißt es für den Journalismus, wenn plötzlich jeder Blogger und jeder Twitter-, Facebook- und Messenger-Nutzer zum Journalisten wird? Der Begriff ist seit jeher nicht geschützt, weshalb jeder sich Journalist nennen darf, der etwas publiziert. Da das inzwischen jeder kann, ist in der Tat auch jeder irgendwie ein Journalist. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der von 2002 bis 2008 an der Universität Hamburg gelehrt hat und nun an der Universität Tübingen forscht, behauptet in seinem Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018) genau das.

Die Frage ist nur, ob die Gesellschaft als Ganze darauf vorbereitet war und ob sich jeder der Verantwortung bewusst ist, die damit einhergeht. Hier sind Zweifel durchaus angebracht. Was also ist zu tun? Pörksen hat in seinem Buch einige Vorschläge unterbreitet und fasst seine Ideen unter dem Stichwort „Utopie der redaktionellen Gesellschaft“ zusammen. Diese definiert er als eine „Gesellschaft, die die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung“ werden lässt. Und er schlägt zur Verwirklichung dieser vor, ein Schulfach einzuführen, in dem diese gelehrt werden. Inhalte eines solchen Schulfaches wären Pörksen zufolge die Entstehungsgeschichte der Medien, die Machtanalyse des Mediensystems, Quellenanalyse, die redaktionelle Arbeitsweise sowie eine grundsätzliche moralisch-ethische Wertevermittlung. Das Lehrangebot soll aber nicht nur Schülern vorbehalten sein, sondern allen zur Verfügung stehen, also auch Erwachsenen, beispielsweise über die Volkshochschulen.

Das Gute: Die Normen und Prinzipien gibt es bereits, nämlich in Form der handwerklichen Regeln und Maximen des journalistischen Arbeitens. Diese werden in Journalistenschulen wie der Hamburger Henri-Nannen-Schule oder der Akademie für Publizistik gelehrt. Sie sind in wesentlichen Teilen auch im Pressekodex festgehalten und darüber hinaus in Standardwerken wie dem „Handbuch für Journalismus“ (Wolf Schneider und Paul-Josef Raue) und „Einführung in den praktischen Journalismus“ (Walther von La Roche) kenntnisreich und lebensnah beschrieben.

 

Journalistisches Arbeiten

 

Die journalistischen Grundregeln sind eigentlich bekannt: So sollen sich Journalisten nicht von privaten und geschäftlichen Interessen Dritter beeinflussen lassen und derartige Versuche abwehren, die Trennung zwischen redaktionellen Texten und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken beherzigen, keine Geschenke annehmen, die über Getränke und Snacks hinausgehen, Beiträge nicht im Austausch gegen Anzeigenbuchungen lancieren, alle Seiten anhören und darstellen, nie nur einem Informanten glauben (Zwei-Quellen-Prinzip), gut und ausreichend recherchieren und sich möglichst selbst ein Bild machen – um nur die Wichtigsten zu nennen.

Was von Regelbrüchen zu halten ist, sagt Pörksen in seinem Buch mit aller Klarheit: das sei „ein korrupter und erbärmlicher Journalismus […], der Kritik und gesellschaftliche Ächtung verdient“. Pörksen ist sich darüber im Klaren, dass zu den Journalisten auch jene zählen, die lügen, bespitzeln, verurteilen, Biografien zerstören, „aber die Tatsache, dass es auch korrupte und schlechte Journalisten gibt, ist kein Einwand, weil ein Ideal nicht schon durch seine Verletzung wertlos wird“. Vielleicht sind die Medien aufgrund des wirtschaftlichen Drucks einfach an den Punkt angelangt, an dem diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten tatsächlich noch mal deutlich gemacht werden müssen.

 

Demokratischer Auftrag

 

„Wenn die demokratische Gesellschaft funktionieren soll, dann ist sie auf Journalisten angewiesen, die viel können, die viel wissen und ein waches und nobles Bewusstsein für ihre Verantwortung besitzen“, heißt es in Wolf Schneiders Journalismus-Bibel. Gilt dieser Satz in der redaktionellen Gesellschaft nun für alle Bürger? Das klingt dann doch etwas arg utopisch. Aber was wäre die Alternative? Ein bloßes „Weiter so“? Wird dann nur noch der Lauteste, der Aggressivste, der Skrupelloseste gewinnen, weil er in der heutigen Informationsflut, dieser Kakofonie des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch wahrgenommen wird? Wenn es so wäre, dann hätte der Rapper Kanye West tatsächlich gute Chancen der kommende Präsident der USA zu werden. Aber wer will das ernsthaft? Bestimmen tatsächlich Klicks und Likes die Welt? Oder wird es irgendwann wieder ein Ringen um das beste Argument geben?

 

„Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist ein Grundrecht“

Georg Mascolo

 

„Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist ein Grundrecht“, schrieb der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und heutige SZ-Redakteur Georg Mascolo in einer Selbstkritik im November 2018. Dieses Grundrecht sei „nicht weniger notwendig, als der Zugang zu einem Krankenhaus, einer guten Schule oder sauberem Wasser. […] Gäbe es keinen Journalismus, man müsste ihn für genau diese Zeiten erfinden.“ Vielleicht stirbt die Demokratie ja gar nicht in der Dunkelheit. Vielleicht stirbt sie in einem bunten, knalligen Durcheinander, voller Farben, wie in einem Rausch – und erst dann folgt die Dunkelheit.

 

Journalismus als gemeinsames Denken

 

Gewiss, Journalisten machen Fehler: inhaltliche, wenn nicht gut oder ausreichend recherchiert wurde, formale, wenn die eigenen Inhalte kostenlos im Netz verschleudert werden, übertrieben oder gelogen wird – wie in der skurrilen Sparte der Yellow Press üblich –, wenn schöngefärbt wird – wie in den unzähligen Unternehmenspublikationen –, oder wenn sie vermehrt auf Inhalte bei Facebook, Instagram und Twitter setzen, anstatt selbstbewusst gute Inhalte auf ihren eigenen Webseiten anzubieten und die Leser dort zu binden. Was kann der mit engem finanziellen Spielraum ausgestattete Journalismus in solchen Zeiten tun?

Von Bruce Wasserstein, dem 2009 verstorbenen Investor und zeitweiligen Verleger des New York Magazine, ist eine Anekdote überliefert, die vielleicht eine Antwort darauf gibt: Ein Manager soll ihn nach dem Kauf der Zeitschrift gefragt haben, was er denn nun damit vorhabe, worin der neue publizistische Kurs des Heftes denn bestünde. Wasserstein überlegte kurz und antwortete: „The only thing we do here is think a little bit.“ Frei übersetzt: „Das einzige, was wir hier machen, ist ein wenig denken.“ So einfach kann guter Journalismus sein.

Das Leben ist ein ständiger Lernprozess. Fehler, Rückschläge und Enttäuschungen bleiben da nicht aus. Wir Journalisten können uns ehrlicherweise der Wahrheit immer nur annähern – von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Journalismus ist, im besten Falle, die Suche nach Wahrheit durch gemeinsames Lernen und Nachdenken. Dazu braucht es keinen omnipotenten, alles könnenden, alles wissenden Superman. Es braucht lediglich einen neugierigen Clark Kent und eine mutige Lois Lane. Verantwortungsvolle Verleger, die Freiheit gewähren und nicht fürchten – und vor allem braucht es Leser, die das wertschätzen und bereit sind, dafür Geld zu zahlen. Auch das ist Teil der Wahrheit.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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